Freitag, 26. August 2011

Kunstverhaftet ...

Wenn man in München, vom Ortsteil Schwabing aus in die Innenstadt geht, dann kommt irgendwann auch die Alte Pinakothek in Sichtweite; das ehrwürdige Palais mit der großartigen Bildersammlung. - 
In der Zeit der Regentschaft des Ludwig dem Ersten von Bayern zum Ziel gesetzt - und bald darauf von einem anderen Ludwig, dem Architekten von Klenze wahrgemacht worden. -
Unweit davon, gab es dereinst eine kleine Weinstube, in der auch die in der Pinakothek beschäftigten Museumswächter gern einige Feierabendstunden verbracht haben. -
Nun schon vor Jahr und Tag, war ich mit meinem Freund Michael, der damals nahebei erfolgreich eine Galerie betrieben hat, eines abends wieder einmal in der für ihn zur Stammschenke gediehenen Destille. Auffällig in Kenntnis setzend, hing da noch immer die mit welken Weinranken umrandete Schiefertafel an der Rückwand der Theke, mit dem handgeschriebenen Hinweis: Wir führen hier nur gute Weine!So fast geschenkt gibt's wahrlich keine! - Eine akzentuierte Verlautbarung, die Michael erneut dermaßen beflügelte, daß nun die folgende Nachfrage durchaus als unvermeidlich zum Ausdruck geraten mußte: "Servus Xaver, altes Haus! Gibst Du uns heut' ein Weinchen aus?" begrüßte er lyrisch geformt den Wirt der heimeligen Weinstube, den inzwischen zum Münchener Urgestein gediehenen Franz-Xaver Pichlhuber, einen ehemaligen Drehbuchschreiber und zuweilen auch Bühnenkünstler. - "Nix da! Bezahlen muß einer von Euch beiden, ich mag Schmarotzer gar nicht leiden!" ließ uns Franz-Xaver grinsend wissen, als wir an der Theke auf Barhockern Platz genommen hatten. - Immerhin entkorkte er gleich darauf eine sauteure Flasche 1973er Château Haut-Brion und stellte sie grimmig dreinblickend in unsere Reichweite. -
Ich nahm das staunend zur Kenntnis ... Nicht so Michael: "Obwohl die Mimik voller Groll, zeigt er sich doch verständnisvoll!" flüsterte er mir belustigt zu, nahm die Weinflasche zur Hand und schenkte dann gebefreudig die bereits vor uns stehenden Gläser voll. -
"Sag 'mal", horchte ich aufmerksam geworden auf, "ist das für Euch beide die gängige Art und Weise, miteinander Konversation zu treiben?" -
"Ja, das hat sich inzwischen so eingespielt", gab mir Michael zu verstehen. "Der Xaver hat offenbar seinen Spaß daran - und ich habe mich angemessen damit vertraut gemacht", fügte er noch frotzelnd hinzu. - Um gleich darauf den Gläser putzenden Wirt anzusprechen: "He! Da war doch neulich so'n Gelächter, am Stammtisch der Museumswächter! - Kannst Du das jetzt 'mal offenbaren, warum die dort so heiter waren?" -
Vergnügt schmunzelnd, beugte sich Franz-Xaver kontaktfreudig vor, um auf die übliche Weise darüber Aufschluß zu geben: "Tja, was die dort groß zur Schau getragen, das wird Euch sicherlich behagen. Damit sich's vollends deutlich macht, hab ich das zu Papier gebracht." brach es lachend aus ihm heraus, während er seine Hände abtrocknete - und gleich darauf einen eng beschriebenen Zettel zutage förderte: "Also, dann laßt Euch 'mal ergötzlich sagen, was sich da letzthin zugetragen!" ließ er verlauten; nahm die Notizen zur Hand - und begann auf die zur Gewohnheit gewordene Art zu berichten: "Da sind im Prado in Madrid, so hörte ich's erbaulich mit; oder war das in Paris? Egal wie dieser Ort nun hieß, ein paar ziemlich schwere Jungen, in das Museum eingedrungen! - Und haben - es ist kaum zu fassen -, die meisten Bilder mitgehen lassen!" -
Michael schaute verblüfft auf, um sogleich in Betracht zu ziehen: "Wie kann man so etwas denn wagen? - Da gibt es doch Alarmanlagen!" -
"Angeblich ja", stimmte Franz-Xaver zu. "Nur sei in den Gemäldehallen, zuvor das Stromnetz ausgefallen!" Sichtbar beeindruckt, berichtete er mitreißend weiter: "Dreist und maßlos sei die Meute, so nannten's die Museums-Leute, dort, in diese heiligen Hallen, Besitz ergreifend eingefallen!" -
"Unglaublich!" brummelte Michael, zugleich daran denkend, daß vor einigen Tagen zwei befremdlich anmutende Gestalten ihm einige Lithographien des 1858 im ehemaligen Ostpreußen, im Örtchen Tapiau geborenen Malers Lovis Corinth zum Kauf angeboten hatten ...
"Was ist? Du wirkst urplötzlich leicht erschrocken, haut dich der Vorfall aus den Socken?" forschte Franz-Xaver stillvergnügt nach. - Um gleich darauf zu betonen: "Nein-nein, das muß dich nicht verstören, denn ich bekam dann noch zu hören, daß dort, schon zehn Minuten später, der Einmarsch dieser Schwerenöter durch Staatsgewalt zum Stillstand kam! - Wie das? Das möchtest Du gern wissen; d'rum werde ich's erläutern müssen: Da war, wohl auch des Rufes wegen, die Polizei sehr schnell zugegen! Sie stürmte spornstreichs den Palast, erwischt' den ersten Räuber fast, der mit Bildern von Miro, eingeschlossen auf dem Klo im Museum saß und schnell, noch ein Bild von Raffael hastig aus dem Fenster schmiß. - Das dann neben dem Matisse unversehrt zu Boden ging ... Dort, in der meterhohen Pappel, hing leicht durchbohrt ein Karel Appel. - Und etwas abseits fand man dann, noch drei Gemälde von Cézanne." fügte er hämisch auflachend hinzu. -
Michael schüttelte daraufhin ungläubig dreinblickend den Kopf. - Sprachlos geworden, bestellten wir uns eine neue Flasche Wein. - Vermutlich der derzeitigen Gestimmtheit entsprechend, nun zwangsläufig einen Tinto Pesouera Gran Reserva aus Spanien. -
Franz-Xaver servierte den Wein - und schaute uns fragend an: "Na, ist das nicht ein aufsehenerregender Clou? - Und wollt Ihr denn gar nicht wissen, wie sich das ganze vertrackte Geschehen hernach angeblich sensationell weiterentwickelt haben soll?" -
Oh! Das alles reimlos formuliert, weil Xaver den Bezug verliert? überdachte ich's aufhorchend kurz ...
Eingedenk all der unglaublich grotesk erlebten Begebenheiten im malerischen Bannkreis der Kunst, machte Michael gute Miene zum abartigen Spiel und nickte ihm billigend zu.
"Ihr müßt mir nicht glauben! Ich gebe ja hier - auf meine Art und Weise! - nur das zum Ausdruck, was mir da neulich zu Ohren gekommen ist!" betonte der Wirt grinsend seine erneut reimlos zur Sprache gebrachte, beinahe unvorstellbare Darlegung. -
"Credo quia absurdum - (ich glaube es gerade, weil es widersinnig ist)" murmelte Michael abwinkend.
"Erzähl bitte aufschlußreich weiter", erlaubte ich mir, auf der mittlerweile auch für mich duzfreundlich gewordenen Konversations-Ebene, den Wunsch nach Erweiterung zum Ausdruck zu bringen. -
Mit Erfolg ...
"Was dann passierte, spricht wohl Bände: Der Vorfall nahm kurios ein Ende!" ließ uns der Wirt nun erneut aufmerksam werdend wissen. "Mit dummdreist patzigem Verhalten, der festgenommenen Gestalten, versuchten sie die Polizisten, nun bauernschlau zu überlisten. - Beinhart ins Kreuzverhör genommen, ist folgendes ans Licht gekommen: "Wie kann man sich denn so erfrechen, in das Museum einzubrechen?" - "Um Kunst vielfältig zu empfinden, muß man erst Kleinmut überwinden!" - "Wo sind die Zeichnungen von Leibl?" - "Keine Ahnung, weiß der Deibl!" - "Und der große Tizian?" - "Vom Thema her, der reinste Wahn!" - "Das Selbstbildnis von Juan Gris?" - "Als Konterfei erschreckend mies!" - "Was ist mit dem Toulouse-Lautrec?" - "Erst war er da, nun ist er weg!" - "Unglaublich! Und der Edvard Munch?" - "Zeigt durchaus malerischen Schwung!" -  "Das Kohlfeld von Max Liebermann?" - "Wird man vermissen, nehm' ich an?" - "Die Frau am Fenster, von Vermeer?" - "Wirkt vom Sujet her viel zu schwer!" - "Die Frau im Bade von van Dongen?" - "Sie ist ihm absolut mißlongen!" - "Und Albrecht Dürers Korb mit Früchten?" - "Verfaultes Obst muß man vernichten!" - "Corots Madam, die sich frisiert?" - "Die hat Ihr Chef schon einkassiert! Das wäre, weil zutiefst im Trüben, wohl besser ungesagt geblieben" wandte er stillvergnügt ein. -
"Das brachte im Verhör die Wende, der Schelm rieb sich vergnügt die Hände!" ließ uns Franz-Xaver spottlüstern wissen. -
"Aha! - Durchaus verständlich und wohl auch plausibel, doch dem Kommissar zur Unzeit ein Übel", brach es auflachend aus Michael heraus. -
"Wohl wahr! - Die Gauner gaben sich zunehmend kesser, für ihn zeigt's sich nun aber nicht sehr viel besser!" stimmte ihm Xaver schmunzelnd zu. "Doch ohne sich grüblerisch daran zu stören, begann er des weiteren zu verhören:" - "Lithografien von Corinth?" - "Ich weiß nicht, wo die jetzt schon sind?" - "Und die Gouachen von Chagall?" - "Geb' ich nicht her, auf keinen Fall!" - "Ein Aquarell von August Macke?" - "Steckt eingerollt in meiner Jacke!" - "Auch Grafik fehlt, von Erich Heckel!" - "Sie nerven jetzt mit dem Gezeckel! Und stellen Ihre dreisten Fragen, doch nur, um mich dann anzuklagen! Ich weiß schon, würde ich bekennen, dann dürften Sie mich Gauner nennen! - Nee, mein lieber Kommissar, machen Sie sich deutlich klar: Ich bin als Mensch noch nicht verhunzt! Hab' viel Verständnis für die Kunst. - Jedoch, trotz kunstvernarrtem Streben: Ganz ohne Geld kann kein Mensch leben!" -
"Ja-ja, so ist, Ihr ahnt's wohl schon verschwommen, nicht viel dabei herausgekommen! - Der Kommissar war leicht verdrossen. Das Museum blieb geschlossen." beendete Franz-Xaver sichtbar belustigt seinen kunstorientierten Erlebnisbericht. - Nicht ohne noch (gewinnorientiert) freundschaftlich dreinblickend hinzuzufügen: "Wollt Ihr noch länger hier verbleiben? - Sonst werde ich die Rechnung schreiben ..." -
Damals, so informativ in München.
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