Mittwoch, 19. Februar 2014

Die unmißverständliche Moralpredigt ...

Erstaunt hatte ich damals zur Kenntnis genommen, daß Freund Martin nach dem Abitur Theologie studieren wollte. - Er hat das tatsächlich in die glaubensüberzeugten Wege geleitet, erfolgreich durchgestanden - und ist nun seit langem Pastor in einem Berliner Stadtbezirk. -
Als wir neulich wieder einmal erinnerungsfreudig beisammen saßen, da machte er auf mich einen unzufriedenen Eindruck. - Aufmuntern wollend, forschte ich freundschaftlich nach - und bekam dann verdrossen zu hören: "Er sei nicht nur unglücklich, sondern auch zunehmend verbittert! Da viele der von ihm unlängst vermählten Ehegefährten schon nach einigen Monaten erlebter Zweisamkeit die Scheidung einreichen würden. - Man stehe sich nur noch spinnefeind gegenüber; und darüber hinaus würde man oftmals auch dermaßen handgreiflich, daß hernach der Notarzt kommen müsse! - Er wolle das nicht mehr tatenlos hinnehmen - und habe nun eine Stellungnahme verfaßt, die er der nächsten Eheschließung ermahnend vorausschicken werde!" brach es verstimmt aus ihm heraus.
"Hm? Lasciate ogni speranza voi ch'entrate", murmelte ich, nunmehr skeptisch das Bündnis einer Ehegemeinschaft abwägend, hinsichtlich dessen.
"Was meinst Du so hochtrabend damit?" horchte Martin mißbilligend auf.
"Laßt alle Hoffnung fahren, die ihr hier eintretet! - Wie ja einstmals schon Dante, gegebenenfalls vergleichbar, den Eintritt in solch ein qualvolles Inferno in seiner Göttlichen Komödie verdeutlicht hat." 
"Mein Gott! Wie unpassend und unbarmherzig; zudem auch noch als recht arrogant vom Stapel gelassen!" wurde ich abweisend zusammengestaucht.
"Gütiger Himmel! Das war doch nur scherzhaft bekundet", wandte ich beinahe schuldbewußt ein.
"Zum Teufel damit!" fuhr er mich an. "Ich habe das drängend ernstgemeint!" - Noch immer sichtbar erregt, schob er mir nun einen beschriebenen Zettel über den Tisch; auf dem eine reim-intensivierte Moralpredigt sehr deutlich zum Ausdruck geraten war - und zwar folgendermaßen:
Nun hört, was euer Pastor spricht:
Ihr steht vor Gottes Angesicht!
Als Partner die vereint hernieden,
bei mir den Bund für's Leben schmieden.
Darum seid aufmerksam und schaut,
was sich alsbald zusammenbraut:
An guten und an schlechten Tagen,
müßt ihr ab jetzt das Los ertragen.
Wenn etwas 'mal dagegen spricht,
denkt stets daran: man prügelt nicht!
Denn boxend, raufend sich zu hassen,
das kann ich nicht geschehen lassen!
Geht's doch 'mal drunter oder drüber,
gereicht ein kleiner Nasenstüber.
Droht die Gemeinschaft zu entzweien,
dann bitte keine Keilereien!
Man kann sich eine Kopfnuß geben,
und gleich darauf zur Eintracht streben.
Ist man sich trotzdem bald zuwider,
nimmt auch der Ekel überhand,
dann zwingt euch nicht durch Prügel nieder -
vor Gott seid ihr im Ehestand!
Amen ...
"Nun, da hast Du ja unmißverständlich etwas in Einklang gebracht, das eigentlich zum Erfolg führen müßte!" gab ich Freund Martin damals beeindruckt zu verstehen. - Nicht ohne jedoch darauf hinzuweisen, daß die von ihm so leichtgläubig als kompromißfähig erwähnte "Kopfnuß" hernach vielleicht doch erklärungsbedürftig sein könnte. -
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