Sonntag, 5. Juni 2016

Ein unerträgliches Sprachvermögen ...

Ja, ich bin mir durchaus dessen bewußt, daß die nachfolgende Erzählung ein Naserümpfen bis hin zur Nichtbeachtung bewirken kann.
Trotz allem ...
Rückblickend - in bezug darauf:
Zweiundvierzig der zur Zeit kränkelnden Dorfbewohner in der kleinen Ortschaft am Rande der Stadt Karlsruhe hatte er heute bereits ärztlich versorgt, der allseits beliebte Doktor Waldemar S. -
Inzwischen war es spätabends, und letztlich mußten noch einige Hausbesuche fürsorglich gehandhabt werden.
„Ist denn noch jemand im Warteraum?“ erkundigte er sich bei seiner im Vorzimmer nun schon seit zwei Jahrzehnten Beistand leistend zur Verfügung stehenden Assistentin.
„Ja, aber nur noch dieser Dysarthria-syllabaris-Betroffene!“ gab sie ihm fachkundig Auskunft über den letzten Behandlungsbedürftigen.
„Wohlan, dann flugs herein mit ihm!“ rief ihr der Doktor langmütig zu.
Gleich darauf begrüßte der Arzt nun den siebzehnjährigen Sohn des ortsansässigen Fleischermeisters:
„Sieh an, der Kevin! - Na, wie geht’s uns denn heute?“
„Schei... - äh - sch-schlecht! Ich hab chr d-d-die Schn-Schna-Schnauze i-in-zwischen ges-gn-gestr-gestrichen v-v-voll!“ stöhnte Kevin gepeinigt auf.
„Ja-ja, das kann ich gut nachvollziehen“, nickte der Doktor ihm kenntnisreich zu. - „Da erleiden wir nun seit langem tagtäglich diese hervorbrechenden Angstzustände, unangenehm einhergehend mit all den unausbleiblichen Minderwertigkeitsgefühlen!“
„So isses! U-und dann no-noch d-diese be-beschi... - äh - a-andauernde Schla-schlappe bei den Weib- äh - Mä-Mädchen ...“
„Ja, auch das noch!“ fiel ihm der Doktor lächelnd ins Wort. „Ich weiß doch, was man sich in Deinem Alter oftmals so lustvoll erträumt.“
Heftig errötend, schaute Kevin nun peinlich berührt zur Seite.
„Nun beruhige Dich erst einmal. Ich werde jetzt gleich mit einer Praxis für Logopädie telefonieren und einen Termin vereinbaren. Dort wird man Dich gewiß sinnvoll durchdacht therapieren!“ bekam Kevin abschließend noch trostreich zu hören.
-
Gesagt - und bald dann auch glückverheißend getan:
Denn bereits drei Tage später saß Kevin angespannt dem so lobend erwähnten Therapeuten gegenüber: „Ich k-ko-komme ...“
„Ja, Sie kommen zu mir, um eine krampfartige Sprachstörung bewältigen zu können!“ ließ ihn der Heiler gar nicht erst ausreden. 
Genau! - Woher wissen Sie das denn? wollte Kevin noch unüberlegt nachfragen, wurde sich dann aber seines derzeitigen Zugegenseins grämlich bewußt.
„Sehr lästig, dieses hochnotpeinliche Hängenbleiben an einigen Lauten, auch Logospasmus benannt! - So unangenehm einhergehend mit dem Wiederholen von Lauten und Silben! Als Logoklonus ist‘s ja seit Menschengedenken ein unerträgliches Gebrechen!“ gab der Heiler fachkundig Aufschluß über das chronische Leiden seines derzeitigen Patienten. „Wenn Sie da intensiv mitwirken, junger Mann, dann werden wir diese Sprachstörung wohl bald wieder einigermaßen beseitigen können."
"Ng - d-das w-wäre d-dann echt su-super!" horchte Kevin hoffnungsvoll auf.
"Tja, um ein auskömmliches Sprechen erreichen zu können, benötigen wir zwangsläufig die Atmung! Und wenn hier, im notwendigen Zusammenwirken, sabotierend eine Störung einwirkt, dann gerät man sogleich hilflos ins Stottern.“ fügte der Doktor anschaulich machend hinzu.
Folglich wurde dem erwartungsvoll ausharrenden Kevin jetzt erst einmal sinnfällig beigebracht, wie man Atmung und Sprache harmonisch in Einklang zu bringen hatte.
Abschließend bekam er noch einen beschriebenen Zettel mit dem Hinweis überreicht, das sei nun als ein oftmalig laut zum Ausdruck zu bringender Lernstoff zu betrachten!
„Unausweichlich! - In drei Wochen sehen wir uns dann hier wieder. Bis dahin gilt es aber heilsam zu beachten: Schnurstracks schöpferisch skandieren, schult sattelfest Selbstsicherheit!“ rief ihm der Logopäde noch schmunzelnd zu, als Kevin bereits unruhig im Vorzimmer stand, um baldigst den Bus für die Heimfahrt zu erreichen.
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Hernach, an der Busstation angekommen, entfaltete er neugierig den Zettel, mit der als ein Lernstoff bezeichneten Lektion: Fette Finger fiedeln falsch und furchterregend formlos Violine, stand da tatsächlich geschrieben. Und des weiteren noch: Furchtbar fröstelnd flüchten fehlgeleitet Forscher fluchend finster ins Verderben. - Und solch ein Gefasel sollte er nun mehrmals am Tage laut werden lassen! - Halblaut fluchend, stotterte Kevin nun seine Mißbilligung in die um ihn herum wartend dastehende Menschenmenge. - War sich jedoch gleich darauf durchaus darüber bewußt, daß es wohl unumgänglich sein würde der Anleitung Folge zu leisten, um irgendwann eine Besserung dieser Höllenpein endlich erreichen zu können. 
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Drei Wochen lang setzte Kevin nun Tag für Tag immer wieder lautstark das von dem Therapeuten angeordnete Sprechtheater in Szene. - Auch seine Freunde im örtlichen Fußballverein hatten sich inzwischen daran gewöhnt, daß er hin und wieder lauthals: „Fluchende Forscher fröstelnd ins Verderben flüchten ließ“.
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Dann war es so weit: Kevin stand erneut dem Arzt in der Sprachheilkunde-Praxis gegenüber: „Feuchte, fette Finger fiedeln falsch und flopsig auf ‘ner Violine!“ begrüßte er gut aufgelegt den erstaunt aufhorchenden Therapeuten.
„Na bitte, es klappt doch schon einigermaßen!“ ließ der nun zukunftsgläubig verlauten.
„Da-das da schon“, antwortete Kevin altgewohnt. „A-aber lei-leider flu-flutscht das ni-nicht bei d-den Mä-mädchen! - Da bi-bin ich mit die-diesen sau-ko-komischen Sprüchen ü-überhaupt ni-ni-nicht gelandet, die ha-haben mich ngn nur a-andauernd au-au-ausgelacht - ja!“
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