Freitag, 9. Juni 2017

Neulich, in einer beliebten TV-Talkshow:

Einer in Hamburg beheimateten Fernsehanstalt ist es zu verdanken, daß wir ihn jüngst noch einmal reimlüstern miterleben durften, den inzwischen zur Kultfigur avancierten Lyriker Lambert-Jodocus R. -
In einem Frage-und-Antwort-Plausch dort der Moderatorin abwartend gegenüber sitzend, brachte er binnen kurzem all die verfügbaren Versschmiedehebel in Bewegung, um die Beantwortung ihrer zumeist recht indiskreten Ausfragerei dennoch poetisch in Einklang zu bringen. - Während die angespannt aufhorchende TV-Dame sichtbar angestrengt versuchte, diese gereimten Entgegnungen nun in einem schlüssigen Zusammenhang zu begreifen. - Denn zunehmend wurde das beredsame Miteinander in eine  dramatisch geformte Sprachregelung hineingesteigert. -
Und das folgendermaßen:
"Verzeihung!" begann die Moderatorin süffisant lächelnd ihren Einstieg in die Ausfragerei zu gestalten, "Aber Sie haben einmal erstaunlich offenherzig erwähnt, daß Ihre Mutter Sie gleich nach der Geburt ..." -
"Ja-ja, sie hat den Blick auf mich gerichtet - und auf das Mutterglück verzichtet!" fiel er ihr losprustend ins Wort. -
"Tatsächlich?" horchte sie auf. "Nun, das klingt ja beinahe schon etwas ressentimentgeladen. - So könnte man's unverhüllt meinen." -
"Mag sein - ein wenig Bitterkeit, wird manchmal laut, von Zeit zu Zeit", ließ er's als allzumenschlich verlauten. -
"Verständlicherweise", stimmte sie zu. "Aber wie hat denn der leibliche Vater auf dieses eigentlich doch freudige Ereignis reagiert?" -
"Wohl nicht erpicht auf schwangere Frauen, ist der ins Ausland abgehauen!" winkte Lambert-Jodocus wegwerfend ab. -
"Auch das noch!" nahm sie's erstaunt zur Kenntnis. "Gottseidank wurden Sie ja später liebevoll von der Großmutter aufgenommen. Aber wie hat sich denn Ihre - äh - Selbstfindung in diesem nun zwangsweise großmütterlichen Lebensbereich konstituieren können?" -
"Ich kann's auch heute kaum noch fassen: Sie hat mich stets gewähren lassen!" teilte er mit. -
"Hm? Eine außergewöhnliche Erziehungsmethode - meinen Sie nicht?" -
"Sie hatte zweifellos auch Macken, doch nie den Fuß in meinem Nacken!" betonte er's grinsend. -
"Oh! - Darf ich das jetzt immerhin als eine fröhlich gestimmte Ermunterung dafür verstehen, daß man die Persönlichkeitsentwicklung der ja ans Herz gewachsenen Nachkommenschaft demnächst wohl erfolgversprechender den Großmüttern überlassen sollte?" -
"Das möchte ich hier nicht beschwören! Was kümmern mich die anderen Gören?" wehrte er's ab. -
"Die Oma als alleinerziehende Bezugsperson! Das hört sich - zumindest aus Ihrem Mund -, nun doch sehr vielversprechend an. - Aber gab es in dieser so unbeschwert aufleuchtenden Gestimmtheit nicht ab und zu doch einmal diese oder jene Beunruhigung?" -
"Natürlich!" räumte er's ein. "Auch die hat's hie und da gegeben. Präsent war ja das wahre Leben!" -
"Also doch! - Können Sie uns diesbezüglich 'mal freiheraus etwas erzählen?" bedrängte sie ihn. -
"Warum nicht?" stimmte er bei: "D'rum mach dich stets auf 'was gefaßt, wenn du noch eine Oma hast! Denn oftmals fallen die alten Damen, ganz ungezügelt aus dem Rahmen." -
"Interessant! Wenn es für Sie noch gegenwärtig ist, dann sollten Sie es jetzt bitte mir und unseren fünfzehn Millionen Zuschauern doch etwas näher veranschaulichen!" -
"Wohlan: Was einstmals durft' ich miterleben, das will ich gern zum besten geben", willigte Lambert-Jodocus ein - und legte dann eindrucksvoll los:
"Dunkel war's, der Mond schien helle, ringsumher döst die Natur.
Als meine Oma, äußerst schnelle, Skateboard auf der Straße fuhr!
Staunend sahen das Polizisten, die auf Streife 'rumkutschiert.
Und vermutlich gerne wüßten, wann sie die Balance verliert ...
Doch Oma hat mit letzter Kraft, trotz etwa dreieinhalb Promille,
dann auch den Heimweg noch geschafft.
Entscheidend war ihr starker Wille." -
"Hahaha! Sehr belustigend. - Lieber Lambert-Jodocus, ich danke Ihnen für diesen so aufschlußreichen Gedankenaustausch." -
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Hernach - der Lyriker hatte bereits das Studio verlassen ...
"O Gott!" stöhnte die Moderatorin auf. "Heute reicht es mir voll und ganz! Denn dieser nervtötende Dichterling hat mich mit seiner reimsüchtigen Beantwortung vollkommen geschafft, schier um den Verstand gebracht!" rief sie wutentbrannt dem Aufnahmeleiter zu; als Lambert-Jodocus, sichtbar gelangweilt, bereits in den endlosen Weiten des Studios entschwunden war. -
"Ach ja, ich kann das gut verstehen! - Wollen wir noch beide essen gehen?" getraute sich der die schöne TV-Dame seit einigen Wochen liebeshungrig anhimmelnde Aufnahmeleiter hoffnungsvoll zu erfragen. -
Vor kurzem, in einem der großräumigen Studios eines norddeutschen Fernsehsenders. -
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