Sonntag, 20. August 2017

Fürwahr - diese "brotlose Kunst":

Nun doch, diesbezüglich sei's mir erlaubt hier etwas auszuplaudern, das von allzu ernsthaft dreinblickenden Chronisten vermutlich als zu indiskret kritisiert werden könnte. Da die nachfolgende Erzählung immerhin so einiges über George Braque, den am 13. Mai, 1882 im französischen Ort Argenteuil geborenen Maler offenbart ...
Paris - und ein Tag im Juni 1918: Wütend stand er vor einer kleinen Bilder-Galerie in der Rue Vignon. - "ICH bin der der Erfinder des Kubismus! Und nicht dieses Schlitzohr Picasso!" schimpfte er aufgebracht los. Nahm sein Bild unter den Arm - und radelte grollend davon. Der Maler George Braque, dessen vor kurzem gestaltetes Oelbild - ein Stilleben auf rundem Tisch: Grau/Ocker/Schwarz, aus der Reihe der "Guéridons" (Beistelltischchen), soeben vom deutsch-jüdischen Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler schonungsvoll abgelehnt worden war.
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"Oui, ein unzumutbarer Normanne! Mißtrauisch, listig, oftmals brutal - und tagtäglich hungrig!" so hatte Fernande Olivier, die derzeitige Lebensgefährtin von Pablo Picasso, den zuweilen bei ihnen auftauchenden Maler George Braque dereinst begutachtet. (Damals, in Paris, in der Rue Ravignan, im Atelier "Bateau Lavoir"). -
Wohl wahr! Keinen Centime in der Tasche - und somit begierig darauf, zum Essen eingeladen zu werden. Derartig motiviert, so hatte er nun auch an diesem Tag das kleine Restaurant Vernin, in der Rue Cavalotti angesteuert, der nimmersatte Maler Braque. - All seine pinselnden Mitstreiter waren dort nahezu tagtäglich anzutreffen. Denn zumeist speiste man hier auf Kredit - sofern solch ein Begehren noch erfolgreich zu handhaben war ...
Braque lehnte sein Fahrrad an die Hauswand und begab sich hinein, in das geräuschvoll schlemmende Getümmel. - Und schon bald konnte man dann die folgende Wechselrede schmunzelnd aufhorchen lassend miterleben:
Braque erreicht den ersten, köstlich gedeckten Tisch - und läßt dort sogleich schmachtend vom Stapel:
"Bonsoir, mein Freund Toulouse-Lautrec! Na, wieder 'mal bei Wurst und Speck - und auch noch edlem Weine?"
Henry T.L. blickt zu ihm auf - und erwidert genervt: "Jetzt hör mal zu, mein lieber Braque, Du gehst mir langsam auf den Sack! A revoir zieh Leine." -
"Na gut, dann geh ich zu Cezanne, und seh' mir dessen Mahlzeit an. Bon appetit, mein Guter!" ruft er versöhnlich - und trottet weiter zum nächsten Tisch. - Nachdem er auch dort seinen Gefühlen einen freien Lauf gelassen hat, bekommt er jedoch recht unverblümt zu hören:
"Cher Braque, laß mich in Ruhe jetzt; ich hab' mein letztes Hemd versetzt, für diesen zähen Puter!" -
Auch das noch! Mit knurrendem Magen zieht er nun weiter: "Saluez Picasso, Herzensfreund! Du speist verlockend, wie mir scheint. - Schaffst Du das bis zur Neige?" fragt er hoffnungsvoll nach. -
Picasso stellt daraufhin grinsend anheim: "Mon Braque, versuch's mal bei Rousseau. Doch der sitzt g'rade auf dem Klo - und übt auf seiner Geige." -
"Merde!" hört man Braque murmeln, als er hungrig zum nächsten Tisch schlendert. - Dort schnurrt er, sich einschmeicheln wollend: "Tres bien, Guillaume Apollinaire! Dich schickt ein guter Engel her. Heut' schon 'was gegessen?" - Der stets liebenswürdige Homme de lettre schaut ihn daraufhin freundlich an, gibt dann allerdings zu bedenken: "Ach, erstens kommst Du reichlich spät, und zweitens leb' ich auf Diät; hast Du das schon vergessen?" -
Tja, seither ist nun fast schon ein Jahrhundert oftmals auch spektakulär vergangen ...
Aber nicht selten warnen einige der erziehungsbewußt einwirken wollenden Eltern ihren großjährig gewordenen Nachwuchs sehr eindringlich davor, die "brotlose Kunst" so kindlich naiv und wohl auch verantwortungslos als eine zukünftige Einkommensquelle zu erwägen ... -
Tja, diese Art Warnruf in den bedeutsamen Bereichen einer sinnvoll geplanten Persönlichkeitsentwicklung, der ist auch dem Autor dieser Zeilen in Erinnerung geblieben.
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