Freitag, 27. Oktober 2017

Sie lagen vor Madagaskar ...

Angeheuert auf unterschiedlichen Schiffstypen, hatte er einstmals vier Jahre lang - unter nicht immer erfreulichen Bedingungen -, all die Weltmeere befahren, der 1883 in Würzen bei Leipzig geborene Hans Bötticher. -
Populär geworden als Joachim Ringelnatz - oder auch Kuttel Daddeldu, als der er sich später, bereits bühnenaktiv, herz- und scherzhaft in Szene zu setzen verstand.
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In einer Art Rückschau auf das damalige Seemannsleben, sei hier nun die folgende Begebenheit uns allen noch einmal so einigermaßen illustrativ vor Augen geführt:
Nachweislich war es im April 1903, als man anwesend an Bord eines arg heruntergekommenen Frachters, der vor kurzem den Indischen Ozean durchquert hatte, hernach in die sogenannte Straße von Mocambique gedampft - und schon bald darauf in der Hafenstadt Majunga (auf der Insel Madagaskar) dort dann vor Anker gegangen war, nun endlich ein wenig zur Ruhe kommen durfte.
Genußfreudig Wein trinkend - und dabei unbewegt auf das hektische Treiben der Hafenarbeiter starrend, hockten dereinst der Seemann Hans Bötticher (Joachim Ringelnatz) und sein langjähriger Seeweggenosse Emil Kallotschke auf zusammengerollten Schiffstauen draußen im hinteren Oberdecksbereich des rostigen Seelenverkäufers ...
Ein belebender und zunehmend auffrischender Wind verdrängte die nun seit einigen Stunden aufgestaute Sonnenglut, als sich dort oben irgendwann der folgende Dialog entfaltete:
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„Hm? - Was wohl mein Trinchen bei uns daheim gerade so alles veranstaltet?“ brach es hinterfragend aus dem Gefährten Emil heraus.
„Wer is’n Trinchen?“ horchte der Hans daraufhin auf.
„Meine Verlobte - bei uns, in Berlin!“ ließ ihn der Emil wissen.
„Vergiß sie! - Wahrscheinlich hat die schon längst ‘n Anderen.“ bekam er leidenschaftslos zu hören.
„Mensch, spinnst Du, Hannes? - Die is’ mir doch treu ergeben!“ war Emil jedoch davon überzeugt.
„Na bitte, dann is’ doch für Dich noch alles bürgerlich bestens.“ wurde ihm unberührt zugeraunt.
„Hoffentlich - na ja, ich muß ihr wohl doch ‘mal schreiben.“ bedachte es Emil.
„Klar - ist ‘ne gute Idee, Emil!“ daraufhin achselzuckend Hans.
„Nee, kann ich aber nich’ - denn mir fällt da partout nix ein!“ brach es hilfebedürftig aus Emil heraus.
„Dann laß es doch bleiben, Du Simpel!“ wurde ihm fast wegwerfend erwidert.
„Nee - aber Du bist doch so’n Dichterling! Da kannste mir doch für sie ein paar warmherzige Zeilen aufkritzeln.“ flehte ihn Emil daraufhin an.
„Hm, was willst Du dem vergötterten Mädel denn unbedingt mitteilen?“ wurde kameradschaftlich hinterfragt.
„Na ja, nur so ‘n freundlichen Gruß aus der Ferne. Einfach so ‘ne Art Lebenszeichen - verstehste?“ gab Emil nun grinsend zum Ausdruck.
„Na gut, ich schreib’ Dir nachher dafür 'n mittelprächtig passenden Text.“ wurde sein Wunsch erhört.
„Toll, da bin ich Dir wirklich dankbar - und werd’ mich dafür auch demnächst erkenntlich  zeigen!“ strahlte ihn Emil hocherfreut an.
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Dem inhaltsreichen Archiv einer Berliner Kleinkunstbühne ist‘s zu verdanken, daß auch die folgenden Zeilen, einst handgeschrieben notiert auf einer inzwischen schon arg verblichenen Postkarte, gottseidank lesbar erhalten geblieben sind:
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Mein liebes Trinchen!
Wenn die Sonne netzt die Fresse,
hebt das mein Sein - und tilgt die Blässe.
Ein Wohlgefühl verschafft der Wein,
belebt sogar das "dritte" Bein.
Schon stehst Du mir entblößt vor Augen,
auf ewig mein - in treuem Glauben.
Das hofft - zur Zeit am Arsch der Welt -,
Dein Emil, der stets zu Dir hält.
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Tja, der nicht selten so spitzzüngig textende "Joachim Ringelnatz", schon einstmals im Knabenalter als ein "Schulrüpel ersten Ranges" apostrophiert.
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