Sonntag, 26. November 2017

Eine leibhaftige "Oma Courage" ...

Neulich, so zutreffend miterlebt - !
Als "Zaungast" im Garten eines Berliner Cafés, im Stadtteil Charlottenburg:
Zwei Männer sitzen dort plaudernd an einem der Nachbar-Tische, beide anscheinend als Feuilletonisten in einem Zeitschriften-Verlag berufsaktiv. -
Einer von ihnen macht sich oftmals bisher noch rätselhafte Notizen ...
"Was schreibst Du denn da so selbstquälerisch auf?" fragt der ältere Kollege neugierig nach.
"Bejammernswertes - für eine Kurzgeschichte!"
"Interessant! - Darf man denn da einmal 'reinhören?"
"Das sei Dir erlaubt", wurde ihm kollegial zugestanden. - "Also: Vor Deinem geistigen Auge Gestalt annehmend, versucht da ein verhärmt zutage tretendes weibliches Wesen, auf einem klapprigen Planwagen sitzend, mit zwei freudlos dreinblickenden Kindern an ihrer Seite, antreibend auf eine abgemagerte Schindmähre einzuwirken."
"Aha! - Da entflieht sie gebeutelt, ich ahne es schon: Die Mutter Courage, nebst Tochter und Sohn!" deklamierte der Ältere ad hoc ironisch drauflos.
"Genau! - Brechts Mutter Courage und ihre Kinder. - Was spricht für Dich abwertend dagegen?" wurde erwartungsvoll hinterfragt.
"Mein Gott! - Das ist doch bisher schon unzählige Male so melodramatisch überbetont beschrieben worden", bekam er's mißbilligend zu spüren, der aufstrebende Neuling im reizvollen Fachbereich Feuilleton.
"Wohl wahr!" wurde bejaht. "Aber hast Du denn jetzt einen besseren Vorschlag zum Thema: Courage, Beherztheit und den Mut der Verzweiflung anzubieten?" forschte der Jüngere aufmerksam nach.
"Ja, hab' ich!" wurde bekräftigt. "Für drei Flaschen Chateauneuf du Pape hast Du sogleich alles dermaßen anbetungswürdig im Griff, daß eine Gehaltserhöhung gewiß unausbleiblich sein wird."
"Hm? - Das hört sich ja durchaus verlockend an!" wurde nun schmunzelnd eingewilligt. - "Okay, der Wein ist gebongt. Dann laß 'mal sogleich diese inspirierend aufmauzende Katze aus dem bisher noch recht fadenscheinig anmutenden Sack heraus."
Der ältere Kollege lehnte sich daraufhin bedeutsam zurück - und begann dann beispielgebend ins Bild zu setzen:
"Ja, es geschah vor einigen Tagen ... Ich saß damals auch hier im Garten. - Nichts ahnend, wurde ich aber schon bald darauf plötzlich zum Augen- und Ohrenzeugen der nun folgenden Begebenheit: An einem der benachbarten Tische saß eine schlohweiße Dame gesegneten Alters; sichtbar bemüht, sich mit den zitterigen Händen aus einem Kännchen eine Tasse Kaffee einzuschenken. - Als am Nachbartisch schlagartig drei junge Burschen, freizügig und zunehmend vulgär, sich in ein schamlos geführtes Palaver hineinsteigerten! - 
Lauthals wurde dort über ein uneheliches Zurweltkommen - und späterhin auch noch Spott treibend darüber schwadroniert, wie man (angeblich) bis jetzt doch so ein vaterloses Heranwachsen immerhin ganz cool und easy gemeistert habe."
"O Gott! Mir steht nun mitfühlend vor Augen, wie solch ein abartiges Benehmen die alte Dame sicherlich geschockt haben muß", mutmaßte der junge Kollege hinsichtlich der vorab so unverfroren laut gewordenen Heimsuchung durch das anstoßerregende Geschwafel dieser - seiner Meinung nach - "unvergorenen Spottgeburten".
"Nein-nein, anscheinend hat's die alte Frau kaum berührt!" ließ ihn der Ältere wissen. 
"Wie bitte? - Das ist nicht Dein Ernst?" wurde erstaunt hinterfragt.
"Aber ja doch!" bekam er's bestätigt. "Denn gleichgültig erscheinend, schaute die alte Lady nur kurz hoch - und hat dann am Nebentisch leidenschaftslos angefragt: "He! - Kann mir wohl einer von Euch elenden Bastarden doch 'mal  freundlicherweise den Zucker herüberreichen?"
"Zugegeben, das ist ja wirklich sehr eindrucksvoll!"
"Und auch noch ganz und gar entsprechend!" wurde betont. "D'rum schreib das jetzt auf, dann hast Du eine erfolgversprechende Story zur Hand. - Als geistreichen Touch solltest Du abschließend noch ein Horaz und später auch Kant zugeschriebenes Zitat hinzufügen."
"Mit Vergnügen! - Dann gib das 'mal lehrreich kund."
"Supere aude -wage es weise zu sein. - Okay, mein Freund? - Dann sind da alsbald jedoch vier Flaschen Chateauneuf du Pape wohl eine durchaus angemessene Vergütung." -
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