Sonntag, 23. September 2018

Die "diamantene Hochzeit" - !

Immerhin ... Seit sechzig Jahre waren sie nun schon ein Ehepaar, die Frau Marthe und der Herr Bernhard S. - wohnhaft in einem malerischen Dorf in der als "Nordheide" benannten Landschaft. -
Ja, und hinsichtlich eines festlichen Beisammenseins anläßlich dieser "diamantenen Hochzeit", da sollte am kommenden Wochenende eine bedeutsame gesellige Festivität veranstaltet werden; so hatten es die Kinder und Enkelkinder bereits seit Tagen recht aufwendig vorbereitet. -
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"Mein Gott! - Wie soll ich altersschwach auftretendes Frauchen jetzt das noch bewältigen? Ich bin sterbensmüde, andauernd schachmatt! Und eigentlich ja schon halbtot", klagte sie’s willensschwach ein, als man am Vortag der Festivität frühmorgens erwacht war - und apathisch am Rande der Bettstatt nachdenklich gestimmt ausharrte.
Still leidend schaute sie auf - und war nun wieder einmal der Meinung, daß ein mitleidlos wegschauender Herrgott ihr tagtäglich zu Leibe gehendes Martyrium anscheinend verantwortungslos nicht mehr bewußt zur Kenntnis nehmen wollte.
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"Ach, Marthe-Schätzchen, dann geh doch bitte noch heute zum Arzt!" meldete sich gleich darauf Ehemann Bernhard fürsorgend zu Wort.
"Das kann ich ja leider nicht! Denn der gute, alte Doktor hat doch Feierabend gemacht - sein ärztliches Wirken beendet. - Und da ist jetzt so’n neuer Doktor, ein Milchbart der darauf beharrt, daß allein diese Naturheilkunde ein gesundheitsförderliches Resultat ohne unerfreuliche Spätfolgen bewirken kann", bemängelte Marthe die Anregung ihres so einfühlsam zu bewegen suchenden Gatten.
"Aha! Demnach ein vis mediatrix", horchte der einstmals als Lateinlehrer werktätige Bernhard sogleich offenbar gutheißend auf.
"Ein was, bitte?" bat sie mißtrauisch um Aufschluß.
"Gemeint ist damit die unseren Körpern ja innewohnende Naturheilkraft, der innere Arzt, wie es der Erneuerer der Medizin, der Medikus und Philosoph Paracelsus seinerzeit einmal recht aufschlußreich bezeichnet hat!" erläuterte nun Bernhard seiner jedoch ablehnend dreinblickenden Gattin ratsam die Möglichkeiten eines naturverbundenen Heilverfahrens.
"Nein-nein, nie und nimmer, das ist für mich unannehmbar!" winkte Marthe sofort beinahe fluchtartig zurückschreckend ab.
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Ein entscheidender Anlaß für diese geäußerte Abneigung war wohl darauf zurückzuführen, daß Marthe nun schon seit etlichen Jahren den fast freundschaftlich gewordenen Kontakt zum vormals aktiven Doktor sehr oft nutzbar zu machen wußte. -
Dazu ist aber folgendes umfassender anschaulich zu machen:
Jahraus und jahrein, hatten die stets so umtriebig ihre Aufwartung in die Wege leitenden Handelsvertreter all der so weltweit Medikamente fabrizierenden Pharmahersteller dem ehemals aktiven Doktor in seiner Praxis immer die neuesten - und ihrer Meinung nach wirkungsvollsten Arzneimittel als Warenprobe, so eine Art Tauglichkeitsprüfung zukommen lassen. -
Der einstmals hilfsbereit praktizierende Arzt hatte diese Präparate allerdings unentgeltlich seinen Patienten überlassen ...
So auch Marthe, die’s sich inzwischen zur Gewohnheit gemacht hatte, all ihren Leiden auf diese Art und Weise fortschrittsgläubig Kontra zu geben ... - Bis jetzt! - Neuerdings war aber nun, unerfreulicherweise, nur dieser naturheilkundlich eingeschworene Doktor dynamisch zugegen.
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Der kurzfristig zu verschmerzenden Not gehorchend, gab dann Marthe aufseufzend klein bei - und saß schon zwei Stunden später dem noch jugendlich erscheinenden Arzt gegenüber:
"Hallo, guten Tag, was führt Sie denn leidend zu mir?“ erkundigte der Doktor sich altgewohnt.
"Meine Müdigkeit!" gab ihm Frau Marthe weinerlich zu verstehen. "Ich bin leider von morgens früh bis spät in die Nacht hinein vollkommen schachmatt", fügte sie aufstöhnend hinzu.
"Ach ja, das ist dann tagtäglich eine unangenehme Begleiterscheinung! - Wie alt sind Sie denn - bitte?"
"Nächste Woche werde ich neunundachtzig Jahre alt!" ließ sie ihn wissen.
"Hm? - Ich werde Sie erst einmal gründlich untersuchen. Machen Sie sich darum jetzt bitte frei", gab er ihr sachlich zu verstehen. -
Auch das noch! horchte sie beinahe entgeistert auf. - Mein Gott! Wo bin ich denn hier jetzt gelandet? dachte sie kopfschüttelnd - und zog dann unwillig nur ihre Bluse aus.
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Etwa fünfzehn Minuten später hatte der Doktor dann all die notwendigen Untersuchungen beendet. - Wohlmeinend sprach er nun Marthe an: "Alle Achtung! Somatisch betrachtet, ist bei Ihnen an und für sich alles noch recht zuversichtlich im Lot. - Ihre andauernde Müdigkeit wird organisch durch einen Eisenmangelzustand hervorgerufen!"
"Wie bitte? Eisenmangel?" horchte Marthe zutiefst erschrocken auf.
"Allerdings, eine sich körperlich verifizierende Verminderung des absolut lebensnotwendigen Eisengehalts im leistungsfähigen Organismus! -
Eine ungenügende Eisenzufuhr im gesamten Bereich der Beschaffenheit Ihrer Ernährung. - Diese allzuoft doch als mangelhaft zu bewertende Eisenaufsaugung in den feinnervigen Reichweiten des Magendarmkanals", fügte der Doktor noch veranschaulich machend freundlich hinzu ...
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Verstrickt in eine Mischung aus Ungläubigkeit, Empörung und wohl auch Erstaunen, sah man bald darauf Marthe abfällig murmelnd den Heimweg beschreiten. - Und sichtbar entrüstet, brachte sie dort auch all ihren Unmut mißgestimmt grollend zum Ausdruck:
"Ja-ja, ich hab’s doch zuvor schon befürchtet: Ein Quacksalber doktort da neuerdings offenbar unwissend herum! - Herr im Himmel, das ist ja alles unglaublich! Ich mag gar nicht darüber nachdenken!" kam es verdrießlich dreinblickend zum Ausdruck. - "Jetzt auch noch obendrein Eisen verzehren müssen! Das ist doch absolut unzumutbar - und wirklich des Guten zu viel ... Ich kann ja kaum noch frühmorgens das Brot ausreichend beißen!" beklagte sie weinerlich schluchzend ihre derzeitige Gestimmtheit.
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