Samstag, 28. März 2020

Es ist und bleibt traumhaft, sich gegenwärtig derart paradiesisch zu fühlen ...

Ja, ich habe das schon einmal zur Sprache gebracht -
es wird jedoch immer wieder eine Art "Inbegriff" bleiben.
Trotz all dem seit Jahren altgewohnten Geschehen
noch frohgemut und daseinsfreudig zugegen ...
Gleichwohl aber spürbar nachdenklich zumute ergriffen,
steht mir im Verlauf dieser aufkommenden Besinnlichkeit
sogleich ein beglückendes Traumbild für diese restlichen Tage auf Erden
nun malerisch harmonisierend so wirklichkeitsnah vor Augen.
Und das beseligend folgendermaßen:
Nachmittage an einer südlichen Meeresküste. 
"Mein Geist gibt sich den Wogen hin - und schmiegt sich
dem Rhythmus des Meeres an." So hat's schon dereinst der griechische 
Schriftsteller Kazantzakis ergreifend zu spüren gegeben. -
Und die hüllenlos inaktiven Füße ruhen entspannt im warmen Sand. 
Auf einem hölzernen, kunstlosen Tisch schimmert - fast goldfarben -
die Fülle einer aromatischen Flasche Weißwein.  *
Nun ja, so daseinsfreudig verweilen zu dürfen,
"das wird dann zum Prachtvollsten, was die Welt zu geben hat,"
derart - fast schon paradiesisch - so hat's der
 französische Schriftsteller Albert Camus dereinst bekundet.
*
Eine Erkenntnis ...
Ja, da wird es nun wieder einmal spürbar akzentuiert:
Mein wahrscheinlich mediterran geartetes Lebensethos verweilt wohl doch zeitlebens
recht untalentiert im leistungs- und karrierebetonten Arbeitsethos
einer derart ambitionierten Lebensgestaltung.
*
Wohlan, schon keimt da - aufs neue - ein "gnothi seauton". *
* "Erkenne dich selbst"
-
Ein (tadelnder) Nachtrag:
"ti krama!" (Wie schade!)
Fast schon betroffen machend ruft sie's mir auf der Insel Lesbos zu,
die griechische Lyrikerin Sappho:
"Um nach dem Tod ruhmlos umherzuirren -
als Schatten im Schwarm nichtiger Toten?"
Ach ...
"Ultra posse nemo obligatur", so habe ich's damals abweisend bekundet.
(Über das Können hinaus ist niemand verpflichtet.)
óchi ... (nein)
-
Erwähnt sei in diesem Gefühlstiefen-Zusammenhang nun doch noch
die in Griechenland oftmals und gerne in Anspruch genommene
Wortprägung "sophrosyne" - die "Selbstbeherrschung, Gelassenheit".
"Wie's ja gegebenenfalls nur schwerlich in Szene zu setzen ist", 
gab mir Theodorakis einstmals grinsend zu denken. -
Später, obwohl wir schon
einige Flaschen mit griechischem Wein "begutachtet" hatten.
-
***

Sonntag, 22. März 2020

So leidenschaftlich - lustbetont -? ...

Wohl wahr, denn so ist´s - auch seinerzeit - doch einmal bedeutsam zutage getreten:
Nun werden einige der Goethe-Verehrer vermutlich empört in Aufruhr geraten, da hier der zuweilen recht lustvolle "Impetus" des Dichterfürsten jetzt einmal klatschlüstern in einen näheren Augenschein geraten sein könnte.  -
Tja, es begab sich dereinst, daß der 21-jährige Jurastudent Johann W. Goethe (das adelnde von gereichte erst einige Jahre später zur Ehre!) in seiner "Straßburger Zeit" in Sesenheim, der Stadt im französischen Bas Rhins, eines gefühlsreichen Tages der damals 18-jährigen Pastorentochter Friederike Brion lustvoll und hartnäckig nachstellend Avancen machte ...
Dem Vernehmen nach jedoch ohne den erwünschten Erfolg zu erzielen. - 
Zurückblickend noch immer sinnlich bezaubert, verweilte er anno dazumal, an einem sommerlich durchwärmten Herbstabend, im Garten eines Darmstädter Weinhauses mit seinem Freund, dem Schriftsteller Johann Heinrich Merck angeregt plaudernd beisammen.
(Einzelne Züge des von Goethe getexteten Mephisto erinnerten derzeit auffallend an seinen am 27.6.1791 durch Selbstmord zu Tode gekommenen Geistes- und Wahlverwandten, den J. H. Merck). -
Trinkfreudig saß man da einst vereint, in einer wohl sprachgewaltig geprägten Redseligkeit; in welcher dann angeblich der folgende Dialog tiefgreifend vom Stapel gelassen worden ist:
"Nein-nein, ich kann das nicht verwinden! Ein jeder Trost ist niederträchtig. - Und nur Verzweiflung wird wohl hier zu Pflicht!" winkte der Johann Wolfgang aufgewühlt ab, als Freund Merck aufmerksam lauschte - und wohl auch mitfühlend Anteilnahme zum Ausdruck zu geben gewillt war. -
Goethe von neuem:
"Ach ja, da träumte ich vor kurzem noch von buhlerischen Stunden ungemischter Lust. - 
Hatte faunisch trunken hernach wohl allzuoft ihr zauberhaftes Bild empfunden, figürlich nahezu an meine Brust gegeben!" fügte er trübsinnig aufblickend hinzu.
"O weh, mein Guter! - Mir scheint, daß nur die Lüsternheit sich hier sehr sinnenfreudig offenbart!" gab daraufhin der vertraute Weggenosse Merck stillvergnügt zu spüren.
"Das unbestreitbar - ja", pflichtete Goethe ihm sofort bei.
"In lustbetonten Zauberhüllen, gilt's wonnig Leidenschaft zu stillen. 
Und solchermaßen ungemein bemüht, gedeihet sie erwartungsvoll, 
diese göttliche Freilassung eines rauschhaft belebten Fleisches, 
sich unverzüglich entfaltend zu einer wahren Himmelfahrt innigst empfundener Sinnenlust!"
"Hm? - Das alles tönt nun doch ein wenig animalisch - so triebhaft angeschwollen", gab daraufhin krittelig der Johann Heinrich Merck anmahnend zu bedenken.
Nachsichtig schmunzelnd, soll daraufhin der Johann Wolfgang zunächst etwas zurückhaltend reagiert haben ...
Um bald darauf gefühlswarm und wohl auch bedeutungsvoll den folgenden Schlußakkord in diesem Diskurs zum Ausdruck zu geben:
"Wohl wahr, 
wie schmeichelt's mir unendlich, wenn jemand meine Triebkraft preist! - 
Sie ist für mich so selbstverständlich, wie gleichfalls souveräner Geist." 
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"Naturalia non sunt turpia - alles Natürliche ist keine Schande", so hätte der griechische Dichter Euripides schon zu seiner Zeit all diese Genierlichkeiten wohl lächelnd "entkrampft".
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Postskriptum: Die einstmals so leidenschaftlich umworbene Friederike Brion, sie blieb Zeit ihres Lebens unverheiratet. - Späterhin heimisch geworden im Badischen, ist die am 3. April 1813 Verstorbene dort auch zu Grabe getragen worden. - "Ein Strahl der Dichtersonne fiel auf sie, so reich, daß er Unsterblichkeit ihr lieh." so kann man's - eingemeißelt in ihren Grabstein auf dem Friedhof der Ortschaft Meißenheim bei Lahr - jederzeit kontemplativ in Augenschein nehmen. -
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Samstag, 21. März 2020

Diese "Geldinstitute" - weltweit stets raffgierig verschworen zugegen ...

Jetzt einmal demonstrativ abschweifend von all den bisher zumeist humorig verlebendigten Begebenheiten, sei hier nun dieser hemmungslos taktierende Wirkungsbereich all der Übeltäter vom Stamme Nimm besorgniserregend in einen tadelnden Augenschein genommen:
Diese "Bankhäuser" und sogenannten "Geldinstitute" ...
Offenbar recht diffuse Unternehmen, die gewerbsmäßig - zumeist jedoch für das eigene Füllhorn -, unter anderem verschwenderisch einen Mißbrauch mit "anderer Leute" Geld betreiben. -
Angeblich unterliegen diese Institutionen einer vom Staat unter die Lupe zu nehmenden Gesetzmäßigkeit, so leichthin bezeichnet als "Bankaufsicht". -
Was in der sich zumeist offenbarenden Wirklichkeit so viel besagt, daß im Ernstfall, wenn wieder einmal die von den Erdenbürgern vertrauensselig auf die Bankkonten gebrachten Euros hemmungslos verzockt und somit dahingeschwunden sind, der Staat nun mit vielen Milliarden - eingebracht durch den Steuerzahler! - sofort hilfreich, wie wohl auch ermunternd für neue begehrenswerte, allzuoft allerdings nur waghalsig betriebenen Transaktionen, verantwortungslos in die sogenannte Bresche springt. -
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Wie sich das fortwährend zügellos und oft auch verhängnisvoll abspielt?
Nun ja, so folgendermaßen:
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Da gibt es die gutgläubigen Sparer ...
Sie hoffen auf Zinsen, die's Spargeld erbringt.
Dann geht's in die Binsen, Ernüchterung winkt.
Das Geld ist entflogen, vom Winde verweht.
Man fühlt sich betrogen - nun ist es zu spät! -
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Die Handhabung der Geldinstitute ...
Zum Raffen geboren, zum Banker bestellt;
dem Zocken verschworen, gefällt ihm nur Geld.
Da treibt ihn vor allem die ewige Gier.
Die Kurse erschlaffen - doch nicht sein Pläsier. -
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Dem folgt die Bilanz ...
Und schon sind Milliarden für immer dahin.
Nicht für den Banker, ihm bleibt stets Gewinn.
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Möglicherweise läßt sich all diese ausplündernde Profitgier auch derzeit lässig zurückführen auf den schon einstmals von den altrömischen Münzverleihern abfällig grinsend geprägten Grundsatz: Mundus vult decipi; ergo decipiatur - die Welt will betrogen werden, also werde sie betrogen! -
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Ach ja, in diesem als unerquicklich zu bewertenden Zusammenhang, da hat der amerikanische Verleger Malcolm Stevenson Forbes einmal folgendes als durchaus zutreffend zur Sprache gebracht:
"Die Finanzwirtschaft lehrt, wie man Geld so lange von Hand zu Hand gehen läßt, bis es letztendlich verschwunden ist." -
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Wie auch immer - als eine Art Balsam für die entschwundene Barschaft sei hier noch trostbringend hinzugefügt:
"Kein Geld ist vorteilhafter angewandt als das, um welches wir uns haben prellen lassen; denn wir haben dafür unmittelbar Klugheit eingehandelt", so hat es, "aufmuntern wollend", der Philosoph Arthur Schopenhauer dereinst vom Stapel gelassen.
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Wohl wahr:
Der Bertolt Brecht hat einmal aufbrausend hinterfragt: "Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?"
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Dienstag, 17. März 2020

Ist es nur märchenhaft? - Denkbar unglaublich?

Nein, hier wohl doch sichtbar zutreffend fabelhaft:

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Und das so zweifellos leibhaftig.
Zur Verdeutlichung dessen sei noch veranschaulicht:
Ich wohne seit sehr vielen Jahren
in einer ländlichen, treuherzig gestimmten Abgeschiedenheit.
Immerhin ist man dort hin und wieder -
so unwirklich überwältigend -
auch Zeuge dessen, dass in der lateinischen Wortprägung
"fabula delectat":
Die Fabel will unterhalten -
und unterhaltsam zum Ausdruck bringen,
dass Tiere durchaus menschliche Eigenschaften besitzen -
und somit auch dementsprechend zu handeln verstehen."
Das haben ja schon namhaft gewordene Poeten
informativ und beachtenswert zu spüren gegeben.
Es wird da wohl doch Wahres daran sein ...
-
Aber wer von uns wird das letztendlich bezweifeln?
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Montag, 9. März 2020

Eine Erinnerung an den derzeit stets aufmerksam machenden Kurt Tucholsky:

Zurückblickend in all das oftmals so schicksalhaft umschattete - und nicht selten leidvoll erlebte politische Geschehen, sei nun erst einmal eine beinahe hämisch klingende Anspielung auf die im folgenden beschriebene Person vermerkt:
"Wahrlich, da wollte ein kleiner, dicker Mann mit seiner Schreibmaschine Katastrophen aufhalten!" -
Dermaßen spöttelnd, jedoch stets kumpelhaft wohlgewogen, verlebendigte einst der linksgerichtete Journalist und Schriftsteller Erich Kästner seinen damaligen Publizisten-Kollegen. -
"Erst habe ich gemerkt, daß es so ist. Dann habe ich verstanden, warum es so ist. Und bald darauf habe ich dann begriffen, warum es nicht anders sein kann! - Trotz allem will ich erreichen, daß es in Bälde doch anders wird!" so hatte er es seinerzeit durchlebt und konkretisiert, der am 9.11.1890 in Berlin geborene Journalist. - Ein Zeitkritiker, der am 21. Dezember 1935 verstorben ist - und folglich nicht miterleben mußte, daß immer noch weltweit gewaltsam vieles als "unmenschlich" aufhorchen lässt. -
Vorab ereignete sich, zunehmend beunruhigend, so allerlei Unbill in seinem damaligen Wohnort, dem "Radauzentrum Berlin", wie er die Großstadt einst tadelnd benannte. -
Und gerüchtweise soll sich dort, im Herbst des Jahres 1928, die folgende Begebenheit fast schon rebellisch ereignet haben: Besagte Person, damals als der Herausgeber und auch journalistischer Mitarbeiter der Wochenzeitung "Die Weltbühne" hingebungsvoll aktiv, er stieß eines Abends im Foyer eines Berliner Theaters unbeabsichtigt mit einem der (bald auch ins Abseits) führenden Nationalsozialisten zusammen. -
Und im Laufe einer kontrovers geführten Auseinandersetzung, soll der Journalist angeblich zu guter Letzt noch grimmig bekundet haben:
"Wie es mir neulich zu Ohren gekommen ist, sind Sie ja auch leidenschaftlich gern als Sadomasochist umtriebig! Gestatten Sie mir darum, daß ich Ihnen jetzt durchaus gerechtfertigt in die Fresse haue?" -
Das zeitigte für ihn sofort nachhaltige Folgen ...
Somit von da ab in Deutschland gebrandmarkt, sagte er Berlin "Lebewohl"- und wanderte 1929 sicherheitshalber aus nach Schweden; der als Peter Panter, Ignaz Wrobel, Kaspar Hauser und auch dem Pseudonym Theobald Tiger weiterhin zeitkritisch publizierende Autor. -
Als ein bloßlegend in Erscheinung tretender Pazifist, zog er vor allem gegen den damals in Deutschland (und bereits weit über die Grenzen hinaus) zunehmend unmenschlicher wuchernden Nationalismus, einen sich ausweitenden Militarismus - und unermüdlich gegen das verhaßte, voraussehend jedoch unausrottbare Spießertum zu Felde ...
"Stets vorurteilsgeladen moralisierend - und zumeist ihren bornierten, engstirnig eingeschränkten, sich verhängnisvoll auswirkenden Horizont vor kurzsichtig aufblickenden Augen", so benannte er das, was ihm, im Hinblick auf all die Krämerseelen, anhaltend zu schaffen machte: Dem zeitkritisch rastlos Wacht halten wollenden Journalisten Kurt Tucholsky. -
Im damaligen Aufenthaltsort Hindas, einer schwedischen Ortschaft nahe der Stadt Göteborg, verschlechterte sich zunehmend bald sein Allgemeinbefinden. Physische und auch psychische Probleme nahmen selbstzerstörerisch zu. - Eine Überdosis an Tabletten ließ ihn am 21. Dezember 1935, um 21.55 Uhr nun endgültig zur Ruhe kommen. Eine Selbsttötung aus Versehen ... (?) -
"Nur pöapö, das irdische Glück. Denn immer fehlt dir irgendein Stück", so hatte er's einstmals resignierend ermessen. -
Sein Todestag war wohl der Anlaß, daß der Autor Didier Vaselis, im eiskalten Monat Dezember - 2005, zum Angedenken an den unermüdlich aufmerksam machend schreibenden Journalisten, in einigen Printmedien die folgenden Zeilen zum Ausdruck gebracht hat:
Schon acht Jahrzehnte sind es fast,
seit du uns einst verlassen hast,
du Fingerzeig des Lebens.
du warst Philistern nicht geneigt,
hast ihnen oft den Marsch gegeigt;
zumeist jedoch vergebens.
Hast ihre Denkungsart moniert,
die all dies Muckertum gebiert;
obwohl sie's dementieren.
Zeitlebens ein vergeblich Tun -
doch mögest du in Frieden ruh'n -
du konntest nur verlieren ...
-
Daß Kurt Tucholsky, abweichend von all den zu bewegen suchenden Stellungnahmen, auch humoriges manchmal recht ungetrübt-deftig zu Papier gebracht hat, das soll hier gewiß nicht verschwiegen werden:
Wenn eine alte Frau aus Brüssel,
mal einen Elefantenrüssel
vernarrt für einen Piephahn hält:
Ja, dann leb wohl, du schöne Welt!
-
"Tucho", wie ihn die Freunde und Mitstreiter freundschaftlich nannten, er weigerte sich dem Vernehmen nach zeitlebens erwachsen zu werden.
Der bereits oben erwähnte Autor Didier Vaselis, er hat sich solch einer Geisteshaltung schon seit vielen Jahren konsequent zugesellt. -
-
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Montag, 2. März 2020

Ach ja: Diese nicht selten (noch immer) oftmals "brotlos machende Kunstmalerei" ...

Besorgte Eltern haben ja auch heutzutage dem Nachwuchs gegenüber oftmals derart zu denken gegeben. -
Und diesbezüglich sei hier vorab - mithin rückblickend - so einiges über den am am 13. Mai 1882 im französischen Ort Argenteteuil geborenen Kunstmaler George Braque, offenbart ...
Paris - und ein Tag im Juni 1918: Wütend stand er vor einer kleinen Bilder-Galerie in der Rue Vignon. - "ICH bin der der Erfinder des Kubismus! Und nicht dieses Schlitzohr Picasso!" schimpfte er aufgebracht los. Nahm sein Bild unter den Arm - und radelte grollend davon. Der Maler George Braque, dessen vor kurzem gestaltetes Oelbild - ein Stilleben auf rundem Tisch: Grau/Ocker/Schwarz, aus der Reihe der "Guéridons" (Beistelltischchen), soeben vom deutsch-jüdischen Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler schonungsvoll abgelehnt worden war.
-
"Oui, ein unzumutbarer Normanne! Mißtrauisch, listig, oftmals brutal - und tagtäglich hungrig!" so hatte Fernande Olivier, die derzeitige Lebensgefährtin von Pablo Picasso, den zuweilen bei ihnen auftauchenden Maler George Braque dereinst begutachtet. (Damals, in Paris, in der Rue Ravignan, im Atelier "Bateau Lavoir"). -
Wohl wahr! Keinen Centime in der Tasche - und somit begierig darauf, zum Essen eingeladen zu werden. Derartig motiviert, so hatte er nun auch an diesem Tag das kleine Restaurant Vernin, in der Rue Cavalotti angesteuert, der nimmersatte Maler Braque. - All seine pinselnden Mitstreiter waren dort nahezu tagtäglich anzutreffen. Denn zumeist tafelte man hier auf Kredit - sofern solch ein Begehren noch erfolgreich zu handhaben war ...
Braque lehnte sein Fahrrad an die Hauswand und begab sich hinein, in das geräuschvoll schlemmende Getümmel. - Und schon bald konnte man dann diese folgende Wechselrede schmunzelnd aufhorchen lassend miterleben:
Braque erreicht den ersten, köstlich gedeckten Tisch - und läßt dort sogleich schmachtend vom Stapel:
"Bonsoir, mein Freund Toulouse-Lautrec! Na, wieder 'mal bei Wurst und Speck - und auch noch edlem Weine?"
Henry T.L. blickt zu ihm auf - und erwidert genervt: "Jetzt hör mal zu, mein lieber Braque, Du gehst mir langsam auf den Sack! A revoir zieh Leine." -
"Na gut, dann geh ich zu Cezanne, und seh' mir dessen Mahlzeit an. Bon appetit, mein Guter!" ruft er versöhnlich - und trottet weiter zum nächsten Tisch. - Nachdem er auch dort seinen Gefühlen einen freien Lauf gelassen hat, bekommt er jedoch recht unverblümt zu hören:
"Cher Braque, laß mich in Ruhe jetzt; ich hab' mein letztes Hemd versetzt, für diesen zähen Puter!" -
Auch das noch! Mit einem knurrendem Magen zieht er nun weiter zum nächsten Versuch:
"Saluez Picasso, Herzensfreund! Du speist verlockend, wie mir scheint. - Schaffst Du das bis zur Neige?" fragt er hoffnungsvoll nach. -
Picasso stellt daraufhin grinsend anheim: "Mon Braque, versuch's mal bei Rousseau. Doch der sitzt g'rade auf dem Klo - und übt auf seiner Geige." -
"Merde!" hört man Braque murmeln, als er hungrig zum nächsten Tisch schlendert. - Dort schnurrt er, sich hoffnungsvoll einschmeicheln wollend: "Tres bien, Guillaume Apollinaire! Dich schickt ein guter Engel her. Heut' schon 'was gegessen?" - Der stets liebenswürdige Homme de lettre schaut ihn daraufhin warmherzig an, gibt dann allerdings doch zu bedenken: "Ach, erstens kommst Du reichlich spät, und zweitens leb' ich auf Diät; hast Du das schon vergessen?" -
Tja, seither ist nun fast schon ein Jahrhundert oftmals auch diesbezüglich so spektakulär vergangen ...
Jedoch warnen noch immer verantwortungsvolle Eltern ihren großjährig gewordenen Nachwuchs sehr eindringlich davor, diese "brotlose Kunst" kindlich naiv als eine zukünftige Einkommensquelle zu erwägen. -
-
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Samstag, 29. Februar 2020

Was man uns bisher ja doch wohl so rücksichtsvoll immer verschwiegen hat:

Der Johann Wolfgang von Goethe, damals - anno 1806 - wahrlich bezaubert in einem Rausch seiner Sinne ...
Denn:
"Es steht Dir auf die Stirn geschrieben,
daß Du mich wirst für immer lieben,
Du wundersames Weibsbild du -
da schnürt's mir fast die Kehle zu!
Schon lieg' ich wohl in Deinem Arm,
so frei, so hingegeben warm" ...
Mit diesen Worten, spürbar so leidenschaftlich bezeugt, soll seinerzeit der 1782 vom Kaiser geadelte Legationsrat Johann Wolfgang von Goethe zu einer gewissen Christiane Vulpius fast schon beschwörend auf Tuchfühlung gegangen sein, als er 1788 in Weimar der vorab genannten Dame beharrlich den Hof zu machen gedachte.
-
Hm? - Bereits einige Jahre später soll der Großmeister der Dichtkunst angeblich nachdenklich gestimmt des öfteren kritisch gemurmelt haben:
"Drum prüfe, wer sich ewig bindet,
ob sich nicht doch 'was Besseres findet."

Die traumhafte Zweisamkeit: Vermutlich zu allen Zeiten ein oftmals sich problematisch entblößendes Zusammenwirken menschlicher Polarität ... 
-
So auch dereinst, in einem teilnahmsvoll als "Genie und Einfalt" belächelten Ehebund. -
Wir erinnern uns: 1775 war er von Herzog Karl August von Sachsen-Weimar nach Weimar berufen worden. Und 1788 lernte er sie dort kennen, der Herr von Goethe die sechzehn Jahre jüngere Frau Vulpius, Christiane genannt - und 1806 als Gemahlin zu Ehren gekommen. 
Ein Ehebündnis, das im freundschaftlich beiwohnenden Umkreis des Dichterfürsten damals nicht selten ein Unverständnis und somit auch Kopfschütteln ausgelöst haben soll. - Offenbar war die etwas schlicht orientierte Christiane im Forum der ausschließlich schöngeistig empfinden wollenden feinen Gesellschaft wohl binnen kurzem als nicht unbedingt standesgemäß eingeordnet worden. - Möglicherweise zutreffend ... 
Denn eindringlich und ungekünstelt, gab sie dem Ehegemahl ab und zu ihr eigensinnig geprägtes, gegenwärtiges Einfühlungsvermögen zu verstehen. - Derartiges sei (angeblich) gleichfalls an einem Nachmittag im Monat August geschehen, als der Gemahl einen finanziellen Engpaß offenbart haben soll. - Wenn die erhalten gebliebenen Aufzeichnungen des einstigen Hausdieners Friedrich denn überhaupt als glaubwürdig zu betrachten sind, dann sei im trauten Zuhause der Familie Goethe der folgende Wortwechsel seinerzeit unüberhörbar in Szene gesetzt worden:
"Christiane!" rüffelt Herr von Goethe
gebeutelt die Frau Vulpius.
"Mich plagen finanzielle Nöte,
und mit dem Luxus ist jetzt Schluß!"
"Dann solltest Du", keift sie verwegen,
"solch Ungemach nun eiligst richten!
Beim Schreiben doch ´mal überlegen,
so aufgeplustert nicht zu dichten!"
Dank Friedrich wird da für jedermann zugänglich, daß im Hause Goethe auch nicht immer alles zum besten geraten war ... "Es kann wohl sein, daß der Mensch durch häusliches Geschick zu Zeiten auch ziemlich gedroschen wird", so Goethe damals - vermutlich infolge dessen. -
-
*

Freitag, 21. Februar 2020

So malerisch - und zudem noch ausdrucksvoll ...

Wenn man in München, vom Ortsteil Schwabing aus in die Innenstadt geht, dann kommt irgendwann auch die Alte Pinakothek in Sichtweite; das ehrwürdige Palais mit der großartigen Bildersammlung. - 
In der Zeit der Regentschaft des Ludwig dem Ersten von Bayern zum Ziel gesetzt - und bald darauf von einem anderen Ludwig, dem Architekten von Klenze wahrgemacht worden. -
Unweit davon, gab es dereinst eine kleine Weinstube, in der auch die in der Pinakothek beschäftigten Museumswächter gern einige Feierabendstunden verbracht haben. -
Nun schon vor Jahr und Tag, war ich mit meinem Freund Michael, der nahebei erfolgreich als Galerist tätig ist, eines abends wieder einmal in der für ihn zur Stammschenke gediehenen Destille. Auffällig in Kenntnis setzend, hing da noch immer die mit welken Weinranken umrandete Schiefertafel an der Rückwand der Theke, mit dem handgeschriebenen Hinweis: Wir führen hier nur gute Weine!So fast geschenkt gibt's wahrlich keine! - Eine akzentuierte Verlautbarung, die Michael erneut dermaßen beflügelte, daß nun die folgende Nachfrage durchaus als unvermeidlich zum Ausdruck geraten mußte: "Servus Xaver, altes Haus! Gibst Du uns heut' ein Weinchen aus?" begrüßte er lyrisch geformt den Wirt der heimeligen Weinstube, den inzwischen zum Münchener Urgestein gediehenen Franz-Xaver Pichlhuber, einen ehemaligen Drehbuchschreiber und zuweilen auch Bühnenkünstler. - "Nix da! Bezahlen muß einer von Euch beiden, ich mag Schmarotzer gar nicht leiden!" ließ uns Franz-Xaver grinsend wissen, als wir an der Theke auf Barhockern Platz genommen hatten. - Immerhin entkorkte er gleich darauf eine sauteure Flasche 1973er Château Haut-Brion und stellte sie grimmig dreinblickend in unsere Reichweite. -
Ich nahm das staunend zur Kenntnis ... Nicht so Michael: "Obwohl die Mimik voller Groll, zeigt er sich doch verständnisvoll!" flüsterte er mir belustigt zu, nahm die Weinflasche zur Hand und schenkte dann gebefreudig die bereits vor uns stehenden Gläser voll. -
"Sag 'mal", horchte ich aufmerksam geworden auf, "ist das für Euch beide die gängige Art und Weise, miteinander Konversation zu treiben?" -
"Ja, das hat sich inzwischen so eingespielt", gab mir Michael zu verstehen. "Der Xaver hat offenbar seinen Spaß daran - und ich habe mich angemessen damit vertraut gemacht", fügte er noch frotzelnd hinzu. - Um gleich darauf den Gläser putzenden Wirt anzusprechen: "He! Da war doch neulich so'n Gelächter, am Stammtisch der Museumswächter! - Kannst Du das jetzt 'mal offenbaren, warum die dort so heiter waren?" -
Vergnügt schmunzelnd, beugte sich Franz-Xaver kontaktfreudig vor, um auf die übliche Weise darüber Aufschluß zu geben: "Tja, was die dort groß zur Schau getragen, das wird Euch sicherlich behagen. Damit sich's vollends deutlich macht, hab ich das zu Papier gebracht." brach es lachend aus ihm heraus, während er seine Hände abtrocknete - und gleich darauf einen eng beschriebenen Zettel zutage förderte: "Also, dann laßt Euch 'mal ergötzlich sagen, was sich da letzthin zugetragen!" ließ er verlauten; nahm die Notizen zur Hand - und begann auf die zur Gewohnheit gewordene Art zu berichten: "Da sind im Prado in Madrid, so hörte ich's erbaulich mit; oder war das in Paris? Egal wie dieser Ort nun hieß, ein paar ziemlich schwere Jungen, in das Museum eingedrungen! - Und haben - es ist kaum zu fassen -, die meisten Bilder mitgehen lassen!" -
Michael schaute verblüfft auf, um sogleich in Betracht zu ziehen: "Wie kann man so etwas denn wagen? - Da gibt es doch Alarmanlagen!" -
"Angeblich ja", stimmte Franz-Xaver zu. "Nur sei in den Gemäldehallen, zuvor das Stromnetz ausgefallen!" Sichtbar beeindruckt, berichtete er mitreißend weiter: "Dreist und maßlos sei die Meute, so nannten's die Museums-Leute, dort, in diese heiligen Hallen, Besitz ergreifend eingefallen!" -
"Unglaublich!" brummelte Michael, zugleich daran denkend, daß vor einigen Tagen zwei befremdlich anmutende Gestalten ihm einige Lithographien des 1858 im ehemaligen Ostpreußen, im Örtchen Tapiau geborenen Malers Lovis Corinth zum Kauf angeboten hatten ...
"Was ist? Du wirkst urplötzlich leicht erschrocken, haut dich der Vorfall aus den Socken?" forschte Franz-Xaver stillvergnügt nach. - Um gleich darauf zu betonen: "Nein-nein, das muß dich nicht verstören, denn ich bekam dann noch zu hören, daß dort, schon zehn Minuten später, der Einmarsch dieser Schwerenöter durch Staatsgewalt zum Stillstand kam! - Wie das? Das möchtest Du gern wissen; d'rum werde ich's erläutern müssen: Da war, wohl auch des Rufes wegen, die Polizei sehr schnell zugegen! Sie stürmte spornstreichs den Palast, erwischt' den ersten Räuber fast, der mit Bildern von Miro, eingeschlossen auf dem Klo im Museum saß und schnell, noch ein Bild von Raffael hastig aus dem Fenster schmiß. - Das dann neben dem Matisse unversehrt zu Boden ging ... Dort, in der meterhohen Pappel, hing leicht durchbohrt ein Karel Appel. - Und etwas abseits fand man dann, noch drei Gemälde von Cézanne." fügte er hämisch auflachend hinzu. -
Michael schüttelte daraufhin ungläubig dreinblickend den Kopf. - Sprachlos geworden, bestellten wir uns eine neue Flasche Wein. - Vermutlich der derzeitigen Gestimmtheit entsprechend, nun zwangsläufig einen Tinto Pesouera Gran Reserva aus Spanien. -
Franz-Xaver servierte den Wein - und schaute uns fragend an: "Na, ist das nicht ein aufsehenerregender Clou? - Und wollt Ihr denn gar nicht wissen, wie sich das ganze vertrackte Geschehen hernach angeblich sensationell weiterentwickelt haben soll?" -
Das alles reimlos formuliert, weil Xaver den Bezug verliert? überdachte ich's aufhorchend kurz ...
Eingedenk all der oftmals unglaublich grotesk erlebten Begebenheiten im malerischen Bannkreis der Kunst, machte Michael gute Miene zum abartigen Spiel und nickte ihm billigend zu.
"Ihr müßt mir nicht glauben! Ich gebe ja hier - auf meine Art und Weise! - nur das zum Ausdruck, was mir da neulich zu Ohren gekommen ist!" betonte der Wirt grinsend seine erneut reimlos zur Sprache gebrachte, beinahe unvorstellbare Darlegung. -
"Credo quia absurdum - (ich glaube es gerade, weil es widersinnig ist)" murmelte Michael abwinkend.
"Erzähl bitte aufschlußreich weiter", erlaubte ich mir, auf der mittlerweile auch für mich duzfreundlich gewordenen Konversations-Ebene, den Wunsch nach Erweiterung zum Ausdruck zu bringen. -
Mit Erfolg ...
"Was dann passierte, spricht wohl Bände: Der Vorfall nahm kurios ein Ende!" ließ uns der Wirt nun erneut aufmerksam werdend wissen. "Mit dummdreist patzigem Verhalten, der festgenommenen Gestalten, versuchten sie die Polizisten, nun bauernschlau zu überlisten. - Beinhart ins Kreuzverhör genommen, ist folgendes ans Licht gekommen: "Wie kann man sich denn so erfrechen, in das Museum einzubrechen?" - "Um Kunst vielfältig zu empfinden, muß man erst Kleinmut überwinden!" - "Wo sind die Zeichnungen von Leibl?" - "Keine Ahnung, weiß der Deibl!" - "Und der große Tizian?" - "Vom Thema her, der reinste Wahn!" - "Das Selbstbildnis von Juan Gris?" - "Als Konterfei erschreckend mies!" - "Was ist mit dem Toulouse-Lautrec?" - "Erst war er da, nun ist er weg!" - "Unglaublich! Und der Edvard Munch?" - "Zeigt durchaus malerischen Schwung!" -  "Das Kohlfeld von Max Liebermann?" - "Wird man vermissen, nehm' ich an?" - "Die Frau am Fenster, von Vermeer?" - "Wirkt vom Sujet her viel zu schwer!" - "Die Frau im Bade von van Dongen?" - "Sie ist ihm absolut mißlongen!" - "Und Albrecht Dürers Korb mit Früchten?" - "Verfaultes Obst muß man vernichten!" - "Corots Madam, die sich frisiert?" - "Die hat Ihr Chef schon einkassiert! Das wäre, weil zutiefst im Trüben, wohl besser ungesagt geblieben" wandte er stillvergnügt ein. -
"Das brachte im Verhör die Wende, der Schelm rieb sich vergnügt die Hände!" ließ uns Franz-Xaver spottlüstern wissen. -
"Aha! - Durchaus verständlich und wohl auch plausibel, doch dem Kommissar zur Unzeit ein Übel", brach es auflachend aus Michael heraus. -
"Wohl wahr! - Die Gauner gaben sich zunehmend kesser, für ihn zeigt's sich nun aber nicht sehr viel besser!" stimmte ihm Xaver schmunzelnd zu. "Doch ohne sich grüblerisch daran zu stören, begann er des weiteren zu verhören:" - "Lithografien von Corinth?" - "Ich weiß nicht, wo die jetzt schon sind?" - "Und die Gouachen von Chagall?" - "Geb' ich nicht her, auf keinen Fall!" - "Ein Aquarell von August Macke?" - "Steckt eingerollt in meiner Jacke!" - "Auch Grafik fehlt, von Erich Heckel!" - "Sie nerven jetzt mit dem Gezeckel! Und stellen Ihre dreisten Fragen, doch nur, um mich dann anzuklagen! Ich weiß schon, würde ich bekennen, dann dürften Sie mich Gauner nennen! - Nee, mein lieber Kommissar, machen Sie sich deutlich klar: Ich bin als Mensch noch nicht verhunzt! Hab' viel Verständnis für die Kunst. - Jedoch, trotz kunstvernarrtem Streben: Ganz ohne Geld kann kein Mensch leben!" -
"Ja-ja, so ist, Ihr ahnt's wohl schon verschwommen, nicht viel dabei herausgekommen! - Der Kommissar war leicht verdrossen. Das Museum blieb geschlossen." beendete Franz-Xaver sichtbar belustigt seinen kunstorientierten Erlebnisbericht. - Nicht ohne noch (gewinnorientiert) freundschaftlich dreinblickend hinzuzufügen: "Wollt Ihr noch länger hier verbleiben? - Sonst werde ich die Rechnung schreiben ..." -
Mit Michael Jaspers - so bemerkenswert damals in München.
-
***

Sonntag, 16. Februar 2020

Gemeinsam nachdenklich gestimmt - und so bedeutsam nach "innen gerichtet" ...

Spürbar geworden, als wir am Strand einer griechischen Insel
in ein redseliges "Miteinander" vertieft waren.
 Im Bannkreis dieser einstigen Wiege des Abendlandes. -
Der Mikis Theodorakis und ich.
Und als wir uns hier, in diesem Elysium, nun abermals
in den inneren Dimensionen unserer Leiblichkeit
so gleichmütig selbst begegneten,
war diese Einkehr doch wahrlich beachtenswert:
"Carpe diem - genieße den Tag", gab nun der Mikis schmunzelnd zu spüren.
"Wohl wahr", erwiderte ich  zustimmend.
"Denn in der Schlußzeile seiner Ode "An Leukone"
 regt der römische Dichter Horaz dazu an,
die knappe Lebenszeit zu genießen."
"Wörtlich genommen hieß es da: "Pflücke den Tag" merkte Mikis an.
"Jaja: "Carpe diem, quam minimum Credula postero:
Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig dem folgenden,
so heißt es da inhalts- und lebensgewichtig", bezeugte ich´s zutreffend.
"Ach ja - einer meiner bereits dahingegangenen Geistes-Gefährten
in Deutschland, der Robert Gernhardt,
er hat´s mit den folgenden Worten damals deutlich gemacht:
Dein Hiersein ist ein Fenster, an dem du kurz erscheinst.
    Dies Fenster nun geöffnet ist, im Zeitraum einer Lebensfrist, 
         die deinem Dasein zugedacht, dann wird es wieder zugemacht. 
   Und alles war dereinst."
        "Wohl wahr", nickte mir Mikis zu, um dann noch eindringlich hinzuzufügen:    
"Non exiguum temporis habemus, sed multum perdidimus, meint:
Nicht wenig Zeit haben wir, aber viel vergeuden wir ...
Denn morgen ist das Heute bereits schon ein Gestern!
Das sollten auch wir beherzigen, Didier", fügte der Mikis dann noch hinzu.
Eine Art aufklärender Nachtrag:
Im sogenannten "Lebensherbst" angelangt, hockten wir dort Wein trinkend.
so offenherzig fabulierend am Strand ...
Damals gemeinsam - derart besinnlich in Griechenland. -
-
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Freitag, 14. Februar 2020

In einer verhängnisvollen Geldverlegenheit ...

Viele Medien haben ja einstmals darüber berichtet - und man hat sich vermutlich auch köstlich darüber amüsiert, als weitreichend publik gemacht worden war, daß der 23-jährige Literatur-Student Björn F. in der Stadt Frankfurt durch einen eigenwillig inszenierten Bankraub dann daraufhin straffällig geworden war.
Und einer Tonbandaufzeichnung des Frankfurter Geldinstituts ist's zu verdanken, daß diese bisher wahrscheinlich äußerst selten praktizierte Art eines Überfalls so wortgetreu erhalten geblieben ist. -
Als "Dumm gelaufen!" betitelte die BILD-Zeitung damals dieses spektakulär aufhorchen lassende Ereignis.
Ja, und folgendermaßen soll sich die damals recht eigenbrötlerisch vom Stapel gelassene Forderung so wortreich ereignet haben:
"Seid mir gegrüßt, ihr Geldverwalter! - 
Besonders Sie, dort an dem Schalter.
Sie werden auch sogleich verstehen, warum Sie mich hier vor sich sehen:
Ich werde diese heil'gen Hallen jetzt einmal zwangsgesteuert überfallen!
Wieso? - Das möchten Sie bestimmt gern wissen? 
D'rum werde ich's erläutern müssen:
Es sind die Geldverlegenheiten, die mir enorm Verdruß bereiten!
Und deshalb werde ich Sie zwingen, daß Sie da in die Bresche springen. -
Vor Wochen war ich schon 'mal hier, doch Ihr Gelächter zeigte mir,
daß Sie mich nicht für voll genommen! - 
Das läßt mich heute wiederkommen ...
Mit dieser bitterernsten Frage, ob meine finanzielle Lage nun hier, 
in Ihrem Institut, augenblicklich - und das gut! 
Doch hilfsbereiten Beistand findet - was mich dann Ihnen sehr verbindet ...
Betont sei freilich explizit: Mein Wunsch heißt keinesfalls Kredit!
Darauf sei höflich hingewiesen, bevor Sie mir die Tour vermiesen!
Das Namensschild an Ihrer Jacke, besagt, daß Sie Frau Petra Kracke.
Mich werden Sie bisher nicht kennen, Sie dürfen mich "Johannes" nennen.
Und wenn ich jetzt noch die Pistole, bedrohend aus der Tasche hole,
dann möge das nun präzisieren, daß wir jetzt keine Zeit verlieren;
um schleunigst - ohne zu verneinen, viel Geld - 
und zwar in großen Scheinen, für mich hier greifbar aufzuschichten. - 
Auf Münzen will ich gern verzichten!
-
Hernach dann, in der zweiten Runde, zeigt sich für Sie ein neuer Kunde! - (!)
Der hoffnungsvoll Gewißheit sucht, wenn er auf's eigene Konto bucht.
Mir scheint, daß Sie das nicht verdauen? Man sollte seiner Bank vertrauen! -
Noch etwas möcht' ich dazu sagen: Sie können sich wohl kaum beklagen!
Nein-nein, Sie schulden mir noch Dank: Das Geld bleibt ja in Ihrer Bank!"
-
Post Skriptum:
"Bankraub ist doch nur eine Unternehmung von Dilettanten. 
Die wahren Profis gründen eine Bank!"
(Da hat er recht, der Bertold Brecht).
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Donnerstag, 13. Februar 2020

Das Drama - infolgedessen kurz vor der Pleite ...

Die mich - wie folgt - derartig schicksalhaft malträtierende, nun offenbar in den Abgrund schleifende griechische Zugehörigkeit:
Tja, man nehme jetzt 'mal die dereinst von Homer geschriebene Erzählung "Ilias" zur Hand - und studiere darin das Kapitel in dem geschrieben ward, daß da ein Ehepaar, namentlich aufgeführt als der oftmals zwielichtig in Erscheinung tretende Okeanus, nun im Verbund mit der ihm angetrauten Tethys als Wassergottheiten im alten Griechenland urplötzlich Karriere gemacht hatten. Als "Ursprung der Götter und aller Dinge" wurde dieses "Ereignis" damals schlechthin benannt und gesetzmäßig verifiziert. -
Ursprung der Dinge, nebst fataler Einflüsterungs-Taktiken, Finten und einer sich bald als unangenehm auswirkenden Cliquenwirtschaft - desillusionierend. Und eine der göttlichen Damen, diese stets als unbarmherzig zu gewärtigende Ate, war ja - bevor sie der Zeus dann unerfreulicherweise aus dem Olymp auf die Erde geschleudert hatte, - so schwesterlich verbunden mit der allmächtigen Tethys zumeist hinterhältig agierend in einer Art himmlischen Einklang.
-
Aus dem "Weltall" nun hier auf dem Globus - zu meinem Verhängnis ...
Denn diese bösartige, ränkesüchtige Göttin des Unheils, sie stand mir (auf Erden!) vor fünf Jahren auf der griechischen Insel Lesbos, im Örtchen Petra, in einer Laden- und Fußgänger-Passage nun unglücklicherweise leibhaftig gegenüber. - Unübersehbar hatte sie sich dort, in einem Massage-Salon, offenbar das altersschwache Gebein durchwalken lassen ... Und ich mich, bei ihrem Anblick, dann spottlüstern über sie lustig gemacht.
Das hätte ich unbedingt besser unterlassen, denn zornentbrannt keifte sie nun daraufhin los:
"áde cháßu malaka!** He! Das wirst Du dein Leben lang bereuen!" fuhr sie mich zornentbrannt an. "Ich werde alles der Tethys berichten, was dann unentrinnbar zur Folge haben wird, daß Du im Alter als bettelarm ein zutiefst verelendetes Dasein zu fristen haben wirst!" -
Unglaublich?
Nein-nein, denn so, wie‘s da rachsüchtig zu spüren bekommen war, ist's ja nun schon im zugrunde gehenden Verlauf angelangt ... Ins Elend getrieben, infolge böswilliger Auswirkungen dieser einstmals vom mythischen Denken geprägten Vorstellungs- und Begriffswelt. - Merde!
So ist´s nun die Quintessenz dessen:
Im Zeitalter und dieser Hoheitsgewalt einer profitorientierten Okkupation, da bin ich ab jetzt wohl nur noch als "Kollateralschaden" zu bewerten.
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** das meint, auf die Sprünge helfend: "Verschwinde Wichser". 
(und ist nur in der griechischen Umgangssprache so "vielsagend" ein Affront.)
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Montag, 10. Februar 2020

So namhaft, berühmt und oftmals bewundert ...

Gleichwohl,
sich dennoch ein sogenanntes Pseudonym sachdienlich zunutze machen zu wollen, das genießt nach § 12 des BGB immerhin ganz und gar Rechtsschutz - und ist seit dem sechzehnten Jahrhundert weltweit zu einem literarischen Trend gediehen.
Wir erinnern uns sogleich an: Moliere, Novalis, Lenau, Stendhal, Mark Twain, Maxim Gorkij, Arsinoe, Tarzan, Micky-Mouse und einige andere inzwischen namhaft gewordene Persönlichkeiten.
Ja - und beachtenswert ist immerhin, daß da in Annäherung an diese als brauchbar erwähnte Maskierung es wohl nicht so ganz auszuschließen ist, daß sich bereits vor etwa 235 Jahren, vermutlich 1785, ein gewisser Wolfgang Amadeus Mozart in der österreichischen Stadt Wien dereinst auch einer solchen Tarnung bedient hat, um diese verlockend köstlichen, beinahe weltweit erhältlichen Schokoladenkugeln unbedingt schon zu seiner Zeit als unendlich gewinnbringend kommerzialisieren zu können ...
Die Mozart-Kugeln!
Denkbar ist's allemal - wir wissen es aber leider nicht so verbürgt. -
"Nomen est omen“, das verdeutlichte schon einstmals bedeutungsvoll der Titus Maccius Plautus, ein römischer Lustspieldichter aus Umbrien in seinen bereits 170 Jahre v. Chr. als „Persa“ publik gewordenen Schriften. Was ja mithin besagt, daß in der Namensgebung unglücklicherweise auch eine nicht immer Erfolg versprechende Vorbedeutung mitbetroffen sein könnte.
-
Recht aufschlußreich und informativ war es da für uns, als wir vor kurzem in einer stadtbekannten Berliner Weinstube ein beachtenswertes Zwiegespräch belauschen durften - im folgendem:
-
„Oh! Sie heißen wirklich Goethe?
Bringt das nicht gewisse Nöte, wenn man, trotz der späten Stunden,
noch immer keinen Reim gefunden?“
"Nein, ich kann mich nicht beklagen, denn an kühlen Sommertagen
ist mir oftmals - ungezwungen - doch ein guter Vers gelungen!
Um meinen Onkel, Karlchen Kant, der einst das Wortgefecht erfand,
wurde es, wie bei Bernd Schiller, schon seit Wochen merklich stiller.
Ja, und der Harald Hölderlin, der hatte neulich, wie mir schien,
hier, wie auch an anderen Orten, sehr viel Kummer mit den Worten!
Letztlich wird es wenig sagen, daß wir große Namen tragen ...
Erwähnt sei da auch meine Tante,
die sich einst dummdreist Puschkin nannte!
Diese Frau hat, ungehobelt, oft literarisch ‘rumgeknobelt,
ob man nicht, wie auch Fontane, Tiergeschichten und Romane ...
Summarisch ging das voll daneben, 
denn ihr textverwirrtes Streben formte keinerlei Akzente!
Und wortlos ging sie dann in Rente."
-
"Ach ja, da ist man wohl überaus geltungsbedürftig!
Hm, als bisher namenloser Mann, bin ich da bisher besser dran," das ließ er letztlich verlauten, der einem bekannten Literaturkritiker fast zum verwechseln ähnliche Weinstuben-Gast. 
- -
Erstaunt, amüsiert und ergriffen, verließen wir bald darauf schmunzelnd diese fabulierfreudig anmutende Destille. - Und urplötzlich begann nun mein Freund Gavrilos schwärmerisch trunken einen reizvollen Absatz aus Puschkins Roman in Versen „Eugen Onegin“ zu deklamieren: „Der Chor der Dichter zischt und kräht, - Gott nein, wie doch die Zeit vergeht!“ so tönte es damals - auf dem Weg zur Einkehr in den Bannkreis der "Kulturkneipe Zwiebelfisch" am Savignyplatz - laut und gewichtig in das nächtliche Berliner Treiben hinein ...
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Freitag, 7. Februar 2020

So wundersam "fabelhafte" Begebenheiten:

Wohl im Anbeginn dessen behauptete der griechische Geschichtsschreiber Herodot dereinst, daß 550 Jahre vor Christi auf der griechischen Insel Samos ein Sklave namens Äsop ansässig gewesen sei. -
Und trotz all dieser zermürbenden Knechtschaft einer tagtäglich zu bewältigenden Zwangsarbeit, habe er, der Äsop, irgendwann damit begonnen, in der ihm noch verbliebenen Freizeit Prosafabeln zu dichten. -
Ja, einstmals im Orient entstanden, von Indern und Arabern geliebt und einfühlsam zum Ausdruck gebracht, hatte etwa um 1785 auch der in Braunschweig geborene August Lafontaine Gefallen an den zumeist ironischen Tierdichtungen gefunden. Ein verheißungsvoller Impuls, denn schon bald darauf avancierte er zum meistgelesenen Autor in der kunstsinnigen Goethe-Zeit.
Tja, solch ein historischer Überraschungserfolg hat den Schriftsteller der nachfolgenden Begebenheit, den Didier Vaselis, jüngst anscheinend wohl doch hymnisch ergriffen. -
Eine Art Höhenflug, in welchem die nachfolgenden Reime so ungezügelt gefabelt worden sind. -
-
Im Mäntelchen aus blauer Seide, zudem noch goldverbrämten Kleide,
so geckenhaft steh' ich im Garten, mit meiner Geige und dem Spaten.
Da zeigt sich keck in einer Hecke, dort eine schleimbeschwingte Schnecke.
Vornehmlich von Musik besessen, war Spatenarbeit schnell vergessen.
Hochmotiviert nahm ich die Geige, begab mich Richtung Heckenzweige.
Tückisch wollte ich bezwecken, jenes Tierchen zu erschrecken.
Und mit Wagnerischem Schwung, aus seiner Götterdämmerung,
klatscht, gleich einem harten Knödel, Tonkunst nun auf Schneckenschädel.
Doch manches zielt ins Ungewisse, gedenkt man nicht der Hindernisse.
So, als hätte sich's verschworen, spitzt der Schneckerich die Ohren;
schiebt, als sei man im Verbund, sich eine Flöte an den Mund!
Schon spielen wir, wohl durchaus nett, jetzt Mozarts Requiem im Duett.
Wenn's auch niemand glauben mag: Ergötzlich war der Nachmittag!
Nun ja:
Ein Zauderer erfährt das nie! Dem Suchenden wird's Poesie.
-
Hier sei nun noch, von ihm, dem Didier Vaselis, so selbstgefällig hinzugefügt, daß der römische Dichter-Kollege Publius Vergil, wäre er seinerzeit per Zufall zum Augen- und vorrangig Ohrenzeugen solch einer reizvollen Begegnung geworden, wohl freudig erregt einst gerufen hätte: "Experto credite!" - Glaubt dem, der es selbst erfuhr! -
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Montag, 27. Januar 2020

Neulich, in einer beliebten TV-Talkshow:

Einer in Hamburg beheimateten Fernsehanstalt ist es zu verdanken, daß wir ihn jüngst noch einmal reimlüstern miterleben durften, den inzwischen zur Kultfigur avancierten Lyriker Lambert-Jodocus R. -
In einem Frage-und-Antwort-Plausch dort der Moderatorin abwartend gegenüber sitzend, brachte er binnen kurzem all die verfügbaren Versschmiedehebel in Bewegung, um die Beantwortung ihrer zumeist recht indiskreten Ausfragerei dennoch poetisch in Einklang zu bringen. - Während die angespannt aufhorchende TV-Dame sichtbar angestrengt versuchte, diese gereimten Entgegnungen nun in einem schlüssigen Zusammenhang zu begreifen. - Denn zunehmend wurde das beredsame Miteinander in eine  dramatisch geformte Sprachregelung hineingesteigert. -
Und das folgendermaßen:
"Verzeihung!" begann die Moderatorin süffisant lächelnd ihren Einstieg in die Ausfragerei zu gestalten, "Aber Sie haben einmal erstaunlich offenherzig erwähnt, daß Ihre Mutter Sie gleich nach der Geburt ..." -
"Ja-ja, sie hat den Blick auf mich gerichtet - und auf das Mutterglück verzichtet!" fiel er ihr losprustend ins Wort. -
"Tatsächlich?" horchte sie auf. "Nun, das klingt ja beinahe schon etwas ressentimentgeladen. - So könnte man's unverhüllt meinen." -
"Mag sein - ein wenig Bitterkeit, wird manchmal laut, von Zeit zu Zeit", ließ er's als allzumenschlich verlauten. -
"Verständlicherweise", stimmte sie zu. "Aber wie hat denn der leibliche Vater auf dieses eigentlich doch freudige Ereignis reagiert?" -
"Wohl nicht erpicht auf schwangere Frauen, ist der ins Ausland abgehauen!" winkte Lambert-Jodocus wegwerfend ab. -
"Auch das noch!" nahm sie's erstaunt zur Kenntnis. "Gottseidank wurden Sie ja später liebevoll von der Großmutter aufgenommen. Aber wie hat sich denn Ihre - äh - Selbstfindung in diesem nun zwangsweise großmütterlichen Lebensbereich konstituieren können?" -
"Ich kann's auch heute kaum noch fassen: Sie hat mich stets gewähren lassen!" teilte er mit. -
"Hm? Eine außergewöhnliche Erziehungsmethode - meinen Sie nicht?" -
"Sie hatte zweifellos auch Macken, doch nie den Fuß in meinem Nacken!" betonte er's grinsend. -
"Oh! - Darf ich das jetzt immerhin als eine fröhlich gestimmte Ermunterung dafür verstehen, daß man die Persönlichkeitsentwicklung der ja ans Herz gewachsenen Nachkommenschaft demnächst wohl erfolgversprechender den Großmüttern überlassen sollte?" -
"Das möchte ich hier nicht beschwören! Was kümmern mich die anderen Gören?" wehrte er's ab. -
"Die Oma als alleinerziehende Bezugsperson! Das hört sich - zumindest aus Ihrem Mund -, nun doch sehr vielversprechend an. - Aber gab es in dieser so unbeschwert aufleuchtenden Gestimmtheit nicht ab und zu doch einmal diese oder jene Beunruhigung?" -
"Natürlich!" räumte er's ein. "Auch die hat's hie und da gegeben. Präsent war ja das wahre Leben!" -
"Also doch! - Können Sie uns diesbezüglich 'mal freiheraus etwas erzählen?" bedrängte sie ihn. -
"Warum nicht?" stimmte er bei: "D'rum mach dich stets auf 'was gefaßt, wenn du noch eine Oma hast! Denn oftmals fallen die alten Damen, ganz ungezügelt aus dem Rahmen." -
"Interessant! Wenn es für Sie noch gegenwärtig ist, dann sollten Sie es jetzt bitte mir und unseren fünfzehn Millionen Zuschauern doch etwas näher veranschaulichen!" -
"Wohlan: Was einstmals durft' ich miterleben, das will ich gern zum besten geben", willigte Lambert-Jodocus ein - und legte dann eindrucksvoll los:
"Dunkel war's, der Mond schien helle, ringsumher döst die Natur.
Als meine Oma, äußerst schnelle, Skateboard auf der Straße fuhr!
Staunend sahen das Polizisten, die auf Streife 'rumkutschiert.
Und vermutlich gerne wüßten, wann sie die Balance verliert ...
Doch Oma hat mit letzter Kraft, trotz etwa dreieinhalb Promille,
dann auch den Heimweg noch geschafft.
Entscheidend war ihr starker Wille." -
"Hahaha! Sehr belustigend. - Lieber Lambert-Jodocus, ich danke Ihnen für diesen so aufschlußreichen Gedankenaustausch." -
-
Hernach - der Lyriker hatte bereits das Studio verlassen ...
"O Gott!" stöhnte die Moderatorin auf. "Heute reicht es mir voll und ganz! Denn dieser nervtötende Dichterling hat mich mit seiner reimsüchtigen Beantwortung vollkommen geschafft, schier um den Verstand gebracht!" rief sie wutentbrannt dem Aufnahmeleiter zu; als Lambert-Jodocus, sichtbar gelangweilt, bereits in den endlosen Weiten des Studios entschwunden war. -
"Ach ja, ich kann das gut verstehen! - Wollen wir noch beide essen gehen?" getraute sich der die schöne TV-Dame seit einigen Wochen liebeshungrig anhimmelnde Aufnahmeleiter hoffnungsvoll zu erfragen. -
Vor kurzem, in einem der großräumigen Studios eines norddeutschen Fernsehsenders. -
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Mittwoch, 15. Januar 2020

PARIS - und eine "theatralische Rückschau" ...

Und so fast leibhaftig greifbar nun einmal "zurückblickend" in einen wahrlich Aufsehen erregenden Zeitabschnitt:
-
Vorab sei bedeutsam bezeugt, daß nicht nur ein sauflustiger, bereits zügellos gewordener Alkoholkonsum - oder der anhaltende Gebrauch halluzinogener Drogen immerhin so viel bewirken kann, daß sich da etwas urplötzlich heraufbeschwört - und alsbald ichbezogen in die hernach überraschend offenbar werdenden Wege geleitet. -
Nein, denn ...
Ein psychologisches Phänomen, das einstmals französisch als „Déjà-vécu“ bezeichnete - und zuweilen bedenklich Wirklichkeit werdende „Schon erlebt“. - (auch als: déjà = bereits oder schon, vu = gesehen), das läßt hin und wieder auch ohne stimulierende Rauschmittel so einiges lebensvoll zutage treten.
Im ersten Abschnitt seines Buches „Dichtung und Wahrheit“ beschreibt Goethe eine Begebenheit, die solch einem Fausse reconnaissance, diesem „falschen Wiedererkennen“, so allerhand Ausdruck verleiht. -  
„Kokolores! Vernunftwidrige, hirnrissig gesponnene Flausen!“ räsonierte einst unbelehrbar abweisend der Freud-Schüler Sebastian Heil-Resistere, als der Großmeister der Psychoanalyse sich hinsichtlich dessen murmelnd ins Nachdenken vertieft hatte.
„Nein-nein, sie vereinsamter Nihilist! - Der Auftakt für die als Déjà-vu charakterisierten Erlebnisse, ist einzig und allein mit den verdrängten Phantasien der menschlichen Wesen präzis zu verdeutlichen!“ wurde der angehende Seelen-Voyeur sogleich eines Besseren belehrt. -
-
Ja, all das gab mir nun doch zu denken, als ich vor kurzem einen mehrseitigen Brief aus Paris - geschrieben von einem Freund, dem Pianisten Javiero Garcia Sánchez - neugierig geöffnet und zunehmend beunruhigt gelesen hatte. - Javiero, ein Verwandter des 1894 in Madrid verstorbenen Musikpädagogen Francisco Asenjo Barbieri, er lebt seit seinem Studium an der Académie Royale zumeist in Paris, im Quartier Latin, im fünften Arrondissement dieser Stadt. -
Wir hatten uns 1973 in Paris kennengelernt, als ich dort einige Jahre freiberuflich als umherreisender Journalist für die bereits im Jahr 1964 von dem französischen Philosophen André Gorz dereinst in Szene gesetzten Wochenzeitung "Le Nouvel Observateur" tätig - und Javiero daselbst einige Monate als Volontär beschäftigt gewesen war. -
Da ich nun seit langem in einer norddeutschen Region und einige Monate in Griechenland ansässig geworden bin, trafen wir uns hin und wieder nur noch in Frankreich; das aber selten. -
Zurück zur soeben geöffneten Post aus Paris: Nebst einer CD mit der Klaviermusik des Komponisten Erik Satie, hielt ich vier eng-beschriebene Seiten in Händen. Und war mir - nach einem kurzen Überblick dessen - sogleich auch darüber bewußt, daß mich das Wesentliche einer brieflich anscheinend derart eindringlich beschworenen Imagination vermutlich im nachhinein wohl erst einmal nachdenklich stimmen - und sich dann, als schwer zu bewältigend, alsbald offenbaren würde:
-
"Paris, 12. Juni, 2009 -
Didier cher ... Qu‘est-ce qui s‘est passé?  -  (Was ist geschehen?)
Oui, Du wirst es vermutlich gar nicht für möglich halten - und Deiner diesbezüglichen Einstellung gemäß, nur milde gestimmt lächeln. Aber die meinen Zeilen beiliegende Tondichtung des Erik Satie, sie beschwörte da neulich urplötzlich in mir einen recht melodramatisch gearteten Rückblick zutage ... Reinkarnation? Haben wir schon einmal gelebt?
Uns muß es schon 'mal gegeben haben!
Denk einen Augenblick angestrengt nach und zugleich auch inhaltsgeladen zurück - dann wird die im folgenden nun wieder auflebende Begebenheit auch Dir sogleich wahrhaft und wirklichkeitsnah vor einem geistigen Auge erscheinen:
Dieser dereinst gemeinsam erlebte Monat Mai 1917, hier, in den für uns einstmals heimatlich gewordenen, wie wohl oftmals auch desillusionierend aufblitzenden Gegebenheiten in dieser einzig benutzbaren Wüste (Camus) Paris ...
Ist das präsent? Liegt all das für Dich nun zutage? - Nein?
Dann werde ich Dir jetzt hinweisend auf die Sprünge helfen! - Eh bien:
Rauchend und Wein trinkend saßen wir damals nachdenklich gestimmt in der Feuilleton-Redaktion des Nouvel-Observateur und sprachen über die demnächst im Théâtre du Châtelet stattfindende Inszenierung von Musik, Ballett und der Malerei, dieser als „kubistisches Manifest“ bezeichneten, alsbald debütierenden Theateraufführung. 
Du erinnerst dich? - Nein, noch immer nicht?“
-
Unabhängig davon, daß ich mich daran partout nicht erinnern konnte, war es erst einmal in Betracht zu ziehen, daß es den Nouvel Observateur damals noch gar nicht gegeben hat.
Denn als Erstveröffentlichung dieser bald zur meist gelesenen Zeitung gediehenen Druckschrift, ist der von Claude Bourdet 1950 in Umlauf gesetzte L‘Observateur zu erwähnen.
Da offenbarte sich in Javieros phantastisch aufblühendem Sentimentalitäts-Geschehen doch schon ein inkorrekt aufscheinendes Denkzeichen, so bedachte ich‘s kurz - um gleich darauf erwartungsvoll weiterzulesen:
-
„Incroyable! (unglaublich!) Aber ein vermutlich aufsehenerregender Hinblick auf das bevorstehende Spektakel war schon vorab zu gewärtigen, als wir drei Tage vor der Uraufführung nachmittags bei der Anbahnung dessen dort dann schaulüstern zu Gast waren! 
Na, ist es nun doch gegenwärtig?
Du mußt das vor Augen haben! Den übereifrig herumwieselnden Jean Cocteau, in dem von ihm so absonderlich geplanten Szenario.
Dazu, gewöhnungsbedürftig im Hintergrund eines futuristisch erschaffenen Bühnengeschehens: Erik Saties für uns ja bis dato noch ungewohnte, von ihm extra für diese Aufführung konzertierte exzentrische Tondichtungen ... Nein, da ist noch kein Rückblick in Reichweite? Das nehme ich Dir nicht ab; gib‘s zu, Du verweigerst dich! Mußt Du jetzt alles derart ernüchternd vereiteln wollen? - Auch die Choreographie und zudem noch tänzerische Meisterschaft des Léonide Massine? Der Tänzer des Balletts Russes - und Liebhaber des Choreographen Diaghilew - der ja damals dort auch umtriebig zugegen war. Oui, schieb einmal all diese unfreundlich aufblitzende Abwehr aufnahmefähig beiseite! Dann wird sich Dir alles umgehend durchaus so malerisch offenbaren: Gewiß der übereifrig umhereilende Kostüm- und Bühnenbildner Pablo Picasso ... - Aha! Aufhorchen lassend, zeigt sich da zwingend der Malerfürst! Er setzt wohl ad hoc unter Druck und nötigt nun doch zu einem bereitwillig aufkeimenden Wiedererscheinen dieses vor Jahren ja gemeinsam so eindrucksvoll miterlebten Bühnenspektakels.
Nein, noch immer nicht?
Denk 'mal zurück: Wir waren ja damals durchaus beeindruckt ...
Nicht so der Großteil des Publikums am Abend der Premiere am 18. Mai 1917! - Lautstark geäußerte Ablehnungen brachten Tumult in den Saal - und verursachten einen Skandal! Wie Du wohl weißt.“
-
Hm? - Javiero - und erneut die Beeinflussung durch Opium?
Versuchte ich‘s zu ergründen; mich auch daran erinnernd, daß er seit langem schon ein Bewunderer des am 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt verstorbenen enfant terribles Jean Cocteau war. Und sich 1976, in Paris, als Besucher einer Versteigerungs-Aktion Cocteaus‘scher Wertobjekte im Bereich der beweglichen Habe, zwei der hier unter anderem angebotenen Opium-Pfeifchen zu eigen gemacht hatte. -
Oui, offenbarte sich hier nun doch eine derart beeinflußte Willenslenkung halluzinierend einwirkender Drogen? 
Trotz allem laß ich erwartungsvoll weiter:
-
„Voilà, erinnerst Du dich manchmal noch an den oftmals abwertend begutachtenden Schmähredner Jean Poueigh? „Man hat da auf die nie endende Dummheit der Menschen spekuliert“, ließ er, der bekannte Musikkritiker, sich damals derart gestreng in einigen Zeitungen über das extravagant inszenierte Bühnenereignis aus. Eventuell ist es Dir wahrhaftig nicht mehr in Erinnerung geblieben, daß Erik Satie ihm daraufhin stockwütend eine Postkarte mit dem folgenden Wortlaut geschrieben hat: „Monsieur et cher ami - vous êtes un cul, un cul sans musique!“ (Mein Herr und lieber Freund - Sie sind ein Arsch, ein Arsch ohne Musik!) -
„Am darauffolgenden Tag - Das wirst Du wohl kaum vergessen haben! Da saßen wir ja dann noch, vertieft in ein wortgewaltig gestaltetes Miteinander, bei der reizenden Madame Misia Sert im eleganten Salon ihrer Wohnung am Quai Voltaire ... - Anwesend waren - wie es nun wirklich noch erinnerlich sein müßte: Ein oft buhlerisch um Léonide Massine herumtänzelnder Serge Diaghilew. Und der spür- und sichtbar um Aufmerksamkeit bemühte Jean Cocteau. Ein dandyhaft gekleideter Marcel Proust, dessen hin und wieder durchdringend laut werdendes Lachen uns alle erschauern ließ. Und im kontemplativen Abseits ein sich angeregt mit dem Maler August Renoir unterhaltender Freund und Kumpan Toulouse Lautrec. - Oui, und um Mitternacht erschien dann auch noch der unserer Misia dereinst das Musikstück „La Valse“ gewidmet habende Komponist Maurice Ravel“. -
-
„Javiero, Du hast Max Jakob, Guillaume Apollinaire und auch den damals dort anwesenden Pablo Picasso gar nicht erwähnt!“ murmelte ich, obschon noch immer recht unzugänglich gestimmt ...
Kopfschüttelnd und trotz allem nun doch auch schon schwärmerisch zwangsgesteuert in eine gefühlvoll aufleuchtende Rückschau in die reizvoll erlebte Zeit in Paris entrückt, nahm ich die bereits geöffnete Flasche Rotwein zur Hand und begab mich nebst Glas und dem Brief des Freundes auf die Terrasse meines Häuschens im Norden der griechischen Insel Lesvos. - Sanftmütig gestimmt, war ich dann gleich darauf weiterverfolgend wieder in Javieros daseinsfreudiges und wortreich zu spüren gegebenes Wunschtraum-Gebilde vertieft - in diesem erweiterten Ausmaß:
-
„Verspätet kam dann, wieder einmal angetrunken, „Monsieur Pauvré“, wie er in einschlägigen Kreisen oftmals benannt wurde: der Erik Satie. - Didier, das kannst Du unmöglich vergessen haben!“ stand da zu bewegen suchend geschrieben. - „Auch eingedenk dessen, daß Du es ja warst, der dann, bereits in den beginnenden Morgenstunden, den inzwischen volltrunken wankenden, rheumatisch einherstolpernden Erik hilfreich nach Hause, in sein zellenartiges, mit allerhand Trödel, Gerümpel und Plunder vollgestopftes Kämmerlein, damals noch in der Rue Corot, stützend geleitet hast!“ -
-
Par bleu! Ich versuchte mir das nun leibhaftig vor Augen zu stellen. Und dachte dabei an Platon, der einmal diesbezüglich bekundet hat: Nur die ewigen Ideen sind das eigentlich Seiende!
Ach Javiero! - Beeindruckt und nun wohl auch zunehmend beeinflußbar Wirkung gewahr werdend, las ich aufmerksam weiter:
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„Unterwegs, so hast Du es damals uns allen erzählt, warst Du ja angeblich immer wieder sehr darum bemüht, ein wenig mehr über sein der mittelalterlichen Mystik entliehenes Musik-Emfinden, dieser Rückkehr zu einer klassischen Prägung dessen zu ergründen. -
Das sollte nun doch gegenwärtig sein ... "Er sei noch immer in die Erweiterung seiner Gymnopedien vertieft und das kontinuierlich!" hat Dir der trunken einherstiefelnde Erik abwinkend zu verstehen gegeben, so hast Du uns damals darüber berichtet. - Nebenbei bemerkt, sind das die Kompositionen, die mir noch immer am besten gefallen. Nein, nicht so die einstmals erlebten Tondichtungen dieser theatralischen Aufführung „Parade“
Stimmen wir da überein?“ -
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Was das angeht: ja, dachte ich beiläufig ...
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„Im Flur seiner ärmlichen Bleibe angelangt“, berichtete Javiero schriftlich weiter, „hat er Dir - wie Du es derzeit ja stillvergnügt betont hast -, dann schlußendlich noch aufgebracht zugeraunt: "Möge dem Armseligen, der mich übersieht, die Zunge verbrennen - und auch das Trommelfell platzen!" -
Mon dieu! Wenn Du dich daran nun nicht mehr erinnern kannst, dann schöpfe ich doch den Verdacht, daß ich ab jetzt unerfreulicherweise an Deiner Merkfähigkeit zweifeln muß! - Laß es mich wissen, ruft sorgenvoll ausharrend einer der wenigen Dir aller Wahrscheinlichkeit nach wohl noch verbliebenen Freunde, im derzeit regnerisch verschnupft machendem Molloch Paris.“ -
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Unserer langjährigen Freundschaft zuliebe, galt es nun herzlich und angemessen darauf zu antworten ...
Immerhin, dem bereits genußfreudig getrunkenen Wein zur Folge, würde die Beantwortung seiner gefühlsselig formulierten Zeilen dann auch hoffentlich zusagend und erfreulich zuwege gebracht werden.
Nun ja:
„Wer ein bewußtes Leben führen will, der muß das im flüchtigen Strom seiner Erinnerungsbilder tun!“ so hatte es ja schon der in Berlin lebende Philosoph Stephan Otto dereinst konkretisiert. -
In Anbetracht dessen, griff ich bald darauf seelenvergnügt zur Feder, um gleichgestimmt, wie einstmals Schulter an Schulter, nun emotional aufgekratzt aufs Geratewohl "zurückzublicken":
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Skala Sykaminias, Lesvos, Greece, am 14. Juni, 2009 -
Mon cher Javiero,
wohl wahr, es bleibt unvergessen - und natürlich erinnere ich mich an all das von Dir urplötzlich nun so gefühlsreich erneut vor Augen geführte damalige Geschehen. - Wenn ich da zutreffend zurückschaue, dann bist Du ja damals bald darauf, im Juni 1917, nach Madrid abgereist, um Deine Mutter zu besuchen und am dortigen Konservatorium drei Jahre lang als Musiklehrer zu unterrichten. - Das ist nun durchaus erwähnenswert, mein Freund!  -
Denn in diesem beachtenswerten Zeitraum, da hat sich ja noch so einiges aufsehenerregend ereignet ...
Als Du noch in Paris anwesend warst, da sprachen wir eines Abends mit Guillaume Apollinaire über einen neuen Geist des Überrealismus - er nannte es „sur-realisme“, Du erinnerst dich daran? Gemeint war: Das Wirkliche mit dem Unwirklichen zu verknüpfen ... -
So annähernd im Unwirklichen trat dann zutage, was ich kurz nach Deiner Abreise erleben durfte:
Wir (die Redaktion) hatten in Erfahrung gebracht, daß Picasso wieder einmal die Gespielinnen ausgewechselt hatte, Olga Chochlowa war jetzt die Favoritin. Im Juli 1918 hat er die Dame dann geheiratet. - Cocteau war der Trauzeuge. Oui, und ihn habe ich dann gebeten, mir einen Termin für ein Interview zu beschaffen. - In der darauffolgenden Woche hat‘s dann auch geklappt, der Meister hatte es gönnerhaft geschehen lassen ...
Wohlan - und somit zurück ins damalige "Geschehen":
Picasso war ja inzwischen nicht nur berühmt, sondern auch wohlhabend geworden. Als ich die neue Wohnung in der Rue la Boétie betreten hatte, stand mir ein auffallend bürgerlich sichtbar werdender Maler gegenüber: Im maßgeschneiderten Anzug, mit einem Ziertuch in der oberen Jackentasche und einer auffällig hervorleuchtenden goldenen Uhrkette am Knopfloch. - Es verschlug mir die Sprache, als ich die luxuriös ausgestatteten Räume näher in Augenschein nehmen konnte: Olgas strategische Einflußnahme, so bedachte ich‘s, als mich der Meister überraschend freundlich dazu aufforderte, nun ihm gegenüber Platz zu nehmen. - Kurz zusammengefaßt: Im Laufe des einseitig stattfindenden Gesprächs wurde mir deutlich gemacht, daß ich ein Interview nur bekommen könnte, wenn ich schon morgen früh als Chauffeur zur Verfügung stehen würde. - Er habe sich gestern ein Automobil gekauft, einen Hispano-Suiza; weder er noch Madame Olga hätten jedoch eine notwendige Fahrerlaubnis. Auch der Freund Erik, Monsieur Satie nicht, der ja morgen dabeisein würde ...
„Wo man denn so übereilt hinfahren wolle?“ habe ich, offensichtlich total überrumpelt, nachgefragt.
„Nach Antibes, um dort, am La Garoupe benannten Strand im Kreis der feinen Gesellschaft ein wenig mitmischen zu wollen!“ gab mir Picasso abfällig grinsend zu verstehen. -
Ich hatte begriffen: Le High Life - das Treiben der Prominenten - und Madame Olgas offenbar lebenswichtiges Begehren, daselbst nun beachtet werdend mithalten zu können. -
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Am Morgen darauf klingelte ich, repräsentabel gekleidet - ich hatte mir am Abend zuvor von Max Jakob noch einen Anzug geliehen -, abreisebereit dastehend, an der Wohnungstür der Familie Picasso.
Olga öffnete mir - und nahm mich mißbilligend in Augenschein: „Nein-nein, so geht das nicht!“ fuhr sie mich an. „Das werden wir jetzt sofort passend umgestalten!“ ließ sie mich wissen, rauschte davon und schon wenige Minuten später hielt sie mir die vollständige, komödienhafte Montur eines Chauffeurs unter die Nase! - „Keine Widerrede, Sie ziehen das nun sofort an!“ wurde bestimmt. -
Javiero, Du kannst dir vielleicht mitfühlend deutlich vor Augen führen, wie mir damals zumute war ...
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Trotz allem gestalteten sich diese dereinst erlebten Tage wahrhaft zu einem unvergeßlichen Reisegeschehen. Am ersten Tag fuhren wir bis hin nach Lyon - es gab ja damals noch keine Autobahn -, und am zweiten Tag erreichten wir dann gut gelaunt schließlich das Städtchen Antibes. -
Fürwahr: Eine anstrengend verlaufene Autofahrt ...
Andererseits sich ausreichend ergebende Stunden, um hernach wirklich ein aufschlußreiches und bemerkenswertes Interview konzipieren zu können. -
Javiero, derart inhaltsgeladen nun so überraschend zurückblickend, ist da noch etwas erwähnenswert: Als der Erik Satie am 1. Juli, 1925 in Paris verstorben war, da fanden wir - Max Jakob und ich - in seiner Wohnung noch die inzwischen weltweit bekannt gewordene Komposition „Vexations“ - „Quälereien für ein Soloklavier“, wie er die Tondichtung ja scherzhaft benannt hatte. -
So viel erst einmal für heute, mon ami; auch hinsichtlich eines hin und wieder aufblühenden Erinnerungsvermögens, - salut, à bientôt - ton Didier. -
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Post Skriptum: 
Wissenschaftliche Untersuchungen haben aufsehenerregend erkundet, daß 50 bis 90 Prozent der auf diesem Globus gern lustbetont weilenden Menschen derartig traumhafte Erscheinungen dieser beunruhigend phantasievollen Beschaffenheit bereits oftmals durchlebt haben - und gegebenenfalls auch uneingeschränkt beurkunden können.  
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