Mittwoch, 20. September 2017

Mein PARIS, so malerisch wiedererwachend - :

In einer ausschweifenden Gemütsbeschaffenheit ...
"Ja, uns muß es leibhaftig schon einmal gegeben haben!" betonte ein Maler-Freund vor kurzem in Paris enthusiastisch und fast schon beschwörend diese scheinbare Rückschau. -
"Oui, zweifellos! Diese als Reinkarnation oder auch Wiederfleischwerdung benannte Rückkehr, sie verschafft uns erneut eine traumhafte Entfaltung und Neubelebung am reizvollen Schauplatz all dieser dereinst so liebgewordenen Lebensbejahungen", murmelte ich beipflichtend - und wohl auch schwärmerisch zustimmend.
"Très bien! (Sehr gut!) - Aber eine beachtliche Anzahl der Erdenbürger meint, das sei hirnverbrannt, abwegig und lachhaft!"
"Vergiß sie! Das sind desillusioniert dahinlebende Verweigerer."
"Certainement! (Gewiß!). - Oui, man sollte das demnach wohl nicht allzusehr überbewerten ... Hm? Kannst Du dich jetzt denn noch so ganzheitlich zurückversetzen, in das nun seit langem entschwundene Paris d'autrefois - unser altes Paris?" brach es ergriffen aus ihm heraus.
"Selbstverständlich. Und das immer wieder - liebend gern!" gab ich ihm wünschenswert zu verstehen.
"Oui, dann laß uns 'mal miteinander entfleuchen, in ein Wiederaufleben der einstmals so tatendurstig geschätzten Lebensgestaltung."             
"Avec plaisir! (mit Vergnügen!) Erinnerst Du dich jetzt noch an diesen gemeinsam wohl doch als beeindruckend erlebten Tag im Monat März des Jahres 1908?"
"Da muß ich erst einmal nachdenken ... Oui, nun entsinne ich mich. -
Allein schon deswegen, weil ich ja nachmittags mit dem Kunsthändler AmbroiseVollard verabredet gewesen bin, um ihm hoffentlich eine kleine Federzeichnung von Henri Matisse verkaufen zu können."
"Ein Original von Matisse, wie konntest Du das denn erbeuten?"
"Als Leihgabe - von Daniel Kahnweiler."
"Als Leihgabe? Ich verstehe. - Mon dieu! Julien, irgendwann hätte dich Monsieur Kahnweiler dabei erwischt!" gab ich anmahnend zu bedenken.
"Non, bisher hatte es ja immer geklappt, bei Dir doch auch, mon ami! - Aber was war denn da für dich so aufregend geschehen, an diesem Tag im Monat März?" versuchte er ausweichend zu taktieren.
"Zumindest nichts mit einem kriminellen Hintergrund!" ließ ich's noch einmal anmahnend fühlen.
"Du nervst, denn meine diesbezügliche Kunstfertigkeit hatte uns dazumal ja des öfteren ein wenig vor Not und Verelendung bewahrt, das sollte Dir doch als befürwortend in Erinnerung geblieben sein!"
"Julien, Du übertreibst 'mal wieder! Denn das hatte sich doch inzwischen "zum Guten" gewandelt, hast Du das etwa schon wieder vergessen?"
"Hm? An was müßte ich mich denn da jetzt so hinlänglich nacherleben könnend erinnern?" horchte er kopfschüttelnd auf.
"Daran, daß ich seit dem so vielsagend erwähnten Tag im März immerhin der stolze Besitzer von zwei Picasso-Tuschezeichnungen gewesen war!"
"Von Pablo - geklaut!! - Wie hattest Du das denn gemeistert?" schaute er mich tief beeindruckt an.
"Nicht mitgehen lassen! Er hatte sie mir geschenkt, weil ich seine damalige Lebensgefährtin, die bezaubernde Fernande Olivier ja hin und wieder ... Aber das möchte ich hier nun doch nicht näher verdeutlichen. Jamais! (Niemals!)  - Bei Pablo stibitzen! Für wen oder was hältst Du mich eigentlich?"
"Wenn ich das jetzt gefühlvoll zur Sprache bringe, dann ... Ach, ne m'en veuillez pas! (Nichts für ungut!) Aber was hatte sich denn an diesem besagten März-Tag so aufsehenerregend abgespielt? Ich kann's momentan gar nicht so bildhaft wiederauftauchen lassen", gab er mir zu verstehen.
"Auch das nicht, daß ich in unserer damaligen Bleibe, dieser chaotisch-heimeligen La ruche, mit meinem damaligen Nachbarn Georges Braque in eine Art Disharmonie hineingeraten war?"
"Ach ja, von Guillaume Apollinaire wurde mir später darüber berichtet! Du hattest dir von Georges das Fahrrad geliehen - und ohne Bedenken zu Bruch gefahren, weil Du wieder 'mal stockbesoffen ..."
"Jetzt beherrsch' Dich erst einmal bitte!" unterbrach ich ihn schmollend. -
"Ja, wir hatten vorab im Lapin à Gill ein wenig dem Wein zugesprochen, drei Flaschen vom Feinsten, die Cocteau uns spendiert hatte. - Weit nach Mitternacht, wollte ich dann Pablo noch heimwärts ins Bateau-Lavoir kutschieren - und dabei ist's dann geschehen."
"Wie das denn?"
"Du stellst mir da saudumme Fragen. Ich möchte Dich 'mal erleben, mit einem betrunkenen Picasso hinten auf dem Gepäckträger eines Fahrrads, der lauthals spanische Lieder singend auch noch andauernd "Olé! brüllt - und dir dazu dann stimmungsvoll mit beiden Fäusten auf dem Rücken herumtrommelt!"
"Das ist bedauerlicherweise ja nun nicht mehr durchführbar", wandte er zutreffend ein.
"Nun ja, leider ging's dabei noch zunehmend bergab, auf dem damaligen Kopfsteinpflaster der Rue Ravignan! Abbremsen war schlechthin nicht mehr möglich, und wir sind dann somit recht unsanft an der hölzernen Tür der alten Maler-Klause verhängnisvoll zum Stillstand gekommen." -
"Und dabei wurde das unentbehrliche Fahrrad dann ein wenig zertrümmert! Oui, was offenbar den Eigentümer dieser sicherlich liebgewonnenen Gerätschaft verzweifelt die Hände ringen ließ."
"Non, zu Fäusten geballt, wollte er mir damit seine derzeitige Entrüstung so handgemein zu Leibe gehend schmerzhaft zum Ausdruck geben! - Oui, und wenn nicht der stets mitleidend empfindende Guillaume Apollinaire beschwichtigen wollend dazwischengegangen wäre, dann ...
Ich mag gar nicht daran zurückdenken!"
"Das ist naheliegend, aber immerhin hattest Du ja dem Georges so allerlei Ungemach bereitet! - Der Max Jakob erzählte mir am Tag danach, daß euer so lautstark vom Stapel gelassenes Palaver den Maler Van Dongen anscheinend dermaßen in Rage gebracht haben soll, daß er sogleich eine tote, bereits unangenehm riechende Katze, die er vorab zu malen begonnen hatte, Dir daraufhin wutentbrannt ins Genick geschleudert haben soll."
"Non, Du dramatisierst da alles ein wenig überbetont! Denn es war ja nur noch das Fell der Katze. - Der Kees van Dongen war ja seinerzeit dermaßen verarmt, daß die Innereien rein zufällig bei ihm und seiner großen Familie endlich einmal eine sättigende Mahlzeit möglich gemacht hatten ..."
 -
Oui, wir wollten es anfangs nicht wahrhaben, aber töricht und unüberlegt in Szene gesetzt, war sie bedauerlicherweise ein wenig entzaubert worden, unsere geistesverwandte Rückschau.
Denn ...
"Das von Dir ja geplante Abendessen in der Rhumerie Martiniquaise, das mußt Du wohl demnächst allein genießen, da mir diesbezüglich ein kulinarisches Gelüst vorerst abhanden gekommen ist", gab mir der Freund abwinkend zu verstehen, als wir unglücklicherweise unsere Rückschau desillusionierend zum Erliegen gebracht hatten.
Unlängst, mit Julien, im sich wieder einmal so gegenwartsnah anschaulich machenden Paris d'autrefois.
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Eine Art "Nachtrag" -  im Mai 2016:
Oui Julien, Deine dionysisch gestimmte Nachricht habe ich erhalten.
Die Insel-Faszination! - (Griechenland - Ikaria)
Nein, nach meiner verhängnisvoll-niederdrückenden "Bruchlandung",
da bin ich inzwischen fast schon "wohlauf", es geht mir so "hinlänglich" gut.
Trotz allem mußt Du dich wohl doch noch ein wenig gedulden,
denn Ulrike ist ja beruflich gebunden. - Le vol aller?
Wir können infolgedessen erst im Herbst nach IKARIA kommen. -
Keine Sorge, die Gouachefarben bringe ich dann mit.
Je te salue - Didier - à bientôt.
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***

Donnerstag, 14. September 2017

August von Goethe:

Der Sohn des Dichterfürsten.
"Das Gewöhnliche im Ausdruck", hatte Charlotte von Stein einmal das charakterisiert, was im folgenden so freiheraus nun doch ein wenig näher in Augenschein genommen werden soll ...
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Wieder einmal war man damals hoffnungsvoll angespannt und wohl auch unruhig abwartend beieinander ... Denn zuvor mußte sie den Leidensweg einiger Fehlgeburten ertragen, die Ehefrau des Dichterfürsten Johann Wolfgang von Goethe, Christiane Vulpius. - Am 25. Dezember, 1789 war dann endlich das bereits lang ersehnte, freudige Ereignis trotz allem Wirklichkeit geworden: Ein Knäblein hatte in Weimar mühevoll das Licht der Welt erblickt. -
Heranwachsend zuvor als zumeist unauffällig beschrieben, geisterte der Filius schon bald darauf unaufhaltsam hinein, in eine aufmüpfig sich in Szene setzende Sturm-und-Drangzeit. - Nach diesen Flegeljahren jedoch achtbar zur Ruhe gekommen, ehelichte er 1817 Ottilie Freiin von Pogwisch - und avancierte, dank ihrer guten Beziehungen zum Souverän, bald auch zum Kammerherren am Hofe des Weimarer Fürsten. -
So viel informativ vorab ...
Die nachfolgende Geschichte schildert hingegen eine Situation, in welcher ein stets Gelassenheit wahrmachen wollender Vater dereinst fast an den Rand des Erträglichen getrieben wurde:
-
Im Freien dringt der Sonnenschein,
schon gleißend in den Tag hinein.
Was Goethe nicht einmal entdeckt,
da er in Schwierigkeiten steckt.
Der Schluß zum Goetz von Berlichingen,
war textlich nicht in Form zu bringen.
"Was hält euch fern, ihr holden Musen? -
Ich sehne mich nach euren Busen!
Auch fühl' ich mich nicht mehr geborgen",
so klingt es klagend in den Morgen.
Als plötzlich stürmt sein Sohn herein,
der ruft: "Ach, liebster Vater mein!
Du brüllst hier laut, in edlem Zwirne,
obwohl mir derzeit dröhnt die Birne!"
Der Vater, tief noch in Gedanken,
sieht seinen August haltlos schwanken.
Sagt dann, mit zornentbranntem Schnaufen:
"Er sollte tunlichst nicht mehr saufen!"
Der Sohn - da ihn die Rüge traf -
erwidert kühl, ein wenig scharf:
"Mein lieber, wortgewandter Vater!
Kaum Alkohol bewirkt den Kater.
Nicht nur der Suff ist's wohl, mitnichten!
Auch Du trägst Schuld - Dein Drang zum dichten! -
Ich komm' nach Haus - ja, oftmals spät,
und Du bist, eh der Hahn noch kräht,
zu tierisch-frühen Morgenstunden,
schon aufgedreht dem Bett entschwunden!
Und während Du ein Frühstück kaust,
grölst Du zugleich auch Deinen Faust.
Wie soll man dabei noch entspannen? -
Ich mache mich demnächst von dannen!
Möcht' nicht als Geistesgröße leben,
im Intellektuellen schweben ...
Auch mag ich keinen Klotz am Bein,
wie Du ihn spürst, durch Frau von Stein!
Schlürf weiter Deine kluge Tinte,
nur laß mich zieh'n, in meine Pinte.
Schreib Deine RÄUBER - und dergleichen,
ich werde diesem Haus entfleuchen!"
-
Der Vater wurde merklich stiller ...
"Die Räuber fabulierte Schiller!" brummelte er daraufhin verstimmt noch kopfschüttelnd vor sich hin. -
-
Anmerkung:
Behauptet wird, daß letztendlich Goethes Beziehung zu Charlotte von Stein den Johann Wolfgang zum klassischen Dichter reifen ließ; nun einzig die Klarheit der Form, zudem die Mäßigung all der Leidenschaften und eine organische Selbstentfaltung anstrebend. -
Wohl abweichend davon, erlebnishungrig und unkonventionell, gedachte Ottilie von Pogwisch ihr Dasein zu gestalten. - Sie war die Herausgeberin einer Zeitschrift, die sich spitzbübisch "CHAOS" nannte - und führte ein dementsprechendes, recht ungebändigtes Leben ...
Tja, warum wohl auch nicht?
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***

Montag, 11. September 2017

FERNSEHEN = "dummdreist und oftmals auch unerträglich!"

Ja, das wurde dort damals so vehement manifestiert!
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Und - hernach:
"Wenn Du's nun wieder einmal nicht unterlassen kannst, dann sollten die kratzbürstig konzipierten Zeilen jedoch unbedingt schöngeistig formuliert zum Ausdruck geraten, ja!" hatte er vorab eindringlich zu hören bekommen.
Der Arsinoe, vom Patenonkel Marcel, damals 2008 in Köln ...
Hm?
Molière, Mallarmé, Victor Hugo, Baudelaire, Rimbaud und auch Voltaire, sie alle formulierten gern Stücke der "Klassiker" im 17. und 18. Jahrhundert in paarweise gereimten "Alexandrinern", daran dachte er sofort willfährig, wertschätzend - und um wie gewünscht auch bestehen zu können.
-
Bald darauf durfte er dann baß erstaunt miterleben, daß ein aufgebracht gestikulierender Patenonkel den sogenannten "Ehrenpreis der Stifter des Deutschen Fernsehdingsda" mit den lauthals zum Ausdruck gebrachten Worten: "Ich nehme diesen Preis nicht an!" protestierend von sich gewiesen hat. -
Und des weiteren den dort lauschenden, vermittels Television verdummen dürfenden Machthabern noch arg mißgestimmt zu spüren gegeben hat:
"Der Blödsinn, den ich da zumeist im Fernsehen zu sehen bekomme - grrauenhaft!"
Tja, der stets wortgewandt auflodernde - und zudem auch noch jahrelang mediengewaltig präsente Oheim Marcel ...
"Noch etwas! Da wird aber der etwas flegelhaft und wohl auch respektlos in die Quere gekommene Gottschalk nicht erwähnt, wenn Du diesbezüglich unbedingt deutlich zu werden beabsichtigst!" hatte er Arsinoe noch im Befehlston zugeraunt, als man in Köln dann die Stätte einer dermaßen offenherzig in Szene gesetzten Begebenheit verlassen hatte ...
Hm? - Er nun wieder ... "Demnach alles recht chevaleresk, rücksichtsvoll und wohlmeinend - ?"
"In etwa, wir wollen doch niemanden verletzen", gab er zu spüren.
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"Wer mag das alles denn noch abgrundtief ergründen wollen? Da solch Geschehen wogt seit langem inhalts- und substanzlos doch zumeist in einem Nichts!" murmelte er bald darauf, sich an Dante erinnernd, vor sich hin.
Und ...
"In seinem Sessel behaglich dumm, sitzt stoisch das Fernseh-Publikum." so ähnlich hatte ja einstmals schon der Philosoph Karl Marx dazu Stellung genommen, dachte er hilfreich, der Arsinoe, als er dann angemessen geschwätzig geworden war. - Im Versmaß eines "Alexandriners":
Du siehst, wenn du denn siehst, nur Schwachsinn in der Glotze.
Da hocken sie zuhauf - und schwafeln eitel drein.
Man geistert in dem Wahn, beachtenswert zu sein.
Nur zeigt sich dort dann leider, wohl dummstolz nur Gemotze.
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Ach ja, auch das noch:
Lieber Oheim, Du wirst dich wahrscheinlich an ihn erinnern, an den Herrn mit dem "Schweinderl", Robert Lembke"Es gibt Fernsehprogramme, bei denen man seine eingeschlafenen Füße beneidet!"  so hat er's damals schon zutreffend zur Sprache gebracht.
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Derzeit bezeugt - in 2015: Mit gefühlswarm empfundenen Gedanken an den Patenonkel Marcel ...
Und ihn als Geistesgröße hier nun ein wenig verdeutlichen wollend, mit der im folgenden laut werdenden Darlegung: Im alten Griechenland fragte einst Sokrates den jungen Phaidros, ob man denn die Kunst des Schreibens in Literaturwerken jeder Art beurteilen müsse? - Woraufhin dann Phaidros begeistert dagegen gefragt hat: "Ja, warum sonst würde man denn dann noch leben wollen, wenn nicht wegen derartiger intellektueller Freuden?" gab er aristophanisch-regsam zum Ausdruck - und zog sich dann schmunzelnd in sein Phrontisterion zurück.
("aristophanisch" = geistvoll, witzig bis beißend spöttisch. "Phrontisterion" meint Denker-Klause.)
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Donnerstag, 7. September 2017

Dieser schicksalhafte Hut auf dem Pfahl ...

"Wilhelm Tell":
Was damals in Schillers Drama als "unter ein Joch beugen" so akzentuiert verlebendigt worden ist, das wurde ja einstmals im Schulunterricht dermaßen eindringlich durchgenommen, daß man es irgendwann intus hatte - und zukünftig auf Anhieb auch fehlerlos vortragen konnte.
Eine kreuzbrav gelebte Normalität, die von der heutigen Schuljugend nur noch hohnlachend ausgebuht wird. - Zumeist leidenschaftslos, schenkt man gegenwartsnah all der klassischen Literatur zunehmend eine mehr und mehr nur noch unzureichende Aufnahmebereitschaft ...
"Ey, das kannste knicken, Alter!" wird da nicht willens zu spüren gegeben. -
"Wohl wahr", bestätigte das kürzlich ein junger Pädagoge im Vestibül eines Berliner Gymnasiums. "Man kann doch diese unvermeidlichen Klassiker der Literaturgeschichte auch kurz und bündig sehr trefflich zum Ausdruck bringen!" gab er fortschrittsgläubig zu bedenken. - "Aha! Wie das denn?" fragten wir hoffnungsvoll nach. - Und bekamen dann, aufhorchen lassend, die folgende Popularisierung zu Gehör gebracht:
Auf einer Lichtung, weithin kahl,
da stand dereinst ein hölzern' Pfahl.
Und obenauf prangt stolz ein Hut,
der fordert selbstgerecht Tribut.
Geboten war's, den Filz zu grüßen!
Wer's nicht tat, sollte dafür büßen!
Der Landvogt gab einst dies Geheiß.
Doch Tell winkt ab: "Was soll der Scheiß?"
Solch diktatorische Gewalt,
verachtet er, sie läßt ihn kalt.
"Das interessiert mich nicht die Bohne!"
So ignoriert er die Melone.
Das wurde bald darauf zur Qual,
weil der Herr Geßler streng befahl:
Nun sollt' der Sohn des Bogenschützen,
auf Messers Schneide dafür schwitzen!
Der Vater sah dann, arg geschunden,
den Sohn an einen Baum gebunden.
Beklommen runzelt der die Stirne:
Ein Apfel liegt auf seiner "Birne"!
Der Wilhelm Tell nimmt angespannt,
die schwere Armbrust nun zur Hand.
Er steht entfernt, so achtzig Schritte -
und äußert schmerzbewegt die Bitte:
"Man möge solches nicht beordern,
das würde böse Folgen fordern!" - -
Ja, wenn es denn - dermaßen differenziert verdichtet - den schulischen Explikationen tatsächlich dienlich sein sollte, dann sei nun noch aufklärend hinzugefügt: Wilhelm Tell, der zwei Pfeile im Köcher hatte, traf mit dem ersten gottseidank erfolgreich den so eindeutig auf dem Haupt des Sohnes postierten Apfel. - Befragt, was denn bei einem Mißerfolg mit dem zweiten Pfeil verhängnisvoll hätte geschehen können, antwortete ein noch immer verstört dastehender Vater genötigt:
"Ich hätte wohl, zutiefst verdrossen,
hernach den Landvogt totgeschossen!"
So bekunden es die historischen Quellenzeugnisse ...
Die von der Volksdichtung überlieferte Lesart hält allerdings stur dagegen - und beharrt unbeirrbar darauf, daß Wilhelm Tell, dieser schweizerische Sagenheld aus Uri, sich einstmals dem habsburgischen Landvogt Geßler nicht gebeugt - nein! ihm bei Küßnacht erbittert den Garaus gemacht haben soll. -
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"Kapiert? - Okay, setzen!
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Montag, 4. September 2017

Damals, als man noch BÜCHER gelesen hat ...

Vorab die Darlegung "Buch an sich":
Tja, erst im 4. Jahrhundert nach Christi ist es aufsehenerregend gelungen, beschriebene oder bedruckte (sauteure) Pergament-Blätter - sie ließen sich falten, um sie dann (mühsam) in Lagen zusammenzulegen und hernach kunstvoll zu binden -, zu einem (gegebenenfalls bisher noch immer) unterhaltsamen und oftmals auch lehrreichen Ganzen formen - man nannte es schlicht und ergreifend Buch ... ***
Diese sensationelle Neubildung hatte jedoch zur Folge, daß man seitdem auch ununterbrochen bemüht sein mußte, für diese Druckwerke umtriebig Kunden zu ködern - äh - des Lesens kundige Abnehmer zu finden ...
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So einstmals auch im Monat September des Jahres 1779, als in einem Göttinger Buchladen der dort zufällig anwesende Schriftsteller und geistvolle Satiriker Georg Christoph Lichtenberg unvorhersehbar von dem plötzlich um ihn herumtänzelnden Buchhändler beinahe kniefällig mit dem folgenden Ansinnen bestürmt worden war: "Er, der anbetungswürdige Meister des Aphorismus, er möge ihm doch bitte - koste es denn, was es wolle - liebenswürdigerweise ein wahrlich werbewirksames Sprüchlein für die Schaufensterauslage gestalten. -
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Tatsächlich hat sich der Autor Lichtenberg dereinst "breitschlagen lassen" - und schon einige Tage später dem Göttinger Buchhändler einen durchaus erfolgversprechenden Werbetext überreicht, mit dem folgenden Wortlaut:
Nun ja, wer zwei paar Hosen sein eigen nennt, der mache nun selbstkritisch und neugierig werdend eine davon zu Geld! - Um sich dann unverweilt Bücher beschaffen zu können. -
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Verlage und Buchhändler sollten vielleicht in Betracht ziehen, daß solch eine akzentuierte und gegebenenfalls wohl auch überzeugende Art einer Bedarfsweckung, voraussichtlich auch heutzutage noch immer als durchaus ansprechend zu gewärtigen sein kann. -
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*** Ein BUCH: Von Heranwachsenden, also der jungen Generation hin und wieder im "Bücherschrank" des Großvaters entdeckt - manchmal auch neugierig zur Hand genommen, um es dann gleich darauf kopfschüttelnd als vermutlichen "Dekorationsgegenstand" - oder altertümlichen "Krimskrams" wieder in den altmodischen Schrank zu verfrachten.
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Sonntag, 3. September 2017

Eine problematische Lebensgemeinschaft ...

So betitelte eine Münchener Boulevardzeitung den Ehebund der attraktiven, beachtlich jüngeren Gattin Constanze mit dem von den einschlägigen Printmedien oftmals als "Playboy" charakterisierten Karl-Friedrich F. -
Und aufsehenerregend hatte das Blatt bald darauf dann darüber berichtet, was in dem einsam gelegenen Landhaus am nördlichen Ufer des Chiemsees, auch oftmals als "Bayerisches Meer" benannt, angeblich haarsträubend geschehen sei.
Nachfolgend habe ich versucht, diese damals in den Medien geschilderte Berichterstattung über das seinerzeit vorgeblich so aufrüttelnde Ereignis hier etwas poetischer anschaulich zu machen:
-
Die feine, liebevolle Art, mit nobler Umgangsform gepaart;
das zarte, demutsvolle Wesen, schön, gebildet und belesen:
Das alles war einmal Constanze ...
Für die wohl der Begriff „Emanze“ ein Buch mit sieben Siegeln war.
Jedoch war bald das Ende nah ...
Vereint mit einem Ehegatten, den viele schon verlassen hatten,
im tiefsten Inneren aufgerieben, hat sie ihm einen Brief geschrieben:
-
Mein lieber Karl, du miese Wanze!
Hier schreibt Dir deine Frau Constanze.
Und mit diesen barschen Zeilen, drängt es mich Dir mitzuteilen,
daß ich Dich - noch sehr gelinde - jetzt absolut zum kotzen finde!
Und da sich Deine Sticheleien, nun täglich aneinanderreihen,
werde ich mich nicht mehr grämen: 
Ich werde von Dir Abschied nehmen!
Ja, stell dich bitte darauf ein ...
Und solltest Du dagegen sein, so laß es mich noch heute wissen!
Weil wir dann diskutieren müssen: ob und auch in welcher Frist,
Du damit einverstanden bist! -
-
Tja, doch dann:
Halt! 
Ich seh’ grad’ im Terminer: Morgen kommen ja die Wiener,
die wir einst auf Mallorca trafen - die selbstverständlich bei uns schlafen.
Oje, jetzt muß ich aber laufen, Aufschnitt, Brot und anderes kaufen!
Ich werd' mir hundert Euro borgen, um für Getränke noch zu sorgen.
Und auch die Wohnung sauber machen!
O Gott! Da sind noch tausend Sachen, die Dein Frauchen schaffen muß!
Mach’s gut, bis nachher, Gruß und Kuß 
von Deiner süßen, kleinen Maus,
die nun ein Weilchen außer Haus ...
-
Hm?
Bereits fünf Tage später wurde der Gatte Karl-Friedrich F. dann aber tot in der Kellerbar des prachtvollen Landhauses am Chiemsee aufgefunden, angeblich erschossen. -
Viele von uns werden sich an dieses damals ja tagelang Schlagzeilen machende Ereignis erinnern. - Allein schon darum, weil die bildschöne Schauspielerin Constanze F. im Fernsehen in der beliebten Familienserie: „Alles was quält“ dereinst ja fortwährend präsent war. -
-
Unklar ist bisher jedoch noch immer, wer diese Greueltat - anscheinend ein wenig desillusioniert - wahrhaftig begangen hat. -
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***



Mittwoch, 30. August 2017

Faustdick - so trickreich verlogen:

Sinnvoll zum Thema "vom Stimmrecht Gebrauch machen"...
Vorab sei beachtenswert erwähnt, daß - wohlmeinend und vordem auch verheißungsvoll - bereits einige Jahrhunderte vor Christi Geburt die alten Griechen über eine Gemeinschaftsgestaltung mit sich zu Rate gingen, die auf eine Durchsetzung von Vorstellungen zur Ordnung sozialer Gemeinwesen und der Verwirklichung von Zielen und Werten gerichtet sein sollte: Eine sich bald darauf in Szene setzende Staatskunst - poesielos bezeichnet als POLITIK. -
Unsegen, Last und Bevormundung nahmen seitdem ihren Verlauf ...
Gleichermaßen wohl auch im Monat November des Jahres 1836, als der österreichische Popularphilosoph Ernst Freiherr von Feuchtersleben in einem Essay - darin auch Goethe betreffend - mit diesen Worten seine damaligen Recherchen zum Abschluß brachte: Und sein Auftreten als Dichter fiel in eine Zeit der Aufregung und der Krise in Deutschland! -
Die gesetzfreudig amtierenden Regierungsstrategen - Optimisten sprechen da anscheinend unaufgeklärt von "Volksvertretern" -, waren wie immer eifrig bemüht, all die verdrießlichen Folgeerscheinungen für die gegängelte bürgerliche Gesellschaft schlechterdings aufrechtzuerhalten. -
Besorgniserregend ist's, daß, nahezu 240 Jahre nach diesem von Herrn von Feuchtersleben erwähnten Goethe-Zeitraum, vieles sich hierzulande nicht unbedingt eines Besseren offenbart. Das von unseren Politikern arg verstümmelte Gestaltungsobjekt "Staat", es zeigt sich erneut zunehmend faustisch verlottert. - Rundum verwahrlost, nebst dem enorm verschuldeten Staatshaushalt ... ***
Stimmt: Zeit seines Lebens begleitete sie ihn abwägend und wohl auch vervollkommnen wollend, diese inhaltsgeladene Tragödie "Faust"; deren Urfassung bereits im Jahr 1771 zur ersten literarischen Thematisierung gediehen war. - Nicht so ganz auszuschließen ist es, daß Goethe, würde er Zeitzeuge solch einer politischen Insuffizienz sein können, mit etwa den folgenden Zeilen seine Verdrossenheit annähernd so in Worte gefaßt hätte:
Habe nun ach! Heuchelei, Arglist und Tücke,
zugleich auch Korruptsein durchaus studiert
mit heißem Bemühen.
So zeig' ich mich grinsend und schlitzohrig smart
stets listig, in Wortbruch und Lüge vernarrt.
Mann nennt mich Minister und Doktor auch,
das kommt mir zugute, ist stets in Gebrauch.
Durchtrieben, trickreich und ausgekocht,
habe ich's bisher noch immer vermocht,
zur Wahlzeit das Volk für mich zu bewegen -
und nichtssagend labernd auf's Kreuz zu legen.
Bin weitaus gescheiter, als all diese Laffen,
die pseudo-gelehrt aus dem Maßanzug gaffen.
Bisher kannte ich weder Skrupel noch Zweifel,
gefürchtet waren nicht einmal Hölle nebst Teufel ...
Nur hat sich's da zunehmend konkretisiert,
daß meine Reputation schon an Geltung verliert.
So beeinträchtigt es leider auch das Vergnügen,
das einstmals entflammt beim Kitzel betrügen.
Da entschädigt auch kein Bestechungsgeld,
wenn seelisch mein Dasein ins Schattenreich fällt.
Respektlos läßt mich der Mob draußen wissen:
Ich werde mich deutlicher äußern müssen.
Als phrasenhaft wurde ich neulich beschrieben!
Was soll das? - Der Pöbel muß mich nicht lieben.
Mein Lebensziel werde ich trotzdem erreichen;
mich hält niemand auf, ich geh' über Leichen!
Zudem mag das Wahlvolk trostbringend schnallen:
Man kann ja letztendlich nicht jedem gefallen ...
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*** "Jede Staatsschuld ist eine Krücke, und Krücken sind nur für Lahme", das hat dereinst schon als durchaus beachtenswert der Schriftsteller und Publizist Johann Gottfried Seume zu spüren gegeben.
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Und in einer Erweiterung dessen, da sei noch "vervollständigt":
Denn der Schriftsteller und Freigeist Andreas Altmann, ein unverblümt entmystifizierender Zeitgenosse, er beschrieb einst so zutreffend: "Politiker, die Medien und auch die Religionen, sie alle bemühen sich tagtäglich um das Einschläfern unserer Vernunft."
-
Ach ja: Ein weiser Mann hat einmal deutlich anschaulich machend gesagt:
"Politikern treuherzig Vertrauen zu schenken, das sei wohl letztendlich damit vergleichbar, als würde man den Würger von Boston zuversichtlich um eine Halsmassage ersuchen."
-
Das sollte nun doch etwas nachdenklich stimmen.
-
***

Sonntag, 27. August 2017

Vor dem ABLEBEN "reinen Wein eingeschenkt".

Auf einem Weingut in der Toskana -
umgeben von Weinfeldern, in der Nähe eines mittelalterlichen Dörfchens in der Provinz Grosseto.
Si, und dort sind wir für einen durchaus ergreifenden Augenblick jetzt einmal aufmerksam und höflich abwartend zugegen:
Denn im alten Herrenhaus des Gutes, im Castello di grappolo du' va, liegt der bejahrte Winzer Don Carlo bleich und kraftlos auf einem aus Großvaters Zeiten mit Damast bezogenen Sterbebett. -
In Anbetracht dessen bewegt und beunruhigt, läßt er nun seine drei Söhne sogleich zu sich rufen, um ihnen ein wahrscheinlich aufsehenerregendes Betriebsgeheimnis zu offenbaren. - Die drei Stammhalter, der permanent bauernschlau auftretende Mario (mio monello), der gerissen agierende Giovanni - und der zumeist trickreich zu Werke gehende Fausto erscheinen beunruhigt ...
Mit fast schon ersterbender Stimme beginnt dann der Alte aufklärend zu flüstern: "Nun spitzt 'mal aufnahmebereit die Ohren, denn zweimal werde ich's kaum noch verdeutlichen können!" -
Neugierig geworden, beugen sich die Söhne nun über den schlaffen Mund des offenbar sterbenden Vaters, der ihnen röchelnd des weiteren zuraunt:
"Mein Großvater war ja als Winzer dereinst noch den Geboten unserer toskanischen Weinaristokratie verpflichtet! Eine Bestimmung, die euch schlitzohrigen Panschern wohl so allerhand Unliebsamkeiten bereiten würde. Denn seinerzeit wurde der Wein noch vorherrschend aus Trauben erschaffen!" - Mit einem "Nicht-wahrhaben-wollenden-Gesichtsausdruck" blicken die Söhne sich daraufhin an ...
Bis dann der Fausto abweisend anmerkt: "Da haben wir's deutlich, jetzt geht es mit ihm zu Ende, er fantasiert schon!" - Und der Mario noch selbstsicher hinzufügen mußte: "Der Alte war ja nie so ganz bibelfest, sonst hätte er glaubwürdig und gottesfürchtig die Erkenntnis erhalten, daß schon zu Urzeiten Wasser zu Wein werden konnte!" -
-
So geschehen, in der zauberhaften, auch von einer "High Snobiety" sehr geschätzten Toskana.
-
***

Mittwoch, 23. August 2017

Nachdenklich gestimmt - im Alter ...

Zutage getreten
auf einer griechischen Insel - am Strand.
Und als ich mir hier, in diesem Elysium, nun wieder einmal
in den inneren Dimensionen meiner Leiblichkeit
selbst begegnete,
war diese Einkehr wahrlich beachtenswert:
Carpe diem -
genieße den Tag.
In der Schlußzeile seiner Ode "An Leukone"
 regt der römische Dichter Horaz dazu an,
die knappe Lebenszeit zu genießen.
Wörtlich genommen:
"Pflücke den Tag" ...
Carpe diem, quam minimum Credula postero:
Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig dem folgenden,
so heißt es da inhalts- und lebensgewichtig.
-
Ja, und in der Erinnerung an
  Robert Gernhardt,
da sei nun mit durchweg seinen Worten
noch als beachtlich hinzugefügt:
Dein Hiersein ist ein Fenster,
an dem du kurz erscheinst.
Dies Fenster nun geöffnet ist,
im Zeitraum einer Lebensfrist,
die deinem Dasein zugedacht,
dann wird es wieder zugemacht,
auch wenn du folglich greinst.
-
Non exiguum temporis habemus,
sed multum perdidimus.
Nicht wenig Zeit haben wir,
 aber viel vergeuden wir.
-
Tja,
denn morgen ist das Heute bereits schon ein Gestern,
so sollte man's oftmals bedenken.
-
Ein aufklärender Nachtrag:
Als ein 1937 geborener Homo sapiens
wohl doch von romantischer Schwermut ergriffen, 

saß ich dort schreibend am Strand,
Mein "Carpe-diem-Gelüst" wurde fast schulmeisterlich 
von einem "Et respice consequentiam" 
(und bedenke die Konsequenzen) 
so zunehmend leicht demotiviert.
Ja -
und der Wein in der Flasche war inzwischen auch zur Neige gegangen.
Damals - auf dieser griechischen Insel.

-
***

Sonntag, 20. August 2017

Fürwahr - diese "brotlose Kunst":

Nun doch, diesbezüglich sei's mir erlaubt hier etwas auszuplaudern, das von allzu ernsthaft dreinblickenden Chronisten vermutlich als zu indiskret kritisiert werden könnte. Da die nachfolgende Erzählung immerhin so einiges über George Braque, den am 13. Mai, 1882 im französischen Ort Argenteuil geborenen Maler offenbart ...
Paris - und ein Tag im Juni 1918: Wütend stand er vor einer kleinen Bilder-Galerie in der Rue Vignon. - "ICH bin der der Erfinder des Kubismus! Und nicht dieses Schlitzohr Picasso!" schimpfte er aufgebracht los. Nahm sein Bild unter den Arm - und radelte grollend davon. Der Maler George Braque, dessen vor kurzem gestaltetes Oelbild - ein Stilleben auf rundem Tisch: Grau/Ocker/Schwarz, aus der Reihe der "Guéridons" (Beistelltischchen), soeben vom deutsch-jüdischen Galeristen Daniel-Henry Kahnweiler schonungsvoll abgelehnt worden war.
-
"Oui, ein unzumutbarer Normanne! Mißtrauisch, listig, oftmals brutal - und tagtäglich hungrig!" so hatte Fernande Olivier, die derzeitige Lebensgefährtin von Pablo Picasso, den zuweilen bei ihnen auftauchenden Maler George Braque dereinst begutachtet. (Damals, in Paris, in der Rue Ravignan, im Atelier "Bateau Lavoir"). -
Wohl wahr! Keinen Centime in der Tasche - und somit begierig darauf, zum Essen eingeladen zu werden. Derartig motiviert, so hatte er nun auch an diesem Tag das kleine Restaurant Vernin, in der Rue Cavalotti angesteuert, der nimmersatte Maler Braque. - All seine pinselnden Mitstreiter waren dort nahezu tagtäglich anzutreffen. Denn zumeist speiste man hier auf Kredit - sofern solch ein Begehren noch erfolgreich zu handhaben war ...
Braque lehnte sein Fahrrad an die Hauswand und begab sich hinein, in das geräuschvoll schlemmende Getümmel. - Und schon bald konnte man dann die folgende Wechselrede schmunzelnd aufhorchen lassend miterleben:
Braque erreicht den ersten, köstlich gedeckten Tisch - und läßt dort sogleich schmachtend vom Stapel:
"Bonsoir, mein Freund Toulouse-Lautrec! Na, wieder 'mal bei Wurst und Speck - und auch noch edlem Weine?"
Henry T.L. blickt zu ihm auf - und erwidert genervt: "Jetzt hör mal zu, mein lieber Braque, Du gehst mir langsam auf den Sack! A revoir zieh Leine." -
"Na gut, dann geh ich zu Cezanne, und seh' mir dessen Mahlzeit an. Bon appetit, mein Guter!" ruft er versöhnlich - und trottet weiter zum nächsten Tisch. - Nachdem er auch dort seinen Gefühlen einen freien Lauf gelassen hat, bekommt er jedoch recht unverblümt zu hören:
"Cher Braque, laß mich in Ruhe jetzt; ich hab' mein letztes Hemd versetzt, für diesen zähen Puter!" -
Auch das noch! Mit knurrendem Magen zieht er nun weiter: "Saluez Picasso, Herzensfreund! Du speist verlockend, wie mir scheint. - Schaffst Du das bis zur Neige?" fragt er hoffnungsvoll nach. -
Picasso stellt daraufhin grinsend anheim: "Mon Braque, versuch's mal bei Rousseau. Doch der sitzt g'rade auf dem Klo - und übt auf seiner Geige." -
"Merde!" hört man Braque murmeln, als er hungrig zum nächsten Tisch schlendert. - Dort schnurrt er, sich einschmeicheln wollend: "Tres bien, Guillaume Apollinaire! Dich schickt ein guter Engel her. Heut' schon 'was gegessen?" - Der stets liebenswürdige Homme de lettre schaut ihn daraufhin freundlich an, gibt dann allerdings zu bedenken: "Ach, erstens kommst Du reichlich spät, und zweitens leb' ich auf Diät; hast Du das schon vergessen?" -
Tja, seither ist nun fast schon ein Jahrhundert oftmals auch spektakulär vergangen ...
Aber nicht selten warnen einige der erziehungsbewußt einwirken wollenden Eltern ihren großjährig gewordenen Nachwuchs sehr eindringlich davor, die "brotlose Kunst" so kindlich naiv und wohl auch verantwortungslos als eine zukünftige Einkommensquelle zu erwägen ... -
Tja, diese Art Warnruf in den bedeutsamen Bereichen einer sinnvoll geplanten Persönlichkeitsentwicklung, der ist auch dem Autor dieser Zeilen in Erinnerung geblieben.
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***

Montag, 7. August 2017

Eine fluchtartige Reise nach ITALIEN ?

Einstmals - den Johann-Wolfgang betreffend ...
Möglicherweise zweifelsfrei:
Denn -
als er, der Herr von Goethe im Jahr 1775 von Herzog Karl August von Sachsen-Weimar in diese "Hochburg des deutschen Geisteslebens" dereinst berufen worden war, da lernte er dort, im Jahr 1788 das recht gutbürgerlich in Erscheinung tretende Fräulein Christiane Vulpius kennen ...
Und 1806 vollzog man den Akt einer ehelichen Bindung. -
Nun ja, daß auch in diesem Bündnis nicht immer alles so gänzlich problemlos einherging, daran soll (etwas unverfroren zum Ausdruck gebracht) mit den folgenden Zeilen so annähernd wirklichkeitsnah erinnert werden ...
Und das - jetzt klatschlüstern zurückblickend in das beachtliche Zeitalter um Siebzehnhundertachtzig:
-
Der Herr von Goethe ...
Da sollte es dereinst im Garten,
wo Tisch und Stühlchen seiner harrten,
recht formvollendet wohl gelingen,
die Dichtkunst zu Papier zu bringen.
Behenden Schritt's dort angekommen,
so hatte er sich's vorgenommen,
nunmehr, wenn auch in groben Zügen,
heut' seinem Urfaust zu genügen.
Fürwahr, so gänzlich ungezwungen,
war ihm bald Reim auf Reim gelungen.
In dieser kunstverschworenen Stille,
gereifte auch sogleich der Wille,
die jüngst erdachten Textgewalten,
nun einmal lauthals zu gestalten.
Man sollte solch ein Drängen loben ...
Doch leider zeigt sich barsch von oben
fensterfüllend, voll Verdruß,
dort wütend Fräulein Vulpius:
"Sie wolle Schönheitsschlaf gestalten,
er solle jetzt die Schnauze halten!"  -
Schon war, in wenigen Sekunden,
Erhabenheit hinwegentschwunden.
Arg verstimmt, doch durchaus weise,
ging Goethe auf Italien-Reise ...
-
Zuvor war jedoch der folgende Dialog bedeutsam zutage getreten:
"Hält Er sein Tun für klug und weise? - Schon wieder die Italien-Reise!" soll dem Vernehmen nach der Herzog Karl August erstaunt hinterfragt haben, als man Seite an Seite im Schloßgarten wandelte.
"Ja, dem kalten Norden flugs entweichen! - Das soll mir als Erläuterung reichen." murmelte der Johann Wolfgang - und war sich der Unstimmigkeit seiner Aussage durchaus bewußt.
"Nein-nein, mein lieber Meister Goethe. - Ihn plagen sicher andere Nöte! - Nur heißt's, da bin ich mir im klaren: Vor allem das Gesicht zu wahren!" gab ihm der Fürst nachsichtig schmunzelnd zu verstehen. -
Für einen kurzen Augenblick war nun erst einmal Schweigen eingekehrt ...
Bis daß der Johann Wolfgang aufgebracht zu spüren gegeben haben soll:
"Kann ich zur Zweisamkeit noch sagen: Verweile doch - es war sehr schön?
Dann wird sie mich in Fesseln schlagen! - 
Drum will ich lieber vorab geh'n ..."
-
"Ach ja, wohltuend hinein, in ein harmonisches Zusammentreffen von Kunst und Leben!" so ließ er's daseinsfreudig verlauten, als er bald darauf in Rom angekommen war - und dort, in einem deutsch-römischen Künstlerkreis, lauthals bekundet haben soll: "Es sei wohl jetzt doch an der Zeit, nun endlich vom Literaten zum Maler zu gedeihen." -
"Speriamo di no!" (Hoffentlich nicht!) - das sei daraufhin (gerüchtweise) damals des öfteren im deutsch-römischen Künstlerkreis zu hören gewesen ...
Dereinst, im Außenbereich einer Osteria am Piazza del Popolo.
-
***

Mittwoch, 26. Juli 2017

"Onkel Alfred" - und der NOBELPREIS ...

Immerhin:
Eine seit 1901 jährlich weltweit lobpreisende Auszeichnung.
Und hier sei nun doch einmal entschleiernd zur Sprache gebracht, was sich in Schweden hinsichtlich dessen dereinst so bedeutungsvoll zugetragen haben soll:
Nun, es ergab sich im Juni 2007; als ich auf einem Fährschiff, das uns von Frederikshavn nach Göteborg bringen sollte, rein zufällig mit einem bärtigen Mann älteren Jahrgangs in eine sich bald darauf aufschlußreich darbietende Plauderei hineingeraten war. - Per-Olof Eriksson, so nannte er sich, mein damals schon bald darauf so mitteilsam in Erscheinung tretender Gesprächspartner. -
Beeindruckt nahm ich im Laufe der Unterhaltung zur Kenntnis, daß er, Per-Olof, als ein entfernt einzuordnender Verwandter der Familie Nobel zu gewärtigen sei. - "Seine liebevoll gepflegte Zuneigung zur Spirituose Aquavit habe jedoch bewirkt, daß er den seriösen Überzeugungen dieser ehrenwerten Familie nicht mehr genügen konnte - und somit als gesellschaftlich unmöglich zu ächten sei. Der sich zeitlebens distinguiert in Szene setzende Familien-Clan hätte selbstherrlich als not amuset reagiert, wollte sogleich wohl auch die Spreu vom Weizen trennen - und man sei nun entfremdet", so gab mir Per-Olof schmunzelnd seinen Rausschmiß aus der feinen Sippschaft zu verstehen. -
"In Lidingö sei er 1928 zur Welt gekommen. - Den Onkel Alfred habe er jedoch nicht mehr leibhaftig erlebt, da dieser bereits 1896 im italienischen Küstenort San Remo das Irdische mit dem Zeitlichen habe eintauschen müssen! - Ob ich denn überhaupt wüßte, wer dieser "Onkel Alfred" einstmals gewesen sei?" forschte er stillvergnügt nach. -
Hm? - War damit etwa der Alfred Nobel, jener schwedische Ingenieur gemeint? bedachte ich's zweifelnd. Und hochtrabend hier von ihm so ungeniert in eine verwandtschaftliche Zugehörigkeit hineinprogammiert worden? Als sein Onkel Alfred! - Der am 21. Oktober 1833 in Stockholm geborene - und am 10. Dezember 1896 im damals zumeist vom Geldadel besuchten San Remo verstorbene Erfinder von einem per Zufall spleenig in Erscheinung tretenden Per-Olof selbstbesessen und schwelgerisch als Blutsverwandtschaft in Szene gesetzt? - Eine wohl doch als fragwürdig zu betrachtende Offenbarung ... -
Wenn's aber dennoch als zutreffend zu gewahren sein sollte, dann war es ja sein Onkel, der 1863, damals noch in Stockholm, das hernach oftmals welterschütternde Dynamit erfunden hatte, so zog ich's nun erst einmal aufgeschlossen in Betracht.  -
"Jou, Du wirst es vermutlich kaum glauben", meldete sich Per-Olof dann wieder zu Wort.
"Na-ja, ich hege da noch Bedenken", gab ich verhalten zu spüren.
Was dann sogleich ein übelnehmerisches Naserümpfen zur Folge hatte ...
"Sieh an: Er zweifelt! Ich lasse hier - nur weil Du mir anfangs als sympathisch erschienen bist -, so offenherzig meinen Gefühlen einen freien Lauf, öffne vertrauensselig die Familien-Schleusen mit all den modrigen Untiefen meiner Herkunft - und er hegt Bedenken! Zögert, ob er mir Glauben schenken kann! Soll ich nun eidesstattlich versichern ..."
"Nein-nein!" fiel ich ihm abwinkend ins Wort. "Verzeih mir, aber ich war wohl soeben unheilverkündend beinahe am Rande eines Abgrunds!"
"Aha! - Und was soll das besagen?" fragte er nach.
"Nun, zwangsläufig gibt es da einen bedrohlichen Anknüpfungspunkt: Da hätten wir nun den Onkel Alfred Nobel - und mithin, unheilschwanger aufblitzend, diesen verheerenden Sprengstoff Dynamit ..."
"Hast Du's nun endlich herausgefunden? Hat sich für Dich jetzt alles zusammengereimt?" fuhr er mich spitzzüngig an. - "Vortrefflich! - Das schafft immerhin die Voraussetzung dafür, daß wir nun doch des weiteren auf den spannungsgeladenen Spuren meiner Sippschaft verbleiben können. - Also: Hättest Du es tatsächlich für möglich gehalten, daß die Erfindung des Dynamits einem sich eigenwillig zugetragenen Zufall zu verdanken ist?" betonte Per-Olof todernst den Auftakt seiner Enthüllungsgeschichte.
"Einem Zufall?" horchte ich erwartungsvoll auf.
"Allerdings! - Bezweifelst Du das?" knurrte er mich argwöhnend an.
"Nein-nein! Denn mancherlei ist ja wahrscheinlich doch nur rein zufällig entstanden", wandte ich denkbar ein. "Auch Du und ich, wir sind wohl der Gunst oder auch Ungunst der jeweiligen ..."
"He, Mann, Du nervst mich!" wurde ich unwirsch unterbrochen.
"Doch dieses dereinst zufällig erschaffene, hochexplosive Produkt, dessen geheimnisumwitterte Entstehung ich jetzt ausnahmsweise Dir hier entschleiern werde, hatte ja eines unguten Tages einen peinlichen Schlußakkord aufzuweisen!"
Erstaunt blickte ich auf. "Hm? Ausnahmsweise mir willst Du jetzt davon berichten, daß die Erfindung des Dynamits dereinst einer aleatorisch stattgefundenen Begebenheit zu verdanken ist?"
"Nun red' mal nicht so geschwollen daher, ja!" wurde ich angeblafft. "Mach Dich mal fix auf den Weg zum Duty-free-shop! Dort holst Du mir eine Flasche Aquavit, okay? - Als stimulierenden Beistand, damit ich dann anschaulicher zurückblicken kann." -
O heilige Birgitta von Vadstena! - Urplötzlich sollte hier nun der Alfred Nobel als abgründig düster Gestalt annehmen? -  Solch eine sensationelle Story hatte ich ganz gewiß nicht erwartet, als ich mir vor kurzem diese Reise nach Schweden zum Ziel gesetzt hatte, um vor Ort eventuell so einiges über den einstmals angeblich so selbstquälerisch empfundenen Bekenntnisdrang des schwedischen Romanciers August Strindberg zu erkunden ... -
Aufgewühlt sauste ich los, um dann zehn Minuten später mit der zuvor eingeforderten Flasche Aquavit wieder im Aufenthaltsraum des Fährdampfers zu erscheinen. "Gläser dafür waren dort leider nicht zu erwerben", gab ich Per-Olof zu verstehen.
"Gib schon her, ich brauche kein Glas!" ließ er mich wissen - riß mir die Flasche aus der Hand, öffnete den Verschluß - und gluckernd flutete der Inhalt, nun hoffentlich hilfreich für eine Geheimnisse lüftende Darlegung, trinkfreudig seine Kehle hinab. -
Nun, eingedenk dessen betrachtete ich's jedoch als gegeben, daß mir ein hochgestimmter Trunkenbold gleich eine unglaubliche Geschichte zum besten geben würde.
"Jetzt hör' mir 'mal gut zu, ja?" wurde ich vorab ermahnt: "Weltweit ruft es noch immer Bewunderung hervor, wenn wieder einmal jemand mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist! - Das leitet Prestige in die Wege und allerhand Bares auf's Konto! - Aber wie es dereinst dazu gekommen ist, daß solch eine Lobpreisung Wirklichkeit werden konnte, das weißt Du sicherlich ganz bestimmt nicht! - Denn in dieses durchaus geheimnisumwitterte Ereignis sind ja bisher nur ganz wenige, ausschließlich die vom Familienclan als absolut charakterfest und auch vertrauenswürdig einzuschätzenden Personen eingeweiht worden!"
"Oh! - Darin bist demnach auch Du willkommen geheißen worden?" horchte ich tief beeindruckt auf. - Erwartungsvoll auf meinem plastikbespannten Sitzmöbel herumrutschend, wollte ich jetzt unbedingt herausbekommen, was sich da einstmals so spektakulär ereignet hatte: "Per-Olof, ein Vorschlag zur Güte: Im Duty-free-shop sah ich vorhin noch acht Flaschen Aquavit im Regal stehen! Und ich bin unverzüglich gern bereit, für ..."
"He! Für wen oder was hältst Du mich?" raunzte er mich aufgebracht an. "Sehe ich in Deinen Augen aus wie ein erbarmungswürdiger Saufbruder?"
"Nein! - Aber ich würde doch gern dahinterkommem - äh - stichhaltig auf dem laufenden sein ..."
"Nun beruhige Dich erst einmal - ja? - Denn alles wird - das versteht sich von selbst -, korrekt und gesittet der Reihe nach entschleiert." Und wie nach innen gerichtet, nahm er sogleich bedeutungsvoll Haltung an: "Nun ja, da denke ich jetzt geschlossenen Auges zurück ... Und finde mich ein auf dem Hintergrund einer wahrlich turbulenten Epoche!" brach es pathetisch aus ihm heraus. "Und wer ist dort wirklichkeitsnah zugegen? Fürwahr: Der unruhige Forschergeist Alfred Nobel! - Als Jüngling war mir zu Ohren gekommen, daß Onkel Alfred im März 1863 in Stockholm die fünfundzwanzig Jahre jüngere, einst bildschöne Inga Engstroem kennengelernt hatte. - Und angeblich leidenschaftlich ergriffen, soll er dieser Dame sofort einen Heiratsantrag gemacht haben!"
"Eine etwas leichtsinnig vom Stapel gelassene Gefühlsduselei!" mußte ich unbedingt anmerken.
"So kann man's wohl wahrlich bewerten", erhärtete Per-Olof meine Bedenken. "Und holterdipolter ist dieses Mädel dann wohlüberlegt bei ihm eingezogen, in sein pompöses Domizil, am exklusiven Stadtrand von Stockholm."
"Auch das noch!" konnte ich nicht umhin zu bekunden.
"Wohl wahr!" nickte Per-Olof mir zu. "Wie Du es vermutlich schon ahnst, war diese Liaison nicht von Bestand: Denn Inga entpuppte sich baldigst als einfältig, kindisch und aufsässig. - Der Onkel Alfred hatte in Kürze die Nase gestrichen voll, wie man so sagt. Und hat dann mißgestimmt versucht, dieses unleidliche Zuhause in einem berüchtigten Stockholmer Nachtlokal zumindest für einige Stunden aus dem gedemütigten Bewußtsein zu verbannen."
"Bejammernswert ... Und dann?" forschte ich sensationslüstern lauernd.
"Ist alles gescheitert - in die Brüche gegangen!" betonte er's grinsend.
Unruhig ausharrend, tippte ich ihn nun erwartungsvoll an: "Per-Olof, in etwa vierzig Minuten haben wir Göteborg erreicht! Spann mich nicht länger auf die Folter. - Was geschah dann?"
"Nun, der Onkel Alfred stand eines Abends, zu vorgerückter Stunde, angeblich leicht alkoholisiert vor der Haustür seines Palais. Die Inga war zwar im Haus; hatte aber, gereizt und zunehmend verdrossen, die Tür zum vordem doch so familiären Daheim anscheinend beinahe bollwerkartig verbarrikadiert!"
"Mein Gott! Ich ahne das Schlimmste, der Untergang des Hauses Nobel!" brach es beeinflußt aus mir heraus, da sich ein beinahe vergleichbares, dereinst von Edgar Ellen Poe beschriebenes Geschehen spontan vor meinem geistigen Auge beunruhigend verlebendigte.
"Da bist Du jetzt ziemlich nah dran!" erhärtete Per-Olof mein visionäres Empfinden. "Denn der Onkel Alfred hat daraufhin zornig kehrtgemacht, ist wutschnaubend in sein Chemielabor gestolpert - und hat dort sogleich 75% Nitroglyzerin und 24,5% Kieselgur mit 0,5% Soda zusammengemixt ..."
"Nein!!" unterbrach ich ihn aufstöhnend.
"... und ist dann gleich darauf mit diesem hochexplosiven Gemisch", erzählte er jedoch unabgelenkt weiter, "das später als sogenanntes Dynamit ja welterschütternd Furore gemacht hat, nun stockwütend zur kaltschnäuzig verrammelten Haustür marschiert!"
Mir stockte der Atem ... "Ein unbeherrscht aufloderndes Gebaren!" wandte ich baß erstaunt ein.
Kopfnickend wurde mir zugestimmt.
Bestürzt forschte ich weiter: "Mein Gott! Unglaublich ... Das hatte doch todsicher schreckliche, katastrophale Folgen?"
"Beileibe, das auch - und später ja weltenweit durchaus bedeutsame!" ließ er's gewichtig anschwellen.
"Weltweit bedeutsame?" murmelte ich, bisher noch uneingeweiht ...
"In der Tat!" nickte Per-Olof mir zu. "Denn unser an und für sich stets mildtätig zu gewärtigender Onkel Alfred, er hat ja bald darauf sein so heißblütig zum Ausdruck geratenes Handeln bitter bereut! - Und die zwangsläufig aufkeimenden Gewissensbisse haben wahrscheinlich so viel bewirkt, daß er vor seinem Ableben in San Remo noch testamentarisch angeordnet hat, daß ab 1901 ein finanziell hochdotierter Preis den wirklich herausragenden Persönlichkeiten des jeweiligen Zeitgeschehens aufhorchen lassend zur Ehre gereichen sollte!" -
Unglaublich! - Noch immer hochgradig ergriffen, schaute ich nachdenklich zu ihm auf: Der Onkel Alfred! - Und die dank seiner Existenz dereinst so beeindruckende Entstehung des ja noch immer weltweit tosenden Beifall hervorrufenden praemium Nobelianum - !          -
In der Zwischenzeit hatten wir den dichtbevölkerten, rundum mit Lärm erfüllten Aufenthaltsraum des Fährdampfers verlassen - und standen nun fröstelnd im Außenbereich an der Reling ...
Per-Olof nahm einen aufmunternden Schluck aus der inzwischen inhaltlich fast zur Neige gegangenen Aquavit-Flasche. - Kreischend und freßlüstern lauernd, begleiteten uns nun auch zahlreiche Möwen, als mein Reisegefährte sich aufs neue zu Wort meldete: "Ach ja, es gab auch schon namhafte Personen, die diesen Preis abgelehnt haben!"
"Wahrhaftig! - Und das bleibt ja auch unvergessen", pflichtete ich ihm kopfnickend bei. "Denn bereits 1964 verweigerte der französische Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre - warum auch immer? - diese Belobigung seiner Person durch eine derartige Glorifizierung."
"Naja, vielleicht war der Franzose nicht ausreichend genug selbstverliebt?" mutmaßte Per-Olof nüchtern. - Um gleich darauf noch schelmisch hinzuzufügen, daß immerhin vor einigen Jahren dieser prominente deutsche Schriftsteller solch eine Auszeichnung als eine unzumutbare Gewissensqual demonstrativ von sich gewiesen habe!"
Diesbezüglich erstaunt, blickte ich ihn daraufhin neugierig geworden an: "Das ist eigentlich schwer vorstellbar ... Wer sollte das denn gewesen sein?"
"Den Namen des Mannes habe ich leider vergessen." rief er mir zu -  ein kraftvoller Wind beeinträchtigte unseren Plausch. "Hm? - Gleichlautend ist es in Deutschland die Bezeichnung für diese Feld- und Wiesenpflanzen!" versuchte er's zu verdeutlichen.
"Du sprichst in Rätseln, Per-Olof."
"Ernsthaft? - Vielleicht erinnerst Du dich aber daran, daß damals viele Zeitungen und Zeitschriften diese schriftlich formulierte Verweigerung des Autors ja veröffentlicht haben - nein, nicht?"
"Nee, eigentlich nicht ..."
"Das nehme ich Dir nicht ab!" wurde ich angeblafft. "Aber wenn es tatsächlich so sein sollte, dann spitz jetzt einmal sensationslüstern die Ohren! Also: Verwundert nahm unser Stockholmer-Nobelpreis-Komitee dereinst diese schriftlich übermittelte Verweigerung des besagten Romanciers zur Kenntnis; in welcher geharnischt zum Ausdruck gegeben worden war, daß solch ein Preis, derart grässlich und auch beunruhigend beseelt mit dem höllischen Brandmal einer zerstörerischen Inhumanität, für ihn bedauerlicherweise als absolut unzumutbar zu gewärtigen sei. - C'est un Désagrèment, Monseigneur! Ja, mit genau diesen Worten endete die ablehnende Aussage", betonte Per-Olof den Ausklang seiner aufschlußreichen Rückschau.
"Ach, die Unannehmlichkeit war damit gemeint, kosmopolitisch verfeinert", erklärte ich's grinsend. "Der Autor ist wahrscheinlich ein Kosmopolit - die dereinst vom griechischen Philosophen Diogenes so wirkungsvoll schmückend geprägte Bezeichnung für Weltbürger."
-
Wir waren gerade in Göteborg angekommen, hatten die Gangway des Schiffes soeben verlassen, als sich - auf der Anlegestelle des Fährschiffes -, Per-Olof nun überraschend fast schon bedrohlich vor mir in Stellung brachte: "Du bist - wie Du's erwähnt hast - ein freiberuflich tätiger Journalist! Und trotzdem warst Du mir durchaus sympathisch, das habe ich ja bereits zu spüren gegeben. Aber solltest Du jemals dreist und unverfroren all die von mir so offenherzig zur Sprache gebrachten familialen Begebenheiten in einer Deiner stets klatschsüchtigen Zeitschriften veröffentlichen, jou, dann mach Dich auf etwas gefaßt! - Was immer Du tust, Du wirst es bitter bereuen!" wurde ich, à la Sokrates, gleich einem Schierlingsbecher, schlußendlich noch sehr eindringlich unter Druck gesetzt. "Zumindest trennen sich dann endgültig unsere Wege!" gab er mir auch noch deutlich zu verstehen. -
Hernach trennten sich dann tatsächlich unsere Wege ...
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Postskriptum:
Nachdenklich gestimmt, lag ich jedoch noch stundenlang wach, im Bett eines zweitklassigen Hotels in der Innenstadt von Göteborg.   -
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Sonntag, 23. Juli 2017

Namhaft - und geltungsbedürftig ...

Ja - gleichwohl,
sich dennoch ein sogenanntes Pseudonym sachdienlich zunutze machen zu wollen, das genießt nach § 12 des BGB immerhin ganz und gar Rechtsschutz - und ist seit dem sechzehnten Jahrhundert weltweit zu einem literarischen Trend gediehen.
Wir erinnern uns sogleich an: Moliere, Novalis, Lenau, Stendhal, Mark Twain, Maxim Gorkij, Arsinoe, Tarzan, Micky-Mouse und einige andere inzwischen namhaft gewordene Persönlichkeiten.
Möglicherweise ist solch ein Verfahren durchaus auch dienlich, um sich gegebenenfalls davor zu bewahren, daß ... Nein, das lassen wir jetzt kollegial verbrüdert doch einmal unbeachtet. -
Na ja, beachtenswert ist allerdings, daß da in Annäherung an diese als brauchbar erwähnte Maskierung es wohl nicht so ganz auszuschließen ist, daß sich bereits vor etwa 235 Jahren, vermutlich 1785, ein gewisser Wolfgang Amadeus Mozart in der österreichischen Stadt Wien dereinst auch einer solchen Tarnung bedient hat, um diese verlockend köstlichen, beinahe weltweit erhältlichen Schokoladenkugeln unbedingt schon zu seiner Zeit als unendlich gewinnbringend kommerzialisieren zu können ...
Denkbar ist's allemal - wir wissen es aber leider nicht so verbürgt.
Womit wir jedoch so einigermaßen vertraut sind ist, daß in Benennung und Name wohl nicht selten aber auch unglücklicherweise eine nicht immer erfolgversprechende Vorbedeutung herumgeistern könnte!
Denn "Nomen est omen“, das verkündete einstmals der Titus Maccius Plautus, ein römischer Lustspieldichter aus Umbrien bedeutungsvoll in seinen bereits 170 Jahre v. Chr. als „Persa“ publik gewordenen Schriften.
-
Informativ und wohl auch beachtenswert, ist folglich ein erst vor kurzem in einer bekannten Berliner Weinstube belauschtes Zwiegespräch doch als bedeutungsvoll zu erachten:
-
„Oh! Sie heißen wirklich Goethe?
Bringt das nicht gewisse Nöte, wenn man, trotz der späten Stunden,
noch immer keinen Reim gefunden?“
„Nein, ich kann mich nicht beklagen!
Denn an milden Sommertagen, ist mir - völlig ungezwungen -
oftmals Reim auf Reim gelungen!
Um meinen Onkel, Karlchen Kant, der einst das Wortgefecht erfand,
wurde es, wie bei Bernd Schiller, schon seit Wochen merklich stiller.
Ja, und der Harald Hölderlin, der hatte neulich, wie mir schien,
hier, wie auch an anderen Orten, sehr viel Kummer mit den Worten!
Letztlich wird es wenig sagen, daß wir große Namen tragen ...
Erwähnt sei da auch meine Tante,
die sich einst dummdreist Puschkin nannte!
Diese Frau hat, ungehobelt, oft literarisch ‘rumgeknobelt,
ob man nicht, wie auch Fontane, Tiergeschichten und Romane ...
Summarisch ging das voll daneben, denn ihr textverwirrtes Streben
formte keinerlei Akzente!
Wortlos ging sie dann in Rente.
Sie, als namenloser Mann, sie sind da sehr viel besser dran!“ -
Das ließ er schlußendlich, anscheinend beschwichtigen wollend verlauten, der auffallend einem bekannten Literaturkritiker fast zum verwechseln ähnliche Weinstuben-Gast. 
- -
Erstaunt, amüsiert und ergriffen, verließen wir bald darauf schmunzelnd diese fabulierfreudig anmutende Destille. - Und urplötzlich begann nun mein Freund, der Geschichtsforscher Gavrilos schwärmerisch trunken einen reizvollen Absatz aus Puschkins Roman in Versen „Eugen Onegin“ zu deklamieren: „Der Chor der Dichter zischt und kräht, - Gott nein, wie doch die Zeit vergeht!“ so tönte es damals - auf dem Weg zur Einkehr in den Bannkreis der "Kulturkneipe Zwiebelfisch" am Savignyplatz - laut und gewichtig in das nächtliche Berliner Treiben hinein ...
-
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Freitag, 21. Juli 2017

So hoffnungslos überempfindlich ...

In dieser Zwangsfixierung: "Hypochondrie".
Eine griechische Wortprägung für eine krankhaft übersteigerte und zumeist andauernde Kontrolle der tagtäglichen Befindlichkeit des eigenen Körpers. -
So viel vorab - zur nachfolgend miterlebten Begebenheit:
Ein Freund von mir ist Musiker - und als solcher ein oftmals beeindruckend musizierender Pianist ...
Jedoch - unglücklicherweise - auch ein hypochondrisch zu leiden habender Schwarzseher.
Und ...
Wir wohnen seit langem in ländlicher "Mutter Natur", in einer minimal besiedelten Ortschaft, das soll nun nicht nur als anheimelnd angemerkt werden. Nein, hier wird oft getuschelt, getratscht und gern auch "in aller Munde gebracht". - Ja, und um eine möglicherweise zum Gespött machende Entschleierung seiner Person unbedingt zu verhindern, nennen wir ihn, den Protagonisten in diesem angstbesessen ablaufenden Geschehen, schlicht und verschleiernd "Harald". - Seine schicksalhaft zwingenden, nicht selten allwöchentlich erfolgenden Besuche in der ortsansässigen Praxis des nun schon seit langem geduldig Aufnahmebereitschaft erkennen lassenden Mediziners (Blutproben, Haut- und Gewebe-Checks, Darmspiegelung - das ganze Programm!) all das hatte vor kurzem leidvoll zur Folge, daß der Doktor anscheinend entnervt reagiert hatte ...
Das wurde "bemitleidenswert" erkennbar als neulich, um drei Uhr nachts, mein Telefon wiederholt eine Art Notruf signalisierte. Es war "Harald", der mich unbedingt über seinen derzeitigen Zustand des Leidens in Kenntnis zu setzen gedachte - und das dann folgendermaßen:
"Jetzt hör' mir 'mal zu - ja! Du wirst es nicht glauben, was ich da gestern erlebt habe!"
"Hm? - Das kommt darauf an ..." murmelte ich schlaftrunken.
"Du kennst mich - und weißt darum auch, daß ich beachtlich selten als wehleidig oder zartbesaitet in Erscheinung zu treten gedenke! Sich meine Anfälligkeitsbeschaffenheit wohl durchaus in Grenzen hält - ja!"
"Beinahe grenzenlos", hörte ich mich leise brummeln.
"Unglaublich!" schwadronierte er weiter. "Da hatte ich neulich Notenblätter in Händen - und wußte gleich darauf nicht mehr warum und wozu? - Mein Gott, auch das noch: Morbus Alzheimer! - Dermaßen angstgesteuert, stand mir mein Dasein sofort niederschmetternd vor Augen! - Vorsorglich bin ich dann doch unverzüglich zum Arzt gefahren, um diesem unheilvollen Schicksalsschlag zukünftig noch so  einigermaßen begegnen zu können."
"Verständlicherweise", merkte ich gähnend an. "Und, was hast Du erreicht?"
"An der verschlossenen Tür zur Praxis hing ein Schild mit dem Hinweis: HEUTE RUHETAG."
"Tja, auch das noch!"
"Nein, nicht für mich! Da ich wohl sichtbar verzweifelt als Notfall zugegen war, habe ich so lange geklopft und geklingelt, bis sich im Haus etwas regte - und der Doktor dann mißgestimmt ..."
"Nachfühlbar, so steht's mir jetzt überdeutlich vor Augen", unterbrach ich ihn anteilnehmend. "Und was geschah dann?"
"Anscheinend widerwillig, hat er mich dennoch von Kopf bis Fuß untersucht, um mir letztendlich dann Schlammbäder als ein vielversprechendes Heilmittel zu verschreiben! - Als ich leicht irritiert hinterfragt habe, was das denn tatsächlich bewirken solle, da hat er mir wahrhaftig zu verstehen gegeben, das sei dringend notwendig, denn er wolle mir schlußendlich dahingehend behilflich sein, daß ich demnächst nicht so völlig unvorbereitet mit dem modrig-feuchten Erdreich in Berührung geraten würde. Das alles in einem Tonfall, der mich erschrocken dastehen ließ."
Ich mußte mir nun mein Lachen verkneifen ...
"Nun ja, wie Du wohl weißt, bin ich weder nachtragend oder so krankhaft verzweifelt überempfindlich! Aber ich werde wohl zukünftig doch den Arzt wechseln müssen!" -
Ja, das hat er dann auch (hoffnungsvoll) in Szene gesetzt - der Harald.
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Mittwoch, 19. Juli 2017

Dieser Mißgriff "Rechtschreibreform" ...

Lieber Leser,
der Du bist derzeitig stöbernd im Internet ...
Nun ja, es sei hier noch höflich darauf aufmerksam gemacht, daß nach dem durchaus verbindlichen Motto unserer Akademie der Schönen Künste: "Nein, die Sprache kennt keine Kompromisse", demnach all meine Erzählungen so trotzköpfig noch immer den alten Rechtschreibregeln verpflichtet sind - und auch bleiben werden.
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Ach, liebe Sprach-Puristen, da sei´s mir nun aufmüpfig gestimmt erlaubt, diesbezüglich noch das Folgende fühlen zu lassen:
"Da hatten sich die Tiefsinnsarbeiter (Klugschwätzer, Bildungsprotze und zuhauf all die athletischen Schwerdenker) dieser (zumeist gefallsüchtig belästigenden) Hochfrequenzintelligenz  damals wieder einmal in Bausch und Bogen verausgabt, in einer Materialschlacht um die (so offenbar ja unumgängliche) Rechtschreibreform", das läßt uns ablehnend der Investigativjournalist Walter van Rossum wissen. "Diese intellektuellen Bergprediger ... Wer mit solchen (abartigen) Mächten ringt, den kann (oder muß!) dann die real existierende Realität (zwangsläufig) so frank und frei gleichgültig lassen.
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Und das - unerfreulicherweise.
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