Freitag, 15. Dezember 2017

Berühmt und oftmals bewundert ...

Ja - gleichwohl,
sich dennoch ein sogenanntes Pseudonym sachdienlich zunutze machen zu wollen, das genießt nach § 12 des BGB immerhin ganz und gar Rechtsschutz - und ist seit dem sechzehnten Jahrhundert weltweit zu einem literarischen Trend gediehen.
Wir erinnern uns sogleich an: Moliere, Novalis, Lenau, Stendhal, Mark Twain, Maxim Gorkij, Arsinoe, Tarzan, Micky-Mouse und einige andere inzwischen namhaft gewordene Persönlichkeiten.
Ja - und beachtenswert ist immerhin, daß da in Annäherung an diese als brauchbar erwähnte Maskierung es wohl nicht so ganz auszuschließen ist, daß sich bereits vor etwa 235 Jahren, vermutlich 1785, ein gewisser Wolfgang Amadeus Mozart in der österreichischen Stadt Wien dereinst auch einer solchen Tarnung bedient hat, um diese verlockend köstlichen, beinahe weltweit erhältlichen Schokoladenkugeln unbedingt schon zu seiner Zeit als unendlich gewinnbringend kommerzialisieren zu können ...
Die Mozart-Kugeln!
Denkbar ist's allemal - wir wissen es aber leider nicht so verbürgt. -
"Nomen est omen“, das verdeutlichte schon einstmals bedeutungsvoll der Titus Maccius Plautus, ein römischer Lustspieldichter aus Umbrien in seinen bereits 170 Jahre v. Chr. als „Persa“ publik gewordenen Schriften. Was ja mithin besagt, daß in der Namensgebung unglücklicherweise auch eine nicht immer Erfolg versprechende Vorbedeutung mitenthalten sein könnte.
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Informativ und wohl auch beachtenswert, ist folglich ein erst vor kurzem in einer stadtbekannten Berliner Weinstube belauschtes Zwiegespräch zu beherzigen:
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„Oh! Sie heißen wirklich Goethe?
Bringt das nicht gewisse Nöte, wenn man, trotz der späten Stunden,
noch immer keinen Reim gefunden?“
„Nein, ich kann mich nicht beklagen!
Denn an milden Sommertagen, ist mir - völlig ungezwungen -
oftmals Reim auf Reim gelungen!
Um meinen Onkel, Karlchen Kant, der einst das Wortgefecht erfand,
wurde es, wie bei Bernd Schiller, schon seit Wochen merklich stiller.
Ja, und der Harald Hölderlin, der hatte neulich, wie mir schien,
hier, wie auch an anderen Orten, sehr viel Kummer mit den Worten!
Letztlich wird es wenig sagen, daß wir große Namen tragen ...
Erwähnt sei da auch meine Tante,
die sich einst dummdreist Puschkin nannte!
Diese Frau hat, ungehobelt, oft literarisch ‘rumgeknobelt,
ob man nicht, wie auch Fontane, Tiergeschichten und Romane ...
Summarisch ging das voll daneben, 
denn ihr textverwirrtes Streben formte keinerlei Akzente!
Und wortlos ging sie dann in Rente."
"Ach ja, da ist man wohl überaus geltungsbedürftig!
Hm, als bisher namenloser Mann, bin ich da bisher besser dran," das ließ er letztlich verlauten, der einem bekannten Literaturkritiker fast zum verwechseln ähnliche Weinstuben-Gast. 
- -
Erstaunt, amüsiert und ergriffen, verließen wir bald darauf schmunzelnd diese fabulierfreudig anmutende Destille. - Und urplötzlich begann nun mein Freund, der Geschichtsforscher Gavrilos schwärmerisch trunken einen reizvollen Absatz aus Puschkins Roman in Versen „Eugen Onegin“ zu deklamieren: „Der Chor der Dichter zischt und kräht, - Gott nein, wie doch die Zeit vergeht!“ so tönte es damals - auf dem Weg zur Einkehr in den Bannkreis der "Kulturkneipe Zwiebelfisch" am Savignyplatz - laut und gewichtig in das nächtliche Berliner Treiben hinein ...
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Montag, 11. Dezember 2017

So ganz und gar märchenhaft! - (?)

Wohl nur gegebenenfalls ...
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"Hören Sie 'mal: Ich nehme sonst keine Anhalter mit. Nur weil's da draußen saukalt ist - und Sie völlig verfroren dagestanden haben ... Jetzt frage ich Sie nach ihrem Namen - und Sie sagen: Schneewittchen! - Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?"
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Seltsam ...
Tja, denn da wird eine bisher größtenteils lust- und leidenschaftslos vonstatten gegangene Alltagswelt so urplötzlich und unvorhersehbar in als übernatürlich zu bemessenen Einflußbereichen märchenhaft aus der Fassung gebracht.
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So auch damals, im Monat Januar des Jahres 2007, als dem Göttinger Wohnmobil- Handelsreisenden Horst-Michael W., auf einer beruflich bewerkstelligten Fahrt von Münden nach Bebra, die oben abgebildete Begebenheit widerfahren ist. -
Unglaublich ...
Beinahe. - Aber anstatt die sich so wunderlich darbietende Chance auch zu nutzen - und die Schöne damals (zweckgerichtet) folgendermaßen anzusprechen: "Da du nun greifbar zugegen bist! Willst du ab jetzt meinen Haushalt versehen? Dort tagtäglich wohlschmeckend kochen - und hernach mit mir lustbetont betten? - Wie wohl auch waschen, kehren und putzen (Autos?). Des weiteren mancherlei nähen, knüpfen und stricken (Schonbezüge für Wohnmobilsitze?). Ja, und bist du auch willens, all das erfreulicherweise reinlich zu halten? - Weder aufmüpfig noch rechthaberisch auftretend zugegen sein? - Auflodernden Widerspruch vorab stets im Keim ersticken? - Dann kannst du liebend gern bei mir bleiben, und es wird dir hinfort an nichts fehlen", hatte er ganz offenbar unüberlegt Fühlung genommen - und allzu ungeschickt die sich überraschend darbietenden Möglichkeiten deutlich erkennbar verspielt.
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Um (wieder einmal) geringfügig Eindruck schinden zu wollen, sei mir nun doch noch eine geistvolle Anmerkung erlaubt:
"Utile dulci - das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden," wie es schon Horaz in seiner "ars poetica" einstmals verdeutlichen wollte, das wäre, hinsichtlich der zuvor geschilderten Begebenheit, wohl doch empfehlenswerter gewesen. - Meinen Sie nicht?
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Donnerstag, 7. Dezember 2017

"Kunst-Verzweiflung" ...

So könnte man´s einfühlsam benennen.
Denn:
"Ars longa, vita brevis - Die Kunst ist lang, das Leben kurz", diese einstmals vom griechischen Mediziner Hippokrates zum Ausdruck gebrachte Lebensweisheit, sie macht nun einigen dieser die Kunst in Szene setzenden Pinsel-Artisten des öfteren leidvoll zu schaffen. -
Entmutigend wird dann ein der Kunst angeblich innewohnendes Prinzip der Harmonie zuweilen doch als recht zweifelhaft empfunden. -
So beispielsweise, wenn bei Sotheby's, in der englischen Stadt London, wieder einmal die Gemälde der namhaft gewordenen Maler versteigert werden - oder worden sind.    
Diese Güte eines derartigen Geschicks war ihm bisher jedoch nicht zugänglich gemacht worden, dem inzwischen alten, grauhaarigen Maler Bartholomé Esteban Murillo.-
Etwas schwermütig gestimmt, hockte er in seiner Malerklause, als das eingeschaltete Fernsehgerät erneut eine sensationelle - ihm das derzeitige Sein vermiesende Berichterstattung offenbarte:
"Ein neuer Weltrekord! 106,4 Millionen Dollar wurden heute für das Picasso-Bild "Nu au plateau de sculpteur" ersteigert. - Und gleich darauf: 104,2 Millionen Dollar zahlte ein Amerikaner für das Gemälde "Junge mit Pfeife", so tönte es aufreizend und beunruhigend ins einstmals so heimelige Atelier hinein. - Ein aberwitzige Tücke des Geschicks, so zog es der Maler kopfschüttelnd in Frage, als es sich ihm offenbarte, daß nun die Kunst im Leben der Kapitalanleger, auf der Suche nach einem zusätzlichen Markt für ihre Investitionen, zunehmend hoffähiger wurde. -
"Felix ars!" (Glückliche Kunst!), murmelte er zähneknirschend ... 
Späterhin, nun so einigermaßen zur Ruhe gekommen, nahm er die Whisky-Flasche zur Hand - und ließ sich in einen der farbverschmierten Sessel fallen. - Eine kurze Zeit der Entspannung nur, denn schon bald darauf mußte er nun die folgende, unbarmherzig zum Ausdruck gebrachte Meldung ertragen:
"Sensationell! Ein neuer Höhepunkt ist erreicht: Denn für 104,3 Millionen Dollar ist gestern früh in London Alberto Giacomettis Skulptur "L'homme qui marche" unter den begierig zuschlagenden Auktions-Hammer geraten!" schnarrte es mitleidlos aus dem T.V.-Gerät heraus.
Empört und zunehmend verbittert, schleuderte der Maler daraufhin die sich inzwischen als leer darbietende Whisky-Flasche in die feucht schimmernde Leinwand eines vor kurzem bewältigten Gemäldes (2,10 m x 1,20 m). -
Und legte sich auf dem kunterbunt leuchtenden Fußboden schlafen ... 
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Im Atelier war noch immer das Fernsehgerät eingeschaltet, als er sich schwankend erhoben hatte. - Im TV-Kanal arte wurde soeben ergriffen plappernd ins Bild gesetzt, daß für Paul Cezannes Gemälde "Pichet et fruits sur une table" bei einer Auktion zwölf Millionen Dollar erzielt worden seien!
Bedingt durch das zur Ruhe kommen wollen auf den bunten Dielen des Ateliers, ist ihm aber dann nicht mehr zu Ohren gekommen, daß Gustav Klimts Gemälde "Adele Bloch-Bauer", inzwischen bei Christies für schlappe 135 Millionen Dollar versteigert worden war. - In diesem bei vielen Malern vermutlich Verbitterung aufkommen lassenden Zusammenhang ist's nun doch noch erwähnenswert, daß in 2006 ein Bild des amerikanischen Malers Jackson Pollock ("No.5") für weltweit Schlagzeilen machende 140 Millionen Dollar wohl "offenbar zweifellos" einem "kunstsinnigen Gemäldesammler" übereignet worden ist.   -
"Beati possidentes - glücklich die Besitzenden!" murmelte einst spöttisch der griechische Tragödiendichter Euripides bei einer Gegebenheit, die dem soeben beschriebenen Mißstand beinahe vergleichbar gewesen sein könnte.
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Ein Nachtrag im (Wonne)-Monat Mai 2015:
Und da schaut nun der Pablo Picasso grinsend "von oben herab" ...
Denn für 180 Millionen Dollar wurde da jüngst seine einstmals gemalte Szenerie "Les femmes d'Alger" aufsehenerregend auktioniert, um zweifellos einem überaus feinsinnig empfindenden, kunstverständigen Sammler die tagtäglich so kunstverliebte Lebensgestaltung zu bereichern.
So sei´s denn ...
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Dienstag, 28. November 2017

Ach ja, so weinselig ergriffen.

Derartig könnte man´s wohl zutreffend deuten -
auch hinsichtlich dessen ...
"Bonum vinum laetificat cor hominis" - meint:
"Guter Wein erfreut des Menschen Herz", das hat auch vorzeiten, durchaus verheißungsvoll, der Herr von Goethe genußsüchtig zu spüren gegeben. -
Immerhin, schon 3500 Jahre vor Christie war sie bereits den alten Ägyptern bekannt, die Weinrebe ...
Und wurde, nachdem sie der mit nackten Füßen zermanschenden Aktivität einiger Kelterknechte zur Trennung des Saftes von Hülsen und Kernen ausgeliefert worden war, inklusive all der sonstigen Produktionsprozesse, als ein jetzt mundgerecht geschaffenes Erzeugnis nicht selten mit der Würdigung  "Göttertrank" oftmals unglaublich schwatzhaft umschmeichelt.
Das nun auch heutzutage. Als da, 'mal beispielsweise, zu lesen sein kann:
Pure Frucht, die sich im Abgang (ist in diesem Fall als "abwärts gleitend" zu verstehen.) zunehmend blumiger verdichtet und ausbalanciert all die Sinne verzaubert. - (alle?)
Da erzeugt eine sich nun mit monumentaler Kraft entfaltende, samtweiche Opulenz (meint: "Volumen", auch "Üppigkeit", wohl nicht lümmelhaft "Korpulenz" oder "Leibesfülle".) dann im Gaumen einen spannungsgeladenen, köstlichen Akkord von Harmonie und Raffinesse (Nun, das könnte ja auch als "Strategie" oder als "Taktik" verstanden werden.) - Und eine dermaßen deliziös und erlesen erschaffene Pikanterie ("Anzüglichkeit"?), sie offenbart dann in einer vollmundig ausgereiften Vollendung verlockend den Hochgenuß herausragender Weine.
Ein einleitend noch herb-würzig wahrzunehmender Anflug von Verschlossenheit (= vermutlich die Prüderie des Weines!), vollendet sich prickelnd baldigst zu einem nur noch als göttlich zu preisenden Gaumen-Verführungszauber!
Ambrosia (ist ja ursprünglich als Terminus für "Götterspeise" oder gegebenenfalls auch für das "Salböl der Unsterblichen" geprägt worden.) kriecht (!) süffig berauschend, exquisit aromatisch in jede Falte des Mundes. (Diesbezüglich ist da offenbar leider nur der innere Bereich des Mäulchens vom Glück begünstigt? Oder läßt sich darüber hinaus auch die im Alter äußerlich etwas schrumpliger werdende Hautbeschaffenheit gleichfalls ein wenig manipulieren?) -
Wie auch immer: Nach einer langdauernden Reife späterhin genial ausbalanciert, entfaltet sich im Gaumen himmlisch erhebend (!) eine superbe Fülle von Tiefe und Frische. (Amen!) -
Ach ja, uns allen, die wir nun dermaßen mundwässernd in Kenntnis gesetzt worden sind, ist zweifellos fest umrissen zu Bewußtsein gekommen, was da unglaublich schwelgerisch zu einem unvergeßlichen Gaumenerlebnis ins bisher eventuell ja leicht abgeschmackt vonstatten gegangene Erdendasein gerufen werden kann.
Voilà! - 
Einem dermaßen als Beglückung beweihräucherten Produkt, dem kann man wohl irgendwann nicht mehr mit Abneigung begegnen. - Dessen wurde ich mir, aufschlußreich auf den Geschmack kommend wohl auch bewußt, als ich dereinst, noch jung an Jahren, für Wochen und Monate in Frankreich heimisch sein durfte. -
Hernach: 
Oui - und von all den dort tagtäglich sich stets so anheischig machenden Trunkenheitsstimmung-Ermunterungen durchaus beeinflusst, bekam ich alsbald auch die (In Deutschland, nicht in Frankreich und auch nicht in Griechenland!) des öfteren wohlmeinend ausgesprochenen Ermahnungen zu hören: "Willst du den Rest deiner Erdentage nur noch trunken torkelnd umherstolpern? Anstatt aufrecht schreitend ..."
"Wohl oftmals offenbart sich Zwang, im aufrecht dargebotenen Gang", summte ich anfangs gern halblaut, etwas gereizt dagegen halten wollend. - 
Das ist lange her und war nicht von Dauer ...
Denn:
"Wo aber der Wein fehlt, da fehlt auch der Reiz des Lebens", bekundete einst schon der griechische Dichter Euripides solch ein Dasein von hervorbrechender Freudlosigkeit.
Und da "sprach ER mir aus der Seele":
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Euripides war ein griechischer Dramatiker und Tragödiendichter.
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Sonntag, 26. November 2017

Eine leibhaftige "Oma Courage" ...

Neulich, so zutreffend miterlebt - !
Als "Zaungast" im Garten eines Berliner Cafés, im Stadtteil Charlottenburg:
Zwei Männer sitzen dort plaudernd an einem der Nachbar-Tische, beide anscheinend als Feuilletonisten in einem Zeitschriften-Verlag berufsaktiv. -
Einer von ihnen macht sich oftmals bisher noch rätselhafte Notizen ...
"Was schreibst Du denn da so selbstquälerisch auf?" fragt der ältere Kollege neugierig nach.
"Bejammernswertes - für eine Kurzgeschichte!"
"Interessant! - Darf man denn da einmal 'reinhören?"
"Das sei Dir erlaubt", wurde ihm kollegial zugestanden. - "Also: Vor Deinem geistigen Auge Gestalt annehmend, versucht da ein verhärmt zutage tretendes weibliches Wesen, auf einem klapprigen Planwagen sitzend, mit zwei freudlos dreinblickenden Kindern an ihrer Seite, antreibend auf eine abgemagerte Schindmähre einzuwirken."
"Aha! - Da entflieht sie gebeutelt, ich ahne es schon: Die Mutter Courage, nebst Tochter und Sohn!" deklamierte der Ältere ad hoc ironisch drauflos.
"Genau! - Brechts Mutter Courage und ihre Kinder. - Was spricht für Dich abwertend dagegen?" wurde erwartungsvoll hinterfragt.
"Mein Gott! - Das ist doch bisher schon unzählige Male so melodramatisch überbetont beschrieben worden", bekam er's mißbilligend zu spüren, der aufstrebende Neuling im reizvollen Fachbereich Feuilleton.
"Wohl wahr!" wurde bejaht. "Aber hast Du denn jetzt einen besseren Vorschlag zum Thema: Courage, Beherztheit und den Mut der Verzweiflung anzubieten?" forschte der Jüngere aufmerksam nach.
"Ja, hab' ich!" wurde bekräftigt. "Für drei Flaschen Chateauneuf du Pape hast Du sogleich alles dermaßen anbetungswürdig im Griff, daß eine Gehaltserhöhung gewiß unausbleiblich sein wird."
"Hm? - Das hört sich ja durchaus verlockend an!" wurde nun schmunzelnd eingewilligt. - "Okay, der Wein ist gebongt. Dann laß 'mal sogleich diese inspirierend aufmauzende Katze aus dem bisher noch recht fadenscheinig anmutenden Sack heraus."
Der ältere Kollege lehnte sich daraufhin bedeutsam zurück - und begann dann beispielgebend ins Bild zu setzen:
"Ja, es geschah vor einigen Tagen ... Ich saß damals auch hier im Garten. - Nichts ahnend, wurde ich aber schon bald darauf plötzlich zum Augen- und Ohrenzeugen der nun folgenden Begebenheit: An einem der benachbarten Tische saß eine schlohweiße Dame gesegneten Alters; sichtbar bemüht, sich mit den zitterigen Händen aus einem Kännchen eine Tasse Kaffee einzuschenken. - Als am Nachbartisch schlagartig drei junge Burschen, freizügig und zunehmend vulgär, sich in ein schamlos geführtes Palaver hineinsteigerten! - 
Lauthals wurde dort über ein uneheliches Zurweltkommen - und späterhin auch noch Spott treibend darüber schwadroniert, wie man (angeblich) bis jetzt doch so ein vaterloses Heranwachsen immerhin ganz cool und easy gemeistert habe."
"O Gott! Mir steht nun mitfühlend vor Augen, wie solch ein abartiges Benehmen die alte Dame sicherlich geschockt haben muß", mutmaßte der junge Kollege hinsichtlich der vorab so unverfroren laut gewordenen Heimsuchung durch das anstoßerregende Geschwafel dieser - seiner Meinung nach - "unvergorenen Spottgeburten".
"Nein-nein, anscheinend hat's die alte Frau kaum berührt!" ließ ihn der Ältere wissen. 
"Wie bitte? - Das ist nicht Dein Ernst?" wurde erstaunt hinterfragt.
"Aber ja doch!" bekam er's bestätigt. "Denn gleichgültig erscheinend, schaute die alte Lady nur kurz hoch - und hat dann am Nebentisch leidenschaftslos angefragt: "He! - Kann mir wohl einer von Euch elenden Bastarden doch 'mal  freundlicherweise den Zucker herüberreichen?"
"Zugegeben, das ist ja wirklich sehr eindrucksvoll!"
"Und auch noch ganz und gar entsprechend!" wurde betont. "D'rum schreib das jetzt auf, dann hast Du eine erfolgversprechende Story zur Hand. - Als geistreichen Touch solltest Du abschließend noch ein Horaz und später auch Kant zugeschriebenes Zitat hinzufügen."
"Mit Vergnügen! - Dann gib das 'mal lehrreich kund."
"Supere aude -wage es weise zu sein. - Okay, mein Freund? - Dann sind da alsbald jedoch vier Flaschen Chateauneuf du Pape wohl eine durchaus angemessene Vergütung." -
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Freitag, 24. November 2017

Der Onkel GOETHE - und das Flötenspiel ...

Anno dazumal aus Knochen oder Rohr gefertigt, gehören sie mit zum ältesten Kulturgut: die Flöten. -
Durch das Anblasen (lat. flatus, das Blasen) einer Kante oder auch Schneide, wird daselbst der zuvor noch gänzlich unerfahrene Innenraum eines Hohlkörpers über kurz oder lang - nicht selten durchaus melodisch - deutlich vernehmbar zum Schwingen gebracht. - Und noch etwas möge hier aufklärend hinzugefügt sein: "Obertonarm sei er, der Klang der Flöte; daher weich - und bei den tieferen Tonarten klangfarblich abgründig dumpf, fast schon geheimnisvoll unbestimmt. Als Sinuston sei er jedoch ein offenes Geheimnis - und bei all den flötenden Musikern anscheinend "gang und gäbe", so die Lehrmeinung etlicher Musikexperten.
"Und in den hohen Lagen", fügten sie noch achtgebend hinzu, "da würde es zunehmend heller - ja, beinahe schon nervtötend schrill!" - Mitschwingend oftmals dabei: Die mitunter verhaßte Blockflöte. So viel sei hier nun diesbezüglich vorab einmal aufschlußreich angemerkt.
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Oftmals recht lückenhaft und wohl auch ergänzungsbedürftig, so sind sie zumeist recht euphemistisch formuliert worden, diese fast schon heilig sprechenden Biographien.
Und auch in den Johann Wolfgang von Goethe betreffenden biographischen Publikationen wurde die nachfolgende Begebenheit ja niemals erwähnt. -
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Wohlan, es begab sich dereinst, an einem sonnenerhellten Tag im September des Jahres 1830, daß Goethe in Weimar einer als Anverwandte ins Leben gerufenen jungen Dame neugierig seine Aufwartung zu machen gedachte. - Im Laufe der damaligen Plauderei, soll dann angeblich zu guter Letzt ein recht offenherzig gemachtes Eingeständnis salopp zum Ausdruck gekommen sein ...
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Der Onkel Goethe dort zur Nichte:
"Mein Schatz, ich geh' jetzt heim und dichte!"
Die Nichte daraufhin zu Goethe:
"Dann spiel' ich noch auf meiner Flöte!"
Gleich fragt der Oheim recht gelassen:
"Kannst Du solch Tun in Worte fassen?"
"Das kann ich wohl!" sagt sie zu Goethe.
"Ich nehme einfach diese Tröte -
und puste kraftvoll d'rauf herum!"
Der Onkel dreht verblüfft sich um:
"Was willst Du damit offenbaren?"
Empört zupft er sie an den Haaren.
"Nur das, mein lieber Oheim Goethe:
Sie nervt mich, diese blöde Flöte!"
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Wie bereits erwähnt: Vermeintlich im Jahr 1830 soll sich diese Begebenheit damals ereignet haben ...
In einem retrospektiv andauernden Zeitraum, als seine Exzellenz, der großherzogliche Hofrat Johann Wolfgang von Goethe, selbstquälerisch und partiell auch wirklichkeitsnah einbekennen wollend, mit seinem durchaus als Lebensrückschau zu verzeichnenden Werk "Dichtung und Wahrheit" beschäftigt gewesen war.
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Dienstag, 21. November 2017

Diese fragwürdige Prominenz im TV ...

Ja doch, da zeigt man sich gern so ganz und gar überhöht -
als "Star" oder bisher noch immer ein "Sternchen".
Quotengenötigt von einer der Fernsehanstalten eingeladen, setzt man sich dummstolz in Positur und schwatzlüstern in Szene - berauscht von der Apotheose eines schier unvergleichlichen Ichs.
Nun denn: "Prominenz", die lateinische Benennung für hervorragende Persönlichkeiten, sowohl auch für all die zumeist selbstverliebt und geltungsbedürftig in Erscheinung tretenden Möchtegern-Berühmtheiten, nebst eines oftmals nicht spurlos zu verhindernden arrogantia et inscius ...
Tja, Arroganz ist, so sei's einmal schnippisch zu spüren gegeben, wohl gar nicht 'mal selten auch als "die Perücke geistiger Kahlheit" zu gewahren. -
"Ach, vermutlich fragt sich manch einer von Ihnen späterhin oftmals kopfschüttelnd, wie man vorab ein einigermaßen annehmbares Dasein denn überhaupt bewältigen konnte?" dermaßen bespöttelte neulich ein bekannter (prominenter) Satiriker einige der anwesenden Stars und Sternchen in einer sogenannten Talkshow. - "Nun hat sich ja alles paradiesisch vergoldet - und Sie haben doch gewiß schon ein über Ihr nunmehr so unvergleichbar schillerndes Vorhandensein Auskunft gebendes Buch dabei, also anheischig machen wollend hier in Bereitschaft!" brach es mißbilligend aus ihm heraus.
Das hatten sie selbstverständlich eilfertig parat ...
(Dem Ghostwriter sei Dank.)
Zugegen im lustvollen Miteinander der Selbstbeweihräucherung. 
"Ja, da lobt man sich, gesund und munter, stets einen nach dem anderen runter!" so hat es der Autor und Kabarettist Wolfgang Nitschke handfest und ausdrucksvoll gekennzeichnet.
Wohingegen das unaufdringlich geartete Verhalten einiger (nur wenige) - der ebenfalls in Gunst und Geneigtheit stehenden Persönlichkeiten -, erfreulicherweise all das so wichtigtuerische Gefasel hin und wieder beachtenswert ausbalancieren; offenbar ganz unbelastet von dieser Selbstverliebtheit, gefallsüchtig solch ein "unendliches Ich" (Robert Gernhardt) derart überbetont der Öffentlichkeit anpreisen zu müssen.    
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Fast schon ein wenig befürwortend, so hat's der französische Philosoph Voltaire wohl dereinst schon recht zutreffend zum Ausdruck gegeben: "Die Eigenliebe ist das Instrument der Selbsterhaltung".
Und gleichbedeutend sei darum hier noch apostelhaft hinzugefügt: Selig sind die "Armen im Geiste", denn ihrer ist jetzt schon auf Erden das Himmelreich.
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Nota bene:
Der französische Kunstkritiker Octave Mirbeau philosophierte in diesem Zusammenhang einmal über eine Art "selbstgefällige Unfähigkeit".
Und:
In seinem Buch "Seichtgebiete" gibt der Autor Michael Jürgs einen tiefschürfenden Einblick in das geistesarme Beisammensein "der Eitelkeit" inmitten all dieser "prominenten Nullnummern".
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Noch etwas kommt da nachdenklich stimmend hinzu:
In neuzeitlichen Talkshows wird uns ein Sprachverhau zugemutet, der an Flauberts Behauptung zweifeln läßt, dass "die Sprache das erste Genie eines Volkes ist", kritisierte einst Andreas Altmann das dargebotene Formulierungsgeschick in der TV-Manege Geltungssucht-Striptease.
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Und in dieser Verquickung all dessen, da bleibt mir nun doch in Erinnerung, daß mein Patenonkel seinerzeit einmal kopfschüttelnd zu spüren gegeben hat: "Mein Gott! Diese ungebildete Vielfalt!"
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Samstag, 18. November 2017

So ganz und gar heimatverbunden:

Patriotismus - einst die französische Wortfindung für eine vaterländische Gesinnung, die stets auf einem starken Zugehörigkeitsgefühl zur Heimat ruht, tja - und gegebenenfalls bis zur Hingabe an ...
Was ich im September 1972 recht eigenwillig zu spüren bekommen habe, in Südfrankreich:
Damals, unterwegs auf einer Landstrasse in Richtung Aix-en-Provence, um später von dort aus Paris anzusteuern. -
Das Ende der Ortschaft Roquebrussane war soeben erreicht, als ich ihn rechtsseitig stehend winken sah, einen bäuerlich wirkenden alten Mann. Bereitwillig hielt ich drum an - und öffnete die Beifahrertür des Fahrzeugs. Im Rückspiegel sah ich ihn schlurfend herannahen. Bald darauf hatte er das Auto erreicht - und bat mich darum, mitfahren zu dürfen.
Er müsse wieder einmal nach Aix-en-Provence, um dort sein allmonatlich eintreffendes Rentengeld abzuholen, gab er mir zu verstehen. - Zunehmend füllte sich die Fahrgastzelle mit einem köstlichen Knoblauch-Odeur, als mein Fahrgast nun damit begonnen hatte, mir einige Etappen aus seinen Lebenserinnerungen zu erzählen. -
Bis hin zu dem Augenblick, da ein uniformierter, gebieterisch ausgestreckter Arm uns autoritär zum Anhalten zwang: "Ausweis und Fahrzeugpapiere, bitte!" fuhr er mich an, der hochnäsig herabblickende Flic. "Haben Sie Alkohol getrunken? Wenn ja, dann hauchen Sie mich jetzt einmal nachfühlbar an", erweiterte er sein unglücklicherweise von Rechts wegen beglaubigtes Anliegen. - "Nique sa mère", (zumTeufel mit ihm!) murmelte ich mißgestimmt, mich angsterfüllt daran erinnernd, daß noch vor einigen Stunden, im nächtlichen Beisammensein mit Freunden einige Flaschen Rotwein geleert worden waren. Dann tat ich jedoch wie geheißen. -
Hm? - Ohne ein Wort der gesetzmäßig zu erwartenden Entrüstung zu bezeugen, richtete er sich intensiv nachschnüffelnd auf, machte dann zackig kehrt, um gleich darauf dem im Polizeiauto sitzenden Kollegen über die gerade vollstreckten Nachforschungen Bericht zu erstatten: "Non, pas de probleme! Irrécusable un Cote du Rhone", hörte ich ihn deutlich verkünden, da ich noch immer, ängstlich aufhorchend, bei geöffnetem Fenster die Ohren spitzte. - Ja, und nach seinem Erlebnisbericht schwenkte er seltsamerweise stillvergnügt anmutend um, und näherte sich wohlwollend grinsend wieder dem Objekt seiner vorab so entschlossen in Angriff genommenen Spekulation, dem vermutlich alkololisierten Fahrer des Automobils: "Monsieur, es ist alles in Ordnung, dann weiterhin gute Fahrt!" gab er, mir freundlich zunickend, unbegreiflicherweise zu verstehen. -
Nur das fast wiehernde Gelächter des alten Mannes übertonte das sonore Brummen des Motors, als ich den Wagen erneut gestartet hatte, um eiligst davonzufahren.
"Das darf doch nicht wahr sein! Was war das denn soeben?" ließ ich kopfschüttelnd verlauten.
"Und was hat der uniformierte Staatsdiener damit gemeint, als er seinem Kollegen unter anderem noch: Einwandfrei Cote-du-Rhone! zugeraunt hat?" - Der Alte lehnte sich schmunzelnd zurück und legte dann los: "Oui, da ging es schlicht und ergreifend um Ihre alles spezifizierende Weinfahne, Monsieur!" - "Ja, das hab' ich an sich auch begriffen." - "Sie haben bisher noch gar nichts begriffen, das sehe ich Ihnen doch an!" prustete er daraufhin los. -
"Nein, nicht? Dann erklären Sie's mir doch 'mal etwas  genauer." -
"Das will ich gern tun, also: Wir sind hier ja bisher noch immer in einem Rhone-arrondissement ..." -
"Ja-ja, das ist mir inzwischen durchaus vertraut, mein Guter", unterbrach ich ihn lauernd. -
"Oui, inmitten einer der größten und sicherlich auch ertragreichsten Weinanbaugebiete! Es gibt aber in Frankreich noch andere Winzerbereiche - und zwischen ihnen tobt schon seit Jahrhunderten ein unversöhnlicher Wettstreit", klärte er mich gestenreich auf. -
"Schon möglich", brummte ich unwirsch. "Aber was - zum Teufel! - hat das mit mir und dieser ungewöhnlich verlaufenen Polizeivisitation zu tun?" -
"Oui, sehr viel, Monsieur! Dieser Beamte hat bei Ihnen anscheinend zufriedenstellend einen vorab erlebten Cote-du-Rhone-Genuß gerochen. Wie gesagt, wir sind hier im Rhone-distrikt! Hätte er etwas anderes erschnüffelt, wie, mon dieu! so beispielsweise einen Burgunder-Rotwein oder einen Bordeaux, dann wären Sie sicher fatal in Schwierigkeiten geraten! - Und noch schlimmer wäre es wohl für Sie verlaufen, wenn dieser heimatverbundene Beamte dann fassungslos einen Rotwein aus dem Elsaß hätte erschnuppern müssen. Mon dieu! Dann hätte ich nicht in Ihrer Haut stecken wollen", betonte er seine unheilschwangere Verdeutlichung. -
"Adieu! Portez-vous bien! - Vielleicht war dieses bedeutungsvolle Erlebnis ja auch eine lehrreiche Begegnung." rief er mir noch beachtenswert zu, als wir uns in Aix-en-Provence voneinander verabschiedeten ...
-
***

Donnerstag, 16. November 2017

Ein traumhaftes Wunschbild ...

Wohl auch, um dem so altgewohnten Geschehen
nun einen gefühlvoll erweiterten Stimulus angedeihen lassen zu können.
Tja ...
Und zunehmend nachdenklich gestimmt ergriffen,
steht mir im Verlauf dieser aufkommenden Besinnlichkeit
sogleich ein beglückendes Traumbild für die restlichen Tage auf Erden
malerisch harmonisierend jetzt wirklichkeitsnah vor Augen.
Und das folgendermaßen:
Nachmittage an einer südlichen Meeresküste - 
die hüllenlosen Füße ruhen entspannt im warmen Sand. 
Auf einem hölzernen, kunstlosen Tisch schimmert - illuminiert durch den Glanz der Sonne - fast goldfarben die Fülle einer soeben dem Kühlschrank entnommenen Flasche Weißwein,
recht unzutreffend als "trocken" bezeichnet. -
Nun ja, so daseinsfreudig verweilen zu dürfen,
"das wird dann zum Prachtvollsten, was die Welt zu geben hat,"
derart - fast schon paradiesisch - hat's der
 französische Schriftsteller Albert Camus einst bekundet.
*
Eine Erkenntnis ...
Ja, da wird es nun wieder einmal spürbar akzentuiert:
Mein wahrscheinlich mediterran geartetes Lebensethos verweilt wohl doch zeitlebens
recht untalentiert im leistungs- und karrierebetonten Arbeitsethos
einer derart ambitionierten Lebensgestaltung.
*
Wohlan, schon keimt da - aufs neue - ein "gnothi seauton". *
* "Erkenne dich selbst"
-
Ein (tadelnder) Nachtrag:
"ti krama!" (Wie schade!)
Fast schon betroffen machend ruft sie's mir auf der Insel Lesbos zu,
die griechische Lyrikerin Sappho:
"Um nach dem Tod ruhmlos umherzuirren -
als Schatten im Schwarm nichtiger Toten?"
Ach ...
"Ultra posse nemo obligatur", so habe ich's damals abweisend bekundet.
(Über das Können hinaus ist niemand verpflichtet.)
óchi ... (nein)
-
***

Donnerstag, 9. November 2017

Wohl hoffnungslos überempfindlich - ?

In dieser Zwangsfixierung: "Hypochondrie":
Eine griechische Wortprägung für eine krankhaft übersteigerte und zumeist andauernde Kontrolle der tagtäglichen Befindlichkeit des eigenen Körpers. -
So viel vorab - zur nachfolgend miterlebten Begebenheit ...
Ein Freund von mir ist Musiker - und als solcher ein oftmals beeindruckend musizierender Pianist!
Jedoch - unglücklicherweise - auch ein wiederholt hypochondrisch zu leiden habender Schwarzseher.
Nun denn:
Wir wohnen seit langem in ländlicher "Mutter Natur", in einer minimal besiedelten Ortschaft, das soll nun nicht nur als anheimelnd angemerkt werden. Nein, hier wird oft getuschelt, getratscht und gern auch "in aller Munde gebracht". - Ja, und um eine möglicherweise zum Gespött machende Entschleierung seiner Person unbedingt zu verhindern, nennen wir ihn, den Protagonisten in diesem angstbesessen ablaufenden Geschehen, schlicht und verschleiernd "Harald". -
Seine nun schicksalhaft zwingenden, nicht selten allwöchentlich erfolgenden Besuche in der ortsansässigen Praxis des nun schon seit langem geduldig Aufnahmebereitschaft erkennen lassenden Mediziners (Blutproben, Haut- und Gewebe-Checks, Darmspiegelung - das ganze Programm!) all das hatte vor kurzem leidvoll zur Folge, daß der Doktor anscheinend entnervt reagiert hatte ...
Das wurde "bemitleidenswert" erkennbar als neulich, um drei Uhr nachts, mein Telefon wiederholt eine Art Notruf signalisierte. Es war "Harald", der mich unbedingt über seinen derzeitigen Zustand des Leidens in Kenntnis zu setzen gedachte - und das dann folgendermaßen:
"Jetzt hör' mir 'mal zu - ja! Du wirst es nicht glauben, was ich da gestern erlebt habe!"
"Hm? - Das kommt darauf an ..." murmelte ich schlaftrunken.
"Du kennst mich - und weißt darum auch, daß ich beachtlich selten als wehleidig oder zartbesaitet in Erscheinung zu treten gedenke! Sich meine Anfälligkeits-Beschaffenheit wohl durchaus in Grenzen hält - ja!"
"Beinahe grenzenlos", hörte ich mich leise brummeln.
"Unglaublich!" schwadronierte er weiter. "Da hatte ich neulich Notenblätter in Händen - und wußte gleich darauf nicht mehr warum und wozu? - Mein Gott, auch das noch: Morbus Alzheimer! - Dermaßen angstgesteuert, stand mir mein Dasein sofort niederschmetternd vor Augen! - Vorsorglich bin ich dann doch unverzüglich zum Arzt gefahren, um diesem unheilvollen Schicksalsschlag zukünftig noch so  einigermaßen begegnen zu können."
"Verständlicherweise", merkte ich gähnend an. "Und, was hast Du erfreulich dort nun erreicht?"
"An der verschlossenen Tür zur Praxis hing ein Schild mit dem Hinweis: HEUTE RUHETAG."
"Tja, auch das noch!"
"Nein, nicht für mich! Da ich wohl sichtbar verzweifelt als Notfall zugegen war, habe ich so lange geklopft und geklingelt, bis sich im Haus etwas regte - und der Doktor dann mißgestimmt ..."
"Nachfühlbar, so steht's mir jetzt überdeutlich vor Augen", unterbrach ich ihn anteilnehmend. "Und was geschah dann?"
"Anscheinend widerwillig, hat er mich dennoch von Kopf bis Fuß untersucht, um mir letztendlich dann Schlammbäder als ein vielversprechendes Heilmittel zu verschreiben! - Als ich leicht irritiert hinterfragt habe, was das denn tatsächlich bewirken solle, da hat er mir wahrhaftig zu verstehen gegeben, das sei dringend notwendig, denn er wolle mir schlußendlich dahingehend behilflich sein, daß ich demnächst nicht so völlig unvorbereitet mit dem modrig-feuchten Erdreich in Berührung geraten würde. Das alles in einem Tonfall, der mich erschrocken dastehen ließ."
Ich mußte mir nun mein Lachen verkneifen ...
"Nun ja, wie Du wohl weißt, bin ich weder nachtragend oder so krankhaft verzweifelt überempfindlich! Aber ich werde wohl zukünftig doch den Arzt wechseln müssen!" -
Ja, das hat er dann auch (hoffnungsvoll) in Szene gesetzt - der Harald.
-
***

Mittwoch, 8. November 2017

Vincent van Gogh: Diese "Ohren-Tragödie" - ! - !

Und der gefühlsbetonte Versuch einer Verdeutlichung dessen - damals, mit Robert Gernhardt ...
Annähernd zwei Jahrzehnte ist es nun her, daß ein Zufall es möglich machte: Wir trafen uns in der hessischen Stadt Gießen, als wir - ein jeder auf einer anderen Kleinkunstbühne -, unsere Lesungen bewältigt hatten.
-
Wohl auch erwartungsvoll und mitteilungsbedürftig, lustwandelten wir spätabends noch in eine stadtbekannte Weinstube in der Steinstraße.
Und dort - nachdem die zweite Flasche Chateau Lafite-Rothschild inhaltlich fast zur Neige gegangen war -, vertieften wir uns bald auch in eine sich beinahe schöngeistig offenbarende Redseligkeit:
„Robert, schenk mir doch bitte einmal aufgeschlossen Gehör“, versuchte ich seine Aufmerksamkeit zu erreichen. „Denn mit der folgenden Verserzählung ist es mir Wunsch nun eindeutig zu belegen, daß am 2. Januar 1889, in der südfranzösischen Stadt Arles, am späten Abend, am Place Lamertine ...“
„Ach ja: Der bemitleidenswerte Maler Vincent van Gogh - und diese dereinst erlittene, brutal und unbarmherzig als eine Art Denkzettel vollstreckte Mißhandlung!“ unterbrach er mich derart bedeutungsvoll.
„Oha! Ein Denkzettel? Also demnach die zügellos aufflammende Art und Weise einer Strafmaßnahme. - Ist das jetzt tatsächlich ernstgemeint?“ schaute ich baß erstaunt fragend auf.
„Selbstverständlich!“ gab er mir forsch zu verstehen. „Der Vincent van Gogh wohnte ja derzeit in Arles mit dem oftmals erschreckend aufbrausenden Choleriker Paul Gaugin zusammen!“
„So war’s. - Na und?“ forschte ich angespannt nach.
„Nun denn, ich will das jetzt einmal folgendermaßen vergegenwärtigen: Der Vincent war eines Tages versessen darauf, von neuem ein im ländlichen Umkreis noch immer in einem leuchtenden Goldgelb aufscheinendes Sonnenblumenfeld malerisch kraft- und ausdrucksvoll auf die Leinwand zu bannen. -
Am Morgen darauf war er schon hochgestimmt sehr früh auf den Beinen. - Der Freund Gaugin lag noch in tiefem Schlaf.
Als Vincent dann seine Malutensilien zusammenpacken wollte, mußte er zutiefst erschrocken gewahr werden: kein Indischgelb und auch kein Kadmiumgelb vorhanden! Beide Tuben waren ausgequetscht leer! -
Nach einer alptraumartig durchlebten Schrecksekunde erinnerte er sich aber daran, daß Paul Gaugin neulich aus Paris unter anderem auch eine große Tube Indischgelb mitgebracht hatte. 
Gefühlsmäßig war ihm gewiß nicht wohl dabei, als er sich der Tube aus Pauls Malkasten bemächtigte.
Spätabends kam er dann heim - und begab sich sogleich freudig erregt nach oben ins Häuschen, das tagsüber in der freien Natur fertig gemalte Sonnenblumen-Bild erwartungsvoll in der Hand haltend.“
„Hm? - Robert, ich ahne nun wirklich Verhängnisvolles!“ beunruhigte mich der Verlauf seiner spannenden Geschichtsklitterung.
„Wohl wahr!“ informierte er weiter. „Denn im oberen Stockwerk wartete hinter der Tür seit langem ein wutschnaubend hin und her gehender Paul Gaugin auf den bisher ja noch immer nichtsahnenden Vincent! - Wütend riß er dem vertrauensselig dastehenden Freund das noch feucht schimmernde Bild aus den Händen, warf es zu Boden - und trampelte heftig darauf herum! Fluchend umklammerte er sogleich den Kopf seines sprachlos dastehenden Weggenossen, schlug zornentbrannt seine Zähne in dessen Ohr - und biß ...“
„Entschuldige Robert“, unterbrach ich ihn nun so bedeutungsgleich zurückdenkend. „Aber mir ist da soeben eine wohl kaum noch als kunstfertig zu betrachtende Nachäfferei der von Dir so atemberaubend geschilderten Fleischeslust eingefallen: Dieser amerikanische Faustkampf-Athlet,  Mike Tyson genannt, der hat doch da einst gleicherweise seinem Gegner ...“
Eine Verunglimpfung! - Eine von mir dummdreist und wichtigtuerisch zum Ausdruck gegebene Mißachtung dieser einstmals tatsächlich geschehenen Ereignisse im "Gelben Haus" in Arles. -
Zweifellos: Ich hatte es anscheinend zu weit getrieben.
Denn kopfschüttelnd schaute mich Robert daraufhin an: „Mußt Du jetzt unbedingt solch banale Abgeschmacktheiten töricht hineinschleudern, in eine dereinst aufsehenerregende und wohl auch kunsthistorisch durchaus als inhaltsgewichtig zu bewertende Tragödie?“ beschwerte er sich - zudem auch noch mißgestimmt dreinschauend.
-
Drei Tage waren wir damals lesend auf Tour, in den Ortschaften Gießen, Wetzlar und in der malerischen, oberhessischen Kleinstadt Lich.
Am letzten Abend haben wir uns dann noch einmal getroffen, in der vorab schon erwähnten Weinstube.
Irgendwann, im Laufe der red- und zugegeben auch weinselig gestalteten Stunden ergab es sich dann, daß rein zufällig erneut der Maler Vincent van Gogh zum Gesprächsthema wurde: 
„Robert, jetzt schenk‘ mir diesbezüglich bitte noch einmal gottergeben Gehör! Denn diese weltweit noch immer Mitgefühl anregende Ohren-Tragödie, sie hat sich ja seinerzeit wohl schwerwiegend sehr viel bösartiger zugetragen."
"Ach?" horchte er abwartend auf. "Ich befürchte nun ernsthaft, daß hinsichtlich dessen gleich eine abgrundtief grausame Veranschaulichung zu gewahren sein wird."
"Ja, so kann man's wohl kritisch betrachten", stimmte ich zu. "Theo van Gogh, der herzensgute Bruder des armen Vincent, er hat ja seinerzeit in Paris eine kleine Bilder-Galerie betrieben. Und am 4. Januar 1889 erhielt er postalisch geleitet dort un recommandée, einen eingeschriebenen Brief ausgehändigt; aufgegeben in der südfranzösischen Stadt Arles. - Ahnungslos öffnete er gleich darauf das Kuvert - und mußte schreckensbleich nun die folgende Androhung schlechthin zur Kenntnis nehmen:
Cher Theo van Gogh, stand da einleitend geschrieben.
Des weiteren dann:
Auch hier macht sich die Jahreszeit, 
mit ungewohnter Kälte breit.
Doch sollten wir darob nicht klagen, 
das ist halt so, an diesen Tagen.
Wir sehen Sie erstaunt verweilen, 
bei’m Überfliegen dieser Zeilen.
Wenn Sie uns Ihre Gunst gewähren, 
läßt sich das kurzerhand erklären:
Ihr Bruder sitzt in unserer Mitte! 
Und ihn betrifft auch diese Bitte:
Wir möchten für den bunten Knaben, 
von Ihnen gerne Bares haben!
Denn er gestand uns, unter Qualen, 
daß Sie seit Jahren für ihn zahlen.
Da Sie ihn finanziell umhegen, 
kommt uns das nun auch sehr gelegen.
Wenn Sie ihn wiedersehen wollen, 
dann sollten Sie mit uns nicht schmollen,
sondern schnellstens für ihn löhnen!
Das wollten wir nur kurz erwähnen.
Der Vincent sagt gerade leise: 
Mein Bruder will bestimmt Beweise ...
Na gut, das läßt sich alles machen, 
wir sind versiert in solchen Sachen!
D’rum werden wir, zu Ihren Händen, 
sein linkes Ohr postalisch senden.
Bedenken Sie, wir sind in Eile, 
sonst folgen dem noch andere Teile!
Das wär’s für heut’, von hier aus Arles.
Mit lieben Grüßen, stets Ihr Charles.
-
Robert hat mir daraufhin damals nur nachsichtig schmunzelnd zugenickt, zuprostend sein Weinglas erhoben - und spürbar gelassen zum Ausdruck gebracht: „Se non e vero, e ben trovato", wenn es nicht wahr ist, ist es doch gut erfunden. -
Damals, sich derart aufschlußreich offenbarend in der hessischen Stadt Gießen ...
-
***



Sonntag, 5. November 2017

Griechenland: Auf der Suche nach "Wahrheit" ...

Liebe Leserin - und Leser.
Wir schreiben, für einen kurzen, erkennen lassenden Einblick, jetzt einmal das Jahr 600 vor Christi - und befinden uns indiskret lauschend im Garten des griechischen Lyrikers Alkaios - in Mytilene, nun vor Jahr und Tag auf der zauberhaften, bisher noch immer recht ursprünglichen Insel Lesbos:
-
Nebst reimen und dem Drang zu dichten,
da wollte er sich einst verpflichten,
nun zielbewußt, wenn auch verschwommen,
der Wahrheit* "auf die Spur" zu  kommen.
-
Falls sie von Wert und auch vonnöten,
dann wird sie wohl zutage treten.
So dachte er, noch ungetrübt -
und hoffnungsvoll erwartet schiebt
sich auch Erkenntnis ins Gemüte -
doch leider reift sie nicht zur Blüte ...
-
Schon hat sich, was er nicht bedacht,
die "Innere Stimme" breitgemacht ...
Als da nun zu vernehmen war:
Alkaios, mach dir endlich klar,
die Wahrheit steckt stets voller Zweifel!
Von allen Seiten anfechtbar,
ein Für und Wider, hol's der Teufel!
Allein "in vino veritas"***
ruht sie okkult, erkenne das!
-
***  Eine aufschlußreiche Bekundung des griechischen Lyrikers Alkaios.
-
"Glaube denen, die die Wahrheit suchen, zweifle jedoch an denen, die sie (angeblich!) gefunden haben", so hat sich der Dichter und "ästhetische Immoralist" André Gide dereinst dazu anmahnend geäußert.
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* Wahrheit - griechisch: alithja.
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Ach ja, auch das noch:
Da hat doch vor einigen Jahren ein namhafter Professor der idiographischen (= einzelbeschreibende) Wissenschaft diese bemerkenswerte Erkenntnis:
"Im Wein (ist) Wahrheit", dann seinem kopflastigen Formulierungsgeschick gemäß folgendermaßen in Worte gefaßt: "Die organische Verbindung mit einer oder auch mehreren Hydroxylgruppen aus der Gattung Vitis Vinifera impliziert eine tiefenpsychologische Kognition." 
 Sssst ... Mann - ey!
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Freitag, 27. Oktober 2017

Bleibend: Mein Griechenland - !

... íne polí oréa chóra. (... ist ein sehr schönes Land.) -
"Ja, so schön, daß seine Schönheit auf der Seele der Griechen lastet wie der Schatten der Ahnen", mit diesen Worten gab uns der griechische Philosoph Nikos Dimous dereinst einen deutlich veranschaulichenden Einblick dazu ...
-
Als da  bedeutsam in Umlauf gesetzt wurde:
"Macht Blinde sehend!" - war dieses unerklärlich erscheinende Geschehnis nicht ursprünglich nur auf einer göttlichen Hochebene in ausschließlich biblischen Sphären zu gewärtigen? -
Wie auch immer ... Tatsache ist, daß auf der kleinen, griechischen Insel Zakynthos siebenhundert angeblich derartig Betroffene seit Jahren im Finstern nur noch blicklos dahinleben ...
Bisher! - Denn eine staatliche Willkür hat es nun wundersam möglich gemacht, daß fast alle Leidtragenden urplötzlich wieder sehen "können", zwangsläufig sehen "müssen" - hosianna! 
Diese anscheinend mitleidlos zuschlagende Obrigkeit will jetzt auch den 240.000 in Griechenland elend und wohl auch erbarmungswürdig sich durchschlagen müssenden "Behinderten" die ihnen seit Urzeiten zustehende Unterstützung streichen! - "peraßtiká" (gute Besserung).
Folgenreich wird es sich abspielen, wenn demnächst auch den rund 4500 seit Jahren verstorbenen Griechen das Jenseits verdüstert wird: Denn man will ihnen von jetzt an das bisher vertraute, anstandslos ausgezahlte "Ruhegeld" nun zukünftig (man höre und staune!) nicht mehr so ungeprüft zukommen lassen. - (das sind 16 Millionen Euro jährlich).
> Nachtrag im Oktober 2012: Erneut in Griechenland erfolgte Kontrollen haben zutage treten lassen, daß 90.000 Angehörige verstorbener Griechen weiterhin deren Rentengeld einsacken - 1 Milliarde jährlich!
Hm? ... ?
Eventuell doch ein rituell zu gewahrendes Totengedenken?
(Memorialwesen, lat. memoria "Gedächtnis").
Wohl eine in vielgestaltiger Ausprägung zum Totenkult der bürgerlichen Gesellschaft gehörende Ergriffenheit in Griechenland. Denn dort ist es offenbar hochherzig zur Gewohnheit geworden, daß man den Toten weiterhin das Rentengeld zahlt.
In diesem gegebenenfalls todtraurig stimmenden Zusammenhang ergibt sich postum die Frage:
Braucht man im "Jenseits" noch Geld? -
"Ja, selbstverständlich, für diverse, wohl all die unumgänglichen Fakelaki-Aufwendungen!" wurde uns von einem griechischen Finanzbeamten ernsthaft bestätigt.
("Fakelaki" = eine griechische Wortfindung für "Schmiergeld").
Ach - und wo soll das nun alles noch hinführen?
Nicht selten so schlitzohrig ins Ausland ...
Beispielsweise: Ein Bauer in Griechenland, der gewitzt nur 497 Euro als Einkommen im Jahr gemeldet hatte, er wurde vor kurzem mit 12.587,84 ins Ausland überwiesenen Euros ertappt. Und ein griechischer Gärtner hatte 2011 sein Jahreseinkommen mit 2275 Euro bekundet, tatsächlich jedoch sicherheitshalber 610 000 Scheinchen ins Ausland verlagert - !
Ja-ja:
Aber nicht sehr viel anders geschieht das auch bei uns, hier in Deutschland!
-
Post Skriptum:
Da wir, die Ulrike und ich, seit immerhin 28 Jahren für Wochen und Monate auch in Griechenland liebend gern heimisch geworden sind, da ergibt sich alsbald so unausbleiblich auch eine Art von "Vertrautheit in all diese Lebensgestaltungen".
D'rum sei's auch erlaubt, nun diesbezüglich ´mal ein wenig "Anstoß zu nehmen"...
Tja, würde die beträchtliche Anzahl der als superreich einzuordnenden Hellenen (Reeder u.a.) in Griechenland steuerliche Abgaben entrichten, dann wäre der  Staatshaushalt umgehend im Plus! -
Wenn ... Aber das ist eine andere, wohl prähistorisch zu bewertende Geschichte.
Und leider:
Mit den oftmals zur Folge habenden Auswirkungen eines "corriger la fortune" (das Glück verbessern ...)
-
Nochmals, trotz allem:
i eládha ine poli oréa chóra! (Griechenland ist ein sehr schönes Land)
-
*

Sie lagen vor Madagaskar ...

Angeheuert auf unterschiedlichen Schiffstypen, hatte er einstmals vier Jahre lang - unter nicht immer erfreulichen Bedingungen -, all die Weltmeere befahren, der 1883 in Würzen bei Leipzig geborene Hans Bötticher. -
Populär geworden als Joachim Ringelnatz - oder auch Kuttel Daddeldu, als der er sich später, bereits bühnenaktiv, herz- und scherzhaft in Szene zu setzen verstand.
-
In einer Art Rückschau auf das damalige Seemannsleben, sei hier nun die folgende Begebenheit uns allen noch einmal so einigermaßen illustrativ vor Augen geführt:
Nachweislich war es im April 1903, als man anwesend an Bord eines arg heruntergekommenen Frachters, der vor kurzem den Indischen Ozean durchquert hatte, hernach in die sogenannte Straße von Mocambique gedampft - und schon bald darauf in der Hafenstadt Majunga (auf der Insel Madagaskar) dort dann vor Anker gegangen war, nun endlich ein wenig zur Ruhe kommen durfte.
Genußfreudig Wein trinkend - und dabei unbewegt auf das hektische Treiben der Hafenarbeiter starrend, hockten dereinst der Seemann Hans Bötticher (Joachim Ringelnatz) und sein langjähriger Seeweggenosse Emil Kallotschke auf zusammengerollten Schiffstauen draußen im hinteren Oberdecksbereich des rostigen Seelenverkäufers ...
Ein belebender und zunehmend auffrischender Wind verdrängte die nun seit einigen Stunden aufgestaute Sonnenglut, als sich dort oben irgendwann der folgende Dialog entfaltete:
-
„Hm? - Was wohl mein Trinchen bei uns daheim gerade so alles veranstaltet?“ brach es hinterfragend aus dem Gefährten Emil heraus.
„Wer is’n Trinchen?“ horchte der Hans daraufhin auf.
„Meine Verlobte - bei uns, in Berlin!“ ließ ihn der Emil wissen.
„Vergiß sie! - Wahrscheinlich hat die schon längst ‘n Anderen.“ bekam er leidenschaftslos zu hören.
„Mensch, spinnst Du, Hannes? - Die is’ mir doch treu ergeben!“ war Emil jedoch davon überzeugt.
„Na bitte, dann is’ doch für Dich noch alles bürgerlich bestens.“ wurde ihm unberührt zugeraunt.
„Hoffentlich - na ja, ich muß ihr wohl doch ‘mal schreiben.“ bedachte es Emil.
„Klar - ist ‘ne gute Idee, Emil!“ daraufhin achselzuckend Hans.
„Nee, kann ich aber nich’ - denn mir fällt da partout nix ein!“ brach es hilfebedürftig aus Emil heraus.
„Dann laß es doch bleiben, Du Simpel!“ wurde ihm fast wegwerfend erwidert.
„Nee - aber Du bist doch so’n Dichterling! Da kannste mir doch für sie ein paar warmherzige Zeilen aufkritzeln.“ flehte ihn Emil daraufhin an.
„Hm, was willst Du dem vergötterten Mädel denn unbedingt mitteilen?“ wurde kameradschaftlich hinterfragt.
„Na ja, nur so ‘n freundlichen Gruß aus der Ferne. Einfach so ‘ne Art Lebenszeichen - verstehste?“ gab Emil nun grinsend zum Ausdruck.
„Na gut, ich schreib’ Dir nachher dafür 'n mittelprächtig passenden Text.“ wurde sein Wunsch erhört.
„Toll, da bin ich Dir wirklich dankbar - und werd’ mich dafür auch demnächst erkenntlich  zeigen!“ strahlte ihn Emil hocherfreut an.
-
Dem inhaltsreichen Archiv einer Berliner Kleinkunstbühne ist‘s zu verdanken, daß auch die folgenden Zeilen, einst handgeschrieben notiert auf einer inzwischen schon arg verblichenen Postkarte, gottseidank lesbar erhalten geblieben sind:
-
Mein liebes Trinchen!
Wenn die Sonne netzt die Fresse,
hebt das mein Sein - und tilgt die Blässe.
Ein Wohlgefühl verschafft der Wein,
belebt sogar das "dritte" Bein.
Schon stehst Du mir entblößt vor Augen,
auf ewig mein - in treuem Glauben.
Das hofft - zur Zeit am Arsch der Welt -,
Dein Emil, der stets zu Dir hält.
-
Tja, der nicht selten so spitzzüngig textende "Joachim Ringelnatz", schon einstmals im Knabenalter als ein "Schulrüpel ersten Ranges" apostrophiert.
-
***