Donnerstag, 18. Mai 2017

Reisen - in unbekannte Länder ...


Neulich, im Riesengebirge:
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Nun ja ...
Im Landschafts-Bereich der Sudeten. - Geographisch betrachtet, im polnisch-tschechoslowakisches Grenzgebiet.
Und prähistorisch benannt nach einem einstmals dort heimischen und seit langem angeblich ausgestorbenen Geschlecht sehr großer und massiger Gestalten - in vorwiegend männlicher, jedoch hin und wieder auch sichtbar gewordener weiblicher Beschaffenheit. 
Im Hintergrund des oben verdeutlichten Geschehens, da präsentiert sich die 1600 Meter hohe, als "Schneekoppe" benannte Gebirgslandschaft. -
So viel entfaltend vorab ...
Die in der veranschaulichten Szenerie von der männlichen Person so leichthin und unerschrocken in Abrede gestellten Teufel, sie sind wohl im dortigen Moor tatsächlich nicht mehr präsent, wie es vor kurzem der in Worpswede lebende 96-jährige Ethnologe Horst-Eberhardt W. auf unsere diesbezügliche Anfrage glaubhaft versichert hat. - Der letzte Vertreter dieser "Verderbtheit" oder auch "Verkörperung des Bösen" sei ein harmloser und friedfertiger Sonderling gewesen - und bereits 1945, noch kurz vor Beendigung der Flächenbombardements im "Zweiten Weltkrieg", durch eine offenbar fehlgeleitete Bombe der diese ländliche Region anhaltend überfliegenden britischen Kampfflugzeuge, am Rande des Teufelsmoores todbringend verletzt - und dort bis zur Unkenntlichkeit zuschanden gekommen. Schon bald darauf jedoch von einem in dieser Gemarkung lustwandelnden Worpsweder Maler erschrocken haltmachend aufgefunden worden ... 
Da sei als Schlußfolgerung nun doch noch weitherzig hinzugefügt: 
"De mortuis nil nisi bene" - (Über die Toten nur Gutes), rief, in einer zeitgemäß vergleichbaren Situation, dereinst so gutgesinnt der griechische Denker Diogenes Laertius.
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Sonntag, 14. Mai 2017

Edgar Allen Poe und "das geisterhafte Pochen".

Dereinst unheilverkündend zu hören gewesen in einer Bücherstube:
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Ein "Virtuose des Grauens", auch "Meister-Poet der Horrorvisionen" -
und zugleich der "Typus eines Quartalssäufers", so wurde er einstmals ausdrucksvoll charakterisiert ...
„Oui, seine Persönlichkeit war gewiß einzigartig - und in einer wohl undefinierbaren Wesentsart mit Melancholie gezeichnet“, so beschrieb der französische Dichter Charles Baudelaire dereinst diesen amerikanischen Poeten. - Baudelaire, der als ein Lyriker von höchstem Formgefühl und äußerster Sensibilität (wir erinnern uns an: „Les Fleurs du mal - Die Blumen des Bösen“), seinerzeit bereits bedeutungsvoll Achtung genießen durfte, er war bis zum als "selbstzerstörerisch" bezeichneten Ableben des Literaten (am 7.Oktober 1849) mit ihm in Freundschaft verbunden. -
„Mon dieu! So unglückselig dahingerafft durch ein Delirium tremens“, hat  Baudelaire dieses Hinscheiden damals aufseufzend diagnostiziert.
"Of course: Auf keinen, der bereits vor dem Frühstück Alkohol trinkt, ist dann leider auch hinfort Verlaß!" hatte damals jedoch Thomas W. White, der Herausgeber der Zeitschrift Southern Literary Messenger diesbezüglich mäkelig Anstoß genommen.
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Die nachfolgenden Zeilen sind eine Analogie zum von Edgar Allen Poe einst so dramatisch geformten Gedicht "Der Rabe", in welchen ein mysteriöser, mitternächtlicher Besuch zum besten gegeben wird. 
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Nächtens war’s, zumeist wie immer:
Er saß in seinem Bücherzimmer.
Gezielt, zum wonnigen Vergessen, schien Alkohol oft angemessen.
Und einstmals, etwas angetrunken, gebannt in Literatur versunken,
so buchvertieft in stiller Bleibe, klopft’s plötzlich an die Fensterscheibe!
„Wer mag das sein, wer will da stören?“ -
Hernach herrscht Ruhe, nichts zu hören ...
„Was geht da vor? Und wer - warum - ? 
treibt sich vor meinem Fenster ‘rum?
Und wer bezeigt, um diese Zeit, derartig Unverfrorenheit?
Mein Gott! Ich sehe schon Gespenster“, 
das murmelt er, mit Blick zum Fenster.
„Jedoch ... Dies geisterhafte Pochen, es tönt, als wär’s ein bleicher Knochen!
Letztendlich gar der Sensenmann, klopft dumpf an meiner Wohnstatt an?“
Erhitzt spitzt er besorgt die Ohren.
Der Angstschweiß bricht aus allen Poren.
Nun schreckensbleich zurückgetreten,
begann er angsterfüllt zu beten.
Im Hinblick schon auf Staub und Asche,
greift er verstört zur Whisky-Flasche.
Und angelangt beim letzten Tropfen,
vernimmt er wieder dieses Klopfen!
„Was soll’s, ich tauge nicht zum Helden, 
da wird sich irgendwer schon melden ...“
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Obwohl vom Rausch schon leicht benommen,
ist er zur Einsicht dann gekommen,
daß, trotz geistesmächtiger Fülle, vergänglich diese Leibeshülle. -
Bis dann die ersten Zweifel kamen ...
D’rum öffnet’ er den Fensterrahmen,
nachsehen, daß sich’s ihm erklär’: Ist’s nur der Wind, nichts weiter mehr?
Sein Blick schweift suchend in die Nacht,
bis sich’s beschämend deutlich macht,
daß diese düstere Hinterlist, als Hirngespinst zu deuten ist ...
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Edgar Allen Poe:
Geboren am 19. Januar 1809 in Boston, Massachusetts, am 7.10.1849 in Baltimore verstorben. - Ansteigend verehrt und geachtet, wurde er bald als der erste bedeutende Literaturkritiker Amerikas benannt. Doch zunehmend der Trunksucht verfallen, endete der geniale Erzähler bereits im vierzigsten Lebensjahr leidvoll im Elend. -
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(Eine mich hin und wieder doch nachdenklich stimmende Art von Abgesang ...)
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Mittwoch, 3. Mai 2017

"Wenn du bist nicht willig" ...

Nun, da begeben wir uns jetzt einmal erwartungsvoll hinein, in die beunruhigenden Sphären des schon seit Urzeiten geheimnisumwitterten "Erlkönigs".
Einstmals dichterisch zum Ausdruck gebracht als eine Fehlübersetzung der Poesie des dänischen "ellekonge" (Elfenkönig). -
Und eine veranschaulichende Darlegung dieser dänischen Ballade durch den Kulturphilosophen Johann Gottfried Herder machte die Verserzählung dann in Deutschland publik ...
Was dem Vernehmen nach bald darauf dann wohl zur Folge hatte, daß der Johann Wolfgang von Goethe eiligst die Feder zur Hand nahm, um all das poetisch zum Ausdruck zu geben, was seither als "Erlkönig" benannt, fast jedem Pennäler geläufig werden durfte. -
Möglicherweise ein wenig ungestüm, dafür jedoch wesentlich zeitgemäßer, ist nun freundlicherweise die nachfolgende Variation dieser tragikomischen Geschichte zur Kenntnis zu nehmen. -
Einverstanden?
Na, denn ...
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Nun rast sie vergnügt durch das nächtliche Moor.
Es ist meine Oma! - Was hat sie jetzt vor?
Zuhinterst sitz' ich, als der hilflose Enkel.
Sie ruft: "Halt Dich fest! Geh' mir nicht auf den Senkel."
Das Moped ist mein, und d'rum bin ich sauer.
Nun fängt's an zu regnen, ein bedrohlicher Schauer.
"Mein Sohn, was birgst Du so bang Dein Gesicht?"
"Siehst Oma, Du die Kurve da nicht?
Und in meinem Antlitz die tödliche Blässe!"
"Ach Söhnchen, halt's Maul, sonst gibt's auf die Fresse!"
"Mensch Oma, da vorn der König der Erlen!"
"Ich seh' nix, es ist schon ein Kreuz mit euch Kerlen."
"Oma, fahr' langsam, da naht eine Pfütze.
Du verlierst die Balance - und ich meine Mütze!" 
"Jetzt reiß Dich zusammen - und hör' auf zu plärren!
Und schwachmütig an mir herumzuzerren."
"He, Oma, gib acht! Denn siehst Du nicht dort,
den Nebel, den Schmodder an düsterem Ort?"
"Klaro, mein Söhnchen, ich seh' das genau,
nur zeigt's sich mir reizvoll - ich bin etwas blau."
O Gott, auch das noch! Ich halt's nicht mehr aus.
"Oma, mach kehrt! - Du formst Dich zum Graus."
Doch sie dreht sich um, ihre Stimme eiskalt:
"Wenn Du bist nicht willig, dann setzt es Gewalt!"
Und schon gibt sie Vollgas, rast wild durch die Nacht.
Nimmt keinerlei Rücksicht, genießt nur und lacht.
Erreicht unseren Hof dann mit Mühe und Not -
ich rutsch' hinten 'runter, vor Angst schon halbtot ...
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"Ach Söhnchen, wart's ab! Denn alsbald wird eine Kraft von mir ausgehen, die Dich schleunigst wieder beleben wird!" hat sie mir zugeraunt, als ich hernach unsicheren Schrittes ins Haus stolperte. -
"Nee, Oma, laß' gut sein. - Du schwafelst im Tran, noch voll des süßen Weines!" fuhr ich sie daraufhin tadelnd an. -
"Mit Freuden, mein Milchbart. - Trunken sollten wir alle sein. Die Jugend ist Trunkenheit ohne Wein. Trinkt sich das Alter dann wieder zur Jugend, so ist das wohl reizvoll, wird traumhaft zur Tugend!" gab sie mir hochtrabend zu verstehen - meine noch immer verschmitzt dreinblickende Oma ...
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Ach Oma Ida, nun bist Du seit langem daheimgegangen - 
Du bleibst mir doch stets als bedeutungsvoll in Erinnerung.
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Freitag, 28. April 2017

Weinselig und wonnetrunken ...

"Bonum vinum laetificat cor hominis" - meint:
"Guter Wein erfreut des Menschen Herz", das hat auch vorzeiten, derart verheißungsvoll, der Herr von Goethe genußsüchtig zu spüren gegeben. -
Immerhin, schon 3500 Jahre vor Christie war sie bereits den alten Ägyptern bekannt, die Weinrebe ...
Und wurde, nachdem sie der mit nackten Füßen zermanschenden Aktivität einiger Kelterknechte zur Trennung des Saftes von Hülsen und Kernen ausgeliefert worden war, inklusive all der sonstigen Produktionsprozesse, als ein jetzt mundgerecht geschaffenes Erzeugnis nicht selten mit der Würdigung  "Göttertrank" oftmals unglaublich schwatzhaft umschmeichelt.
Derartig auch heutzutage. Als da, 'mal beispielsweise, zu lesen sein kann:
Pure Frucht, die sich im Abgang (ist in diesem Fall als "abwärts gleitend" zu verstehen.) zunehmend blumiger verdichtet und ausbalanciert all die Sinne verzaubert. - (alle?)
Da erzeugt eine sich nun mit monumentaler Kraft entfaltende, samtweiche Opulenz (meint: "Volumen", auch "Üppigkeit", wohl nicht lümmelhaft "Korpulenz" oder "Leibesfülle".) dann im Gaumen einen spannungsgeladenen, köstlichen Akkord von Harmonie und Raffinesse (Nun, das könnte ja auch als "Strategie" oder als "Taktik" verstanden werden.) - Und eine dermaßen deliziös und erlesen erschaffene Pikanterie ("Anzüglichkeit"?), sie offenbart dann in einer vollmundig ausgereiften Vollendung verlockend den Hochgenuß herausragender Weine.
Ein einleitend noch herb-würzig wahrzunehmender Anflug von Verschlossenheit (= vermutlich die Prüderie des Weines!), vollendet sich prickelnd baldigst zu einem nur noch als göttlich zu preisenden Gaumen-Verführungszauber!
Ambrosia (ist ja ursprünglich als Terminus für "Götterspeise" oder gegebenenfalls auch für das "Salböl der Unsterblichen" geprägt worden.) kriecht (!) süffig berauschend, exquisit aromatisch in jede Falte des Mundes. (Hinsichtlich dessen, ist da offenbar leider nur der innere Bereich des Mäulchens vom Glück begünstigt? Oder läßt sich darüber hinaus auch die im Alter äußerlich etwas schrumpliger werdende Hautbeschaffenheit gleichfalls ein wenig manipulieren?) -
Wie auch immer: Nach einer langdauernden Reife späterhin genial ausbalanciert, entfaltet sich im Gaumen himmlisch erhebend (!) eine superbe Fülle von Tiefe und Frische. (Amen!) -
Ach ja, uns allen, die wir nun dermaßen mundwässernd in Kenntnis gesetzt worden sind, ist zweifellos fest umrissen zu Bewußtsein gekommen, was da unglaublich schwelgerisch zu einem unvergeßlichen Gaumenerlebnis ins bisher eventuell ja leicht abgeschmackt vonstatten gegangene Erdendasein gerufen werden kann.
Voilà! - 
Einem dermaßen als Beglückung beweihräucherten Produkt, kann man wohl irgendwann nicht mehr mit Abneigung begegnen. - Dessen wurde ich mir, aufschlußreich auf den Geschmack kommend bewußt, als ich dereinst, noch (nachweislich und nüchtern!) jung an Jahren, für Wochen und Monate in Frankreich heimisch sein durfte. -
Hernach: 
Oui - und von all den dort tagtäglich sich stets so anheischig machenden Trunkenheitsstimmung-Ermunterungen durchaus beeinflusst, bekam ich alsbald auch die (In Deutschland, nicht in Frankreich und auch nicht in Griechenland!) des öfteren wohlmeinend ausgesprochenen Ermahnungen zu hören: "Willst du den Rest deiner Erdentage nur noch trunken torkelnd umherstolpern? Anstatt aufrecht schreitend ..."
"Wohl oftmals offenbart sich Zwang, im aufrecht dargebotenen Gang", summte ich anfangs gern halblaut, etwas gereizt dagegen halten wollend. - 
Das ist lange her und war nicht von Dauer ...
Denn:
"Wo aber der Wein fehlt, da fehlt auch der Reiz des Lebens", bekundete einst schon der griechische Dichter Euripides solch ein Dasein von hervorbrechender Freudlosigkeit.
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"aftó maréßi", Euripides, "polikalá!"
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Sonntag, 23. April 2017

Alles in allem unglaublich - ?

Nein, nicht immer:

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Hier sieht man's - so wohlweislich fabelhaft.
Ja ...
Ich wohne seit vielen Jahren
in einer ländlichen, treuherzig gestimmten Abgeschiedenheit.
Immerhin ist man dort hin und wieder -
fast märchenhaft überwältigend -
auch Zeuge dessen, dass in der lateinischen Wortprägung
"fabula delectat:
Die Fabel will unterhalten -
und unterhaltsam zum Ausdruck bringen,
dass Tiere durchaus menschliche Eigenschaften besitzen -
und somit auch dementsprechend zu handeln verstehen."
Das haben ja schon namhaft gewordene Poeten
informativ und beachtenswert zu spüren gegeben.
Es wird da wohl Wahres daran sein ...
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Aber wer von uns wird das letztendlich bezweifeln?
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Mittwoch, 19. April 2017

Faustdick verwahrlost:

Sinnvoll zum Thema "vom Stimmrecht Gebrauch machen"...
Vorab sei beachtenswert erwähnt, daß - wohlmeinend und vordem auch verheißungsvoll - bereits einige Jahrhunderte vor Christi Geburt die alten Griechen über eine Gemeinschaftsgestaltung mit sich zu Rate gingen, die auf eine Durchsetzung von Vorstellungen zur Ordnung sozialer Gemeinwesen und der Verwirklichung von Zielen und Werten gerichtet sein sollte: Eine sich bald darauf in Szene setzende Staatskunst - poesielos bezeichnet als Politik. -
Unsegen, Last und Bevormundung nahmen seitdem ihren Verlauf ...
Gleichermaßen wohl auch im Monat November des Jahres 1836, als der österreichische Popularphilosoph Ernst Freiherr von Feuchtersleben in einem Essay - darin auch Goethe betreffend - mit diesen Worten seine damaligen Recherchen zum Abschluß brachte: Und sein Auftreten als Dichter fiel in eine Zeit der Aufregung und der Krise in Deutschland! -
Die gesetzfreudig amtierenden Regierungsstrategen - Optimisten sprechen da anscheinend unaufgeklärt von "Volksvertretern" -, waren wie immer eifrig bemüht, all die verdrießlichen Folgeerscheinungen für die gegängelte bürgerliche Gesellschaft schlechterdings aufrechtzuerhalten. -
Besorgniserregend ist's, daß, nahezu 240 Jahre nach diesem von Herrn von Feuchtersleben erwähnten Goethe-Zeitraum, vieles sich hierzulande nicht unbedingt eines Besseren offenbart. Das von unseren Politikern arg verstümmelte Gestaltungsobjekt "Staat", es zeigt sich erneut zunehmend faustisch verlottert. - Rundum verwahrlost, nebst dem enorm verschuldeten Staatshaushalt ... ***
Stimmt: Zeit seines Lebens begleitete sie ihn abwägend und wohl auch vervollkommnen wollend, diese inhaltsgeladene Tragödie "Faust"; deren Urfassung bereits im Jahr 1771 zur ersten literarischen Thematisierung gediehen war. - Nicht so ganz auszuschließen ist es, daß Goethe, würde er Zeitzeuge solch einer politischen Insuffizienz sein können, mit etwa den folgenden Zeilen seine Verdrossenheit annähernd so in Worte gefaßt hätte:
Habe nun ach! Heuchelei, Arglist und Tücke,
zugleich auch Korruptsein durchaus studiert
mit heißem Bemühen.
So zeig' ich mich grinsend und schlitzohrig smart
stets listig, in Wortbruch und Lüge vernarrt.
Mann nennt mich Minister und Doktor auch,
das kommt mir zugute, ist stets in Gebrauch.
Durchtrieben, trickreich und ausgekocht,
habe ich's bisher noch immer vermocht,
zur Wahlzeit das Volk für mich zu bewegen -
und nichtssagend labernd auf's Kreuz zu legen.
Bin weitaus gescheiter, als all diese Laffen,
die pseudo-gelehrt aus dem Maßanzug gaffen.
Bisher kannte ich weder Skrupel noch Zweifel,
gefürchtet waren nicht einmal Hölle nebst Teufel ...
Nur hat sich's da zunehmend konkretisiert,
daß meine Reputation schon an Geltung verliert.
So beeinträchtigt es leider auch das Vergnügen,
das einstmals entflammt beim Kitzel betrügen.
Da entschädigt auch kein Bestechungsgeld,
wenn seelisch mein Dasein ins Schattenreich fällt.
Respektlos läßt mich der Mob draußen wissen:
Ich werde mich deutlicher äußern müssen.
Als phrasenhaft wurde ich neulich beschrieben!
Was soll das? - Der Pöbel muß mich nicht lieben.
Mein Lebensziel werde ich trotzdem erreichen;
mich hält niemand auf, ich geh' über Leichen!
Zudem mag das Wahlvolk trostbringend schnallen:
Man kann ja letztendlich nicht jedem gefallen ...
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*** "Jede Staatsschuld ist eine Krücke, und Krücken sind nur für Lahme", das hat dereinst schon als durchaus beachtenswert der Schriftsteller und Publizist Johann Gottfried Seume zu spüren gegeben.
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Und in einer Erweiterung dessen, da sei noch "vervollständigt":
Denn der Schriftsteller und Freigeist Andreas Altmann, ein unverblümt entmystifizierender Zeitgenosse, er beschrieb einst so zutreffend: "Politiker, die Medien und auch die Religionen, sie alle bemühen sich tagtäglich um das Einschläfern unserer Vernunft."
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Ach ja: Ein weiser Mann hat einmal deutlich anschaulich machend gesagt:
"Politikern treuherzig Vertrauen zu schenken, das sei wohl letztendlich damit vergleichbar, als würde man den Würger von Boston zuversichtlich um eine Halsmassage ersuchen."
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Dienstag, 18. April 2017

Dieser schicksalhafte Hut auf dem Pfahl ...

"Wilhelm Tell":
Was damals in Schillers Drama als "unter ein Joch beugen" so akzentuiert verlebendigt worden ist, das wurde ja einstmals im Schulunterricht dermaßen eindringlich durchgenommen, daß man es irgendwann intus hatte - und zukünftig auf Anhieb auch fehlerlos vortragen konnte.
Eine kreuzbrav gelebte Normalität, die von der heutigen Schuljugend nur noch hohnlachend ausgebuht wird. - Zumeist leidenschaftslos, schenkt man gegenwartsnah all der klassischen Literatur zunehmend eine mehr und mehr nur noch unzureichende Aufnahmebereitschaft ...
"Ey, das kannste knicken, Alter!" wird da nicht willens zu spüren gegeben. -
"Wohl wahr", bestätigte das kürzlich ein junger Pädagoge im Vestibül eines Berliner Gymnasiums. "Man kann doch diese unvermeidlichen Klassiker der Literaturgeschichte auch kurz und bündig sehr trefflich zum Ausdruck bringen!" gab er fortschrittsgläubig zu bedenken. - "Aha! Wie das denn?" fragten wir hoffnungsvoll nach. - Und bekamen dann, aufhorchen lassend, die folgende Popularisierung zu Gehör gebracht:
Auf einer Lichtung, weithin kahl,
da stand dereinst ein hölzern' Pfahl.
Und obenauf prangt stolz ein Hut,
der fordert selbstgerecht Tribut.
Geboten war's, den Filz zu grüßen!
Wer's nicht tat, sollte dafür büßen!
Der Landvogt gab einst dies Geheiß.
Doch Tell winkt ab: "Was soll der Scheiß?"
Solch diktatorische Gewalt,
verachtet er, sie läßt ihn kalt.
"Das interessiert mich nicht die Bohne!"
So ignoriert er die Melone.
Das wurde bald darauf zur Qual,
weil der Herr Geßler streng befahl:
Nun sollt' der Sohn des Bogenschützen,
auf Messers Schneide dafür schwitzen!
Der Vater sah dann, arg geschunden,
den Sohn an einen Baum gebunden.
Beklommen runzelt der die Stirne:
Ein Apfel liegt auf seiner "Birne"!
Der Wilhelm Tell nimmt angespannt,
die schwere Armbrust nun zur Hand.
Er steht entfernt, so achtzig Schritte -
und äußert schmerzbewegt die Bitte:
"Man möge solches nicht beordern,
das würde böse Folgen fordern!" - -
Ja, wenn es denn - dermaßen differenziert verdichtet - den schulischen Explikationen tatsächlich dienlich sein sollte, dann sei nun noch aufklärend hinzugefügt: Wilhelm Tell, der zwei Pfeile im Köcher hatte, traf mit dem ersten gottseidank erfolgreich den so eindeutig auf dem Haupt des Sohnes postierten Apfel. - Befragt, was denn bei einem Mißerfolg mit dem zweiten Pfeil verhängnisvoll hätte geschehen können, antwortete ein noch immer verstört dastehender Vater genötigt:
"Ich hätte wohl, zutiefst verdrossen,
hernach den Landvogt totgeschossen!"
So bekunden es die historischen Quellenzeugnisse ...
Die von der Volksdichtung überlieferte Lesart hält allerdings stur dagegen - und beharrt unbeirrbar darauf, daß Wilhelm Tell, dieser schweizerische Sagenheld aus Uri, sich einstmals dem habsburgischen Landvogt Geßler nicht gebeugt - nein! ihm bei Küßnacht erbittert den Garaus gemacht haben soll. -
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"Kapiert? - Okay, setzen!
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Montag, 3. April 2017

OSTERN - die "Ostereier" - und dieser wohl etwas fragwürdige "Osterhase" ...

In einem beunruhigenden "Zusammenspiel"!
Und eine inzwischen zur Landplage gewordene Tortur. 
All das sei hier einmal unübersehbar anschaulich gemacht:
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Die oben abgebildete Geschichte,
macht kalt und herzlos schnell zunichte,
daß die im Freien lebenden Hennen,
dort weder Streß noch Terror kennen.
Gewiß, die anverwandten Schwestern,
sie sitzen, statt in weichen Nestern,
bejammernswert in Legehallen;
ausgebeutet und zu allem
dort auch ohne Tageslicht -
was dem Dasein widerspricht.
Das beachtend meiden heute,
abgeneigt schon manche Leute
solche knastgelegten Eier. -
Jedoch:
Im Hinblick auf die Feiertage,
gemeint ist jetzt das Osterfest,
wird Hühnern ein Bedarf zur Plage,
der sie zuhauf verzweifeln läßt!
Gewünscht sind Eier massenhaft,
was Mühsal, Streß und Leiden schafft.  
Auch Angst und Schrecken aktiviert,
derart, wie oben angeführt ....
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Tja, so ein Gallus domesticus (Huhn) ist ja durchaus imstande, in einem Jahr circa 200 Eier zu produzieren ...
Ohne die bewunderns- und schätzenswerte Arbeitsleistung der heimischen Hühner jetzt schmälern zu wollen, sei hier nun doch noch so ganz nebenbei bemerkt, daß ein wesentlich kleineres Tierchen, dieser Ascaris genannte Spulwurm, immerhin 64.000 Erzeugnisse dieser Machart alljährlich so nonchalant meistert.
Beachtlich.
Oder?
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Mittwoch, 22. März 2017

So ganz und gar heimatverbunden:

Patriotismus - einst die französische Wortfindung für eine vaterländische Gesinnung, die stets auf einem starken Zugehörigkeitsgefühl zur Heimat ruht, tja - und gegebenenfalls bis zur Hingabe an ...
Was ich im September 1972 recht eigenwillig zu spüren bekommen habe, in Südfrankreich:
Damals, unterwegs auf einer Landstrasse in Richtung Aix-en-Provence, um später von dort aus Paris anzusteuern. -
Das Ende der Ortschaft Roquebrussane war soeben erreicht, als ich ihn rechtsseitig stehend winken sah, einen bäuerlich wirkenden alten Mann. Bereitwillig hielt ich drum an - und öffnete die Beifahrertür des Fahrzeugs. Im Rückspiegel sah ich ihn schlurfend herannahen. Bald darauf hatte er das Auto erreicht - und bat mich darum, mitfahren zu dürfen.
Er müsse wieder einmal nach Aix-en-Provence, um dort sein allmonatlich eintreffendes Rentengeld abzuholen, gab er mir zu verstehen. - Zunehmend füllte sich die Fahrgastzelle mit einem köstlichen Knoblauch-Odeur, als mein Fahrgast nun damit begonnen hatte, mir einige Etappen aus seinen Lebenserinnerungen zu erzählen. -
Bis hin zu dem Augenblick, da ein uniformierter, gebieterisch ausgestreckter Arm uns autoritär zum Anhalten zwang: "Ausweis und Fahrzeugpapiere, bitte!" fuhr er mich an, der hochnäsig herabblickende Flic. "Haben Sie Alkohol getrunken? Wenn ja, dann hauchen Sie mich jetzt einmal nachfühlbar an", erweiterte er sein unglücklicherweise von Rechts wegen beglaubigtes Anliegen. - "Nique sa mère", (zumTeufel mit ihm!) murmelte ich mißgestimmt, mich angsterfüllt daran erinnernd, daß noch vor einigen Stunden, im nächtlichen Beisammensein mit Freunden einige Flaschen Rotwein geleert worden waren. Dann tat ich jedoch wie geheißen. -
Hm? - Ohne ein Wort der gesetzmäßig zu erwartenden Entrüstung zu bezeugen, richtete er sich intensiv nachschnüffelnd auf, machte dann zackig kehrt, um gleich darauf dem im Polizeiauto sitzenden Kollegen über die gerade vollstreckten Nachforschungen Bericht zu erstatten: "Non, pas de probleme! Irrécusable un Cote du Rhone", hörte ich ihn deutlich verkünden, da ich noch immer, ängstlich aufhorchend, bei geöffnetem Fenster die Ohren spitzte. - Ja, und nach seinem Erlebnisbericht schwenkte er seltsamerweise stillvergnügt anmutend um, und näherte sich wohlwollend grinsend wieder dem Objekt seiner vorab so entschlossen in Angriff genommenen Spekulation, dem vermutlich alkololisierten Fahrer des Automobils: "Monsieur, es ist alles in Ordnung, dann weiterhin gute Fahrt!" gab er, mir freundlich zunickend, unbegreiflicherweise zu verstehen. -
Nur das fast wiehernde Gelächter des alten Mannes übertonte das sonore Brummen des Motors, als ich den Wagen erneut gestartet hatte, um eiligst davonzufahren.
"Das darf doch nicht wahr sein! Was war das denn soeben?" ließ ich kopfschüttelnd verlauten.
"Und was hat der uniformierte Staatsdiener damit gemeint, als er seinem Kollegen unter anderem noch: Einwandfrei Cote-du-Rhone! zugeraunt hat?" - Der Alte lehnte sich schmunzelnd zurück und legte dann los: "Oui, da ging es schlicht und ergreifend um Ihre alles spezifizierende Weinfahne, Monsieur!" - "Ja, das hab' ich an sich auch begriffen." - "Sie haben bisher noch gar nichts begriffen, das sehe ich Ihnen doch an!" prustete er daraufhin los. -
"Nein, nicht? Dann erklären Sie's mir doch 'mal etwas  genauer." -
"Das will ich gern tun, also: Wir sind hier ja bisher noch immer in einem Rhone-arrondissement ..." -
"Ja-ja, das ist mir inzwischen durchaus vertraut, mein Guter", unterbrach ich ihn lauernd. -
"Oui, inmitten einer der größten und sicherlich auch ertragreichsten Weinanbaugebiete! Es gibt aber in Frankreich noch andere Winzerbereiche - und zwischen ihnen tobt schon seit Jahrhunderten ein unversöhnlicher Wettstreit", klärte er mich gestenreich auf. -
"Schon möglich", brummte ich unwirsch. "Aber was - zum Teufel! - hat das mit mir und dieser ungewöhnlich verlaufenen Polizeivisitation zu tun?" -
"Oui, sehr viel, Monsieur! Dieser Beamte hat bei Ihnen anscheinend zufriedenstellend einen vorab erlebten Cote-du-Rhone-Genuß gerochen. Wie gesagt, wir sind hier im Rhone-distrikt! Hätte er etwas anderes erschnüffelt, wie, mon dieu! so beispielsweise einen Burgunder-Rotwein oder einen Bordeaux, dann wären Sie sicher fatal in Schwierigkeiten geraten! - Und noch schlimmer wäre es wohl für Sie verlaufen, wenn dieser heimatverbundene Beamte dann fassungslos einen Rotwein aus dem Elsaß hätte erschnuppern müssen. Mon dieu! Dann hätte ich nicht in Ihrer Haut stecken wollen", betonte er seine unheilschwangere Verdeutlichung. -
"Adieu! Portez-vous bien! - Vielleicht war dieses bedeutungsvolle Erlebnis ja auch eine lehrreiche Begegnung." rief er mir noch beachtenswert zu, als wir uns in Aix-en-Provence voneinander verabschiedeten ...
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Sonntag, 19. März 2017

Paris - und ein traumhafter Rückblick ...

Oui, in einen wahrlich aufsehenerregenden Zeitabschnitt:
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Vorab sei bedeutsam bezeugt, daß nicht nur ein sauflustiger, bereits zügellos gewordener Alkoholkonsum - oder der anhaltende Gebrauch halluzinogener Drogen immerhin so viel bewirken kann, daß sich da etwas urplötzlich heraufbeschwört - und alsbald ichbezogen in die hernach überraschend offenbar werdenden Wege geleitet. -
Nein, denn ...
Ein psychologisches Phänomen, das einstmals französisch als „Déjà-vécu“ bezeichnete - und zuweilen bedenklich Wirklichkeit werdende „Schon erlebt“. - (auch als: déjà = bereits oder schon, vu = gesehen), das läßt hin und wieder auch ohne stimulierende Rauschmittel so einiges lebensvoll zutage treten.
Im ersten Abschnitt seines Buches „Dichtung und Wahrheit“ beschreibt Goethe eine Begebenheit, die solch einem Fausse reconnaissance, diesem „falschen Wiedererkennen“, so allerhand Ausdruck verleiht. - Diesbezüglich hat auch dereinst der Schriftsteller Marcel Proust geistreich fabulierend so einiges zur Sprache gebracht. -
„Kokolores! Vernunftwidrige, hirnrissig gesponnene Flausen!“ räsonierte einst unbelehrbar abweisend der Freud-Schüler Sebastian Heil-Resistere, als der Großmeister der Psychoanalyse sich hinsichtlich dessen murmelnd ins Nachdenken vertieft hatte.
„Nein-nein, sie vereinsamter Nihilist! - Der Auftakt für die als Déjà-vu charakterisierten Erlebnisse, ist einzig und allein mit den verdrängten Phantasien der menschlichen Wesen präzis zu verdeutlichen!“ wurde der angehende Seelen-Voyeur sogleich eines Besseren belehrt. -
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Ja, all das gab mir nun doch zu denken, als ich vor kurzem einen mehrseitigen Brief aus Paris - geschrieben von einem Freund, dem Pianisten Javiero Garcia Sánchez - neugierig geöffnet und zunehmend beunruhigt gelesen hatte. - Javiero, ein entfernter Verwandter des einstmals namhaft gewordenen, bereits 1894 in Madrid verstorbenen Musikpädagogen Francisco Asenjo Barbieri, er lebt schon seit seinem Studium an der Académie Royale zumeist in Paris, im Quartier Latin, im fünften Arrondissement dieser Stadt. -
Wir hatten uns 1973 in Paris kennengelernt, als ich dort einige Jahre freiberuflich als umherreisender Journalist für die bereits im Jahr 1964 von dem französischen Philosophen André Gorz dereinst in Szene gesetzten Wochenzeitung "Le Nouvel Observateur" tätig - und Javiero daselbst einige Monate als Volontär beschäftigt gewesen war. -
Da ich nun seit langem in einer norddeutschen Region und einige Monate in Griechenland ansässig geworden bin, trafen wir uns hin und wieder nur noch in Frankreich; das aber selten. -
Zurück zur soeben geöffneten Post aus Paris: Nebst einer CD mit der Klaviermusik des Komponisten Erik Satie, hielt ich vier eng-beschriebene Seiten in Händen. Und war mir - nach einem kurzen Überblick dessen - sogleich auch darüber bewußt, daß mich das Wesentliche einer brieflich anscheinend derart eindringlich beschworenen Imagination vermutlich im nachhinein wohl erst einmal nachdenklich stimmen - und sich dann, als schwer zu bewältigend, alsbald offenbaren würde:
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"Paris, 12. Juni, 2009 -
Cher Didier ... Qu‘est-ce qui s‘est passé?  -  (Was ist geschehen?) -
Oui, Du wirst es vermutlich gar nicht für möglich halten - und Deiner diesbezüglichen Einstellung gemäß, nur milde gestimmt lächeln. Aber die meinen Zeilen beiliegende Tondichtung des Erik Satie, sie beschwörte da neulich urplötzlich in mir einen recht melodramatisch gearteten Rückblick zutage ... Reinkarnation? Haben wir schon einmal gelebt? -
Uns muß es schon 'mal gegeben haben!
Denk einen Augenblick angestrengt nach und zugleich auch inhaltsgeladen zurück - dann wird die im folgenden nun wieder auflebende Begebenheit auch Dir sogleich wahrhaft und wirklichkeitsnah vor einem geistigen Auge erscheinen:
Dieser dereinst gemeinsam erlebte Monat Mai 1917, hier, in den für uns einstmals heimatlich gewordenen, wie wohl oftmals auch desillusionierend aufblitzenden Gegebenheiten in dieser einzig benutzbaren Wüste (Camus) Paris ...
Ist das präsent? Liegt all das für Dich nun zutage? - Nein? Dann werde ich Dir jetzt hinweisend auf die Sprünge helfen! - Eh bien:
Rauchend und Wein trinkend saßen wir damals nachdenklich gestimmt in der Feuilleton-Redaktion des Nouvel-Observateur und sprachen über die demnächst im Théâtre du Châtelet stattfindende Inszenierung von Musik, Ballett und der Malerei, dieser als „kubistisches Manifest“ bezeichneten, alsbald debütierenden Theateraufführung. -
Du erinnerst dich? - Nein, noch immer nicht?“
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Unabhängig davon, daß ich mich daran partout nicht erinnern konnte, war es erst einmal in Betracht zu ziehen, daß es den Nouvel Observateur damals noch gar nicht gegeben hat ...
Denn als Erstveröffentlichung dieser bald zur meist gelesenen Zeitung gediehenen Druckschrift, ist der von Claude Bourdet 1950 in Umlauf gesetzte L‘Observateur zu erwähnen ... Da offenbarte sich in Javieros phantastisch aufblühendem Sentimentalitäts-Geschehen doch schon ein inkorrekt aufscheinendes Denkzeichen, so bedachte ich‘s kurz - um gleich darauf erwartungsvoll weiterzulesen:
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„Incroyable! (unglaublich!) Aber ein vermutlich aufsehenerregender Hinblick auf das bevorstehende Spektakel war schon vorab zu gewärtigen, als wir drei Tage vor der Uraufführung nachmittags bei der Anbahnung dessen dort dann schaulüstern zu Gast waren! -
Na, ist es nun doch gegenwärtig? -
Du mußt das vor Augen haben! Den übereifrig herumwieselnden Jean Cocteau, in dem von ihm so absonderlich geplanten Szenario. -
Dazu, gewöhnungsbedürftig im Hintergrund eines futuristisch erschaffenen Bühnengeschehens: Erik Saties für uns ja bis dato noch ungewohnte, von ihm extra für diese Aufführung konzertierte exzentrische Tondichtungen ... Nein, da ist noch kein Rückblick in Reichweite? Das nehme ich Dir nicht ab; gib‘s zu, Du verweigerst dich! Mußt Du jetzt alles derart ernüchternd vereiteln wollen? - Auch die Choreographie und zudem noch tänzerische Meisterschaft des Léonide Massine? Der Tänzer des Balletts Russes - und Liebhaber des Choreographen Diaghilew - der ja damals dort auch umtriebig zugegen war. Oui, schieb einmal all diese unfreundlich aufblitzende Abwehr aufnahmefähig beiseite! Dann wird sich Dir alles umgehend durchaus so malerisch offenbaren: Gewiß der übereifrig umhereilende Kostüm- und Bühnenbildner Pablo Picasso ... - Aha! Aufhorchen lassend, zeigt sich da zwingend der Malerfürst! Er setzt wohl ad hoc unter Druck und nötigt nun doch zu einem bereitwillig aufkeimenden Wiedererscheinen dieses vor Jahren ja gemeinsam so eindrucksvoll miterlebten Bühnenspektakels. -
Nein, noch immer nicht?
Denk 'mal zurück: Wir waren ja damals durchaus beeindruckt ...
Nicht so der Großteil des Publikums am Abend der Premiere am 18. Mai 1917! - Lautstark geäußerte Ablehnungen brachten Tumult in den Saal - und verursachten einen Skandal! Wie Du wohl weißt.“
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Hm? - Javiero - und erneut die Beeinflussung durch Opium? - ? ...
Versuchte ich‘s zu ergründen; mich auch daran erinnernd, daß er seit langem schon ein Bewunderer des am 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt verstorbenen enfant terribles Jean Cocteau war. Und sich 1976, in Paris, als Besucher einer Versteigerungs-Aktion Cocteaus‘scher Wertobjekte im Bereich der beweglichen Habe, zwei der hier unter anderem angebotenen Opium-Pfeifchen zu eigen gemacht hatte. -
Oui, offenbarte sich hier nun doch eine derart beeinflußte Willenslenkung halluzinierend einwirkender Drogen? -
Trotz allem laß ich erwartungsvoll weiter:
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„Voilà, erinnerst Du dich manchmal noch an den oftmals abwertend begutachtenden Schmähredner Jean Poueigh? „Man hat da auf die nie endende Dummheit der Menschen spekuliert“, ließ er, der bekannte Musikkritiker, sich damals derart gestreng in einigen Zeitungen über das extravagant inszenierte Bühnenereignis aus. Eventuell ist es Dir wahrhaftig nicht mehr in Erinnerung geblieben, daß Erik Satie ihm daraufhin stockwütend eine Postkarte mit dem folgenden Wortlaut geschrieben hat: „Monsieur et cher ami - vous êtes un cul, un cul sans musique!“ (Mein Herr und lieber Freund - Sie sind ein Arsch, ein Arsch ohne Musik!) -
„Am darauffolgenden Tag - Das wirst Du wohl kaum vergessen haben! Da saßen wir ja dann noch, vertieft in ein wortgewaltig gestaltetes Miteinander, bei der reizenden Madame Misia Sert im eleganten Salon ihrer Wohnung am Quai Voltaire ... - Anwesend waren - wie es nun wirklich noch erinnerlich sein müßte: Ein oft buhlerisch um Léonide Massine herumtänzelnder Serge Diaghilew. Und der spür- und sichtbar um Aufmerksamkeit bemühte Jean Cocteau. Ein dandyhaft gekleideter Marcel Proust, dessen hin und wieder durchdringend laut werdendes Lachen uns alle erschauern ließ. Und im kontemplativen Abseits ein sich angeregt mit dem Maler August Renoir unterhaltender Freund und Kumpan Toulouse Lautrec. - Oui, und um Mitternacht erschien dann auch noch der unserer Misia dereinst das Musikstück „La Valse“ gewidmet habende Komponist Maurice Ravel“. -
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„Javiero, Du hast Max Jakob, Guillaume Apollinaire und auch den damals dort anwesenden Pablo Picasso gar nicht erwähnt!“ murmelte ich, obschon noch immer recht unzugänglich gestimmt ...
Kopfschüttelnd und trotz allem nun doch auch schon schwärmerisch zwangsgesteuert in eine gefühlvoll aufleuchtende Rückschau in die reizvoll erlebte Zeit in Paris entrückt, nahm ich die bereits geöffnete Flasche Rotwein zur Hand und begab mich nebst Glas und dem Brief des Freundes auf die Terrasse meines Häuschens im Norden der griechischen Insel Lesvos. - Sanftmütig gestimmt, war ich dann gleich darauf weiterverfolgend wieder in Javieros daseinsfreudiges und wortreich zu spüren gegebenes Wunschtraum-Gebilde vertieft - in diesem erweiterten Ausmaß:
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„Verspätet kam dann, wieder einmal angetrunken, „Monsieur Pauvré“, wie er in einschlägigen Kreisen oftmals benannt wurde: der Erik Satie. - Didier, das kannst Du unmöglich vergessen haben!“ stand da zu bewegen suchend geschrieben. - „Auch eingedenk dessen, daß Du es ja warst, der dann, bereits in den beginnenden Morgenstunden, den inzwischen volltrunken wankenden, rheumatisch einherstolpernden Erik hilfreich nach Hause, in sein zellenartiges, mit allerhand Trödel, Gerümpel und Plunder vollgestopftes Kämmerlein, damals noch in der Rue Corot, stützend geleitet hast!“ -
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Par bleu! Ich versuchte mir das nun leibhaftig vor Augen zu stellen. Und dachte dabei an Platon, der einmal diesbezüglich bekundet hat: Nur die ewigen Ideen sind das eigentlich Seiende!
Ach Javiero! - Beeindruckt und nun wohl auch zunehmend beeinflußbar Wirkung gewahr werdend, las ich aufmerksam weiter:
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„Unterwegs, so hast Du es damals uns allen erzählt, warst Du ja angeblich immer wieder sehr darum bemüht, ein wenig mehr über sein der mittelalterlichen Mystik entliehenes Musik-Emfinden, dieser Rückkehr zu einer klassischen Prägung dessen zu ergründen. -
Das sollte nun doch gegenwärtig sein ... "Er sei noch immer in die Erweiterung seiner Gymnopedien vertieft und das kontinuierlich!" hat Dir der trunken einherstiefelnde Erik abwinkend zu verstehen gegeben, so hast Du uns damals darüber berichtet. - Nebenbei bemerkt, sind das die Kompositionen, die mir noch immer am besten gefallen. Nein, nicht so die einstmals erlebten Tondichtungen dieser theatralischen Aufführung „Parade“
Stimmen wir da überein?“ -
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Was das angeht: ja, dachte ich beiläufig ...
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„Im Flur seiner ärmlichen Bleibe angelangt“, berichtete Javiero schriftlich weiter, „hat er Dir - wie Du es derzeit ja stillvergnügt betont hast -, dann schlußendlich noch aufgebracht zugeraunt: "Möge dem Armseligen, der mich übersieht, die Zunge verbrennen - und auch das Trommelfell platzen!" -
Mon dieu! Wenn Du dich daran nun nicht mehr erinnern kannst, dann schöpfe ich doch den Verdacht, daß ich ab jetzt unerfreulicherweise an Deiner Merkfähigkeit zweifeln muß! - Laß es mich wissen, ruft sorgenvoll ausharrend einer der wenigen Dir aller Wahrscheinlichkeit nach wohl noch verbliebenen Freunde, im derzeit regnerisch verschnupft machendem Molloch Paris.“ -
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Unserer langjährigen Freundschaft zuliebe, galt es nun herzlich und angemessen darauf zu antworten ...
Immerhin, dem bereits genußfreudig getrunkenen Wein zur Folge, würde die Beantwortung seiner gefühlsselig formulierten Zeilen dann auch hoffentlich zusagend und erfreulich zuwege gebracht werden ...
Nun ja:
„Wer ein bewußtes Leben führen will, der muß das im flüchtigen Strom seiner Erinnerungsbilder tun!“ so hatte es ja schon der in Berlin lebende Philosoph Stephan Otto dereinst konkretisiert ...
In Anbetracht dessen, griff ich bald darauf seelenvergnügt zur Feder, um gleichgestimmt, wie einstmals Schulter an Schulter, nun emotional aufgekratzt aufs Geratewohl "zurückzublicken":
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Skala Scamia, Lesvos, Greece, am 14. Juni, 2009 -
Mon cher Javiero,
wohl wahr, es bleibt unvergessen - und natürlich erinnere ich mich an all das von Dir urplötzlich nun so gefühlsreich erneut vor Augen geführte damalige Geschehen. - Wenn ich da zutreffend zurückschaue, dann bist Du ja damals bald darauf, im Juni 1917, nach Madrid abgereist, um Deine Mutter zu besuchen und am dortigen Konservatorium drei Jahre lang als Musiklehrer zu unterrichten. - Das ist nun durchaus erwähnenswert, mein Freund!  -
Denn in diesem beachtenswerten Zeitraum, da hat sich ja noch so einiges aufsehenerregend ereignet ...
Als Du noch in Paris anwesend warst, da sprachen wir eines Abends mit Guillaume Apollinaire über einen neuen Geist des Überrealismus - er nannte es „sur-realisme“, Du erinnerst dich daran? Gemeint war: Das Wirkliche mit dem Unwirklichen zu verknüpfen ... -
So annähernd im Unwirklichen trat dann zutage, was ich kurz nach Deiner Abreise erleben durfte:
Wir (die Redaktion) hatten in Erfahrung gebracht, daß Picasso wieder einmal die Gespielinnen ausgewechselt hatte, Olga Chochlowa war jetzt die Favoritin. Im Juli 1918 hat er die Dame dann geheiratet. - Cocteau war der Trauzeuge. Oui, und ihn habe ich dann gebeten, mir einen Termin für ein Interview zu beschaffen. - In der darauffolgenden Woche hat‘s dann auch geklappt, der Meister hatte es gönnerhaft geschehen lassen ...
Wohlan - und somit zurück zum "Unwirklichen":
Picasso war ja inzwischen nicht nur berühmt, sondern auch wohlhabend geworden. Als ich die neue Wohnung in der Rue la Boétie betreten hatte, stand mir ein auffallend bürgerlich sichtbar werdender Maler gegenüber: Im maßgeschneiderten Anzug, mit einem Ziertuch in der oberen Jackentasche und einer auffällig hervorleuchtenden goldenen Uhrkette am Knopfloch. - Es verschlug mir die Sprache, als ich die luxuriös ausgestatteten Räume näher in Augenschein nehmen konnte: Olgas strategische Einflußnahme, so bedachte ich‘s, als mich der Meister überraschend freundlich dazu aufforderte, nun ihm gegenüber Platz zu nehmen. - Kurz zusammengefaßt: Im Laufe des einseitig stattfindenden Gesprächs wurde mir deutlich gemacht, daß ich ein Interview nur bekommen könnte, wenn ich schon morgen früh als Chauffeur zur Verfügung stehen würde. - Er habe sich gestern ein Automobil gekauft, einen Hispano-Suiza; weder er noch Madame Olga hätten jedoch eine notwendige Fahrerlaubnis. Auch der Freund Erik, Monsieur Satie nicht, der ja morgen dabeisein würde ...
„Wo man denn so übereilt hinfahren wolle?“ habe ich, offensichtlich total überrumpelt, nachgefragt.
„Nach Antibes, um dort, am La Garoupe benannten Strand im Kreis der feinen Gesellschaft ein wenig mitmischen zu wollen!“ gab mir Picasso abfällig grinsend zu verstehen. -
Ich hatte begriffen: Le High Life - das Treiben der Prominenten - und Madame Olgas offenbar lebenswichtiges Begehren, daselbst nun beachtet werdend mithalten zu können. -
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Am Morgen darauf klingelte ich, repräsentabel gekleidet - ich hatte mir am Abend zuvor von Max Jakob noch einen Anzug geliehen -, abreisebereit dastehend, an der Wohnungstür der Familie Picasso.
Olga öffnete mir - und nahm mich mißbilligend in Augenschein: „Nein-nein, so geht das nicht!“ fuhr sie mich an. „Das werden wir jetzt sofort passend umgestalten!“ ließ sie mich wissen, rauschte davon und schon wenige Minuten später hielt sie mir die vollständige, komödienhafte Montur eines Chauffeurs unter die Nase! - „Keine Widerrede, Sie ziehen das nun sofort an!“ wurde bestimmt. -
Javiero, Du kannst dir vielleicht mitfühlend deutlich vor Augen führen, wie mir damals zumute war ...
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Trotz allem gestalteten sich diese dereinst erlebten Tage wahrhaft zu einem unvergeßlichen Reisegeschehen. Am ersten Tag fuhren wir bis hin nach Lyon - es gab ja damals noch keine Autobahn -, und am zweiten Tag erreichten wir dann gut gelaunt schließlich das Städtchen Antibes. -
Fürwahr: Eine anstrengend verlaufene Autofahrt ...
Andererseits sich ausreichend ergebende Stunden, um hernach wirklich ein aufschlußreiches und bemerkenswertes Interview konzipieren zu können. -
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Javiero, derart inhaltsgeladen nun so überraschend zurückblickend, ist da noch etwas erwähnenswert: Als der Erik Satie am 1. Juli, 1925 in Paris verstorben war, da fanden wir - Max Jakob und ich - in seiner Wohnung noch die inzwischen weltweit bekannt gewordene Komposition „Vexations“ - „Quälereien für ein Soloklavier“, wie er die Tondichtung ja scherzhaft benannt hatte ... -
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So viel erst einmal für heute, mon ami; auch hinsichtlich eines hin und wieder aufblühenden Erinnerungsvermögens, - salut, à bientôt - ton Didier.
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Post Skriptum: 
Wissenschaftliche Untersuchungen haben aufsehenerregend erkundet, daß 50 bis 90 Prozent der auf diesem Globus gern lustbetont weilenden Menschen derartig traumhafte Erscheinungen dieser beunruhigend phantasievollen Beschaffenheit bereits oftmals durchlebt haben - und gegebenenfalls auch uneingeschränkt beurkunden können.  
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