Freitag, 19. Juli 2019

Liebe Leserin und Leser.

Nun ja, wie wir's ja eigentlich alle wissen:
Wein gibt es nicht nur zu all diesen religiösen Festivitäten - und anderen bedeutsamen Geselligkeiten.
Eine abendliche Mahlzeit ganz ohne Wein? -
In einer Art von "Erweiterung dessen", da sei hier noch erwähnt:
Der griechische Lyriker Alkaios von Lesbos, er gab's dereinst einmal schmunzelnd so hintergründig zu spüren: "In vino veritas!" im Wein liegt Wahrheit ...
Auch das: Selbst einem Herzinfarkt wird da auch oftmals eine vorbeugende Wirkung zugesprochen. -
Der englische Weinkenner Hugh Johnson hat's einst mit diesen Worten fast märchenhaft manifestiert: "Weintrinker sehen gut aus, sind intelligent, sexy - und auch gesund!" -
"Ach nein, denn da erläutert ein Schmunzeln darüber doch fast schon eine Zwangsvorstellung!" so hätte ihm der griechische Schriftsteller Nikos Kazantzakis vermutlich dereinst ein wenlg Einspruch gegeben. -
Wie oder was auch immer ...
Trotz allem sei's mir erlaubt, im folgenden zum Thema "WEIN" einiges zum Ausdruck zu geben:
Darum lesen Sie bitte weiter.
Ach ja, so weinselig ergriffen.
und
Vor dem Ableben "reinen Wein eingeschenkt".
-
In diesem Sinne: Zum Wohl!
-
*

Donnerstag, 18. Juli 2019

So weinselig und wonnetrunken ergriffen:

Nun ja, wohl hinsichtlich dessen ...
"Bonum vinum laetificat cor hominis" - meint:
"Guter Wein erfreut des Menschen Herz", das hat schon vorzeiten, so durchaus verheißungsvoll, der Herr von Goethe recht zutreffend zu spüren gegeben. -
Vorab sei's geschichtlich begründet:
Immerhin, schon 3500 Jahre vor Christie war sie bereits den alten Ägyptern bekannt, die Weinrebe ...
Und wurde, nachdem sie der mit nackten Füßen zermanschenden Aktivität einiger Kelterknechte zur Trennung des Saftes von Hülsen und Kernen ausgeliefert worden war, inklusive all der sonstigen Produktionsprozesse, als ein jetzt mundgerecht geschaffenes Erzeugnis nicht selten mit der Würdigung  "Göttertrank" oftmals unglaublich schwatzhaft umschmeichelt.
Das nun auch heutzutage. Als da, 'mal beispielsweise, zu lesen sein kann:
Pure Frucht, die sich im Abgang (ist in diesem Fall als "abwärts gleitend" zu verstehen.) zunehmend blumiger verdichtet und ausbalanciert all die Sinne verzaubert. - (alle?)
Da erzeugt eine sich nun mit monumentaler Kraft entfaltende, samtweiche Opulenz (meint: "Volumen", auch "Üppigkeit", wohl nicht lümmelhaft "Korpulenz" oder "Leibesfülle".) dann im Gaumen einen spannungsgeladenen, köstlichen Akkord von Harmonie und Raffinesse (Nun, das könnte ja auch als "Strategie" oder als "Taktik" verstanden werden.) - Und eine dermaßen deliziös und erlesen erschaffene Pikanterie ("Anzüglichkeit"?), sie offenbart dann in einer vollmundig ausgereiften Vollendung verlockend den Hochgenuß herausragender Weine.
Ein einleitend noch herb-würzig wahrzunehmender Anflug von Verschlossenheit (= vermutlich die Prüderie des Weines!), vollendet sich prickelnd baldigst zu einem nur noch als göttlich zu preisenden Gaumen-Verführungszauber!
Ambrosia (ist ja ursprünglich als Terminus für "Götterspeise" oder gegebenenfalls auch für das "Salböl der Unsterblichen" geprägt worden.) kriecht (!) süffig berauschend, exquisit aromatisch in jede Falte des Mundes. (Diesbezüglich ist da offenbar leider nur der innere Bereich des Mäulchens vom Glück begünstigt? Oder läßt sich darüber hinaus auch die im Alter äußerlich etwas schrumpliger werdende Hautbeschaffenheit gleichfalls ein wenig manipulieren?) -
Wie auch immer: Nach einer langdauernden Reife späterhin genial ausbalanciert, entfaltet sich im Gaumen himmlisch erhebend (!) eine superbe Fülle von Tiefe und Frische. (Amen!) -
Ach ja, uns allen, die wir nun dermaßen mundwässernd in Kenntnis gesetzt worden sind, ist zweifellos fest umrissen zu Bewußtsein gekommen, was da unglaublich schwelgerisch zu einem unvergeßlichen Gaumenerlebnis ins bisher eventuell ja leicht abgeschmackt vonstatten gegangene Erdendasein gerufen werden kann.
Voilà! - 
Einem dermaßen als Beglückung beweihräucherten Produkt, dem kann man wohl irgendwann nicht mehr mit Abneigung begegnen. - Dessen wurde ich mir, aufschlußreich auf den Geschmack kommend wohl auch bewußt, als ich dereinst, noch jung an Jahren, für Wochen und Monate in Frankreich heimisch sein durfte. -
Hernach: 
Oui - und von all den dort tagtäglich sich stets so anheischig machenden Trunkenheitsstimmung-Ermunterungen durchaus beeinflusst, bekam ich alsbald auch die (In Deutschland, nicht in Frankreich und auch nicht in Griechenland!) des öfteren wohlmeinend ausgesprochenen Ermahnungen zu hören: "Willst du den Rest deiner Erdentage nur noch trunken torkelnd umherstolpern? Anstatt aufrecht schreitend ..."
"Wohl oftmals offenbart sich Zwang, im aufrecht dargebotenen Gang", summte ich anfangs gern halblaut, etwas gereizt dagegen halten wollend. - 
Das ist lange her und war nicht von Dauer ...
Denn:
"Wo aber der Wein fehlt, da fehlt auch der Reiz des Lebens", bekundete einst schon der griechische Dichter Euripides solch ein Dasein von oftmals hervorbrechender Freudlosigkeit. -
-
Euripides war ein griechischer Dramatiker und Tragödiendichter.
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Montag, 8. Juli 2019

Hm? Vor dem ABLEBEN "so bußfertig" noch "reinen Wein eingeschenkt" - ?

Sehr informativ, was sich dort mit einer "letzten Kraft" offenbart hat - auf diesem alteingesessenen Weingut in der Toskana ...
Umgeben von Weinfeldern, in der Nähe eines mittelalterlichen Dörfchens in der Provinz Grosseto.
Si-si, und dort waren wir - per Zufall - für einen durchaus ergreifenden Augenblick einmal aufmerksam und höflich abwartend zugegen:
Denn im alten Herrenhaus des Gutes, im Castello di grappolo du' va, liegt der bejahrte Winzer Don Carlo bleich und kraftlos auf einem aus Großvaters Zeiten mit Damast bezogenen Sterbebett. -
In Anbetracht dessen bewegt und beunruhigt, läßt er nun seine drei Söhne sogleich zu sich rufen, um ihnen ein wahrscheinlich aufsehenerregendes Betriebsgeheimnis zu offenbaren. - Die drei Stammhalter, der permanent bauernschlau auftretende Mario (mio monello), der gerissen agierende Giovanni - und der zumeist trickreich zu Werke gehende Fausto erscheinen beunruhigt ...
Mit fast schon ersterbender Stimme beginnt dann der Alte aufklärend zu flüstern: "Nun spitzt 'mal aufnahmebereit die Ohren, denn zweimal werde ich's kaum noch verdeutlichen können!" -
Neugierig geworden, beugen sich die Söhne nun über den schlaffen Mund des offenbar sterbenden Vaters, der ihnen röchelnd des weiteren zuraunt:
"Mein Großvater war ja als Winzer dereinst noch den Geboten unserer toskanischen Weinaristokratie verpflichtet! Eine Bestimmung, die euch schlitzohrigen Panschern wohl so allerhand Unliebsamkeiten bereiten würde. Denn seinerzeit wurde der Wein noch vorherrschend aus Trauben erschaffen!" - Mit einem "Nicht-wahrhaben-wollenden-Gesichtsausdruck" blicken die Söhne sich daraufhin an ...
Bis dann der Fausto abweisend anmerkt: "Da haben wir's deutlich, jetzt geht es mit ihm zu Ende, er fantasiert schon!" - Und der Mario noch selbstsicher hinzufügen mußte: "Der Alte war ja nie so ganz bibelfest, sonst hätte er glaubwürdig und gottesfürchtig die Erkenntnis erhalten, daß schon zu Urzeiten Wasser zu Wein werden konnte!" -
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Damals - zum Ausdruck gegeben in der Toskana ...
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Sonntag, 30. Juni 2019

Jacques Brel intoniert: "Ne me quitte pas" - verlass mich nicht - !

Damals, als Jacques das einmal trübsinnig gestimmt "in Szene zu setzen" versuchte:
Wie? - Auf welche Art und Weise?
Das wird sich hier in Kürze so tiefgreifend entschleiern ... 
Oui, und in der nachfolgend vor Augen geführten damaligen Begebenheit, da offenbart es sich dann, wie ein als "Stubenfliege" bezeichneter Quälgeist nun wohl rührselig-grotesk, jedoch unüberhörbar zu einer liebgewordenen „Auserwählten“ berufen wurde:
Im Oktober 1971. - Die ersten Tage im Monat waren bereits verstrichen, als wir im nordwestlichen Frankreich, in der ehemaligen Grafschaft Anjou, unweit der von einem Mischwald umgebenen Ortschaft Montjean, ein wenig heimisch geworden waren.
Und an einem tagsüber sonnendurchflutet leuchtenden Herbsttag saßen wir im derzeit farbenfreudig auflodernden Abendrot noch nachdenklich gestimmt am Ufergestade der Loire, ein momentan an Trennungsschmerz leidender Jacques Brel - und ich.
Wahrscheinlich mitfühlend, hatte angesichts dessen der Schauspieler Xavier Crauchet dem eine Beziehungskrise verschmerzen müssenden Jacques sein kleines Chalet am urwüchsigen Ufer des hier noch schiffbaren Flusses überlassen ...
Fast geräuschlos gleitend, war dort soeben ein Segelboot zum Vorschein gekommen. - 
In Ufernähe vorbeiziehend, hatten die Bootsfahrer anscheinend den trübsinnig auf das Wasser schauenden Jacques Brel erkannt.
Schwärmerisch angetan, wurde nun johlend und gestikulierend das kleine Boot von der Seglergemeinschaft dermaßen einseitig belastet, daß es abrupt zu kentern drohte.
„Oje, ich verflüchtige mich jetzt, es wird mir hier draußen ein wenig zu kühl“, murmelte Jacques; erhob sich gelassen - und zog sein knopfloses weißes Hemd über die im Verlauf der Stunden schon leicht sonnengeröteten Schultern. - Vorab der noch immer beeindruckt an Bord stehenden Besatzung zuwinkend, nahm er seine Gitarre zur Hand und trollte sich schlurfend davon.
Wohl wahr, es ist doch immer wieder bemerkenswert, wie überschwenglich dem Chansonnier allerorten Beachtung geschenkt wird, dachte ich, als ich nun ebenfalls kehrtmachte.
-
Für den nachfolgenden Verlauf dieser erlebten Stunden in dem gemütlichen Chalet, da muß ich nun doch noch so einiges anschaulich machend erläutern:
Seit einigen Tagen wurden wir neugierig von einem kleinen, beflügelten, blau-grün-farben kostümierten "Mitbewohner" rastlos umschwirrt; ja, ununterbrochen schon am Frühstückstisch lebhaft und daseinsfreudig begrüßt. - Genußsüchtig war dem munteren Tierchen stets all das willkommen, was da so morgens und abends unseren Eßtisch schlemmerhaft anreicherte ...
Anfangs recht aufdringlich, ja ungebeten und auch zunehmend lästig, hatten wir uns bald - eingedenk einer moralischen Geisteshaltung: "Totschlagen ist nicht erlaubt!" - irgendwann doch an diese Art einer tagtäglich einfliegenden Frühstücks- und Abendessengeselligkeit gewöhnt. - 
Und bald darauf hatte sich dieses unabänderliche Miteinander darüber hinaus auch gefühlsmäßig fast schwärmerisch weiterentwickelt. -
Ein in den anbrechenden Morgenstunden wahrlich grotesk zum Ausdruck geratenes Geschehen ... 
Schwelgerisch Wein trinkend, hockten wir schon seit einigen Stunden vor einem stimmungsvoll flackernden Kaminfeuer.
Vier Flaschen "Musigny Grand cru", ein exquisiter Tropfen von der alten "Domaine Leroy, Vosne-Romanée" - alle zuvor schon entkorkt, „damit sich dann ansteigend ein umfassendes Bukett offenbart“, das hatte Jacques jedem verheißungsvollen „Plopp“ noch kundig hinzugefügt -, waren vermutlich recht anregend von Belang ...
Drei dieser zylindrischen Glasgefäße waren inzwischen geleert, als sich das bisherige Geplauder dann zunehmend in leicht absurden Sphären beflügelte.
Noch immer vom Trennungsschmerz nachhaltig durchdrungen, verdeutlichte Jacques nun summend sein derzeitiges Herzeleid mit dem Chancon: „Ne me quitte pas, verlasse mich nicht ... wir müssen vergessen ... ich werde nicht mehr weinen ... ich verstecke mich ...“ - oder stierte nach innen gerichtet in die im Kamin oftmals knisternd aufflammenden Holzscheite. 
Bis hin zu einem stimmungsvoll aufhorchen lassenden Moment, in welchem vermittels Gitarre, lyrisch akzentuiert, die folgende Gefühlsduselei zum bedeutsamen Ausdruck gebracht wurde: „Was soll’s, die Erkenntnis: du mußt jetzt verzichten, gemahnt auch, sich seelisch bald aufzurichten!" fügte er, verschmitzt grinsend, noch geheimnisumwittert hinzu.
Rätselhaft ... „Was willst Du denn damit jetzt so urplötzlich verdeutlichen?“ forschte ich aufmerksam werdend nach.
„Oui, ma Cherie: Mon Nathalie! - Qu’est-ce qui s’est passe?“ psalmodierte er angeregt weiter.
„Cherie? Nathalie? Mon dieu! Was ist denn da jetzt so gefühlsselig geschehen? - Kannst Du das bitte etwas transparenter offenbaren?“ bat ich um Aufschluß.
„Auch wenn’s als Notbehelf erscheint, die Stubenfliege ist gemeint“, brach es nun schalkhaft aus ihm heraus.
Verwundert schaute ich sekundenlang ungläubig drein ...
Dann hatte sich alles gelichtet: „Aha! Und Nathalie nennst Du das Geschöpf deiner Begierde“, begann ich an seiner absonderlich aufblühenden Überspanntheit kumpelhaft Anteil zu nehmen.
„Oui, es war'n die freßvergnügten Stunden, in welchen wir uns wohl gefunden“, tremolierte er schwärmerisch weiter drauflos.
„Äh - wie das denn?“ mimte ich aufhorchend Erstaunen.
„D‘accord, ich erzähl’ mal, wie’s geschah, mit der Madame domestica“, begann er’s zutage tretend anschaulich zu machen. „Hungrig, völlig selbstvergessen, nascht sie beherzt am Abendessen.
Hernach hat sie, recht unbedacht, sich schwungvoll auf den Weg gemacht; 
aus einer Fleischpastetenspalte, ins Glas, das ich in Händen halte! - 
Chateau d’Yquem? Chateau Margaux? - 
Jedenfalls war's ein Bordeaux, in dem sie überstürzt versunken. - 
Und gleich darauf wohl auch ertrunken! 
Wenn nicht - trotz der Schrecksekunde - ich, mit zugespitztem Munde, 
hilfreich kämpfend um ein Leben, nun schnellstens diesen Saft der Reben, 
gleich schlürfend in mich aufgenommen! - 
Sonst wär’ sie darin umgekommen. - 
Und seither, so viel nur am Rande, vereint uns liebevolle Bande.“ 
Voilá! Jacques Brel beschwipst beschwingt in Reinkultur.
Schmunzelnd nahm ich diese eigenwillige Verdeutlichung zur Kenntnis.
Nicht ohne jedoch gleich darauf entmystifizierend enthüllen zu wollen: „Ne m’en veuillez pas! (Nichts für ungut!) Mon ami. - Aber dieses unruhig herumfliegende Objekt einer möglicherweise abartigen Begierde ist ja wohl unverkennbar als maskulin einzuordnen!“
„Non, für mich wiederum nicht!“ hielt er dagegen. „Nun schau doch ‘mal ganz genau hin! Diese langen, seidigen Augenwimpern. Zudem eine fast schon lasziv dargebotene Weiblichkeit! - Und all das offenbart sich hier auch noch freimütig so absolut hüllenlos!“
„Hm? Wie immer Du derzeit beeindruckbar bist, mon Jacques, aber Du weißt ja, daß Nathalie gern hingebungsvoll in jedem Unrat herumstochert? Getreu nach dem Motto: Eßt mehr Scheiße, denn Millionen Fliegen können sich wahrlich kaum irren!“ gab ich nun doch zu bedenken.
„Mon dieu! Didier, mußt Du derartig ordinär laut werden?“
„Das hat Depardieux neulich vom Stapel gelassen ...“
„Non, Nathalie ist fleckenlos sauber, drogenfrei und absolut stubenrein! 
Und beneidenswert werden wir miteinander glücklich sein“, verkündete er kopfnickend. - Um dann noch zu ergänzen: „Ich freue mich auf die romantischen Abende, wenn ich buchvertieft vor dem Kamin residiere, und mon chéri Nathalie lebensbejahend um mich herumsummt.“
„Wie rührselig! - So wolkenlos glücklich, derart umflügelt in solch ein himmlisch aufleuchtendes Elysium hineinzugleiten“, erweiterte ich seine hochschwingende Gefühls-Eigendynamik.
Gramgebeugt blickte er daraufhin auf: „Ach, sich neubelebt wiederfinden in einem wohltuenden Miteinander, nicht mehr lieblos beeinträchtigt durch all die kontinuierlich auflodernden Streitereien. - Ist das nicht verheißungsvoll und auch erstrebenswert?“ klagte er’s ein.
„Oui, an und für sich schon“, mußte ich beipflichten. „Jedoch schlummert in dieser, von klatschsüchtigen Zungen gern auch als sodomitisch für möglich gehaltenen Idylle, ja nachweislich ein wahrhaft unheildrohendes Risiko!“ 
„Didier, was willst Du denn jetzt damit so grausam und herzlos heraufbeschwören?“ fuhr er mich schmollend an.
„Eine wohl unvermeidliche Gegebenheit, mon ami!“ gab ich sogleich bedeutungsvoll zu verstehen. 
„Denn ein bösartig verlaufendes Infektionssiechtum, ausgelöst durch all diese Stubenfliegen, als sogenannte Fliegenkrankheit weltweit zu einer qualvollen Geißel geworden, wird Dich in Kürze lebensgefährlich attackieren!“
„Das ist doch absolut schwachsinnig, imbécile! - Die so quicklebendig herumstreunende Nathalie macht auf mich augenfällig einen rundum gesunden Eindruck! - Ihre Blut- und Leberwerte sind vermutlich weitaus lebensbejahender als die meinen!“ winkte er unzugänglich ab.
„Ach, sieh an: Man kann sich im Dasein auch alles unwirklich schönreden“, hielt ich schonungslos dagegen. - „Dieser arglistige Krankheitsverlauf nistet sich jedoch irgendwann folgendermaßen in Deinem Körper ein: Ein sogenannter zweigeißliger Algenpilz, Mediziner sprechen da mahnend von einem Phycomycetes, der entwickelt sein Pilzgewebe parasitisch mit Vorliebe in Fliegen! Und aus solch einem tierischen Leib werden bald darauf unzählige Sporen ausgeschleudert. Um sich dann zutraulich geißelnd sofort im menschlichen Organismus festzubeißen. - Oui! Demnach auch unabänderlich demnächst in DEINEM - compendre?“
So, als sei er nun plötzlich doch ein wenig beunruhigt, schaute Jacques sekundenlang in das noch immer erfreulich stallwarm lodernde Kaminfeuer; um dann allerdings - Einspruch erhebend - lauthals dagegenzuhalten:
„Non Didier, hör‘ doch jetzt bitte auf mit dem Blödsinn! -
Denn mit diesen zwielichtigen, pseudowissenschaftlichen Erkenntnissen möchtest Du mich offenbar neiderfüllt liebend gern in Angst und Schrecken versetzen! So muß ich das leider verstehen - oder?“
„Non! - Wie kannst Du so etwas für möglich halten?“
„Ach, eine derart eifersüchtig aufwallende Anfälligkeit, noch dazu gepaart mit unbezähmbaren Neidgefühlen, solch ein bedrückend stimmendes Konglomerat läßt dann spornstreichs doch so einiges an Verbitterung lautwerden, Didier!“ knurrte er mich vorwurfsvoll an ... 
-
Am darauf folgenden Tag war ich erst gegen Mittag - zuvor im Schlaf oftmals von traumgesichtigen Halluzinationen heimgesucht, mehr hinfällig meinem Nachtlager entschwunden. - Unsicher auf energielosen Beinen stehend, versuchte ich schwankend in eine Hose zu schlüpfen, um mich - noch so einigermaßen zumutbar - in die Küche zu begeben. Wo ich dann stehenden Fußes von einer sentimental arrangierten Darbietung gefangen genommen wurde: 
Plaziert auf dem hölzernen Fensterbrett, stellte sich auffallend dort ein leeres, umgestülptes Marmeladenglas zur Schau. - Zuoberst ließ ein brennendes Talglicht flackernde Lichtreflexe aufscheinen. Rund um das Glas herum waren dekorativ die violettfarbenen Blüten einer Heckenrose gefühlsbetont hinzugefügt. -
Tja, und unter dem gläsernen Behältnis lag, offensichtlich reg- und leblos, die zuvor noch so inbrünstig umbuhlte Nathalie; die dünnen Beinchen nun erbarmungswürdig gen Himmel gestreckt ...
Oui, nun auf der Suche nach einem gegebenenfalls todunglücklich umherirrenden Leidtragenden, sah ich ihn bald darauf gesenkten Hauptes, kettenrauchend auf der Terrasse sitzen. - 
„Mon dieu! Was ist denn, während ich ahnungslos schlief, mit unserer Dir nun seit einigen Tagen so hilflos ausgelieferten Nathalie geschehen? Hat sie den Freitod gewählt, weil Du sie ja unaufhörlich bedrängt hast?“ forschte ich theatralisch zur Sprache gebracht nach.
Mißvergnügt schaute er daraufhin auf: „Nun, da sie mir nicht zu Willen sein wollte, hab’ ich sie wutschnaubend erwürgt!“ brach es mißgestimmt aus ihm heraus. - Um gleich darauf anklagend vom Stapel zu lassen: „Non, Du bist verantwortlich dafür, daß sie zu Tode gekommen ist! Denn eines der von Dir so leichtsinnig und recht unbekümmert halbvoll mit Wein stehengelassenen Gläser, ist der Nathalie anscheinend todbringend zum Verhängnis geworden!“
„Wieso das? - Äh ...“, einstweilen etwas begriffsstutzig, horchte ich daher hinlänglich erschrocken auf.
„Naja, vermutlich hat sie nur ihren Durst stillen wollen - und ahnungslos ob der so unheilvoll hereinbrechenden Auswirkungen, ein wenig zu viel davon geschlürft!“ 
„Und? Das muß ja letztendlich nicht unbedingt todbringend enden. -
Wir setzen das immerhin seit einigen Tagen trinkfreudig in Szene!“ wandte ich unbesorgt ein.
„Das schon, Didier“, stimmte er mir achselzuckend zu. „Nur haben wir bisher ja vorsichtshalber davon Abstand genommen, anschließend so wonnetrunken beseelt gegen die Fensterscheibe zu fliegen - und uns dabei vermutlich das Genick zu brechen!“ so gab er‘s mir als ein nicht akzeptables Verhalten wegweisend zu verstehen.
Damals, 1971, im Landhaus des Freundes Xavier Crauchet.
- -
Postskriptum:
Unglücklicherweise wurde dann drei Jahre später, im Herbst 1974, bei dem pausenlos Zigaretten rauchenden Jacques Lungenkrebs diagnostiziert ...
Vieles in Frage ziehend, wohl auch das sogenannte "Für und Wider" bedenkend, ist er dann anscheinend anderen Sinnes geworden - und zog sich erst einmal aus der Öffentlichkeit zurück.
Mit seinem hochseetauglichen Segelboot „Askoy“ segelte er bald darauf tagelang über den Atlantik, einen Zwischenstopp machend auf der kanarischen Insel Teneriffa.
Ab 1975 war er auf der Marquesas-Insel Hiva Oa in Französisch- Polynesien ansässig geworden. -
„Depuis quelques jours je ne me sens pas bien. (Seit einigen Tagen fühle ich mich nicht wohl). das hatte er - mehr nach innen gerichtet - doch schon zu spüren gegeben.
-
Am 9. Oktober 1978 mußten wir uns schmerzbewegt damit abfinden, daß Jacques, in einer Klinik in Bobigny bei Paris, im 49sten Lebensjahr seinem Leiden als unheilbar plötzlich erlegen war.
-
C'est très regrettable ... Adieu! Jacques Chere.
-
***




Samstag, 29. Juni 2019

Eine "Windhose" bereitet Beunruhigung ...

Geschehen in Amerika,
in Washington-D.C.:
Der weltweit oftmals als doch recht fragwürdig in Erscheinung tretende amerikanische Präsident Trump, er zeigte sich sichtbar wenig erfreut, als im Fernsehen, nach einer eindringlich gesendeten Hurrikan-Warnung, sich hernach der einstmals namhaft gewordene Modezar Charles Storefield via T.V. diesbezüglich so unpassend mit dem Hinweis: "Nun bedenken Sie aber bitte unbedingt, daß so eine Windhose keinesfalls als ein sturmerprobtes Beinkleid zu gewahren sein sollte", schmunzelnd zu Wort meldete.  -
Ach ja:
Diese Wortprägung "Windhose", nachfolgend jetzt als eine ironisierende Anspielung gezielt weckentfremdet:
Jedoch so unheilverkündend - alles in allem ...
Darum sei's hier doch einmal bedeutungsvoll zu spüren gegeben:
Yes, es präsidiert da zur Zeit, sich oftmals selbstsüchtig aufplusternd, ein amerikanischer Politiker ***, der die unanzweifelbare globale Erwärmung lauthals hoffnungsvoll leugnet - und den Schutz der Natur, stets auf den eigenen Vorteil bedacht, nun rücksichtslos als ein "Affentheater" bezeichnet.
Denn das alles wirkt ja beunruhigend lästig, fast schon zugrunde richtend seinen Bereicherungs-Interessen entgegen. -
Und da wird man als Präsident wohl durchaus beeinflussen dürfen!
Hochtrabend, sei da nun doch noch hinzugefügt:
Ave trump, lucrifacturi te salutant! 
Was gleichgestimmt meint:
Sei gegrüßt Trump, (alle) die sich bereichern wollen, grüßen dich!
-
*** Ach ja, in einem schlechterdings vergleichbaren Zusammenhang, da sprach der französische Journalist Octave Mirbeau dereinst einmal deutlich von einer "selbstgefälligen Unfähigkeit".
-
*

Montag, 24. Juni 2019

Wieso diese "Politikverdrossenheit" - ?

Wohl hinsichtlich dessen:
"Herrschen ist Unsinn.
Regieren ist Weisheit.
Man herrscht also, weil man nicht regieren kann!" **
so hat's der Johann Gottfried Seume zutreffend in Worte gefaßt.
-
** Femina regnat, sed non gubernat,
Frau herrscht, aber regiert nicht. ***
Quousque tandem?
Wie lange noch?
*** Noch immer: die derzeitig televisionär sichtbar
zitternd gewordene "Worthülsen-Mutti".
*
Damals, eingedenk dessen war ich erfreut,
als da im Internet die auflodernde "Kontraproduktivität"
des anderen Dieters* in einer "Störsender-TV"
benannten Entlarvungs-Aktivität
auf- und wachrüttelnd zugegen war ... 
-
*Dieter Hildebrandt, er starb am 20. November 2013.
"Das hätte er nicht tun sollen" hatte der Roger Willemsen
diese Schreckensnachricht betroffen zur Kenntnis genommen.
-
Regierungsvertreter:
Nun zeigt sich zunehmend Ernüchterung ...
Und zudem auch,
warum die Wahlbeteiligung immer geringer wird:
-
Da hat man vollauf nun genug,
von Reden, die als Selbstbetrug
nur Schall und Rauch verbreiten.
Da wird die Phrasendrescherei,
im staatsgelenkten Einerlei
doch nur Verdruß bereiten.
Begreiflich, daß des Bürgers Frust -
bei Wahlen zeitigt oft Verlust.
-
"Die Schwerenöter, sie ändern sich nie!
Interessenvertreter der Großindustrie",
so hört man's im Hintergrund murmeln.
-
Diesbezüglich soll noch ein Nachsatz klarstellend hinzugefügt werden:
Politikverdrossenheit ist es nicht, die hier hin und wieder schon zum Ausdruck gerät.
Nein, bekunden wir's zutreffender als "Politikerverdrossenheit",
wie es der Volker Pispers so angemessen zur Sprache gebracht hat.
Verdeutlicht wird dieser zunehmender Grimm durch eine oftmals zutage tretende unsympathische Melange aus der politischen Heuchelei, der Feigheit, dem Geltungsbedürfnis und dieser professionellen Unzulänglichkeit der Damen und Herren, durchtränkt von der anhaltenden Sorge abdanken zu müssen - und somit den Abmarsch in eine unerträgliche Bedeutungslosigkeit zu gewahren.
-
Bald kennt man die Weise und kennt auch den Text.
Man kennt ohnehin die Verfasser ...
Man weiß, sie trinken stets heimlich den Wein,
jedoch predigen öffentlich Wasser.
Wiederbelebt sind hier die einstmals von Heinrich Heine fabulierten Zeilen
"Deutschland. Ein Wintermärchen".
-
*

Samstag, 22. Juni 2019

Montag, 17. Juni 2019

Bonjour! - Liebe Leserin und Leser.

Vermittels der nachfolgenden Erzählungen, möchte ich mit Ihnen - zurückschauend - so ereignisreich in FRANKREICH verweilen. -
Danke für Ihr "Dabeisein" - merci beaucoup ...

Paris, im April 1971 ...

Oui, ein sonnendurchflutetes Frühlingslüftchen hatte wohl damals den Ausschlag dafür gegeben, daß wir nachmittags nun schon seit langem auf der weiträumigen Terrasse des Café Flore, am Boulevard Saint-Germain, noch immer angeregt plaudernd beisammen saßen, Jacques Brel und ich. -
Irgendwann gab er mir dort zu verstehen, daß er gern einen Text vertonen möchte, in welchem der oftmals aufkeimende Groll über die politischen Machenschaften als durchaus sarkastisch zum Ausdruck geraten solle ...
D’accord, eine reizvolle Mission, so dachte ich.
-
Schon in der Woche darauf saßen wir wieder Seite an Seite, in Maisons-Laffitte, der nordwestlich gelegenen Vorstadt von Paris - und dort nun am besonnten Ufer der Seine.
Vorausschauend hatte Jacques auch seine Gitarre mitgebracht, die er minutenlang gestrengen Blickes in Augenschein nahm - und angespannt zupfend gefügig zu machen suchte ...
„L'ascenseur“, der Fahrstuhl, so haben wir späterhin diese balladenartige Moritat, das in frühlingshafter Mutter Natur am Ufer der Seine erschaffene Chanson, wohlüberlegt betitelt.
Ja, und dank einer damals von Jacques musikalisch aufhorchen lassend komponierten Tonfolge, durften wir schon einige Stunden später, im Garten eines salon de thé, seelenvergnügt die folgende Lieddichtung gefühlvoll laut werden lassen:
Cäcille war zumeist, als laszive Kokotte,
in Paris sehr gern den Politikern hold.
Jüngst kam dann ein Kotzbrocken aus dieser Rotte,
doch der hat den Akt nur im Fahrstuhl gewollt.
Dabei blieb der Lift neulich stecken,
das Stromnetz war plötzlich gestört.
Sie mußten im Fahrstuhl verrecken,
Den Notruf hat niemand gehört ...
-
Und als Refrain:
Im Kreis der perfiden Parteigenossen,
hat keiner gerührt eine Träne vergossen. -
-
Als eine boshafte, fast schon rebellische Anspielung war dieses Chanson bald auch "in aller Munde", wie man‘s volkstümlich gern einmal leichthin benennt. - Tout le monde amüsierte sich köstlich, war mit dem Text vertraut - und auch mit der Tonrelation unseres oftmals erfolgreich ins Schwarze treffenden Kunstlied-Gestichels.
-
Auch ist dazu nun noch recht befriedigend anzumerken, daß die Mehrzahl der damaligen französischen Regierungsvertreter stets wütend in Aufruhr geraten ist, wenn Jacques sich mit dem herausfordernden Chanson von neuem auf einer Bühne in Szene zu setzen verstand - oder vermittels Hörfunk ja landesweit so ausdrucksvoll aufhorchen lassen konnte.
Oui, zudem ist‘s wohl durchaus hier noch erwähnenswert, daß der damalige, französische Staatspräsident Georges Pompidou des öfteren von einigen schadenfroh grinsenden Journalisten auf diese Malice angesprochen worden ist. - Gewitzt und seit langem bereits professionell mit all den politischen Schmutz-Wassern immunisierend gewaschen, wußte er stets chevaleresk die Haltung zu wahren ...
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Einstmals. - Aber vielleicht ist das den älteren Mitbürgern unter uns ja doch in Erinnerung geblieben. - (?) *
* Oui, certainement! - Enchanté, chère Maddly ...
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Mein PARIS, so malerisch wiedererwachend - :

In einer ausschweifenden Gemütsbeschaffenheit ...
"Ja, uns muß es leibhaftig schon einmal gegeben haben!" betonte ein Maler-Freund vor kurzem in Paris enthusiastisch und fast schon beschwörend diese scheinbare Rückschau. -
"Oui, zweifellos! Diese als Reinkarnation oder auch Wiederfleischwerdung benannte Rückkehr, sie verschafft uns erneut eine traumhafte Entfaltung und Neubelebung am reizvollen Schauplatz all dieser dereinst so liebgewordenen Lebensbejahungen", murmelte ich beipflichtend - und wohl auch schwärmerisch zustimmend.
"Très bien! (Sehr gut!) - Aber eine beachtliche Anzahl der Erdenbürger meint, das sei hirnverbrannt, abwegig und lachhaft!"
"Vergiß sie! Das sind desillusioniert dahinlebende Verweigerer."
"Certainement! (Gewiß!). - Oui, man sollte das demnach wohl nicht allzusehr überbewerten ... Hm? Kannst Du dich jetzt denn noch so ganzheitlich zurückversetzen, in das nun seit langem entschwundene Paris d'autrefois - unser altes Paris?" brach es ergriffen aus ihm heraus.
"Selbstverständlich. Und das immer wieder - liebend gern!" gab ich ihm wünschenswert zu verstehen.
"Oui, dann laß uns 'mal miteinander entfleuchen, in ein Wiederaufleben der einstmals so tatendurstig geschätzten Lebensgestaltung."             
"Avec plaisir! (mit Vergnügen!) Erinnerst Du dich jetzt noch an diesen gemeinsam wohl doch als beeindruckend erlebten Tag im Monat März des Jahres 1908?"
"Da muß ich erst einmal nachdenken ... Oui, nun entsinne ich mich. -
Allein schon deswegen, weil ich ja nachmittags mit dem Kunsthändler AmbroiseVollard verabredet gewesen bin, um ihm hoffentlich eine kleine Federzeichnung von Henri Matisse verkaufen zu können."
"Ein Original von Matisse, wie konntest Du das denn erbeuten?"
"Als Leihgabe - von Daniel Kahnweiler."
"Als Leihgabe? Ich verstehe. - Mon dieu! Julien, irgendwann hätte dich Monsieur Kahnweiler dabei erwischt!" gab ich anmahnend zu bedenken.
"Non, bisher hatte es ja immer geklappt, bei Dir doch auch, mon ami! - Aber was war denn da für dich so aufregend geschehen, an diesem Tag im Monat März?" versuchte er ausweichend zu taktieren.
"Zumindest nichts mit einem kriminellen Hintergrund!" ließ ich's noch einmal anmahnend fühlen.
"Du nervst, denn meine diesbezügliche Kunstfertigkeit hatte uns dazumal ja des öfteren ein wenig vor Not und Verelendung bewahrt, das sollte Dir doch als befürwortend in Erinnerung geblieben sein!"
"Julien, Du übertreibst 'mal wieder! Denn das hatte sich doch inzwischen "zum Guten" gewandelt, hast Du das etwa schon wieder vergessen?"
"Hm? An was müßte ich mich denn da jetzt so hinlänglich nacherleben könnend erinnern?" horchte er kopfschüttelnd auf.
"Daran, daß ich seit dem so vielsagend erwähnten Tag im März immerhin der stolze Besitzer von zwei Picasso-Tuschezeichnungen gewesen war!"
"Von Pablo - geklaut!! - Wie hattest Du das denn gemeistert?" schaute er mich tief beeindruckt an.
"Nicht mitgehen lassen! Er hatte sie mir geschenkt, weil ich seine damalige Lebensgefährtin, die bezaubernde Fernande Olivier ja hin und wieder ... Aber das möchte ich hier nun doch nicht näher verdeutlichen. Jamais! (Niemals!)  - Bei Pablo stibitzen! Für wen oder was hältst Du mich eigentlich?"
"Wenn ich das jetzt gefühlvoll zur Sprache bringe, dann ... Ach, ne m'en veuillez pas! (Nichts für ungut!) Aber was hatte sich denn an diesem besagten März-Tag so aufsehenerregend abgespielt? Ich kann's momentan gar nicht so bildhaft wiederauftauchen lassen", gab er mir zu verstehen.
"Auch das nicht, daß ich in unserer damaligen Bleibe, dieser chaotisch-heimeligen La ruche, mit meinem damaligen Nachbarn Georges Braque in eine Art Disharmonie hineingeraten war?"
"Ach ja, von Guillaume Apollinaire wurde mir später darüber berichtet! Du hattest dir von Georges das Fahrrad geliehen - und ohne Bedenken zu Bruch gefahren, weil Du wieder 'mal stockbesoffen ..."
"Jetzt beherrsch' Dich erst einmal bitte!" unterbrach ich ihn schmollend. -
"Ja, wir hatten vorab im Lapin à Gill ein wenig dem Wein zugesprochen, drei Flaschen vom Feinsten, die Cocteau uns spendiert hatte. - Weit nach Mitternacht, wollte ich dann Pablo noch heimwärts ins Bateau-Lavoir kutschieren - und dabei ist's dann geschehen."
"Wie das denn?"
"Du stellst mir da saudumme Fragen. Ich möchte Dich 'mal erleben, mit einem betrunkenen Picasso hinten auf dem Gepäckträger eines Fahrrads, der lauthals spanische Lieder singend auch noch andauernd "Olé! brüllt - und dir dazu dann stimmungsvoll mit beiden Fäusten auf dem Rücken herumtrommelt!"
"Das ist bedauerlicherweise ja nun nicht mehr durchführbar", wandte er zutreffend ein.
"Nun ja, leider ging's dabei noch zunehmend bergab, auf dem damaligen Kopfsteinpflaster der Rue Ravignan! Abbremsen war schlechthin nicht mehr möglich, und wir sind dann somit recht unsanft an der hölzernen Tür der alten Maler-Klause verhängnisvoll zum Stillstand gekommen." -
"Und dabei wurde das unentbehrliche Fahrrad dann ein wenig zertrümmert! Oui, was offenbar den Eigentümer dieser sicherlich liebgewonnenen Gerätschaft verzweifelt die Hände ringen ließ."
"Non, zu Fäusten geballt, wollte er mir damit seine derzeitige Entrüstung so handgemein zu Leibe gehend schmerzhaft zum Ausdruck geben! - Oui, und wenn nicht der stets mitleidend empfindende Guillaume Apollinaire beschwichtigen wollend dazwischengegangen wäre, dann ...
Ich mag gar nicht daran zurückdenken!"
"Das ist naheliegend, aber immerhin hattest Du ja dem Georges so allerlei Ungemach bereitet! - Der Max Jakob erzählte mir am Tag danach, daß euer so lautstark vom Stapel gelassenes Palaver den Maler Van Dongen anscheinend dermaßen in Rage gebracht haben soll, daß er sogleich eine tote, bereits unangenehm riechende Katze, die er vorab zu malen begonnen hatte, Dir daraufhin wutentbrannt ins Genick geschleudert haben soll."
"Non, Du dramatisierst da alles ein wenig überbetont! Denn es war ja nur noch das Fell der Katze. - Der Kees van Dongen war ja seinerzeit dermaßen verarmt, daß die Innereien rein zufällig bei ihm und seiner großen Familie endlich einmal eine sättigende Mahlzeit möglich gemacht hatten ..."
 -
Oui, wir wollten es anfangs nicht wahrhaben, aber töricht und unüberlegt in Szene gesetzt, war sie bedauerlicherweise ein wenig entzaubert worden, unsere geistesverwandte Rückschau.
Denn ...
"Das von Dir ja geplante Abendessen in der Rhumerie Martiniquaise, das mußt Du wohl demnächst allein genießen, da mir diesbezüglich ein kulinarisches Gelüst vorerst abhanden gekommen ist", gab mir der Freund abwinkend zu verstehen, als wir unglücklicherweise unsere Rückschau desillusionierend zum Erliegen gebracht hatten.
Unlängst, mit Julien, im sich wieder einmal so gegenwartsnah anschaulich machenden Paris d'autrefois.
-
*
Eine Art "Nachtrag" -  im Mai 2016:
Oui Julien, Deine dionysisch gestimmte Nachricht habe ich erhalten.
Diese Insel-Faszination! - (Griechenland - so auch Ikaria)
Nein, nach meiner verhängnisvoll-niederdrückenden "Bruchlandung",
da bin ich inzwischen fast schon "wohlauf", es geht mir so "hinlänglich" gut.
Trotz allem mußt Du dich wohl doch noch ein wenig gedulden,
denn Ulrike ist ja beruflich gebunden. - Le vol aller?
Wir können infolgedessen erst im Herbst nach IKARIA kommen. -
Keine Sorge, die Gouachefarben bringe ich dann mit.
Je te salue - Didier - à bientôt.
-
***

PARIS - und eine "malerische Rückschau" ...

Oui, in einen wahrlich aufsehenerregenden Zeitabschnitt:
-
Vorab sei bedeutsam bezeugt, daß nicht nur ein sauflustiger, bereits zügellos gewordener Alkoholkonsum - oder der anhaltende Gebrauch halluzinogener Drogen immerhin so viel bewirken kann, daß sich da etwas urplötzlich heraufbeschwört - und alsbald ichbezogen in die hernach überraschend offenbar werdenden Wege geleitet. -
Nein, denn ...
Ein psychologisches Phänomen, das einstmals französisch als „Déjà-vécu“ bezeichnete - und zuweilen bedenklich Wirklichkeit werdende „Schon erlebt“. - (auch als: déjà = bereits oder schon, vu = gesehen), das läßt hin und wieder auch ohne stimulierende Rauschmittel so einiges lebensvoll zutage treten.
Im ersten Abschnitt seines Buches „Dichtung und Wahrheit“ beschreibt Goethe eine Begebenheit, die solch einem Fausse reconnaissance, diesem „falschen Wiedererkennen“, so allerhand Ausdruck verleiht. -  
„Kokolores! Vernunftwidrige, hirnrissig gesponnene Flausen!“ räsonierte einst unbelehrbar abweisend der Freud-Schüler Sebastian Heil-Resistere, als der Großmeister der Psychoanalyse sich hinsichtlich dessen murmelnd ins Nachdenken vertieft hatte.
„Nein-nein, sie vereinsamter Nihilist! - Der Auftakt für die als Déjà-vu charakterisierten Erlebnisse, ist einzig und allein mit den verdrängten Phantasien der menschlichen Wesen präzis zu verdeutlichen!“ wurde der angehende Seelen-Voyeur sogleich eines Besseren belehrt. -
-
Ja, all das gab mir nun doch zu denken, als ich vor kurzem einen mehrseitigen Brief aus Paris - geschrieben von einem Freund, dem Pianisten Javiero Garcia Sánchez - neugierig geöffnet und zunehmend beunruhigt gelesen hatte. - Javiero, ein Verwandter des 1894 in Madrid verstorbenen Musikpädagogen Francisco Asenjo Barbieri, er lebt seit seinem Studium an der Académie Royale zumeist in Paris, im Quartier Latin, im fünften Arrondissement dieser Stadt. -
Wir hatten uns 1973 in Paris kennengelernt, als ich dort einige Jahre freiberuflich als umherreisender Journalist für die bereits im Jahr 1964 von dem französischen Philosophen André Gorz dereinst in Szene gesetzten Wochenzeitung "Le Nouvel Observateur" tätig - und Javiero daselbst einige Monate als Volontär beschäftigt gewesen war. -
Da ich nun seit langem in einer norddeutschen Region und einige Monate in Griechenland ansässig geworden bin, trafen wir uns hin und wieder nur noch in Frankreich; das aber selten. -
Zurück zur soeben geöffneten Post aus Paris: Nebst einer CD mit der Klaviermusik des Komponisten Erik Satie, hielt ich vier eng-beschriebene Seiten in Händen. Und war mir - nach einem kurzen Überblick dessen - sogleich auch darüber bewußt, daß mich das Wesentliche einer brieflich anscheinend derart eindringlich beschworenen Imagination vermutlich im nachhinein wohl erst einmal nachdenklich stimmen - und sich dann, als schwer zu bewältigend, alsbald offenbaren würde:
-
"Paris, 12. Juni, 2009 -
Cher Didier ... Qu‘est-ce qui s‘est passé?  -  (Was ist geschehen?)
Oui, Du wirst es vermutlich gar nicht für möglich halten - und Deiner diesbezüglichen Einstellung gemäß, nur milde gestimmt lächeln. Aber die meinen Zeilen beiliegende Tondichtung des Erik Satie, sie beschwörte da neulich urplötzlich in mir einen recht melodramatisch gearteten Rückblick zutage ... Reinkarnation? Haben wir schon einmal gelebt?
Uns muß es schon 'mal gegeben haben!
Denk einen Augenblick angestrengt nach und zugleich auch inhaltsgeladen zurück - dann wird die im folgenden nun wieder auflebende Begebenheit auch Dir sogleich wahrhaft und wirklichkeitsnah vor einem geistigen Auge erscheinen:
Dieser dereinst gemeinsam erlebte Monat Mai 1917, hier, in den für uns einstmals heimatlich gewordenen, wie wohl oftmals auch desillusionierend aufblitzenden Gegebenheiten in dieser einzig benutzbaren Wüste (Camus) Paris ...
Ist das präsent? Liegt all das für Dich nun zutage? - Nein?
Dann werde ich Dir jetzt hinweisend auf die Sprünge helfen! - Eh bien:
Rauchend und Wein trinkend saßen wir damals nachdenklich gestimmt in der Feuilleton-Redaktion des Nouvel-Observateur und sprachen über die demnächst im Théâtre du Châtelet stattfindende Inszenierung von Musik, Ballett und der Malerei, dieser als „kubistisches Manifest“ bezeichneten, alsbald debütierenden Theateraufführung. 
Du erinnerst dich? - Nein, noch immer nicht?“
-
Unabhängig davon, daß ich mich daran partout nicht erinnern konnte, war es erst einmal in Betracht zu ziehen, daß es den Nouvel Observateur damals noch gar nicht gegeben hat.
Denn als Erstveröffentlichung dieser bald zur meist gelesenen Zeitung gediehenen Druckschrift, ist der von Claude Bourdet 1950 in Umlauf gesetzte L‘Observateur zu erwähnen.
Da offenbarte sich in Javieros phantastisch aufblühendem Sentimentalitäts-Geschehen doch schon ein inkorrekt aufscheinendes Denkzeichen, so bedachte ich‘s kurz - um gleich darauf erwartungsvoll weiterzulesen:
-
„Incroyable! (unglaublich!) Aber ein vermutlich aufsehenerregender Hinblick auf das bevorstehende Spektakel war schon vorab zu gewärtigen, als wir drei Tage vor der Uraufführung nachmittags bei der Anbahnung dessen dort dann schaulüstern zu Gast waren! 
Na, ist es nun doch gegenwärtig?
Du mußt das vor Augen haben! Den übereifrig herumwieselnden Jean Cocteau, in dem von ihm so absonderlich geplanten Szenario.
Dazu, gewöhnungsbedürftig im Hintergrund eines futuristisch erschaffenen Bühnengeschehens: Erik Saties für uns ja bis dato noch ungewohnte, von ihm extra für diese Aufführung konzertierte exzentrische Tondichtungen ... Nein, da ist noch kein Rückblick in Reichweite? Das nehme ich Dir nicht ab; gib‘s zu, Du verweigerst dich! Mußt Du jetzt alles derart ernüchternd vereiteln wollen? - Auch die Choreographie und zudem noch tänzerische Meisterschaft des Léonide Massine? Der Tänzer des Balletts Russes - und Liebhaber des Choreographen Diaghilew - der ja damals dort auch umtriebig zugegen war. Oui, schieb einmal all diese unfreundlich aufblitzende Abwehr aufnahmefähig beiseite! Dann wird sich Dir alles umgehend durchaus so malerisch offenbaren: Gewiß der übereifrig umhereilende Kostüm- und Bühnenbildner Pablo Picasso ... - Aha! Aufhorchen lassend, zeigt sich da zwingend der Malerfürst! Er setzt wohl ad hoc unter Druck und nötigt nun doch zu einem bereitwillig aufkeimenden Wiedererscheinen dieses vor Jahren ja gemeinsam so eindrucksvoll miterlebten Bühnenspektakels.
Nein, noch immer nicht?
Denk 'mal zurück: Wir waren ja damals durchaus beeindruckt ...
Nicht so der Großteil des Publikums am Abend der Premiere am 18. Mai 1917! - Lautstark geäußerte Ablehnungen brachten Tumult in den Saal - und verursachten einen Skandal! Wie Du wohl weißt.“
-
Hm? - Javiero - und erneut die Beeinflussung durch Opium?
Versuchte ich‘s zu ergründen; mich auch daran erinnernd, daß er seit langem schon ein Bewunderer des am 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt verstorbenen enfant terribles Jean Cocteau war. Und sich 1976, in Paris, als Besucher einer Versteigerungs-Aktion Cocteaus‘scher Wertobjekte im Bereich der beweglichen Habe, zwei der hier unter anderem angebotenen Opium-Pfeifchen zu eigen gemacht hatte. -
Oui, offenbarte sich hier nun doch eine derart beeinflußte Willenslenkung halluzinierend einwirkender Drogen? 
Trotz allem laß ich erwartungsvoll weiter:
-
„Voilà, erinnerst Du dich manchmal noch an den oftmals abwertend begutachtenden Schmähredner Jean Poueigh? „Man hat da auf die nie endende Dummheit der Menschen spekuliert“, ließ er, der bekannte Musikkritiker, sich damals derart gestreng in einigen Zeitungen über das extravagant inszenierte Bühnenereignis aus. Eventuell ist es Dir wahrhaftig nicht mehr in Erinnerung geblieben, daß Erik Satie ihm daraufhin stockwütend eine Postkarte mit dem folgenden Wortlaut geschrieben hat: „Monsieur et cher ami - vous êtes un cul, un cul sans musique!“ (Mein Herr und lieber Freund - Sie sind ein Arsch, ein Arsch ohne Musik!) -
„Am darauffolgenden Tag - Das wirst Du wohl kaum vergessen haben! Da saßen wir ja dann noch, vertieft in ein wortgewaltig gestaltetes Miteinander, bei der reizenden Madame Misia Sert im eleganten Salon ihrer Wohnung am Quai Voltaire ... - Anwesend waren - wie es nun wirklich noch erinnerlich sein müßte: Ein oft buhlerisch um Léonide Massine herumtänzelnder Serge Diaghilew. Und der spür- und sichtbar um Aufmerksamkeit bemühte Jean Cocteau. Ein dandyhaft gekleideter Marcel Proust, dessen hin und wieder durchdringend laut werdendes Lachen uns alle erschauern ließ. Und im kontemplativen Abseits ein sich angeregt mit dem Maler August Renoir unterhaltender Freund und Kumpan Toulouse Lautrec. - Oui, und um Mitternacht erschien dann auch noch der unserer Misia dereinst das Musikstück „La Valse“ gewidmet habende Komponist Maurice Ravel“. -
-
„Javiero, Du hast Max Jakob, Guillaume Apollinaire und auch den damals dort anwesenden Pablo Picasso gar nicht erwähnt!“ murmelte ich, obschon noch immer recht unzugänglich gestimmt ...
Kopfschüttelnd und trotz allem nun doch auch schon schwärmerisch zwangsgesteuert in eine gefühlvoll aufleuchtende Rückschau in die reizvoll erlebte Zeit in Paris entrückt, nahm ich die bereits geöffnete Flasche Rotwein zur Hand und begab mich nebst Glas und dem Brief des Freundes auf die Terrasse meines Häuschens im Norden der griechischen Insel Lesvos. - Sanftmütig gestimmt, war ich dann gleich darauf weiterverfolgend wieder in Javieros daseinsfreudiges und wortreich zu spüren gegebenes Wunschtraum-Gebilde vertieft - in diesem erweiterten Ausmaß:
-
„Verspätet kam dann, wieder einmal angetrunken, „Monsieur Pauvré“, wie er in einschlägigen Kreisen oftmals benannt wurde: der Erik Satie. - Didier, das kannst Du unmöglich vergessen haben!“ stand da zu bewegen suchend geschrieben. - „Auch eingedenk dessen, daß Du es ja warst, der dann, bereits in den beginnenden Morgenstunden, den inzwischen volltrunken wankenden, rheumatisch einherstolpernden Erik hilfreich nach Hause, in sein zellenartiges, mit allerhand Trödel, Gerümpel und Plunder vollgestopftes Kämmerlein, damals noch in der Rue Corot, stützend geleitet hast!“ -
-
Par bleu! Ich versuchte mir das nun leibhaftig vor Augen zu stellen. Und dachte dabei an Platon, der einmal diesbezüglich bekundet hat: Nur die ewigen Ideen sind das eigentlich Seiende!
Ach Javiero! - Beeindruckt und nun wohl auch zunehmend beeinflußbar Wirkung gewahr werdend, las ich aufmerksam weiter:
-
„Unterwegs, so hast Du es damals uns allen erzählt, warst Du ja angeblich immer wieder sehr darum bemüht, ein wenig mehr über sein der mittelalterlichen Mystik entliehenes Musik-Emfinden, dieser Rückkehr zu einer klassischen Prägung dessen zu ergründen. -
Das sollte nun doch gegenwärtig sein ... "Er sei noch immer in die Erweiterung seiner Gymnopedien vertieft und das kontinuierlich!" hat Dir der trunken einherstiefelnde Erik abwinkend zu verstehen gegeben, so hast Du uns damals darüber berichtet. - Nebenbei bemerkt, sind das die Kompositionen, die mir noch immer am besten gefallen. Nein, nicht so die einstmals erlebten Tondichtungen dieser theatralischen Aufführung „Parade“
Stimmen wir da überein?“ -
-
Was das angeht: ja, dachte ich beiläufig ...
-
„Im Flur seiner ärmlichen Bleibe angelangt“, berichtete Javiero schriftlich weiter, „hat er Dir - wie Du es derzeit ja stillvergnügt betont hast -, dann schlußendlich noch aufgebracht zugeraunt: "Möge dem Armseligen, der mich übersieht, die Zunge verbrennen - und auch das Trommelfell platzen!" -
Mon dieu! Wenn Du dich daran nun nicht mehr erinnern kannst, dann schöpfe ich doch den Verdacht, daß ich ab jetzt unerfreulicherweise an Deiner Merkfähigkeit zweifeln muß! - Laß es mich wissen, ruft sorgenvoll ausharrend einer der wenigen Dir aller Wahrscheinlichkeit nach wohl noch verbliebenen Freunde, im derzeit regnerisch verschnupft machendem Molloch Paris.“ -
-
Unserer langjährigen Freundschaft zuliebe, galt es nun herzlich und angemessen darauf zu antworten ...
Immerhin, dem bereits genußfreudig getrunkenen Wein zur Folge, würde die Beantwortung seiner gefühlsselig formulierten Zeilen dann auch hoffentlich zusagend und erfreulich zuwege gebracht werden.
Nun ja:
„Wer ein bewußtes Leben führen will, der muß das im flüchtigen Strom seiner Erinnerungsbilder tun!“ so hatte es ja schon der in Berlin lebende Philosoph Stephan Otto dereinst konkretisiert. -
In Anbetracht dessen, griff ich bald darauf seelenvergnügt zur Feder, um gleichgestimmt, wie einstmals Schulter an Schulter, nun emotional aufgekratzt aufs Geratewohl "zurückzublicken":
-
Skala Scamia, Lesvos, Greece, am 14. Juni, 2009 -
Mon cher Javiero,
wohl wahr, es bleibt unvergessen - und natürlich erinnere ich mich an all das von Dir urplötzlich nun so gefühlsreich erneut vor Augen geführte damalige Geschehen. - Wenn ich da zutreffend zurückschaue, dann bist Du ja damals bald darauf, im Juni 1917, nach Madrid abgereist, um Deine Mutter zu besuchen und am dortigen Konservatorium drei Jahre lang als Musiklehrer zu unterrichten. - Das ist nun durchaus erwähnenswert, mein Freund!  -
Denn in diesem beachtenswerten Zeitraum, da hat sich ja noch so einiges aufsehenerregend ereignet ...
Als Du noch in Paris anwesend warst, da sprachen wir eines Abends mit Guillaume Apollinaire über einen neuen Geist des Überrealismus - er nannte es „sur-realisme“, Du erinnerst dich daran? Gemeint war: Das Wirkliche mit dem Unwirklichen zu verknüpfen ... -
So annähernd im Unwirklichen trat dann zutage, was ich kurz nach Deiner Abreise erleben durfte:
Wir (die Redaktion) hatten in Erfahrung gebracht, daß Picasso wieder einmal die Gespielinnen ausgewechselt hatte, Olga Chochlowa war jetzt die Favoritin. Im Juli 1918 hat er die Dame dann geheiratet. - Cocteau war der Trauzeuge. Oui, und ihn habe ich dann gebeten, mir einen Termin für ein Interview zu beschaffen. - In der darauffolgenden Woche hat‘s dann auch geklappt, der Meister hatte es gönnerhaft geschehen lassen ...
Wohlan - und somit zurück zum "Unwirklichen":
Picasso war ja inzwischen nicht nur berühmt, sondern auch wohlhabend geworden. Als ich die neue Wohnung in der Rue la Boétie betreten hatte, stand mir ein auffallend bürgerlich sichtbar werdender Maler gegenüber: Im maßgeschneiderten Anzug, mit einem Ziertuch in der oberen Jackentasche und einer auffällig hervorleuchtenden goldenen Uhrkette am Knopfloch. - Es verschlug mir die Sprache, als ich die luxuriös ausgestatteten Räume näher in Augenschein nehmen konnte: Olgas strategische Einflußnahme, so bedachte ich‘s, als mich der Meister überraschend freundlich dazu aufforderte, nun ihm gegenüber Platz zu nehmen. - Kurz zusammengefaßt: Im Laufe des einseitig stattfindenden Gesprächs wurde mir deutlich gemacht, daß ich ein Interview nur bekommen könnte, wenn ich schon morgen früh als Chauffeur zur Verfügung stehen würde. - Er habe sich gestern ein Automobil gekauft, einen Hispano-Suiza; weder er noch Madame Olga hätten jedoch eine notwendige Fahrerlaubnis. Auch der Freund Erik, Monsieur Satie nicht, der ja morgen dabeisein würde ...
„Wo man denn so übereilt hinfahren wolle?“ habe ich, offensichtlich total überrumpelt, nachgefragt.
„Nach Antibes, um dort, am La Garoupe benannten Strand im Kreis der feinen Gesellschaft ein wenig mitmischen zu wollen!“ gab mir Picasso abfällig grinsend zu verstehen. -
Ich hatte begriffen: Le High Life - das Treiben der Prominenten - und Madame Olgas offenbar lebenswichtiges Begehren, daselbst nun beachtet werdend mithalten zu können. -
-
Am Morgen darauf klingelte ich, repräsentabel gekleidet - ich hatte mir am Abend zuvor von Max Jakob noch einen Anzug geliehen -, abreisebereit dastehend, an der Wohnungstür der Familie Picasso.
Olga öffnete mir - und nahm mich mißbilligend in Augenschein: „Nein-nein, so geht das nicht!“ fuhr sie mich an. „Das werden wir jetzt sofort passend umgestalten!“ ließ sie mich wissen, rauschte davon und schon wenige Minuten später hielt sie mir die vollständige, komödienhafte Montur eines Chauffeurs unter die Nase! - „Keine Widerrede, Sie ziehen das nun sofort an!“ wurde bestimmt. -
Javiero, Du kannst dir vielleicht mitfühlend deutlich vor Augen führen, wie mir damals zumute war ...
-
Trotz allem gestalteten sich diese dereinst erlebten Tage wahrhaft zu einem unvergeßlichen Reisegeschehen. Am ersten Tag fuhren wir bis hin nach Lyon - es gab ja damals noch keine Autobahn -, und am zweiten Tag erreichten wir dann gut gelaunt schließlich das Städtchen Antibes. -
Fürwahr: Eine anstrengend verlaufene Autofahrt ...
Andererseits sich ausreichend ergebende Stunden, um hernach wirklich ein aufschlußreiches und bemerkenswertes Interview konzipieren zu können. -
Javiero, derart inhaltsgeladen nun so überraschend zurückblickend, ist da noch etwas erwähnenswert: Als der Erik Satie am 1. Juli, 1925 in Paris verstorben war, da fanden wir - Max Jakob und ich - in seiner Wohnung noch die inzwischen weltweit bekannt gewordene Komposition „Vexations“ - „Quälereien für ein Soloklavier“, wie er die Tondichtung ja scherzhaft benannt hatte. -
So viel erst einmal für heute, mon ami; auch hinsichtlich eines hin und wieder aufblühenden Erinnerungsvermögens, - salut, à bientôt - ton Didier. -
*
Post Skriptum: 
Wissenschaftliche Untersuchungen haben aufsehenerregend erkundet, daß 50 bis 90 Prozent der auf diesem Globus gern lustbetont weilenden Menschen derartig traumhafte Erscheinungen dieser beunruhigend phantasievollen Beschaffenheit bereits oftmals durchlebt haben - und gegebenenfalls auch uneingeschränkt beurkunden können.  
-
***

Hm? - So schlitzohrig schmuggeln ...

Das war vor Jahr und Tag ja noch ab und zu möglich. -
Wie damals, miterlebt an einer der derzeitigen Zollstationen:
Oui, und unüberhörbar offenbarte sich dabei wohl auch der Anreiz eines "Corriger la fortune" - was meint: (Das Glück verbessern, d.h. mogeln).
Zuvor sei da noch folgendes anschaulich machend erwähnt: Wenn ein Franzose in Paris recht unbekümmert erkennen läßt, daß er dereinst in der Gascogne das Licht der Welt erblickt hat, dann wird er oftmals bespöttelt - man macht sich gern über ihn lustig. -
Solch ein "der Lächerlichkeit preisgeben" sollte zwar stets als engstirnig und taktlos zu gewärtigen sein - jedoch aufhorchen lassend durfte ich im Juni 1972 miterleben, daß da gegebenenfalls ein Schmunzeln kaum noch zu unterdrücken ist. - Aus der spanischen Stadt Barcelona kommend, habe ich damals am dereinst noch grenzgebieterisch installierten Schlagbaum bei Irun haltmachen müssen. Und bald darauf, nun auf dem französischen Hoheitsgebiet angelangt, standen jetzt, Auto an Auto in Folge, all die dort als motorisiert Anwesenden im gleißenden Sonnenlicht abwartend hintereinander aufgereiht da. -  
Im geöffneten Cabriolet sitzend, gewahrte ich vor mir stehend einen alten, klapprigen Citroen-2-CV-Kleinlastwagen. - Und erkennbar wurden sogleich: Ein Hinweis gebendes Nummernschild auf die Gascogne - und ein schon älterer, allerdings untrüglich zutage tretender Bauer (paysan) aus diesem reizvollen, südfranzösischen Landesteil ...
Unübersehbar mißtrauisch dreinblickend, sprach nun der Zöllner den etwas unruhig dastehenden habitant de gascogne an: „Na, Monsieur, was haben wir denn heute gesetzmäßig zu verzollen?“
„Rien, pas-de-value de l'objet!“ (Nichts, keinerlei Wertsachen!) antwortete achselzuckend ein abwinkend gestikulierender Landmann.
„Merveilleux! (wunderbar!) - Dann können wir, immerhin ganz und gar problemlos, alles etwas näher in Augenschein nehmen“, wurde ihm schmunzelnd bedeutet.
Deutlich bemerkbar beunruhigt stand er jetzt da, der anscheinend nun doch in die Enge getriebene Gascogner.
„Oui, dann öffnen sie doch bitte einmal die hinteren Türen ihres Fahrzeugs!“ wurde er autoritär aufgefordert.
Widerwillig kam er dieser so barsch formulierten Anweisung nach - und sichtbar wurde dann gleich darauf eine dunkelblau leuchtende Plastiktonne; ein Großbehälter, mit annähernd fünfzig Liter als Fassungsvermögen. 
„Aha! - Was haben wir denn dort drinnen eventuell durchaus belastend verborgen?“ sprach ihn der offensichtlich sogleich einen Verdacht schöpfende Zollbeamte herrisch an.
„Nichts von Bedeutung, nur Katzenfutter!“ bekam er lakonisch zu hören.
„Interessant, das wollen wir dann gleich einmal etwas gründlicher kontrollieren!“ wurde nun sofort unbarmherzig bestimmt.
„Pourquoi? (Warum?)“ versuchte der Bauer fragend abzulenken - um dann eindringlich darauf hinzuweisen, daß so etwas wohl leider nicht möglich sei, weil ja der Deckel der Tonne, vom Hersteller des Katzenfutters rundum kunststoffverschweißt, bestimmt enorme Schwierigkeiten bereiten würde - und demnach nur gewaltsam zu öffnen sei!
„Non, das ist kein Problem für uns, denn wir sind ja für alles gerüstet!“ ließ nun der zweite Beamte verlauten; verschwand in der Zollstation - und erschien wenige Minuten später mit einer geeigneten Gerätschaft inmitten einer sich offenbar anbahnenden Bredouille.
Schon bald darauf war der Deckel der Tonne unproblematisch entfernt - und ein verwundert aufblickender Zöllner hielt nun ein Häufchen frischgerösteter Kaffeebohnen in der Hand ...
„Olala! - Das ist ja wohl zweifellos ein tierisch gewöhnungsbedürftiges Katzenfutter!“ herrschte er kopfschüttelnd den trotz allem weiterhin als selbstsicher erscheinenden Grenzgänger an.
Beipflichtend nickte der Mann aus der Gascogne ihm zu: „Oui, so wird es sich leider wohl demnächst bewahrheiten!“
Die beiden Zollbeamten starrten jetzt abwechselnd auf den bauernschlau agierenden paysan und auf den Inhalt der großen Plastiktonne.
„Wie dürfen wir das denn nun bitte verstehen?“ entfuhr es dann mißfällig dreinblickend einem der Zöllner.
„Ach, wissen sie“, stöhnte der Bauer mitleiderregend auf, „ich züchte seit einigen Wochen exotische Siam-Katzen. - Und diese Viecher sind unglaublich anspruchsvoll! Dermaßen wählerisch, daß sie mich bald in den Ruin treiben werden. - Alles erdenkliche an bei uns in Frankreich verfügbaren Fressalien habe ich diesen verkorksten Biestern schon zukommen lassen! - Das kann ich notfalls durchaus beweisen, glauben sie mir!“
„Ja - und?“ forschte man weiterhin anzweifelnd nach.
„Na, was wohl?“ klagte er’s demonstrativ ein. Und mit ausgestreckter Hand auf die Plastiktonne weisend, polterte er trickreich drauflos: „Oui, messieurs, und wenn die versaubeutelten Stubentiger sich das da nun auch nicht mehr einverleiben wollen, dann ist unwiderruflich Schluß mit der Aufzucht! - Und ich werde diesen versnobten Viechern stocksauer den Hals umdrehen! - Compendre?“
Sekundenlang lastete daraufhin erst einmal eine unentschlossen flackernde Reglosigkeit über dem grenzgebieterisch in Atem haltenden Geschehen ...
Bis hin zum besorgniserregenden Augenblick, da einer der Zollbeamten den Mann aus der Gascogne beinhart und unzugänglich anherrschte: „Conduisez votre voiture de ce cotè - là!“ (Fahren sie ihren Wagen dort an die Seite!)
Das habe ich letztendlich noch unüberhörbar mitbekommen, bevor mich der andere Zöllner erst einmal abfällig dreinblickend fixierte - und dann unwirsch zum Weiterfahren aufforderte ...
Ein bedeutsames "Miterleben" -
-
***



Jacques Brel "verlebendigt" Jean-Paul Sartre:

Damals, im September 1967 ...
Erzählt, mit einem durchaus heimatlichen Empfindungsvermögen.
Oui:
„Ausgesetzt in eine absurde und oftmals Ekel erregende Welt, ist’s wohl ein Lichtblick in einer illusionslosen Leere!“ rief er mir zu, als wir in Paris, auf dem Monmartre-Hügel, in der Rue des Saules vor dem inzwischen wiederbelebten „Lapin à Gill“ schaulustig haltgemacht hatten. -
Eh bien, eine wortgetreu ausgeliehene Sartre-Bezeugung!  
Theatralisch bekundet vor der altehrwürdigen Fassade des Lapin agile, der Vergnügungsstätte mit einer glorreichen Vergangenheit: "Picasso, Braque, van Dongen, bisweilen Matisse, Apollinaire, Derain, Utrillo, Max Jacob, sie alle waren dort oftmals zu Gast; zuzeiten, als der damalige Besitzer Frédé sich allzu gern dummdreist als der beste Freund all dieser Künstler bezeichnete", schloß ich mich dem nun zurückblickend an. 
"Oui, Frede, der Mann mit dem zotteligen Esel namens "Lolo". Ein Schlitzohr par excellence, dieser aubergiste", ließ Jacques den einstmals so umtriebigen, struppig bärtigen Kneipier nun schmunzelnd wiederaufleben.
"So war's, aber was beflügelt Dich dermaßen bedacht, zuvor introduktiv Sartres gewichtige Worte zur Sprache zu bringen?“ versuchte ich's in Erfahrung zu bringen.
„Voilà! Allein Er wird dort thematisch zum Ausdruck gelangen, wenn ich demnächst in diesem Amüsierlokal stimmungsvoll auftreten werde!“ gab er mir daraufhin hingebungsvoll zu verstehen.
„Du hier, in diesem Etablissement?“
„Oui, naturellement. Warum denn wohl nicht? Man hat mich darum gebeten - und ich habe bereitwillig zugesagt. Inzwischen hat sich ja dort wieder eine Kleinkunstbühne sehr erfolgreich in Szene gesetzt. Der Yves Montand wird ja hier demnächst auch seine Liedchen tremolieren!“
Um dann - Sartre-betont - inbrünstig hinzuzufügen: „Und abermals kann sich der Einzelne, nun in totaler Verantwortung gegenüber der anwesenden Hörerschaft, ja neuerlich selbst erschaffen!“ 
„De facto. - Besitzt diese Verantwortung allerdings nur in der Entscheidung zu sich selbst!“ erweiterte ich grinsend die gewichtige Darlegung des einstigen Begründers des französischen Existentialismus: Monsieur Jean-Paul Sartre.
„Oui, certainement!“ (Ja, gewiß) nickte er mir beipflichtend zu. „Was hältst Du davon, wenn Du mir dabei nun ein wenig Beistand leistest?"
"Selbstverständlich! - Aber wie das denn?" horchte ich neugierig auf.
"Schreib mir dafür alsbald noch einen Text, in welchem Sartres Ideologie und Bestreben für mich und mein Publikum geistreich und auch phantasievoll zum Ausdruck geraten kann - d’accord?“
Nun denn:
Eilfertig habe ich diesen Wunsch dann ja auch einigermaßen zutreffend in die Tat umgesetzt - wie es die folgenden Zeilen nun hoffentlich noch immer zu spüren zu geben vermögen: 
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Erbost schrieb einstmals Jean-Paul Sartre
quer über eine Tür, die knarrte:
Wir lassen uns, auch mit Geräuschen, niemals in der Erkenntnis täuschen,
daß Sinn und Zweck, gleich welcher Pforten,
sei’s hier, wie auch an anderen Orten,
sich offenstehend nur ergeben, wenn wir sie aus den Angeln heben!
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Oui, und mit dem folgenden Ausklang haben wir diese Lieddichtung, zuvor ich und bald darauf auf einigen Bühnen auch hochgestimmt Jacques, noch für tout le monde so aufschlußreich an- und abschwellen lassen:
Und damit sprach er für Rimbaud, denn dieser dachte ebenso. -
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Mon Jacques war zwar damals erfreut, hat diese schlicht und ergreifend als "Sprechgesang" gestaltete Kantilene bald auch in sein Chanson-Repertoire aufgenommen; als wahrscheinlich spitzbübisch aufheiternder, kam ihm hin und wieder auch der folgende Liedtext anscheinend doch gelegen:
Man kann im Hof der Tuilerien, im feuchten Rasen niederknien -
ermuntern die Fran-zo-o-sen ...
Doch ratsam ist’s im Sacré-Coeur, dort bleibt solch Handeln populär -
vermeidet nasse Ho-o-sen!
Pas de malheur - non malheur ...
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Der großen Gemeinde der Chansonfreunde wird jetzt wohl doch noch so einiges erinnerlich sein. -
Oui, das halte ich durchaus für möglich ...
Non? - Qui sait ...
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***

Oui, so ganz und gar heimatverbunden:

Patriotismus - einst die französische Wortfindung für eine vaterländische Gesinnung, die stets auf einem starken Zugehörigkeitsgefühl zur Heimat ruht, tja - und gegebenenfalls bis zur Hingabe an ...
Was ich im September 1972 recht eigenwillig zu spüren bekommen habe, in Südfrankreich:
Damals, unterwegs auf einer Landstrasse in Richtung Aix-en-Provence, um später von dort aus Paris anzusteuern. -
Das Ende der Ortschaft Roquebrussane war soeben erreicht, als ich ihn rechtsseitig stehend winken sah, einen bäuerlich wirkenden alten Mann. Bereitwillig hielt ich drum an - und öffnete die Beifahrertür des Fahrzeugs. Im Rückspiegel sah ich ihn schlurfend herannahen. Bald darauf hatte er das Auto erreicht - und bat mich darum, mitfahren zu dürfen.
Er müsse wieder einmal nach Aix-en-Provence, um dort sein allmonatlich eintreffendes Rentengeld abzuholen, gab er mir zu verstehen. - Zunehmend füllte sich die Fahrgastzelle mit einem köstlichen Knoblauch-Odeur, als mein Fahrgast nun damit begonnen hatte, mir einige Etappen aus seinen Lebenserinnerungen zu erzählen. -
Bis hin zu dem Augenblick, da ein uniformierter, gebieterisch ausgestreckter Arm uns autoritär zum Anhalten zwang: "Ausweis und Fahrzeugpapiere, bitte!" fuhr er mich an, der hochnäsig herabblickende Flic. "Haben Sie Alkohol getrunken? Wenn ja, dann hauchen Sie mich jetzt einmal nachfühlbar an", erweiterte er sein unglücklicherweise von Rechts wegen beglaubigtes Anliegen. - "Nique sa mère", (zumTeufel mit ihm!) murmelte ich mißgestimmt, mich angsterfüllt daran erinnernd, daß noch vor einigen Stunden, im nächtlichen Beisammensein mit Freunden einige Flaschen Rotwein geleert worden waren. Dann tat ich jedoch wie geheißen. -
Hm? - Ohne ein Wort der gesetzmäßig zu erwartenden Entrüstung zu bezeugen, richtete er sich intensiv nachschnüffelnd auf, machte dann zackig kehrt, um gleich darauf dem im Polizeiauto sitzenden Kollegen über die gerade vollstreckten Nachforschungen Bericht zu erstatten: "Non, pas de probleme! Irrécusable un Cote du Rhone", hörte ich ihn deutlich verkünden, da ich noch immer, ängstlich aufhorchend, bei geöffnetem Fenster die Ohren spitzte. - Ja, und nach seinem Erlebnisbericht schwenkte er seltsamerweise stillvergnügt anmutend um, und näherte sich wohlwollend grinsend wieder dem Objekt seiner vorab so entschlossen in Angriff genommenen Spekulation, dem vermutlich alkololisierten Fahrer des Automobils: "Monsieur, es ist alles in Ordnung, dann weiterhin gute Fahrt!" gab er, mir freundlich zunickend, unbegreiflicherweise zu verstehen. -
Nur das fast wiehernde Gelächter des alten Mannes übertonte das sonore Brummen des Motors, als ich den Wagen erneut gestartet hatte, um eiligst davonzufahren.
"Das darf doch nicht wahr sein! Was war das denn soeben?" ließ ich kopfschüttelnd verlauten.
"Und was hat der uniformierte Staatsdiener damit gemeint, als er seinem Kollegen unter anderem noch: Einwandfrei Cote-du-Rhone! zugeraunt hat?" - Der Alte lehnte sich schmunzelnd zurück und legte dann los: "Oui, da ging es schlicht und ergreifend um Ihre alles spezifizierende Weinfahne, Monsieur!" - "Ja, das hab' ich an sich auch begriffen." - "Sie haben bisher noch gar nichts begriffen, das sehe ich Ihnen doch an!" prustete er daraufhin los. -
"Nein, nicht? Dann erklären Sie's mir doch 'mal etwas  genauer." -
"Das will ich gern tun, also: Wir sind hier ja bisher noch immer in einem Rhone-arrondissement ..." -
"Ja-ja, das ist mir inzwischen durchaus vertraut, mein Guter", unterbrach ich ihn lauernd. -
"Oui, inmitten einer der größten und sicherlich auch ertragreichsten Weinanbaugebiete! Es gibt aber in Frankreich noch andere Winzerbereiche - und zwischen ihnen tobt schon seit Jahrhunderten ein unversöhnlicher Wettstreit", klärte er mich gestenreich auf. -
"Schon möglich", brummte ich unwirsch. "Aber was - zum Teufel! - hat das mit mir und dieser ungewöhnlich verlaufenen Polizeivisitation zu tun?" -
"Oui, sehr viel, Monsieur! Dieser Beamte hat bei Ihnen anscheinend zufriedenstellend einen vorab erlebten Cote-du-Rhone-Genuß gerochen. Wie gesagt, wir sind hier im Rhone-distrikt! Hätte er etwas anderes erschnüffelt, wie, mon dieu! so beispielsweise einen Burgunder-Rotwein oder einen Bordeaux, dann wären Sie sicher fatal in Schwierigkeiten geraten! - Und noch schlimmer wäre es wohl für Sie verlaufen, wenn dieser heimatverbundene Beamte dann fassungslos einen Rotwein aus dem Elsaß hätte erschnuppern müssen. Mon dieu! Dann hätte ich nicht in Ihrer Haut stecken wollen", betonte er seine unheilschwangere Verdeutlichung. -
"Adieu! Portez-vous bien! - Vielleicht war dieses bedeutungsvolle Erlebnis ja auch eine lehrreiche Begegnung." rief er mir noch beachtenswert zu, als wir uns in Aix-en-Provence voneinander verabschiedeten ...
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Freitag, 14. Juni 2019

Dieser "fragwürdige" Vogel ...

In den Monaten Mai und Juni:
Seit einigen Wochen erfreut uns eine unablässig tremolierende Nachtigall mit ihrem so unvergleichlich harmonischen Tirilieren wieder einmal in der sich noch immer urwüchsig darbietenden Abgeschiedenheit. -
Wohl wahr ...
Doch neuerdings schwingt da tagsüber die immer gleiche, stumpfsinnig geformte Tonschöpfung eines Cuculus canorus (Kuckuck) lauthals nebenher: Die Intonation eines Brutschmarotzers.
Ein gefiedertes Schlitzohr mit einer (gegebenenfalls nur bei uns) auffallend eigenwilligen Lautgebung: "Kackuck! Krockuck! Klockock!" und ähnliche, so undiszipliniert laut tönende Entgleisungen, die werden da weithin hörbar anscheinend bedenkenlos zum Ausdruck gebracht.
Wir standen von neuem "vor einem Rätsel", wie man's ja volksmundig gern benennt ...
Bis hin zu dem alles erhellenden Augenblick, als unerwartet Ulrike durchaus entmystifizierend plötzlich zu einer offenbarenden Erkenntnis gekommen war: "Entweder krakeelt da ein Spaßvogel so lässig dichterisch frei in die Gegend - oder das Federvieh ist tongebend arg beeinträchtigt durch eine Zahnspange", ließ sie es so ungehemmt anschaulich machend, ernsthaft dreinblickend verlauten. -
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"Das ist jetzt sehr unzutreffend! - Denn dieser eigenwillig laut werdende Vogel ist inzwischen neun Jahre alt und wohl auch handzahm geworden.
Er ist nun bei einem sogenannten "Gerichtsvollzieher" in Obhut und anscheinend in dessen Diensten, verdeutlichte uns bald darauf ein glaubwürdig auftretender Ornithologe die Anwesenheit des so auffälligen krakeelenden Federviehs. -
"Oh, das erklärt dann klipp und klar alles!" horchte Ulrike grinsend auf. "Denn in solch einem Tag für Tag Leid und Verzweiflung initiierenden Lebensbereich, da macht man ja logischerweise irgendwann wohl auch sprachlich beinahe Bankrott!"
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Nun denn, d'rum laßt ihn nun derart gezwungen wohl oftmals sein Dasein beflügeln ...
"Hol's der Kuckuck!"
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