Montag, 23. April 2018

Liebe Leserin und Leser,

ich geb's so unumwunden zu:
Es würde mich erfreuen, wenn die nachfolgenden FRANKREICH-Erzählungen für Sie eine aufschlußreiche und somit lesenswerte Veranschaulichung zum Ausdruck bringen ...
Merci beaucoup.
Bon voyage!
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1. Paris im April 1971 ...
2. Mein Paris - so malerisch wiedererwachend.
3. Jacques Brel "verlebendigt" Jean Paul Sartre:
4. So "bauernschlau" schmuggeln ...
5. Paris - und eine "malerische Rückschau" ...
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Paris, im April 1971 ...

Oui, ein sonnendurchflutetes Frühlingslüftchen hatte wohl damals den Ausschlag dafür gegeben, daß wir nachmittags nun schon seit langem auf der weiträumigen Terrasse des Café Flore, am Boulevard Saint-Germain, noch immer angeregt plaudernd beisammen saßen, Jacques Brel und ich. -
Irgendwann gab er mir dort zu verstehen, daß er gern einen Text vertonen möchte, in welchem der oftmals aufkeimende Groll über die politischen Machenschaften als durchaus sarkastisch zum Ausdruck geraten solle ...
D’accord, eine reizvolle Mission, so dachte ich.
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Schon in der Woche darauf saßen wir wieder Seite an Seite, in Maisons-Laffitte, der nordwestlich gelegenen Vorstadt von Paris - und dort nun am besonnten Ufer der Seine.
Vorausschauend hatte Jacques auch seine Gitarre mitgebracht, die er minutenlang gestrengen Blickes in Augenschein nahm - und angespannt zupfend gefügig zu machen suchte ...
„L'ascenseur“, der Fahrstuhl, so haben wir späterhin diese balladenartige Moritat, das in frühlingshafter Mutter Natur am Ufer der Seine erschaffene Chanson, wohlüberlegt betitelt.
Ja, und dank einer damals von Jacques musikalisch aufhorchen lassend komponierten Tonfolge, durften wir schon einige Stunden später, im Garten eines salon de thé, seelenvergnügt die folgende Lieddichtung gefühlvoll laut werden lassen:
Cäcille war zumeist, als laszive Kokotte,
in Paris sehr gern den Politikern hold.
Jüngst kam dann ein Kotzbrocken aus dieser Rotte,
doch der hat den Akt nur im Fahrstuhl gewollt.
Dabei blieb der Lift neulich stecken,
das Stromnetz war plötzlich gestört.
Sie mußten im Fahrstuhl verrecken,
Den Notruf hat niemand gehört ...
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Und als Refrain:
Im Kreis der perfiden Parteigenossen,
hat keiner gerührt eine Träne vergossen. -
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Als eine boshafte, fast schon rebellische Anspielung war dieses Chanson bald auch "in aller Munde", wie man‘s volkstümlich gern einmal leichthin benennt. - Tout le monde amüsierte sich köstlich, war mit dem Text vertraut - und auch mit der Tonrelation unseres oftmals erfolgreich ins Schwarze treffenden Kunstlied-Gestichels.
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Auch ist dazu nun noch recht befriedigend anzumerken, daß die Mehrzahl der damaligen französischen Regierungsvertreter stets wütend in Aufruhr geraten ist, wenn Jacques sich mit dem herausfordernden Chanson von neuem auf einer Bühne in Szene zu setzen verstand - oder vermittels Hörfunk ja landesweit so ausdrucksvoll aufhorchen lassen konnte.
Oui, zudem ist‘s wohl durchaus hier noch erwähnenswert, daß der damalige, französische Staatspräsident Georges Pompidou des öfteren von einigen schadenfroh grinsenden Journalisten auf diese Malice angesprochen worden ist. - Gewitzt und seit langem bereits professionell mit all den politischen Schmutz-Wassern immunisierend gewaschen, wußte er stets chevaleresk die Haltung zu wahren ...
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Einstmals. - Aber vielleicht ist das den älteren Mitbürgern unter uns ja doch in Erinnerung geblieben. - (?) *
* Oui, certainement! - Enchanté, chère Maddly ...
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Mein PARIS, so malerisch wiedererwachend - :

In einer ausschweifenden Gemütsbeschaffenheit ...
"Ja, uns muß es leibhaftig schon einmal gegeben haben!" betonte ein Maler-Freund vor kurzem in Paris enthusiastisch und fast schon beschwörend diese scheinbare Rückschau. -
"Oui, zweifellos! Diese als Reinkarnation oder auch Wiederfleischwerdung benannte Rückkehr, sie verschafft uns erneut eine traumhafte Entfaltung und Neubelebung am reizvollen Schauplatz all dieser dereinst so liebgewordenen Lebensbejahungen", murmelte ich beipflichtend - und wohl auch schwärmerisch zustimmend.
"Très bien! (Sehr gut!) - Aber eine beachtliche Anzahl der Erdenbürger meint, das sei hirnverbrannt, abwegig und lachhaft!"
"Vergiß sie! Das sind desillusioniert dahinlebende Verweigerer."
"Certainement! (Gewiß!). - Oui, man sollte das demnach wohl nicht allzusehr überbewerten ... Hm? Kannst Du dich jetzt denn noch so ganzheitlich zurückversetzen, in das nun seit langem entschwundene Paris d'autrefois - unser altes Paris?" brach es ergriffen aus ihm heraus.
"Selbstverständlich. Und das immer wieder - liebend gern!" gab ich ihm wünschenswert zu verstehen.
"Oui, dann laß uns 'mal miteinander entfleuchen, in ein Wiederaufleben der einstmals so tatendurstig geschätzten Lebensgestaltung."             
"Avec plaisir! (mit Vergnügen!) Erinnerst Du dich jetzt noch an diesen gemeinsam wohl doch als beeindruckend erlebten Tag im Monat März des Jahres 1908?"
"Da muß ich erst einmal nachdenken ... Oui, nun entsinne ich mich. -
Allein schon deswegen, weil ich ja nachmittags mit dem Kunsthändler AmbroiseVollard verabredet gewesen bin, um ihm hoffentlich eine kleine Federzeichnung von Henri Matisse verkaufen zu können."
"Ein Original von Matisse, wie konntest Du das denn erbeuten?"
"Als Leihgabe - von Daniel Kahnweiler."
"Als Leihgabe? Ich verstehe. - Mon dieu! Julien, irgendwann hätte dich Monsieur Kahnweiler dabei erwischt!" gab ich anmahnend zu bedenken.
"Non, bisher hatte es ja immer geklappt, bei Dir doch auch, mon ami! - Aber was war denn da für dich so aufregend geschehen, an diesem Tag im Monat März?" versuchte er ausweichend zu taktieren.
"Zumindest nichts mit einem kriminellen Hintergrund!" ließ ich's noch einmal anmahnend fühlen.
"Du nervst, denn meine diesbezügliche Kunstfertigkeit hatte uns dazumal ja des öfteren ein wenig vor Not und Verelendung bewahrt, das sollte Dir doch als befürwortend in Erinnerung geblieben sein!"
"Julien, Du übertreibst 'mal wieder! Denn das hatte sich doch inzwischen "zum Guten" gewandelt, hast Du das etwa schon wieder vergessen?"
"Hm? An was müßte ich mich denn da jetzt so hinlänglich nacherleben könnend erinnern?" horchte er kopfschüttelnd auf.
"Daran, daß ich seit dem so vielsagend erwähnten Tag im März immerhin der stolze Besitzer von zwei Picasso-Tuschezeichnungen gewesen war!"
"Von Pablo - geklaut!! - Wie hattest Du das denn gemeistert?" schaute er mich tief beeindruckt an.
"Nicht mitgehen lassen! Er hatte sie mir geschenkt, weil ich seine damalige Lebensgefährtin, die bezaubernde Fernande Olivier ja hin und wieder ... Aber das möchte ich hier nun doch nicht näher verdeutlichen. Jamais! (Niemals!)  - Bei Pablo stibitzen! Für wen oder was hältst Du mich eigentlich?"
"Wenn ich das jetzt gefühlvoll zur Sprache bringe, dann ... Ach, ne m'en veuillez pas! (Nichts für ungut!) Aber was hatte sich denn an diesem besagten März-Tag so aufsehenerregend abgespielt? Ich kann's momentan gar nicht so bildhaft wiederauftauchen lassen", gab er mir zu verstehen.
"Auch das nicht, daß ich in unserer damaligen Bleibe, dieser chaotisch-heimeligen La ruche, mit meinem damaligen Nachbarn Georges Braque in eine Art Disharmonie hineingeraten war?"
"Ach ja, von Guillaume Apollinaire wurde mir später darüber berichtet! Du hattest dir von Georges das Fahrrad geliehen - und ohne Bedenken zu Bruch gefahren, weil Du wieder 'mal stockbesoffen ..."
"Jetzt beherrsch' Dich erst einmal bitte!" unterbrach ich ihn schmollend. -
"Ja, wir hatten vorab im Lapin à Gill ein wenig dem Wein zugesprochen, drei Flaschen vom Feinsten, die Cocteau uns spendiert hatte. - Weit nach Mitternacht, wollte ich dann Pablo noch heimwärts ins Bateau-Lavoir kutschieren - und dabei ist's dann geschehen."
"Wie das denn?"
"Du stellst mir da saudumme Fragen. Ich möchte Dich 'mal erleben, mit einem betrunkenen Picasso hinten auf dem Gepäckträger eines Fahrrads, der lauthals spanische Lieder singend auch noch andauernd "Olé! brüllt - und dir dazu dann stimmungsvoll mit beiden Fäusten auf dem Rücken herumtrommelt!"
"Das ist bedauerlicherweise ja nun nicht mehr durchführbar", wandte er zutreffend ein.
"Nun ja, leider ging's dabei noch zunehmend bergab, auf dem damaligen Kopfsteinpflaster der Rue Ravignan! Abbremsen war schlechthin nicht mehr möglich, und wir sind dann somit recht unsanft an der hölzernen Tür der alten Maler-Klause verhängnisvoll zum Stillstand gekommen." -
"Und dabei wurde das unentbehrliche Fahrrad dann ein wenig zertrümmert! Oui, was offenbar den Eigentümer dieser sicherlich liebgewonnenen Gerätschaft verzweifelt die Hände ringen ließ."
"Non, zu Fäusten geballt, wollte er mir damit seine derzeitige Entrüstung so handgemein zu Leibe gehend schmerzhaft zum Ausdruck geben! - Oui, und wenn nicht der stets mitleidend empfindende Guillaume Apollinaire beschwichtigen wollend dazwischengegangen wäre, dann ...
Ich mag gar nicht daran zurückdenken!"
"Das ist naheliegend, aber immerhin hattest Du ja dem Georges so allerlei Ungemach bereitet! - Der Max Jakob erzählte mir am Tag danach, daß euer so lautstark vom Stapel gelassenes Palaver den Maler Van Dongen anscheinend dermaßen in Rage gebracht haben soll, daß er sogleich eine tote, bereits unangenehm riechende Katze, die er vorab zu malen begonnen hatte, Dir daraufhin wutentbrannt ins Genick geschleudert haben soll."
"Non, Du dramatisierst da alles ein wenig überbetont! Denn es war ja nur noch das Fell der Katze. - Der Kees van Dongen war ja seinerzeit dermaßen verarmt, daß die Innereien rein zufällig bei ihm und seiner großen Familie endlich einmal eine sättigende Mahlzeit möglich gemacht hatten ..."
 -
Oui, wir wollten es anfangs nicht wahrhaben, aber töricht und unüberlegt in Szene gesetzt, war sie bedauerlicherweise ein wenig entzaubert worden, unsere geistesverwandte Rückschau.
Denn ...
"Das von Dir ja geplante Abendessen in der Rhumerie Martiniquaise, das mußt Du wohl demnächst allein genießen, da mir diesbezüglich ein kulinarisches Gelüst vorerst abhanden gekommen ist", gab mir der Freund abwinkend zu verstehen, als wir unglücklicherweise unsere Rückschau desillusionierend zum Erliegen gebracht hatten.
Unlängst, mit Julien, im sich wieder einmal so gegenwartsnah anschaulich machenden Paris d'autrefois.
-
*
Eine Art "Nachtrag" -  im Mai 2016:
Oui Julien, Deine dionysisch gestimmte Nachricht habe ich erhalten.
Die Insel-Faszination! - (Griechenland - Ikaria)
Nein, nach meiner verhängnisvoll-niederdrückenden "Bruchlandung",
da bin ich inzwischen fast schon "wohlauf", es geht mir so "hinlänglich" gut.
Trotz allem mußt Du dich wohl doch noch ein wenig gedulden,
denn Ulrike ist ja beruflich gebunden. - Le vol aller?
Wir können infolgedessen erst im Herbst nach IKARIA kommen. -
Keine Sorge, die Gouachefarben bringe ich dann mit.
Je te salue - Didier - à bientôt.
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***

Jacques Brel "verlebendigt" Jean-Paul Sartre:

Damals, im September 1967 ...
Erzählt, mit einem durchaus heimatlichen Empfindungsvermögen.
Oui:
„Ausgesetzt in eine absurde und oftmals Ekel erregende Welt, ist’s wohl ein Lichtblick in einer illusionslosen Leere!“ rief er mir zu, als wir in Paris, auf dem Monmartre-Hügel, in der Rue des Saules vor dem inzwischen wiederbelebten „Lapin à Gill“ schaulustig haltgemacht hatten. -
Eh bien, eine wortgetreu ausgeliehene Sartre-Bezeugung!  
Theatralisch bekundet vor der altehrwürdigen Fassade des Lapin agile, der Vergnügungsstätte mit einer glorreichen Vergangenheit: "Picasso, Braque, van Dongen, bisweilen Matisse, Apollinaire, Derain, Utrillo, Max Jacob, sie alle waren dort oftmals zu Gast; zuzeiten, als der damalige Besitzer Frédé sich allzu gern dummdreist als der beste Freund all dieser Künstler bezeichnete", schloß ich mich dem nun zurückblickend an. 
"Oui, Frede, der Mann mit dem zotteligen Esel namens "Lolo". Ein Schlitzohr par excellence, dieser aubergiste", ließ Jacques den einstmals so umtriebigen, struppig bärtigen Kneipier nun schmunzelnd wiederaufleben.
"So war's, aber was beflügelt Dich dermaßen bedacht, zuvor introduktiv Sartres gewichtige Worte zur Sprache zu bringen?“ versuchte ich's in Erfahrung zu bringen.
„Voilà! Allein Er wird dort thematisch zum Ausdruck gelangen, wenn ich demnächst in diesem Amüsierlokal stimmungsvoll auftreten werde!“ gab er mir daraufhin hingebungsvoll zu verstehen.
„Du hier, in diesem Etablissement?“
„Oui, naturellement. Warum denn wohl nicht? Man hat mich darum gebeten - und ich habe bereitwillig zugesagt. Inzwischen hat sich ja dort wieder eine Kleinkunstbühne sehr erfolgreich in Szene gesetzt. Der Yves Montand wird ja hier demnächst auch seine Liedchen tremolieren!“
Um dann - Sartre-betont - inbrünstig hinzuzufügen: „Und abermals kann sich der Einzelne, nun in totaler Verantwortung gegenüber der anwesenden Hörerschaft, ja neuerlich selbst erschaffen!“ 
„De facto. - Besitzt diese Verantwortung allerdings nur in der Entscheidung zu sich selbst!“ erweiterte ich grinsend die gewichtige Darlegung des einstigen Begründers des französischen Existentialismus: Monsieur Jean-Paul Sartre.
„Oui, certainement!“ (Ja, gewiß) nickte er mir beipflichtend zu. „Was hältst Du davon, wenn Du mir dabei nun ein wenig Beistand leistest?"
"Selbstverständlich! - Aber wie das denn?" horchte ich neugierig auf.
"Schreib mir dafür alsbald noch einen Text, in welchem Sartres Ideologie und Bestreben für mich und mein Publikum geistreich und auch phantasievoll zum Ausdruck geraten kann - d’accord?“
Nun denn:
Eilfertig habe ich diesen Wunsch dann ja auch einigermaßen zutreffend in die Tat umgesetzt - wie es die folgenden Zeilen nun hoffentlich noch immer zu spüren zu geben vermögen: 
-
Erbost schrieb einstmals Jean-Paul Sartre
quer über eine Tür, die knarrte:
Wir lassen uns, auch mit Geräuschen, niemals in der Erkenntnis täuschen,
daß Sinn und Zweck, gleich welcher Pforten,
sei’s hier, wie auch an anderen Orten,
sich offenstehend nur ergeben, wenn wir sie aus den Angeln heben!
-
Oui, und mit dem folgenden Ausklang haben wir diese Lieddichtung, zuvor ich und bald darauf auf einigen Bühnen auch hochgestimmt Jacques, noch für tout le monde so aufschlußreich an- und abschwellen lassen:
Und damit sprach er für Rimbaud, denn dieser dachte ebenso. -
-
Mon Jacques war zwar damals erfreut, hat diese schlicht und ergreifend als "Sprechgesang" gestaltete Kantilene bald auch in sein Chanson-Repertoire aufgenommen; als wahrscheinlich spitzbübisch aufheiternder, kam ihm hin und wieder auch der folgende Liedtext anscheinend doch gelegen:
Man kann im Hof der Tuilerien, im feuchten Rasen niederknien -
ermuntern die Fran-zo-o-sen ...
Doch ratsam ist’s im Sacré-Coeur, dort bleibt solch Handeln populär -
vermeidet nasse Ho-o-sen!
Pas de malheur - non malheur ...
- -
Der großen Gemeinde der Chansonfreunde wird jetzt wohl doch noch so einiges erinnerlich sein. -
Oui, das halte ich durchaus für möglich ...
Non? - Qui sait ...
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***

So "bauernschlau" schmuggeln ...

Das war vor Jahr und Tag ja noch möglich -
damals miterlebt an einer Zollstation:
Oui, und unüberhörbar offenbarte sich dabei wohl auch der Anreiz eines "Corriger la fortune" - was meint: (Das Glück verbessern, d.h. mogeln).
Zuvor sei noch folgendes anschaulich machend erwähnt: Wenn ein Franzose in Paris recht unbekümmert erkennen läßt, daß er dereinst in der Gascogne das Licht der Welt erblickt hat, dann wird er oftmals bespöttelt - man macht sich gern über ihn lustig. -
Das ist schon seit Urzeiten so - und selbst in Lyon, bis weit über Marseille hinaus, wird er nicht selten "zum besten gehalten". -
-
Solch ein "der Lächerlichkeit preisgeben" sollte zwar stets als engstirnig und taktlos zu gewärtigen sein - jedoch aufhorchen lassend durfte ich im Juni 1972 miterleben, daß da gegebenenfalls ein Schmunzeln kaum noch zu unterdrücken ist. - Aus der spanischen Stadt Barcelona kommend, habe ich damals am dereinst noch grenzgebieterisch installierten Schlagbaum bei Irun haltmachen müssen. Bald darauf, nun auf dem französischen Hoheitsgebiet angelangt, standen jetzt, Auto an Auto in Folge, all die dort Anwesenden im gleißenden Sonnenlicht wartend hintereinander aufgereiht da. -  
Im geöffneten Cabriolet sitzend, gewahrte ich vor mir stehend einen alten, klapprigen Citroen-2-CV-Kleinlastwagen. - Und erkennbar wurden sogleich: Ein Hinweis gebendes Nummernschild auf die Gascogne - und ein schon älterer, allerdings untrüglich zutage tretender Bauer (paysan) aus diesem südfranzösischen Landesteil.
Unübersehbar mißtrauisch dreinblickend, sprach nun der Zöllner den etwas unruhig dastehenden habitant de gascogne an: „Na, Monsieur, was haben wir denn heute gesetzmäßig zu verzollen?“
„Rien, pas-de-value de l'objet!“ (Nichts, keinerlei Wertsachen!) antwortete achselzuckend ein abwinkend gestikulierender Landmann.
„Merveilleux! (wunderbar!) - Dann können wir, immerhin ganz und gar problemlos, alles etwas näher in Augenschein nehmen“, wurde ihm schmunzelnd bedeutet.
Deutlich bemerkbar beunruhigt stand er jetzt da, der anscheinend nun doch in die Enge getriebene Gascogner.
„Oui, dann öffnen sie doch bitte einmal die hinteren Türen ihres Fahrzeugs!“ wurde er autoritär aufgefordert.
Widerwillig kam er dieser so barsch formulierten Anweisung nach - und sichtbar wurde dann gleich darauf eine dunkelblau leuchtende Plastiktonne; ein Großbehälter, mit annähernd fünfzig Liter als Fassungsvermögen. 
„Aha! - Was haben wir denn dort drinnen eventuell durchaus belastend verborgen?“ sprach ihn der offensichtlich sogleich einen Verdacht schöpfende Zollbeamte herrisch an.
„Nichts von Bedeutung, nur Katzenfutter!“ bekam er lakonisch zu hören.
„Interessant, das wollen wir dann gleich einmal gründlicher kontrollieren!“ wurde nun sofort unbarmherzig bestimmt.
„Pourquoi? (Warum?)“ versuchte der Bauer fragend abzulenken - um dann eindringlich darauf hinzuweisen, daß so etwas wohl leider nicht möglich sei, weil ja der Deckel der Tonne, vom Hersteller des Katzenfutters rundum kunststoffverschweißt, bestimmt enorme Schwierigkeiten bereiten würde - und demnach nur gewaltsam zu öffnen sei!
„Non, das ist kein Problem für uns, denn wir sind ja für alles gerüstet!“ ließ nun der zweite Beamte verlauten; verschwand in der Zollstation - und erschien wenige Minuten später mit einer geeigneten Gerätschaft inmitten einer sich offenbar anbahnenden Bredouille.
Schon bald darauf war der Deckel der Tonne unproblematisch entfernt - und ein verwundert aufblickender Zöllner hielt nun ein Häufchen frischgerösteter Kaffeebohnen in der Hand ...
„Olala! - Das ist ja wohl zweifellos ein tierisch gewöhnungsbedürftiges Katzenfutter!“ herrschte er kopfschüttelnd den trotz allem weiterhin als selbstsicher erscheinenden Grenzgänger an.
Beipflichtend nickte der Mann aus der Gascogne ihm zu: „Oui, so wird es sich leider wohl demnächst bewahrheiten!“
Die beiden Zollbeamten starrten jetzt abwechselnd auf den bauernschlau agierenden paysan und auf den Inhalt der großen Plastiktonne.
„Wie dürfen wir das denn nun bitte verstehen?“ entfuhr es dann mißfällig dreinblickend einem der Zöllner.
„Ach, wissen sie“, stöhnte der Bauer mitleiderregend auf, „ich züchte seit einigen Wochen exotische Siam-Katzen. - Und diese Viecher sind unglaublich anspruchsvoll! Dermaßen wählerisch, daß sie mich bald in den Ruin treiben werden. - Alles erdenkliche an bei uns in Frankreich verfügbaren Fressalien habe ich diesen verkorksten Biestern schon zukommen lassen! - Das kann ich notfalls durchaus beweisen, glauben sie mir!“
„Ja - und?“ forschte man weiterhin anzweifelnd nach.
„Na, was wohl?“ klagte er’s demonstrativ ein. Und mit ausgestreckter Hand auf die Plastiktonne weisend, polterte er trickreich drauflos: „Oui, messieurs, und wenn die versaubeutelten Stubentiger sich das da nun auch nicht mehr einverleiben wollen, dann ist unwiderruflich Schluß mit der Aufzucht! - Und ich werde diesen versnobten Viechern stocksauer den Hals umdrehen! - Compendre?“
Sekundenlang lastete daraufhin erst einmal eine unentschlossen flackernde Reglosigkeit über dem grenzgebieterisch in Atem haltenden Geschehen ...
Bis hin zum besorgniserregenden Augenblick, da einer der Zollbeamten den Mann aus der Gascogne beinhart und unzugänglich anherrschte: „Conduisez votre voiture de ce cotè - là!“ (Fahren sie ihren Wagen dort an die Seite!)
Das habe ich letztendlich noch unüberhörbar mitbekommen, bevor mich der andere Zöllner erst einmal abfällig dreinblickend fixierte - und dann unwirsch zum Weiterfahren aufforderte.
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Zirka fünfunddreißig Minuten später war ich bereits unterwegs in der sich landschaftlich rundum als sehenswert darbietenden Gascogne*, in Richtung Bagnères-de-Bigorre, einer heimelig zutage liegenden Ortschaft am (damals) bisher noch uneingeschränkt strömenden Flüßchen Adour.
Und dort stand es mir nachdenklich gestimmt vor Augen, daß man, im so traditionell anhaltenden "Rundumblick" auf die Gascogne wohl doch ein wenig zum Umdenken geneigt sein sollte.
Oui, die Gascogne: für Wein- Connaisseure zusagend als eine durchaus diesbezügliche "Zweite Heimat" in Aussicht zu nehmen ...
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Auch sei hier noch aufschlußreich angemerkt: Monsieur Jean-Jacques Rousseau hat bereits im Jahr 1768 recht eindringlich darauf hingewiesen, daß la opinion publique - also die öffentliche Meinung, oftmals sich durchaus verhängnisvoll auswirkende Ressentiments laut werden lassen kann. - (!)
C'est tout ...
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PARIS - und eine "malerische Rückschau" ...

Oui, in einen wahrlich aufsehenerregenden Zeitabschnitt:
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Vorab sei bedeutsam bezeugt, daß nicht nur ein sauflustiger, bereits zügellos gewordener Alkoholkonsum - oder der anhaltende Gebrauch halluzinogener Drogen immerhin so viel bewirken kann, daß sich da etwas urplötzlich heraufbeschwört - und alsbald ichbezogen in die hernach überraschend offenbar werdenden Wege geleitet. -
Nein, denn ...
Ein psychologisches Phänomen, das einstmals französisch als „Déjà-vécu“ bezeichnete - und zuweilen bedenklich Wirklichkeit werdende „Schon erlebt“. - (auch als: déjà = bereits oder schon, vu = gesehen), das läßt hin und wieder auch ohne stimulierende Rauschmittel so einiges lebensvoll zutage treten.
Im ersten Abschnitt seines Buches „Dichtung und Wahrheit“ beschreibt Goethe eine Begebenheit, die solch einem Fausse reconnaissance, diesem „falschen Wiedererkennen“, so allerhand Ausdruck verleiht. -  
„Kokolores! Vernunftwidrige, hirnrissig gesponnene Flausen!“ räsonierte einst unbelehrbar abweisend der Freud-Schüler Sebastian Heil-Resistere, als der Großmeister der Psychoanalyse sich hinsichtlich dessen murmelnd ins Nachdenken vertieft hatte.
„Nein-nein, sie vereinsamter Nihilist! - Der Auftakt für die als Déjà-vu charakterisierten Erlebnisse, ist einzig und allein mit den verdrängten Phantasien der menschlichen Wesen präzis zu verdeutlichen!“ wurde der angehende Seelen-Voyeur sogleich eines Besseren belehrt. -
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Ja, all das gab mir nun doch zu denken, als ich vor kurzem einen mehrseitigen Brief aus Paris - geschrieben von einem Freund, dem Pianisten Javiero Garcia Sánchez - neugierig geöffnet und zunehmend beunruhigt gelesen hatte. - Javiero, ein Verwandter des 1894 in Madrid verstorbenen Musikpädagogen Francisco Asenjo Barbieri, er lebt seit seinem Studium an der Académie Royale zumeist in Paris, im Quartier Latin, im fünften Arrondissement dieser Stadt. -
Wir hatten uns 1973 in Paris kennengelernt, als ich dort einige Jahre freiberuflich als umherreisender Journalist für die bereits im Jahr 1964 von dem französischen Philosophen André Gorz dereinst in Szene gesetzten Wochenzeitung "Le Nouvel Observateur" tätig - und Javiero daselbst einige Monate als Volontär beschäftigt gewesen war. -
Da ich nun seit langem in einer norddeutschen Region und einige Monate in Griechenland ansässig geworden bin, trafen wir uns hin und wieder nur noch in Frankreich; das aber selten. -
Zurück zur soeben geöffneten Post aus Paris: Nebst einer CD mit der Klaviermusik des Komponisten Erik Satie, hielt ich vier eng-beschriebene Seiten in Händen. Und war mir - nach einem kurzen Überblick dessen - sogleich auch darüber bewußt, daß mich das Wesentliche einer brieflich anscheinend derart eindringlich beschworenen Imagination vermutlich im nachhinein wohl erst einmal nachdenklich stimmen - und sich dann, als schwer zu bewältigend, alsbald offenbaren würde:
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"Paris, 12. Juni, 2009 -
Cher Didier ... Qu‘est-ce qui s‘est passé?  -  (Was ist geschehen?)
Oui, Du wirst es vermutlich gar nicht für möglich halten - und Deiner diesbezüglichen Einstellung gemäß, nur milde gestimmt lächeln. Aber die meinen Zeilen beiliegende Tondichtung des Erik Satie, sie beschwörte da neulich urplötzlich in mir einen recht melodramatisch gearteten Rückblick zutage ... Reinkarnation? Haben wir schon einmal gelebt?
Uns muß es schon 'mal gegeben haben!
Denk einen Augenblick angestrengt nach und zugleich auch inhaltsgeladen zurück - dann wird die im folgenden nun wieder auflebende Begebenheit auch Dir sogleich wahrhaft und wirklichkeitsnah vor einem geistigen Auge erscheinen:
Dieser dereinst gemeinsam erlebte Monat Mai 1917, hier, in den für uns einstmals heimatlich gewordenen, wie wohl oftmals auch desillusionierend aufblitzenden Gegebenheiten in dieser einzig benutzbaren Wüste (Camus) Paris ...
Ist das präsent? Liegt all das für Dich nun zutage? - Nein?
Dann werde ich Dir jetzt hinweisend auf die Sprünge helfen! - Eh bien:
Rauchend und Wein trinkend saßen wir damals nachdenklich gestimmt in der Feuilleton-Redaktion des Nouvel-Observateur und sprachen über die demnächst im Théâtre du Châtelet stattfindende Inszenierung von Musik, Ballett und der Malerei, dieser als „kubistisches Manifest“ bezeichneten, alsbald debütierenden Theateraufführung. 
Du erinnerst dich? - Nein, noch immer nicht?“
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Unabhängig davon, daß ich mich daran partout nicht erinnern konnte, war es erst einmal in Betracht zu ziehen, daß es den Nouvel Observateur damals noch gar nicht gegeben hat.
Denn als Erstveröffentlichung dieser bald zur meist gelesenen Zeitung gediehenen Druckschrift, ist der von Claude Bourdet 1950 in Umlauf gesetzte L‘Observateur zu erwähnen.
Da offenbarte sich in Javieros phantastisch aufblühendem Sentimentalitäts-Geschehen doch schon ein inkorrekt aufscheinendes Denkzeichen, so bedachte ich‘s kurz - um gleich darauf erwartungsvoll weiterzulesen:
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„Incroyable! (unglaublich!) Aber ein vermutlich aufsehenerregender Hinblick auf das bevorstehende Spektakel war schon vorab zu gewärtigen, als wir drei Tage vor der Uraufführung nachmittags bei der Anbahnung dessen dort dann schaulüstern zu Gast waren! 
Na, ist es nun doch gegenwärtig?
Du mußt das vor Augen haben! Den übereifrig herumwieselnden Jean Cocteau, in dem von ihm so absonderlich geplanten Szenario.
Dazu, gewöhnungsbedürftig im Hintergrund eines futuristisch erschaffenen Bühnengeschehens: Erik Saties für uns ja bis dato noch ungewohnte, von ihm extra für diese Aufführung konzertierte exzentrische Tondichtungen ... Nein, da ist noch kein Rückblick in Reichweite? Das nehme ich Dir nicht ab; gib‘s zu, Du verweigerst dich! Mußt Du jetzt alles derart ernüchternd vereiteln wollen? - Auch die Choreographie und zudem noch tänzerische Meisterschaft des Léonide Massine? Der Tänzer des Balletts Russes - und Liebhaber des Choreographen Diaghilew - der ja damals dort auch umtriebig zugegen war. Oui, schieb einmal all diese unfreundlich aufblitzende Abwehr aufnahmefähig beiseite! Dann wird sich Dir alles umgehend durchaus so malerisch offenbaren: Gewiß der übereifrig umhereilende Kostüm- und Bühnenbildner Pablo Picasso ... - Aha! Aufhorchen lassend, zeigt sich da zwingend der Malerfürst! Er setzt wohl ad hoc unter Druck und nötigt nun doch zu einem bereitwillig aufkeimenden Wiedererscheinen dieses vor Jahren ja gemeinsam so eindrucksvoll miterlebten Bühnenspektakels.
Nein, noch immer nicht?
Denk 'mal zurück: Wir waren ja damals durchaus beeindruckt ...
Nicht so der Großteil des Publikums am Abend der Premiere am 18. Mai 1917! - Lautstark geäußerte Ablehnungen brachten Tumult in den Saal - und verursachten einen Skandal! Wie Du wohl weißt.“
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Hm? - Javiero - und erneut die Beeinflussung durch Opium?
Versuchte ich‘s zu ergründen; mich auch daran erinnernd, daß er seit langem schon ein Bewunderer des am 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt verstorbenen enfant terribles Jean Cocteau war. Und sich 1976, in Paris, als Besucher einer Versteigerungs-Aktion Cocteaus‘scher Wertobjekte im Bereich der beweglichen Habe, zwei der hier unter anderem angebotenen Opium-Pfeifchen zu eigen gemacht hatte. -
Oui, offenbarte sich hier nun doch eine derart beeinflußte Willenslenkung halluzinierend einwirkender Drogen? 
Trotz allem laß ich erwartungsvoll weiter:
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„Voilà, erinnerst Du dich manchmal noch an den oftmals abwertend begutachtenden Schmähredner Jean Poueigh? „Man hat da auf die nie endende Dummheit der Menschen spekuliert“, ließ er, der bekannte Musikkritiker, sich damals derart gestreng in einigen Zeitungen über das extravagant inszenierte Bühnenereignis aus. Eventuell ist es Dir wahrhaftig nicht mehr in Erinnerung geblieben, daß Erik Satie ihm daraufhin stockwütend eine Postkarte mit dem folgenden Wortlaut geschrieben hat: „Monsieur et cher ami - vous êtes un cul, un cul sans musique!“ (Mein Herr und lieber Freund - Sie sind ein Arsch, ein Arsch ohne Musik!) -
„Am darauffolgenden Tag - Das wirst Du wohl kaum vergessen haben! Da saßen wir ja dann noch, vertieft in ein wortgewaltig gestaltetes Miteinander, bei der reizenden Madame Misia Sert im eleganten Salon ihrer Wohnung am Quai Voltaire ... - Anwesend waren - wie es nun wirklich noch erinnerlich sein müßte: Ein oft buhlerisch um Léonide Massine herumtänzelnder Serge Diaghilew. Und der spür- und sichtbar um Aufmerksamkeit bemühte Jean Cocteau. Ein dandyhaft gekleideter Marcel Proust, dessen hin und wieder durchdringend laut werdendes Lachen uns alle erschauern ließ. Und im kontemplativen Abseits ein sich angeregt mit dem Maler August Renoir unterhaltender Freund und Kumpan Toulouse Lautrec. - Oui, und um Mitternacht erschien dann auch noch der unserer Misia dereinst das Musikstück „La Valse“ gewidmet habende Komponist Maurice Ravel“. -
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„Javiero, Du hast Max Jakob, Guillaume Apollinaire und auch den damals dort anwesenden Pablo Picasso gar nicht erwähnt!“ murmelte ich, obschon noch immer recht unzugänglich gestimmt ...
Kopfschüttelnd und trotz allem nun doch auch schon schwärmerisch zwangsgesteuert in eine gefühlvoll aufleuchtende Rückschau in die reizvoll erlebte Zeit in Paris entrückt, nahm ich die bereits geöffnete Flasche Rotwein zur Hand und begab mich nebst Glas und dem Brief des Freundes auf die Terrasse meines Häuschens im Norden der griechischen Insel Lesvos. - Sanftmütig gestimmt, war ich dann gleich darauf weiterverfolgend wieder in Javieros daseinsfreudiges und wortreich zu spüren gegebenes Wunschtraum-Gebilde vertieft - in diesem erweiterten Ausmaß:
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„Verspätet kam dann, wieder einmal angetrunken, „Monsieur Pauvré“, wie er in einschlägigen Kreisen oftmals benannt wurde: der Erik Satie. - Didier, das kannst Du unmöglich vergessen haben!“ stand da zu bewegen suchend geschrieben. - „Auch eingedenk dessen, daß Du es ja warst, der dann, bereits in den beginnenden Morgenstunden, den inzwischen volltrunken wankenden, rheumatisch einherstolpernden Erik hilfreich nach Hause, in sein zellenartiges, mit allerhand Trödel, Gerümpel und Plunder vollgestopftes Kämmerlein, damals noch in der Rue Corot, stützend geleitet hast!“ -
-
Par bleu! Ich versuchte mir das nun leibhaftig vor Augen zu stellen. Und dachte dabei an Platon, der einmal diesbezüglich bekundet hat: Nur die ewigen Ideen sind das eigentlich Seiende!
Ach Javiero! - Beeindruckt und nun wohl auch zunehmend beeinflußbar Wirkung gewahr werdend, las ich aufmerksam weiter:
-
„Unterwegs, so hast Du es damals uns allen erzählt, warst Du ja angeblich immer wieder sehr darum bemüht, ein wenig mehr über sein der mittelalterlichen Mystik entliehenes Musik-Emfinden, dieser Rückkehr zu einer klassischen Prägung dessen zu ergründen. -
Das sollte nun doch gegenwärtig sein ... "Er sei noch immer in die Erweiterung seiner Gymnopedien vertieft und das kontinuierlich!" hat Dir der trunken einherstiefelnde Erik abwinkend zu verstehen gegeben, so hast Du uns damals darüber berichtet. - Nebenbei bemerkt, sind das die Kompositionen, die mir noch immer am besten gefallen. Nein, nicht so die einstmals erlebten Tondichtungen dieser theatralischen Aufführung „Parade“
Stimmen wir da überein?“ -
-
Was das angeht: ja, dachte ich beiläufig ...
-
„Im Flur seiner ärmlichen Bleibe angelangt“, berichtete Javiero schriftlich weiter, „hat er Dir - wie Du es derzeit ja stillvergnügt betont hast -, dann schlußendlich noch aufgebracht zugeraunt: "Möge dem Armseligen, der mich übersieht, die Zunge verbrennen - und auch das Trommelfell platzen!" -
Mon dieu! Wenn Du dich daran nun nicht mehr erinnern kannst, dann schöpfe ich doch den Verdacht, daß ich ab jetzt unerfreulicherweise an Deiner Merkfähigkeit zweifeln muß! - Laß es mich wissen, ruft sorgenvoll ausharrend einer der wenigen Dir aller Wahrscheinlichkeit nach wohl noch verbliebenen Freunde, im derzeit regnerisch verschnupft machendem Molloch Paris.“ -
-
Unserer langjährigen Freundschaft zuliebe, galt es nun herzlich und angemessen darauf zu antworten ...
Immerhin, dem bereits genußfreudig getrunkenen Wein zur Folge, würde die Beantwortung seiner gefühlsselig formulierten Zeilen dann auch hoffentlich zusagend und erfreulich zuwege gebracht werden.
Nun ja:
„Wer ein bewußtes Leben führen will, der muß das im flüchtigen Strom seiner Erinnerungsbilder tun!“ so hatte es ja schon der in Berlin lebende Philosoph Stephan Otto dereinst konkretisiert. -
In Anbetracht dessen, griff ich bald darauf seelenvergnügt zur Feder, um gleichgestimmt, wie einstmals Schulter an Schulter, nun emotional aufgekratzt aufs Geratewohl "zurückzublicken":
-
Skala Scamia, Lesvos, Greece, am 14. Juni, 2009 -
Mon cher Javiero,
wohl wahr, es bleibt unvergessen - und natürlich erinnere ich mich an all das von Dir urplötzlich nun so gefühlsreich erneut vor Augen geführte damalige Geschehen. - Wenn ich da zutreffend zurückschaue, dann bist Du ja damals bald darauf, im Juni 1917, nach Madrid abgereist, um Deine Mutter zu besuchen und am dortigen Konservatorium drei Jahre lang als Musiklehrer zu unterrichten. - Das ist nun durchaus erwähnenswert, mein Freund!  -
Denn in diesem beachtenswerten Zeitraum, da hat sich ja noch so einiges aufsehenerregend ereignet ...
Als Du noch in Paris anwesend warst, da sprachen wir eines Abends mit Guillaume Apollinaire über einen neuen Geist des Überrealismus - er nannte es „sur-realisme“, Du erinnerst dich daran? Gemeint war: Das Wirkliche mit dem Unwirklichen zu verknüpfen ... -
So annähernd im Unwirklichen trat dann zutage, was ich kurz nach Deiner Abreise erleben durfte:
Wir (die Redaktion) hatten in Erfahrung gebracht, daß Picasso wieder einmal die Gespielinnen ausgewechselt hatte, Olga Chochlowa war jetzt die Favoritin. Im Juli 1918 hat er die Dame dann geheiratet. - Cocteau war der Trauzeuge. Oui, und ihn habe ich dann gebeten, mir einen Termin für ein Interview zu beschaffen. - In der darauffolgenden Woche hat‘s dann auch geklappt, der Meister hatte es gönnerhaft geschehen lassen ...
Wohlan - und somit zurück zum "Unwirklichen":
Picasso war ja inzwischen nicht nur berühmt, sondern auch wohlhabend geworden. Als ich die neue Wohnung in der Rue la Boétie betreten hatte, stand mir ein auffallend bürgerlich sichtbar werdender Maler gegenüber: Im maßgeschneiderten Anzug, mit einem Ziertuch in der oberen Jackentasche und einer auffällig hervorleuchtenden goldenen Uhrkette am Knopfloch. - Es verschlug mir die Sprache, als ich die luxuriös ausgestatteten Räume näher in Augenschein nehmen konnte: Olgas strategische Einflußnahme, so bedachte ich‘s, als mich der Meister überraschend freundlich dazu aufforderte, nun ihm gegenüber Platz zu nehmen. - Kurz zusammengefaßt: Im Laufe des einseitig stattfindenden Gesprächs wurde mir deutlich gemacht, daß ich ein Interview nur bekommen könnte, wenn ich schon morgen früh als Chauffeur zur Verfügung stehen würde. - Er habe sich gestern ein Automobil gekauft, einen Hispano-Suiza; weder er noch Madame Olga hätten jedoch eine notwendige Fahrerlaubnis. Auch der Freund Erik, Monsieur Satie nicht, der ja morgen dabeisein würde ...
„Wo man denn so übereilt hinfahren wolle?“ habe ich, offensichtlich total überrumpelt, nachgefragt.
„Nach Antibes, um dort, am La Garoupe benannten Strand im Kreis der feinen Gesellschaft ein wenig mitmischen zu wollen!“ gab mir Picasso abfällig grinsend zu verstehen. -
Ich hatte begriffen: Le High Life - das Treiben der Prominenten - und Madame Olgas offenbar lebenswichtiges Begehren, daselbst nun beachtet werdend mithalten zu können. -
-
Am Morgen darauf klingelte ich, repräsentabel gekleidet - ich hatte mir am Abend zuvor von Max Jakob noch einen Anzug geliehen -, abreisebereit dastehend, an der Wohnungstür der Familie Picasso.
Olga öffnete mir - und nahm mich mißbilligend in Augenschein: „Nein-nein, so geht das nicht!“ fuhr sie mich an. „Das werden wir jetzt sofort passend umgestalten!“ ließ sie mich wissen, rauschte davon und schon wenige Minuten später hielt sie mir die vollständige, komödienhafte Montur eines Chauffeurs unter die Nase! - „Keine Widerrede, Sie ziehen das nun sofort an!“ wurde bestimmt. -
Javiero, Du kannst dir vielleicht mitfühlend deutlich vor Augen führen, wie mir damals zumute war ...
-
Trotz allem gestalteten sich diese dereinst erlebten Tage wahrhaft zu einem unvergeßlichen Reisegeschehen. Am ersten Tag fuhren wir bis hin nach Lyon - es gab ja damals noch keine Autobahn -, und am zweiten Tag erreichten wir dann gut gelaunt schließlich das Städtchen Antibes. -
Fürwahr: Eine anstrengend verlaufene Autofahrt ...
Andererseits sich ausreichend ergebende Stunden, um hernach wirklich ein aufschlußreiches und bemerkenswertes Interview konzipieren zu können. -
Javiero, derart inhaltsgeladen nun so überraschend zurückblickend, ist da noch etwas erwähnenswert: Als der Erik Satie am 1. Juli, 1925 in Paris verstorben war, da fanden wir - Max Jakob und ich - in seiner Wohnung noch die inzwischen weltweit bekannt gewordene Komposition „Vexations“ - „Quälereien für ein Soloklavier“, wie er die Tondichtung ja scherzhaft benannt hatte. -
So viel erst einmal für heute, mon ami; auch hinsichtlich eines hin und wieder aufblühenden Erinnerungsvermögens, - salut, à bientôt - ton Didier. -
*
Post Skriptum: 
Wissenschaftliche Untersuchungen haben aufsehenerregend erkundet, daß 50 bis 90 Prozent der auf diesem Globus gern lustbetont weilenden Menschen derartig traumhafte Erscheinungen dieser beunruhigend phantasievollen Beschaffenheit bereits oftmals durchlebt haben - und gegebenenfalls auch uneingeschränkt beurkunden können.  
-
***

Samstag, 14. April 2018

Traumhaft - so gut beieinander ...

Um auch dem so altgewohnten Geschehen letztlich doch
einen gefühlvoll erweiterten Stimulus angedeihen lassen zu können.
Tja ...
Und zunehmend nachdenklich gestimmt ergriffen,
steht mir im Verlauf dieser aufkommenden Besinnlichkeit
sogleich ein beglückendes Traumbild für diese restlichen Tage auf Erden
nun malerisch harmonisierend so wirklichkeitsnah vor Augen.
Und das folgendermaßen:
Nachmittage an einer südlichen Meeresküste - 
die hüllenlos inaktiven Füße ruhen entspannt im warmen Sand. 
Auf einem hölzernen, kunstlosen Tisch schimmert - fast goldfarben -
die Fülle einer soeben dem Kühlschrank entnommenen Flasche Weißwein; 
fühlbar wohl unzutreffend als "trocken" bezeichnet. -
Nun ja, so daseinsfreudig verweilen zu dürfen,
"das wird dann zum Prachtvollsten, was die Welt zu geben hat,"
derart - fast schon paradiesisch - so hat's der
 französische Schriftsteller Albert Camus dereinst bekundet.
*
Eine Erkenntnis ...
Ja, da wird es nun wieder einmal spürbar akzentuiert:
Mein wahrscheinlich mediterran geartetes Lebensethos verweilt wohl doch zeitlebens
recht untalentiert im leistungs- und karrierebetonten Arbeitsethos
einer derart ambitionierten Lebensgestaltung.
*
Wohlan, schon keimt da - aufs neue - ein "gnothi seauton". *
* "Erkenne dich selbst"
-
Ein (tadelnder) Nachtrag:
"ti krama!" (Wie schade!)
Fast schon betroffen machend ruft sie's mir auf der Insel Lesbos zu,
die griechische Lyrikerin Sappho:
"Um nach dem Tod ruhmlos umherzuirren -
als Schatten im Schwarm nichtiger Toten?"
Ach ...
"Ultra posse nemo obligatur", so habe ich's damals abweisend bekundet.
(Über das Können hinaus ist niemand verpflichtet.)
óchi ... (nein)
-
***

Mittwoch, 11. April 2018

Die "Windhose" ... !

Neulich,
in Washington-D.C.:
Dieser weltweit oftmals als doch recht beunruhigend in Erscheinung tretende amerikanische Präsident Trump, er zeigte sich sichtbar wenig erfreut, als im Fernsehen, nach einer eindringlich gesendeten Hurrikan-Warnung, sich der namhaft gewordene Modezar Charles Storefield via T.V. diesbezüglich so unpassend mit dem Hinweis: "Das ist ja wirklich unheilverkündend! Aber bedenken Sie bitte unbedingt, daß eine Windhose nun keinesfalls als ein sturmerprobtes Beinkleid zu gewahren sein sollte", schmunzelnd zu Wort meldete.  -
Die "Windhose" - ein Scherz?
Hm? - Darum sei hier bedeutungsvoller doch noch zu spüren gegeben:
Yes, es präsidiert da zur Zeit, sich oftmals selbstsüchtig aufplusternd, ein amerikanischer Politiker ***, der die unanzweifelbare globale Erwärmung lauthals hoffnungsvoll leugnet - und den Schutz der Natur, stets auf den eigenen Vorteil bedacht, nun rücksichtslos als ein "Affentheater" bezeichnet.
Denn das alles wirkt ja beunruhigend lästig, fast schon zugrunde richtend seinen Bereicherungs-Interessen entgegen. -
Und da wird man als Präsident wohl durchaus beeinflussen dürfen!
Ein wenig zweckentfremdet sei da hinzugefügt:
Ave trump, lucrifacturi te salutant! 
Was gleichgestimmt meint:
Sei gegrüßt Trump, (alle) die sich bereichern wollen, grüßen dich!
-
*** Ach ja, in einem schlechterdings vergleichbaren Zusammenhang, da sprach der französische Journalist Octave Mirbeau dereinst einmal deutlich von einer "selbstgefälligen Unfähigkeit".
-
*

Samstag, 7. April 2018

So hoffnungslos überempfindlich - ?

In dieser Zwangsfixierung: "Hypochondrie":
Eine griechische Wortprägung für eine krankhaft übersteigerte und zumeist andauernde Kontrolle der tagtäglichen Befindlichkeit des eigenen Körpers. -
So viel vorab - zur nachfolgend miterlebten Begebenheit ...
Ein Freund von mir ist Musiker - und als solcher ein oftmals beeindruckend musizierender Pianist!
Jedoch - unglücklicherweise - auch ein wiederholt hypochondrisch zu leiden habender Schwarzseher.
Nun denn:
Wir wohnen seit langem in ländlicher "Mutter Natur", in einer minimal besiedelten Ortschaft, das soll nun nicht nur als anheimelnd angemerkt werden. Nein, hier wird oft getuschelt, getratscht und gern auch "in aller Munde gebracht". - Ja, und um eine möglicherweise zum Gespött machende Entschleierung seiner Person unbedingt zu verhindern, nennen wir ihn, den Protagonisten in diesem angstbesessen ablaufenden Geschehen, schlicht und verschleiernd "Harald". -
Seine nun schicksalhaft zwingenden, nicht selten allwöchentlich erfolgenden Besuche in der ortsansässigen Praxis des nun schon seit langem geduldig Aufnahmebereitschaft erkennen lassenden Mediziners (Blutproben, Haut- und Gewebe-Checks, Darmspiegelung - das ganze Programm!) all das hatte vor kurzem leidvoll zur Folge, daß der Doktor anscheinend entnervt reagiert hatte ...
Das wurde "bemitleidenswert" erkennbar als neulich, um drei Uhr nachts, mein Telefon wiederholt eine Art Notruf signalisierte. Es war "Harald", der mich unbedingt über seinen derzeitigen Zustand des Leidens in Kenntnis zu setzen gedachte - und das dann folgendermaßen:
"Jetzt hör' mir 'mal zu - ja! Du wirst es nicht glauben, was ich da gestern erlebt habe!"
"Hm? - Das kommt darauf an ..." murmelte ich schlaftrunken.
"Du kennst mich - und weißt darum auch, daß ich beachtlich selten als wehleidig oder zartbesaitet in Erscheinung zu treten gedenke! Sich meine Anfälligkeits-Beschaffenheit wohl durchaus in Grenzen hält - ja!"
"Beinahe grenzenlos", hörte ich mich leise brummeln.
"Unglaublich!" schwadronierte er weiter. "Da hatte ich neulich Notenblätter in Händen - und wußte gleich darauf nicht mehr warum und wozu? - Mein Gott, auch das noch: Morbus Alzheimer! - Dermaßen angstgesteuert, stand mir mein Dasein sofort niederschmetternd vor Augen! - Vorsorglich bin ich dann doch unverzüglich zum Arzt gefahren, um diesem unheilvollen Schicksalsschlag zukünftig noch so  einigermaßen begegnen zu können."
"Verständlicherweise", merkte ich gähnend an. "Und, was hast Du erfreulich dort nun erreicht?"
"An der verschlossenen Tür zur Praxis hing ein Schild mit dem Hinweis: HEUTE RUHETAG."
"Tja, auch das noch!"
"Nein, nicht für mich! Da ich wohl sichtbar verzweifelt als Notfall zugegen war, habe ich so lange geklopft und geklingelt, bis sich im Haus etwas regte - und der Doktor dann mißgestimmt ..."
"Nachfühlbar, so steht's mir jetzt überdeutlich vor Augen", unterbrach ich ihn anteilnehmend. "Und was geschah dann?"
"Anscheinend widerwillig, hat er mich dennoch von Kopf bis Fuß untersucht, um mir letztendlich dann Schlammbäder als ein vielversprechendes Heilmittel zu verschreiben! - Als ich leicht irritiert hinterfragt habe, was das denn tatsächlich bewirken solle, da hat er mir wahrhaftig zu verstehen gegeben, das sei dringend notwendig, denn er wolle mir schlußendlich dahingehend behilflich sein, daß ich demnächst nicht so völlig unvorbereitet mit dem modrig-feuchten Erdreich in Berührung geraten würde. Das alles in einem Tonfall, der mich erschrocken dastehen ließ."
Ich mußte mir nun mein Lachen verkneifen ...
"Nun ja, wie Du wohl weißt, bin ich weder nachtragend oder so krankhaft verzweifelt überempfindlich! Aber ich werde wohl zukünftig doch den Arzt wechseln müssen!" -
Ja, das hat er dann auch (hoffnungsvoll) in Szene gesetzt - der Harald.
-
***

Mittwoch, 4. April 2018

Derzeit, als man noch erwartungsvoll BÜCHER gelesen hat ...

Vorab - folglich - die Darlegung "Buch an sich":
Tja, erst im 4. Jahrhundert nach Christi ist es aufsehenerregend gelungen, beschriebene oder bedruckte (sauteure) Pergament-Blätter - sie ließen sich falten, um sie dann (mühsam) in Lagen zusammenzulegen und hernach kunstvoll zu binden -, zu einem (gegebenenfalls bisher noch immer) unterhaltsamen und oftmals auch lehrreichen Ganzen formen - man nannte es schlicht und als neu zu entdeckend das Buch ... ***
Wohl an, diese sensationell unterhaltsame Neubildung hatte jedoch auch zur Folge, daß man seitdem ununterbrochen bemüht sein mußte, für diese noch ungewohnten Druckwerke umtriebig Kunden zu ködern - äh - des Lesens kundige Abnehmer zu finden ...
-
So einstmals auch im Monat September des Jahres 1779, als in einem Göttinger Buchladen der dort zufällig anwesende Schriftsteller und geistvolle Satiriker Georg Christoph Lichtenberg unvorhersehbar von dem plötzlich um ihn herumtänzelnden Buchhändler beinahe kniefällig mit dem folgenden Ansinnen bestürmt worden war: "Er, der anbetungswürdige Meister des Aphorismus, er möge ihm doch bitte - koste es denn, was es da ergo wolle - liebenswürdigerweise ein wahrlich werbewirksames Sprüchlein für seine Schaufensterauslage zu gestalten. -
-
Tatsächlich hat sich der Autor Lichtenberg dereinst "breitschlagen lassen" - und schon einige Tage später dem Göttinger Buchhändler einen durchaus erfolgversprechenden Werbetext überreicht, mit dem folgenden Wortlaut:
Nun ja, wer zwei paar Hosen sein eigen nennt, der mache nun selbstkritisch und neugierig werdend eine davon zu Geld! - Um sich dann unverweilt Bücher beschaffen zu können. -
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Verlage und Buchhändler sollten vielleicht in Betracht ziehen, daß solch eine akzentuierte und gegebenenfalls wohl auch überzeugende Art einer Bedarfsweckung, voraussichtlich auch heutzutage noch immer als durchaus ansprechend zu gewärtigen sein kann. -
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*** Ein BUCH: Von Heranwachsenden, also der jungen Generation hin und wieder im "Bücherschrank" des Großvaters entdeckt - manchmal auch neugierig zur Hand genommen, um es dann gleich darauf kopfschüttelnd als vermutlichen "Dekorationsgegenstand" - oder altertümlichen "Krimskrams" wieder in den altmodischen Schrank zu verfrachten.
-
Eine "gewesene Zeit" ?
-
*

Dienstag, 3. April 2018

Damals - dieser schicksalhafte Hut auf dem hölzernen Pfahl ...

"Wilhelm Tell":
Was in Schillers Drama einstmals als "unter ein Joch beugen" so akzentuiert verlebendigt worden ist, das wurde ja oftmals im Schulunterricht dermaßen eindringlich exerziert, daß man es irgendwann intus hatte - und zukünftig auf Anhieb auch fehlerlos vortragen konnte.
Eine kreuzbrav gelebte Normalität, die von der heutigen Schuljugend nur noch hohnlachend ausgebuht wird. - Zumeist leidenschaftslos, schenkt man gegenwartsnah all der klassischen Literatur zunehmend eine mehr und mehr nur noch unzureichende Aufnahmebereitschaft ...
"Ey, das kannste knicken, Alter!" wird da nicht willens zu spüren gegeben. -
"Wohl wahr", bestätigte das kürzlich ein junger Pädagoge im Vestibül eines Berliner Gymnasiums. "Man kann doch diese unvermeidlichen Klassiker der Literaturgeschichte auch kurz und bündig sehr trefflich zum Ausdruck bringen!" gab er fortschrittsgläubig zu bedenken. - "Aha! Wie das denn?" fragten wir hoffnungsvoll nach. - Und bekamen dann, aufhorchen lassend, die folgende Popularisierung zu Gehör gebracht:
Auf einer Lichtung, weithin kahl,
da stand dereinst ein hölzern' Pfahl.
Und obenauf prangt stolz ein Hut,
der fordert selbstgerecht Tribut.
Geboten war's, den Filz zu grüßen!
Wer's nicht tat, sollte dafür büßen!
Der Landvogt gab einst dies Geheiß.
Doch Tell winkt ab: "Was soll der Scheiß?"
Solch diktatorische Gewalt,
verachtet er, sie läßt ihn kalt.
"Das interessiert mich nicht die Bohne!"
So ignoriert er die Melone.
Das wurde bald darauf zur Qual,
weil der Herr Geßler streng befahl:
Nun sollt' der Sohn des Bogenschützen,
auf Messers Schneide dafür schwitzen!
Der Vater sah dann, arg geschunden,
den Sohn an einen Baum gebunden.
Beklommen runzelt der die Stirne:
Ein Apfel liegt auf seiner "Birne"!
Der Wilhelm Tell nimmt angespannt,
die schwere Armbrust nun zur Hand.
Er steht entfernt, so achtzig Schritte -
und äußert schmerzbewegt die Bitte:
"Man möge solches nicht beordern,
das würde böse Folgen fordern!" - -
Ja, wenn es denn - dermaßen differenziert verdichtet - den schulischen Explikationen tatsächlich dienlich sein sollte, dann sei nun noch aufklärend hinzugefügt: Wilhelm Tell, der zwei Pfeile im Köcher hatte, traf mit dem ersten gottseidank erfolgreich den so eindeutig auf dem Haupt des Sohnes postierten Apfel. - Befragt, was denn bei einem Mißerfolg mit dem zweiten Pfeil verhängnisvoll hätte geschehen können, antwortete ein noch immer verstört dastehender Vater genötigt:
"Ich hätte wohl, zutiefst verdrossen,
hernach den Landvogt totgeschossen!"
So bekunden es die historischen Quellenzeugnisse ...
Die von der Volksdichtung überlieferte Lesart hält allerdings stur dagegen - und beharrt unbeirrbar darauf, daß Wilhelm Tell, dieser schweizerische Sagenheld aus Uri, sich einstmals dem habsburgischen Landvogt Geßler nicht gebeugt - nein! ihm bei Küßnacht erbittert den Garaus gemacht haben soll. -
-
"Kapiert? - Okay, setzen!
-
***

Mittwoch, 28. März 2018

OSTERN:

Ein seit dem 2. Jahrhundert alljährlich wiederkehrendes Fest. -
Zumeist einhergehend mit anschaulich gemachten Begeisterungen.
Wie den weltweit zündelnden Osterfeuern, und obendrein diesem als "Osterhasen" betitelten Pflanzenfresser - volksmundig  "Langohr" genannt.
Nun ja - vorherrschend auch mit all den buntfarbig gestalteten Ostereiern. -
Wohl wahr ...
Aber was da so alles - nicht selten belastend - vorab veranstaltet wird, das möchte ich hier doch einmal - nachfolgend - zum Ausdruck bringen:

1. Ostern - ein Versuch ...
2. OSTERN - die "Ostereier" - und dieser fragwürdige "Osterhase".
3. OSTERN - so schonungslos unbarmherzig.

OSTERN - ein Versuch, die Hühner hinsichtlich dessen zu aktivieren ...

In unserem 400-Seelen-Dörfchen ist der Bio-Bauer Jan-Hinnerk ein sanftmütiges Mannsbild, gepaart mit einem biologisch orientierten Bewußtsein im Bereich seiner landwirtschaftlichen Tätigkeiten. -
Als ich neulich wieder einmal bei ihm aufkreuzte, um Nahrungsmittel einkaufen zu wollen, da stand er besinnlich vor einer Stalltür mit einem reglos ruhenden Huhn auf den Armen ...
"Was ist geschehen? Ein Todesfall?" forschte ich teilnahmsvoll nach.
"Nein-nein, das ist die Cosima, meine derzeitige Goldmarie, die beste Legehenne seit langem!" ließ er mich wissen, während er behutsam das Federkleid der mit diesen lobenden Worten bedachten Henne streichelte.
"Nun ja, dann ist doch für Dich zur Zeit alles bestens geregelt", versuchte ich's zu ermessen.
"Nee, nicht so ganz", wandte er aufseufzend ein. Diese Festtage zu Ostern! - Da ist der Eier-Verkauf vorab noch immer das Geschäft meines Jahres! Tja, und wie soll ich den Viechern das nun nachvollziehbar verdeutlichen, vielleicht auch schonungsvoll einflüstern? - Denn Hühner sind ja wohl irgendwie auch nur Menschen", brach es schlitzohrig grinsend aus ihm heraus. 
"Du sagst es!" stimmte ich schmunzelnd zu. "Und darum ist einflüstern und zu bewegen suchen ein unvermeidliches Gebot! - Gib mir ein großes Stück Packpapier, dann schreibe ich darauf mit einem dicken Filzstift einen anfeuernden, alles beflügelnden Text. Und diese anmahnenden Zeilen tackerst Du dann unübersehbar an eine Innenseite des Hühnerstalls."
Erstaunt sah er mich daraufhin an: "He, was soll das denn bewirken?"
"So viel, daß Deine Hühner diesen deutlich machenden Hinweis jetzt oftmals vor Augen haben - und eine Art Schuldgefühl das Federvieh dann doch noch gefügig macht."
"Hm? Das ist zwar letztlich ein wenig meschugge - und vermutlich nur eine sinnlose Anmache. Aber man kann's ja 'mal derart versuchen", willigte er bald darauf kopfnickend ein.
Ja, und folgendes ist da neulich so inhaltsgewichtig zum Ausdruck geraten:
-
Ach - liebe Hühner:
Hört auf, euch darum zu beklagen.
Seid pflichtbewußt an diesen Tagen!
Vermutlich fließen wieder Tränen,
und trotzdem muß ich's jetzt erwähnen:
Die Freuden jeder Osterfeier,
sind buntbemalte Hühnereier!
Da gibt es leider keine Zweifel,
auch wenn ihr gackert: "Hol's der Teufel!"
-
Hernach dann:
Tja, die Ausbeute sei leider doch nicht sehr überwältigend gewesen, denn die Hühner hätte das arglistig geplante "ins Gewissen reden wollen" anscheinend tagtäglich gleichgültig gelassen, wie's mir Jan-Hinnerk hernach zu verstehen gegeben hat.
-
***

Montag, 19. März 2018

OSTERN - die "Ostereier" - und dieser fragwürdige "Osterhase" ...

In einem beunruhigenden "Zusammenspiel"!
All das sei hier einmal unübersehbar anschaulich gemacht:
-
-
Die oben abgebildete Geschichte,
macht kalt und herzlos schnell zunichte,
daß die im Freien lebenden Hennen,
dort weder Streß noch Terror kennen.
Gewiß, die anverwandten Schwestern,
sie sitzen, statt in weichen Nestern,
bejammernswert in Legehallen;
ausgebeutet und zu allem
dort auch ohne Tageslicht -
was dem Dasein widerspricht.
Das beachtend meiden heute,
abgeneigt schon manche Leute
solche knastgelegten Eier. -
Jedoch:
Im Hinblick auf die Feiertage,
gemeint ist jetzt das Osterfest,
wird Hühnern ein Bedarf zur Plage,
der sie zuhauf verzweifeln läßt!
Gewünscht sind Eier massenhaft,
was Mühsal, Streß und Leiden schafft.  
Auch Angst und Schrecken aktiviert,
derart, wie oben angeführt ....
-
Tja, so ein Gallus domesticus (Huhn) ist ja durchaus imstande, in einem Jahr circa 200 Eier zu produzieren ...
Ohne die bewunderns- und schätzenswerte Arbeitsleistung der heimischen Hühner jetzt schmälern zu wollen, sei hier nun doch noch so ganz nebenbei bemerkt, daß ein wesentlich kleineres Tierchen, dieser Ascaris genannte Spulwurm, immerhin 64.000 Erzeugnisse dieser Machart alljährlich so nonchalant meistert.
Beachtlich.
Oder?
-
***

OSTERN - so schonungslos unbarmherzig:

Denn:
Sie nannten IHN mitleidlos
"OSTERHASE"
-
"Allerliebst,  ergötzlich", werden Sie jetzt eventuell amüsiert ausrufen ... - 
Wir nicht, denn leider hat sich die oben zeichnerisch zur Schau gestellte Abbildung inzwischen in einer unbarmherzig Wahrheit gewordenen Realität entblößt. - Die Toleranzgrenze war damit erreicht, als wir vor einigen Tagen von Tierschützern zu hören bekamen, daß in Nordhessen zwei durchaus als gesinnungslos zu charakterisierende Züchter monatelang einige zuvor in Freiheitsbewegung lebende Feldhasen (Lepus europaeus) zynisch mit süßlich schmeckendem Alkohol (s. Abb.) und schmerzhaften Elektroschocks tyrannisiert haben, um die geschundenen Langohren bald darauf für Postkartenfotos und obskure Werbezwecke gefügig zu machen. - Hier wird ganz offensichtlich die hervorbrechende Angst der Tiere vor der Anwendung brutaler Mittel, nun hemmungslos ausgenutzt! -
Als charakterlos und auch verabscheuenswert muß man's beurteilen, was da wieder einmal mitleidlos und hasenverachtend veranstaltet worden ist ...
Oder sehen Sie das unter einem völlig anderen Gesichtspunkt?
-
***