Die Erkenntnissuchenden ...

Athen, am 12. Oktober 2005 ...
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Damals, in einer Taverne, inmitten der Plaka (Altstadt), saßen sie dereinst disputierend an einem der Tische beisammen: 
Rechtsseitig (nicht im Bild) die seit langem mit Leib und Seele auf die Lehrmeinung der Stoiker eingeschworenen Denker Thanássis (Thános) von Metaxourgio, und Panagiótis von Akadimia. - 
Sichtbar jedoch, die im Zeitraum des letzten Jahrzehnts doch als neodidaktisch berufene Epikureer  namhaft gewordenen Geistesarbeiter philosophisch konkretisierender Erkenntnisse. = (in der Abb. von links):
Didier Vaselis, Odysséus (Solis) von Lesvos, des weiteren der halbjährig auch in Amerika lehrende Philosoph Dionysios von Mytilini. -
Als Ombudsmann war, harmonisierend die Wacht haltend, auch noch der (außerdienstlich) von der Insel Samos angereiste, dereinst in Ungarn geborene Philosophiehistoriker Gavrilos zugegen ...
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"Ach, Du hast die mir soeben gestellte Frage derart eloquent formuliert, daß ich nun doch nicht die Stirn habe, sie durch eine unausgereifte Antwort schnellfertig zu verunstalten!" hatte der Stoiker Panagiótis vigilant grinsend Ausflüchte zu machen gesucht, als ihn der Jüngste im Bund einer philosophischen Zusammengehörigkeit, der deutsch-französische Gelehrte Didier Vaselis, aufgebracht daran erinnerte (siehe Abb. oben), daß ja einstmals auf der Insel Kreta wutschnaubende Stoiker einige Anhänger Epikurs gefesselt, hernach mit Honig bestrichen und dann, als derart begehrenswert, im Freien den Fliegen und Mücken hohnlachend kredenzt hatten! -
"Nun, wenn damals, auf Kreta, die Dummheit ein strahlendes Gleißen hätte entfalten können, dann wäre die Sonne ersichtlich im Nachteil gewesen", brach es daraufhin verächtlich aus dem Epikureer Dionysios heraus. -
"Oha! Was willst Du nun damit schlechterdings offenbaren? Du, der Du soeben die für uns alle bisher ja obligatorische, wohl auf die Ganzheitlichkeit der Welterfassung gerichtete Betrachtensweise mit einem zynischen Wortgeklapper so ad hoc dermaßen geringschätzig zu inflationieren gedachtest!" gab ihm der Stoiker Thanássis zornentbrannt zu verstehen. -
"Silentium und auch ein Anteil von emotionaler Selbstbeherrschung sei hier nun doch erst einmal vonnöten!" meldete sich daraufhin Panagiótis zu Wort. "Wir alle haben seit langem unser Los zu akzeptieren gelernt, um mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe letztendlich großmächtig zur Weisheit zu gelangen. - Tja, hinsichtlich einer derzeitig wahrlich grotesk auflodernden Gestimmtheit, da hätte man uns einst zuvor die Leviten gelesen - und hernach dann - ich mag gar nicht daran denken! - mit ziemlicher Gewißheit aus einem der wirkungsmächtigen philosophischen Lehrgebäude, der ehrwürdigen Stoa exiliert!" so ließ er's anmahnend verlauten. -
"Haha, die durchaus anfechtbare Bedeutsamkeit der Stoa! Schon damals, recht zweideutig, ein Windbeutel-, Gauner- und Falschspieler-Palast", wandte Odysséus von Lesvos nun fast entmystifizierend ein.
Ein Affront! - Uns stockte sekundenlang der Atem ...
"Das ist eine Entwürdigung! - Und zudem auch eine Mißachtung des erhabenen Gelehrten Xenon von Kition!" herrschte Thanássis ihn lautstark an. "Was ist denn da urplötzlich in Dich gefahren, hier und jetzt solch eine absurde Behauptung vom Stapel zu lassen?" zeterte er stocksauer los.
"Nein, keinerlei Mutmaßung, es war vielmehr die gemeinplätzige Realität!" ließ ihn Odysseus wissen. "Der uns allen bekannte Komödienschreiber Eubulus, er hat es dereinst schon dergestalt ausgeleuchtet: Dort kann man erstaunlicherweise allerdings alles Mögliche erwerben: Feigen, Oliven, Gerichtsvollzieher, Trauben, Äpfel, nebst Zeugenaussagen, Rosen, Honig, Hetären, Prozesse, Myrte, Falschspieler, Ringe, Quacksalber, Wasseruhren, Gesetze, Erpresser, Fakelaki-Potentialitäten und trickreiche Einflüsterer von arglistigen Beschuldigungen!" Was dann urplötzlich zur Folge hatte, daß er sofort einen schmerzhaften Fußtritt am Schienbein verspüren mußte.
"He, was soll das denn jetzt so hinterhältig besagen?" rief er fassungslos dreinblickend aus.
"Nur so viel, mein Freund, daß genau dieser Teil Deines Körpers stets hilfreich in der Lage sein kann, nächtens, in stockfinsteren Räumen, das Mobiliar aufzuspüren!" das wurde ihm darob verschmitzt schmunzelnd deutlich gemacht. -
Der ab und zu inmitten dieser erlesenen Geistesheroen verweilende Didier Vaselis, er war nun wieder einmal rauschhaft ergriffen. Hier war just das Maximum eines Denkprozesses präsent: Der Stoizismus im Vergleich zum Epikureismus in einem unverhohlen aufblitzenden Gegensatz zueinander! - Man wollte zwar beiderseits "weise leben", für die Anhänger des Epikur bedeutete Weisheit jedoch grundlegend auch "Lust". Für die Stoiker war es offenbar nur als "Pflicht" einigermaßen sinnvoll zu gestalten. -
"Eine sich durchaus markant dekuvrierende Divergenz", murmelte Vaselis ergriffen; war sich jedoch gleichzeitig dessen bewußt, daß man ihn hier, auch zukünftig, wohl nur als einen philosophus compensatio (Ersatz-Philosophen) noch einigermaßen gutheißen würde. -        
"Ach, gräme Dich darüber nicht, beherzige da stets die Phronesis, diese uns alle bereichernde Gelassenheit einer vernunftbegründeten Einsicht" hatte ihm hernach der aus Samos angereiste Mediävist Gavrilos noch aufmuntern wollend zugeraunt. "Der vir subsidarius, ein ja oftmals im Hintergrund allen Geschehens das Sagen habender Ersatzmann! Quasi ein omnipotenter Stellvertreter - gleichwertig auch dem Papst!" ließ er's so stimmungsvoll anschwellen. "Mein Gott! Lieber einigermaßen gut drauf, als andauernd daneben",  brach es noch trostreich aus ihm heraus, als man gemeinsam bereits in einem Taxi saß - und offenbar ungeduldig in Richtung des Flughafens nachdenklich gestimmt unterwegs war. -
Damals, im Zentrum der griechischen Hauptstadt Athen ...
jiá chará - kaló taxidhi!
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Foto: Larissa Marjin.
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