Dienstag, 13. Oktober 2020

Paris, im April 1971 - und dort gemeinsam in einer "Ablehnung dessen" zugegen:

Oui, ein sonnendurchflutetes Frühlingslüftchen hatte wohl damals den Ausschlag dafür gegeben, daß wir nachmittags nun schon seit langem auf der weiträumigen Terrasse des Café Flore, am Boulevard Saint-Germain, noch immer angeregt plaudernd beisammen saßen, Jacques Brel und ich. -
"Ja - und in Anbetracht der derzeitigen politischen Begebenheiten", gab er mir dort zu verstehen, "würde er jetzt gern einen Text vertonen, in welchem der oftmals aufkeimende Groll über all diese spottschlechten politischen Machenschaften als durchaus sarkastisch zum Ausdruck geraten solle. - 
Du und ich, wir werden das textlich konkretisieren." ...
Na denn, ein reizvolles Unterfangen, so dachte ich. -
Und bereits in der Woche darauf saßen wir wieder Seite an Seite, in Maisons-Laffitte, der nordwestlich gelegenen Vorstadt von Paris - beflügelt am sonnigen Ufer der Seine.
Vorausschauend hatte Jacques auch seine Gitarre mitgebracht, die er minutenlang gestrengen Blickes in Augenschein nahm - und angespannt zupfend gefügig zu machen suchte ...
„L'ascenseur“, der Fahrstuhl, so haben wir späterhin diese balladenartige Moritat, das in frühlingshafter Mutter Natur am Ufer der Seine erschaffene Chanson, wohlüberlegt betitelt.
Ja, und dank einer damals von Jacques musikalisch aufhorchen lassend komponierten Tonfolge, durften wir schon einige Stunden später, im Garten eines salon de thé, seelenvergnügt die folgende Lieddichtung gefühlvoll laut werden lassen:
Cäcille war zumeist, als laszive Kokotte,
in Paris sehr gern den Politikern hold.
Jüngst kam dann ein Kotzbrocken aus dieser Rotte,
doch der hat den Akt nur im Fahrstuhl gewollt.
Dabei blieb der Lift neulich stecken,
das Stromnetz war plötzlich gestört.
Sie mußten im Fahrstuhl verrecken,
Den Notruf hat niemand gehört ...
Und als Refrain:
Im Kreis der perfiden Parteigenossen,
hat keiner gerührt eine Träne vergossen. -
-
Als eine boshafte, fast schon rebellische Anspielung war dieses Chanson bald auch "in aller Munde", wie man‘s volkstümlich gern einmal leichthin benennt. - Tout le monde amüsierte sich köstlich, war mit dem Text vertraut - und auch mit der Tonrelation unseres oftmals erfolgreich ins Schwarze treffenden Kunstlied-Gestichels. -
Auch ist dazu nun noch recht befriedigend anzumerken, daß die Mehrzahl der damaligen französischen Regierungsvertreter stets wütend in Aufruhr geraten ist, wenn Jacques sich mit dem herausfordernden Chanson von neuem auf einer Bühne in Szene zu setzen verstand - oder vermittels Hörfunk ja landesweit so ausdrucksvoll aufhorchen lassen konnte.
Oui, zudem ist‘s wohl durchaus hier noch erwähnenswert, daß der damalige, französische Staatspräsident Georges Pompidou des öfteren von einigen schadenfroh grinsenden Journalisten auf diese Malice angesprochen worden ist. - Gewitzt und seit langem bereits professionell mit all den politischen Schmutz-Wassern immunisierend gewaschen, wußte er stets chevaleresk die Haltung zu wahren ...
Einstmals geschehen. - Die älteren Mitbürger unter uns werden sich jedoch daran erinnern. - 
* Oui, certainement! - Enchanté, Maddly cher ...
-
*

Kommentare:

  1. "L'ascenseur" à cette époque, provoquant toutes sortes d'indignation, mon didier -
    salut - maddly ...

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  2. Du kanntest ihn, Dieter? Und ihr habt sogar zusammen gearbeitet, Texte kreiert? Wie schön. Ich glaube, ich weiß viel zu wenig von dir.

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